Page
Nr. 6
Seite 10S
Dr. Blochs Wochenschrift.
Legende der Heiligen" des frommen Erzbischofs von Ge¬
nua Nachlesen. Konrad halle es vor allem darauf an¬
gelegt, sie von ihren Bindern und von allen die ihr
lieb waren, zu trennen. Und das ist ihm vollkommen ge¬
lungen. „Gott ist mein Zeuge, selbst die geliebten, meinem
Schotze entsprossenen Kleinen, die ich früher so zärtlich
umfaßte, betrachte ich jetzt als Fremde", erklärte Elisa¬
beth, wie ihr Biograph Theodor von Apolda berichtet.
Die Heiligen- und Märtyrerlegenden bieten uns zahl¬
reiche Beispiele solcher Zerreißung von Familienbanden
aus egoistisch übertriebener Frömmigkeit. Doch dem Leser
werden wohl die mitgeteilten Beispiele genügen.
Uebrigens sind die Fälle, in denen Päpste Söhne und
Vasallen zur Empörung gegen Väter und Monarchen
aufreizten, keine Legenden, sondern bewiesene Tatsachen.
Ich erinnere nur an Kaiser Heinrich IV. und an die
Hohenstaufen. !;
Mit Recht bemerkt. Hartpole Lecky in seiner Sitten¬
geschichte Europas 'History of european morals II 133):
„Wie weit die Verachtung der Familienbande, die Hart¬
herzigkeit und Undankbarkeit der heiligen Mönche gegen
die mit den engsten Banden der Natur mit ihnen Verbun¬
denen getrieben wurde, wissen nur wenige, außer denen,
welche die bezügliche Literatur in den Originalquellen stu¬
diert haben."
Nun wird man vielleicht einwenden, so gut wie wir
die sonderbaren, mitunter lächerlichen Wunder, die in
dieser Literatur als von den Heiligen verrichtet erzählt
werden, nicht glauben wollen, so dürfen wir auch das, was
von ihrer Hartherzigkeit und Pietätlosigkeit gegen ihre
Angehörigen berichtet wird, nicht glauben. Aber zwischen
den b en Naturgesetzen widersprechenden Wundern und
lieblosem, unkindlichem und hartherzigem Benehmen ist
doch inbezüg auf Glaubwürdigkeit ein großer Unterschied.
Und. selbst wenn einiges erfunden und übertrieben wäre,
bliebe jedenfalls die Tendenz, solche Grausamkeit und
solchen Egoismus als höchst verdienstlich und Gott wohl¬
gefällig darzustellen. Die Heiligenlegenden sind ja zur
ErbaUung und um zur Nachahmung anzueifern geschrie¬
ben worden und haben auch Nachahmung gefunden. Die
heil. Elisabeth hat ganz gewiß solche Legenden und Bio¬
graphien älterer Heiligen gelesen und ihre Biographie
hat' wohl wieder auf spätere gewirkt, bis in die Gegen¬
wart. Freilich sind die Menschen jetzt mildherziger und
der Einfluß der Geistlichkeit geringer. Man nimmt den
Eltern hie Kinder nicht mit Gewalt weg, man gellallet
den Eltern nicht, zum Vorteil der Kirche die Kinder zu
opfern, denn der Staat har auch ein Wort dreinzureden.
Deshalb sucht man sich der Schule zu bemächtigen,
durch Erziehung im Sinne der Kirche sich die Herrschaft
über die Eltern und über die kommende Generation
zu sichern.
Griechen, Römer und Juden haben Priester gehabt,
aber es ist ihnen nicht eingefallen, ihnen die Erziehung
und den Unterricht ihrer Kinder anzuvertrauen. Beides
blieb bei ihnen Sache der Familie oder des Staates.
Erst d ie christliche Geistlichkeit hat sich seit dem Mittel-
alter des Iugendunterrichtes und in manchen Ländern!auch
der Erziehung zu bemächtigen gewußt. Und noch jetzt
will sie in Spanien, Oesterreich, Frankreich und Preußisch-
Polen sich dieses Herrschaftsmittel erhalten. Mit Hilfe
des , Staates oder gegen den Staat sich auflehnend, die
Rechte der Eltern mißachtend oder sich ihrer Hilfe gegen
den Staat bedienend, je nachdem die Verhältnisse sind.
Stets aber solider Staat die Kosten tragen. Oder, wie
Herbert Spencer sagt, sie will Siaatsgelder nl,:re Kon¬
trolle des Staates, sie will vorschreiben, was gelehrt wer¬
den soll, aber das Geld soll ihr der Staat dazu liefern.
