Seite
Nr. 21
Dr. BLoch's Wochenschrifk.
Sette 325
wöhnlich hohe musikalische Begabung, frohe Sangeslust bemerk¬
bar gemacht, kein Geringerer als Karl Goldmark, der Komponist
der „Königin von Saba" bildete in der schönen stolzen Kaiser¬
stadt an der blauen Donau, welche mittlerweile die neue Heimat
der Familie geworden war, die begeisterte Kunstjüngerin zu einer
hervorragenden Pianistin heran, während ihre herrliche Alt¬
stimme unter der sorgfältigen Pflege des Gesangsmeisters Lauser
zu außerordentlicher Schönheit und Größe sich entfaltete. Schon
in kindlichem Alter errang sie in einem Konzert ihren ersten
künstlerischen Ruhm als Pianistin. Mit dem Zusammenfassen
all ihrer Kräfte widmete sich das rastlos fleißige, hochstrebende
junge Mädchen seinen Studien, rasch vorwärts schreitend, sich die
höchste Zufriedenheit der Lehrer erwerbend. Kaum fünfzehnjährig,
erschien sie auf der Bühne der k. k. Hoftper. Ihre Bühnenlauf¬
bahn bedeutete ein in stetig aufsteigender Linie sich bewegender
künstlerischer Erfolg, eine ununterbrochene Kette von sichtbaren
Fortschritten. Ihre wunderbare, trefflich ausgebildete Stimme,
ihr hervorragendes Darstellungstalent, ihr unermüdlicher Fleiß,
ihre Vielseitigkeit, ihr umfassendes Wissen und ihr tiefes Gemüt
ließen sie stets vorzügliche, ebenso stilvolle als gediegene Lei¬
stungen darbieten und schufen ihr in den Jahren 1860—1867
eine hochgefeierte Stellung an der Wiener Oper, insbesondere
wo ihre Selika in der „Afrikanerin", ihre Fides im „Prophet",
ihre Azucena im „Troubadour" unvergessen in aller Zeitgenoffen
Erinnerung fortleben. Die temperamentvolle Vertreterin dieser
leidenschaftlichen Frauentypen erwies sich aber auch als vorzüg¬
liche Lieder- und Oratoriensäugerin, der nicht nur in Wien,
sondern in Deutschland und England auch auf diesem Gebiete
die reichsten Lorbeeren erblühten. Getragen von der Gunst der
Wiener, ein Liebling der geistvollen Erzherzogin Sophie, der
Mutter Kaiser Franz Joseph I., wurde sie oft zu Hvfkonzerten
befohlen und der Kaiser verlieh ihr bald die seltene Auszeichnung
der Ernennung zur k. k. Kammersängerin in Anbetracht ihrer
hervorragenden künstlerischen Leistungen.
Ihre Kunstreisen nach Leipzig, wo sie in dem berühmten
Gewandhause ihre Liedergaben bot und an einem Kammermusik¬
abend als Pianistin austrat, gleich sehr durch ihren feinsinnigen,
von echt künstlerischem Geist erfüllten Vortrag sich die Sym¬
pathien von Kritik und Publikum im Fluge erobernd, nach
Bremen, wo sie mit der unvergeßlichen Klara Schumann ge¬
meinsam in einem Konzert wirkte, Gastspiele in Breslau, Frank¬
furt a. M., Graz und anderen deutschen und österreichischen
Musikstüdten, ihre Mitwirkung bei den Musikfesten in Aachen
und Hamburg und last but not least drei Seasons an der
großen italienischen Oper in London befestigten immer mehr
ihren Ruf und Ruhm als außerordentliche Sängerin. Wo sie
erschien, rühmte man ihr vornehmes, musikalisches Empfinden,
geläuterten Sinn und echt künstlerischen Geschmack nach, überall
wurden ihre Leistungen mit begeistertem Enthusiasmus ausge¬
nommen, trugen ihr reiche Ehren und Erfolge ein.
Einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben und in
ihrer ferneren künstlerischen Wirksamkeit brachte das Jahr 1867.
Ihre Vermählung mit dem in allen nationalökonomischen Fragen
an erster Stelle stehenden Reichsrats-Abgemdneten und Präsi¬
denten der Brünner Handelskammer Julius Gompertz, welcher
später infolge seiner großen Verdienste um den Handelsstand
zum Ritter ernannt wurde, beendete nur allzufrüh ihre künst¬
lerische Laufbahn für die Oeffentlichkeit.
Ihr Haus wurde ein geistiger Mittelpunkt, eine Heim¬
stätte edelster Geselligkeit; ein Kreis bedeutender Menschen schart
sich um die Frau, welche die Seele des Hauses ist. Ihre Kunst
ist der Schmuck ihres Hauses und steht seit ihrer Vermählung
nur noch im Dienste der Wohltätigkeit; ihre unschätzbare Mit¬
wirkung bei den großen Wohltätigkeitskonzerten in Wien und
Brünn legt beredtes Zeugnis für ihre edle, echt menschenfreund¬
liche Gesinnung ab, wie sie überhaupt ihre bevorzugte Lebens¬
stellung zum Segen der Armen und Notleidenden in schönster
Weise geltend macht. Fanny Lewald schrieb einst an Liszt:
„Höher als der Künstler steht mir der Mensch." Dieser Aus¬
spruch der bedeutenden Frau kann auch auf Frau von Gompertz-
Bettelheim angewendet werden. Von liebevollster Hingebung fiir
ihren engeren und weiteren Familienkreis beseelt, eine treue,
aufopferungsfähige Freundin, stets hilfsbereit für die darbende
Menschheit, alles Schöne, Hohe und Gute warmherzig fördernd
und schützend, ist sie beiweitem liebenswerter und verehrungs¬
würdiger als Mensch, als Frau, wie als Künstlerin!
Regina Neißer.
Strobachs Nachfolger.
Das Erbe Strobachs — es war ein reiches! — ist auf¬
geteilt, und ein Geheimkapitel christlich-sozialer Parteipolitik ist
abgeschlossen. Von der Erbschaft profitieren: Dr. Josef Porzer,
Heinrich Hierhammer, Leopold Steiner und Hermann Bielo-
hlawek. Es ist nicht Alles gleich ganz glatt abgelaufen, und es
mußte sich erst ein stiller Gärungsprozeß vollziehen. Wie das
schon so geht bei solchen Prozessen — ganz genau weiß man
doch nie im Vorhinein, wie sie endigen werden, und richtig
bot hier das Gärungsprodukt eine Ueberraschung. Herr Dr.
Porzer — zweiter Vizebürgermeister! Verschiedenes sprach eigent¬
lich gegen ihn. Erst hieß es: nur keine Doktoren mehr! Die
Gewerbetreibenden sollten berücksichtigt werden, der kleine Mann!
Es ward ja auch ein kleiner Mann gesunden, Herr Hierhammer,
aber den Vortritt mußte er doch Herrn Porzer lassen. Weiters
gehört Dr. Porzer nicht so recht eigentlich zur Partei, ebenso¬
wenig wie Dr. Neumayer ursprünglich zu ihr gehört hatte. Er
repräsentiert mehr die rein klerikale Couleur, während die Christ¬
lich-Sozialen ja oft genug beteuern, daß sie nicht klerikal seien.
Und schließlich und endlich ist er — es ist entsetzlich, es aus¬
zudenken — jüdischer Abstammung! Er ist ein Neffe des Dichters
Ludwig August Frankl, der, wie männiglich bekannt, ein uner¬
müdlicher und pflichteifriger Funktionär der Wiener israelitischen
Kultusgemeinde gewesen ist. Und trotzdem! Wir wundern uns
natürlich nicht, daß er bei seiner geistigen Veranlagung es in
dieser Gesellschaft so weit gebracht hat. Die erbliche Belastung
ist ja nicht wegzuleugnen, nur hat sie ihm in diesem Falle mehr
genützt als geschadet. Die Geschichte ist intereffant, noch interes¬
santer vielleicht ihre Vorgeschichte, über die Authentisches Wohl
schwerlich verlautbart werden wird. Jedenfalls wird die Geschichte
der Kandidatur Steiners und ihrer Absetzung von der Tages¬
ordnung erst noch zu schreiben sein.
Ob alles gerade auch schon von Vorneherein nach dem Wunsche
Dr. Lueger's gegangen ist, — wir wissen es nicht und es wird uns
schwer, daran zu glauben. Ja doch, er ist der Herr von Wien und wir
kennen die Legende von den Barriörepflöcken. Aber man kann,
wenn nicht alle Stricke reißen, auch an Barriörestöcke festge¬
bunden sein, so fest, daß man sich kaum noch rühren kann. Es
läßt sich darüber streiten, ob ein dritter Vizebürgermeister wirk¬
lich unumgänglich nötig war, zumal ja, was von keiner Seite
bestritten wird, der Bürgermeister selbst eine Arbeitskraft ist,
deren die Partei bei keiner auch nur halbwegs wichtigen An¬
gelegenheit entraten kann, aber man darf eines nicht übersehen:
es ist Herr Dr. N e u m a y e r, der nicht nur durch die Kraft
seines Geistes und die Macht der eigenen bedeutenden Persön¬
lichkeit, sondern durch die Schicksalsfügung und die besondere
Gunst der Umstände zu: Stelle des ersten Vizebürgermeisters
emporgerückt ist. Da mag es freilich nicht nur Herrn Doktor
Lueger, sondern auch der gesamten Partei sofort bemerkbar geworden
sein, daß nun allerdings eine Ergänzung des Präsidiums durch
eine intelligente und brauchbare Arbeitskraft unabweislich not¬
wendig geworden sei.
Gibt man weiters die christlich-sozialen Prämiffen zu, dann
wird man auch zugestehen können, daß in Herrn Steiner tat¬
sächlich ein parteimäßig nützlicher Ersatz gefunden worden war.
Wir meinen allerdings, daß die Stadt Wien, die schließlich doch
nicht nur ein christlich-soziales Hauptquartier, sondern nebenbei
auch ein deutsches Kulturzentrum ist, noch auf eine andere Leitung
Anspruch hätte, als sie selbst ein Herr Steiner zu leisten ver¬
mag, aber immerhin war's doch etwas Anderes als Herr Doktor
Neumayer, imnierhin doch eine intelligente und 'ÄtzchHbVre
Arbeitskraft. Bei alledem bleibt es fraglich, ob dem