Jedenfalls gehören die Kinder der Kirche oder dem
Staat, die Familie hat sie nur zu liefern, aber weiter
nichts dreinzureden. Das Judentum wurzelt aber politisch
und religiös in der Familie, seine älteste Geschichte ist
eigentlich Familienchronik, und die Familie hält noch
jetzt manchen Indifferenten und Irreligiösen vom Abfall
zurück. Dieses Familiengefühl verstehen die jüdische Mäd¬
chen ihren Ellern entreißenden Nonnen nicht, weil sie selbst
von ihrer Familie losgelöst sind und keine Kinder haben
dürfen. Wohl aber hat es der italienische Dichter Ber¬
nardino Zendrini verstanden, der in einem Trostbries
an den jüdischen Senator Tullo M a s s a r a n i nach dem
Tode von dessen Vater schrieb:
„Die Familie hat euch zerstreuten, seit so vielen Jahr¬
hunderten herumgetriebenen Juden ein Heiligtum, ein
sicheres Asyl geboten, sie erhielt euch und stärkte euch trotz so
vieler Leiden und grausamen Verfolgungen. Das müssen
auch die einsehen, welche allen ihren Witz und Verstand
anwenden, euch zu schmähen und herabzusetzen. Eurem
erhebenden Beispiele sollten wir und alle die folgen,
welche nach einem Vaterlande streben. Ein solches erwirbt
man nicht bloß durch Einheit von Sprache und Abstam¬
mung, sondern durch Harmonie und Einheit im Herzen.
Und zu diesen gelangt man nicht auf Schlachtfeldern und
in Parlamenten, nicht in lärmenden Volksversammlungen
und nicht einmal durch die Schule, sondern in der heitern
Vertraulichkeit der Familie, in der jedes edle und jedes
schöne Gefühl wurzelt."
Im Hause ist das Leben des frommen Juden be¬
beschlossen: fast könnte er wie der Engländer sagen: My
house is my castle, wenn es keine kaiserlich-russischen Pa¬
trioten und Huligans gebe. Frei von Einflüssen von
Beichtvätern und Seelsorgern verrichtet er selbst im Hause
manche religiöse Zeremonie. Ich erinnere nur an den
Seder und die Sukkoth. Auch die jüdische Hausfrau,
deren Ideal in den letzten Zeilen der Sprüche Salomons
gezeichnet ist, hat ihre besonderen religiösen Aufgaben. Und
eine Frau und Kinder muß jeder fromme Jude haben.
Ledig bleiben gilt beim männlichen Geschlecht fast für
Sünde, beim weiblichen für ein Unglück. Eine Hauptsorge
des Familienvaters nach Sicherung der materiellen Eri-
stenz, und manchmal noch vor dieser, ist, die Knaben in der
heiligen Schrift unterweisen zu lassen oder sie wenigstens
hebräisch lesen zu lehren. Da soll es keine Analphabeten
geben.
Dem heidnischen Kaiser Konstantin ist nach der christ¬
lichen Legende kurz vor einer Entscheidungsschlacht ein
Kreuz mit der Inschrift: „In diesem Zeichen wirst du
siegen!" in den Wolken erschienen. Er siegte und bekehrte
sich darauf zum Christentum. Für die Inden gilt das¬
selbe Motto von der Familie. Sie brauchen sich nicht
erst zu bekehren, sondern zurück zukehren von den äffischen
Assimilationsversuchen, von den Vereinen und Gesellschaf¬
ten, wo man sie kaum dulden will — zurück zur Familie.
In hoc signo vinees. M.
Das Auch fjtofc auf der Oberstufe der
Mittelschule.
Vortrag, gehalten in Wien am Verbandstag der israel. Religionslehrer
an den österreichischen Mittelschulen, am 28. Dezember 1809, von
Rabbiner Dr. L. Lazarus.
Während die prophetischen Schriften der Bi¬
bel das Verhältnis der israelitischen Nation zu den
großen, ewig giltigen Ideen der Menschheit zur Dar¬
stellung bringen, ist den unter dem Sammelnamen
oder Hagiographen bekannten Büchern ein mehr in¬
dividueller Charakter aufgeprägt. Die ersteren hie¬
ßen bei den palästinensischen Juden die „Bücher der
lleberlieferung", die letzteren die „Bücher der Weis¬
heit". Wenn nun die Propheten, das Volk Israel an
sich als den Mittelpunkt ihres religiösen Interesses an-
sehen, handelt es sich in der Weisheitsliteratur nicht