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Dr. Blochs WochenschM.
Nr. 18
Auf eine Interpellation, welche einer von den zionistischen
Advokaturskandidaten in der am 27. April abgehaltenen
Wählerversammlung an Ministerialrat Kamill Kuranda stellte,
ob es wahr sei, daß er fich im Bezirkswahlkomitee dahin
geäußert habe, er sei nicht in der Lage, in die Agitation gegen
den christlichsozialen Kandidaten für das Rathausviertel Exzellenz
Dr. von Wütek einzutreten, da er ihm mannigfache Förderung
in seiner Karriere zu verdanken hätte und — falls diese Aeuße-
rung richtig sei — wie er sie verantworten könne, erwiderte
Ministerialrat Kuranda: „Die Aeußerung habe ich getan
und kann von derselben nichts zurücknehmen. Ich muß hier
offen konstatieren, daß derselbe Minister, der heute als
christlichsozialer Kandidat austritt, mich als ersten Juden zum
Sektionsrat und Ministerialrat befördert hat, daß er mir eine
Auszeichnung erwirkte, welche außer meinem Vater und Pro-
feffor Grünhut nie einer meiner Glaubensgenoffen erlangt hat,
und daß ich 35 Jahre mit ihm, wovon 18 unter ihm gedient
habe. Wenn aber ein chrifilichsozialer Parteimann seine Objek¬
tivität im Amte in dieser Weise bewährt hat, würde ich es als
ein schweres Vergehen nicht nur gegen die Dankbarkeit, sondern
auch gegen meine persönliche Ehrenhaftigkeit ansehen, wenn ich
ihm diese Handlungsweise damit vergolten hätte, daß ich gegen
ihn, wenn auch im politischen Kampfe, mich als Gegner betätigen
würde. Ich möchte nicht durch ein entgegengesetztes Vorgehen ein
Schlagwort vom jüdischen Undank aus der Reihe der christlich¬
sozialen Gegnerschaft heraufbeschworen haben. Schon im alten
Rom galt es als Sakrileg, wenn der dem Konsul oder dem
Statthalter beigegebene Beamte, der Quästor, gegen seinen ehe¬
maligen Vorgesetzten als Zeuge oder über ihn als Richter zu
funktionieren wagte. Ich habe das Empfinden, daß jedermann,
welcher ethisch und menschlich fühlt, meinen Standpunkt
wird verstehen können."
Darauf zielt ein anonymes Zirkular, welches an sämt¬
liche Wähler des Ministerialrates Kuranda versendet wurde,
imb in welchem mitgeteilt wird:
»Der fortschrittliche Kandidat des Kaiviertels weigert sich,
den Kampf gegen Christlich-Soziale zu führen, weil ihm aus
seinem freundschaftlichen Verkehre mit diesen Leuten seinerzeit
persönliche Vorteile erwachsen sind.«
Dieses Zirkular wurde anonym — die Urheber schämen
fich selber ihres bübischen Vorgehens und verheimlichen klug
ihren Namen — an sämtliche Wähler des Kaiviertels versendet.
Es will uns indeß scheinen, daß die jüdischen Wähler Intelli¬
genz in ausreichendem Maße besitzen, um den Standpunkt Kurandas
zu würdigen und gerechtfertigt zu finden. Wenn der Ministerial¬
rat Kuranda sich dazu verstanden hätte, gegen seinen ehemaligen
Vorgesetzten, von welchem er wiederholt Beweise des Wohl¬
wollens, der persönlichen Freundschaft und der gerechten Würdi-,
gung empfangen hat, vor aller Oeffentlichkeit als Gegner und
Feind aufzutreten, so wäre das nicht bloß ein Akt persönlicher
Undankbarkeit, sondern auch ein „Chillul haschem“ — wohl
geeignet, den jüdischen Namen herabzusetzen, den jüdischen Cha¬
rakter in das schlechteste Licht zu stellen und das jüdische An¬
scheu zu schädigen. Jeder Wähler mit reifem Urteil und nüch¬
ternem Verstände muß zugeben: Ministerialrat Kuranda hat in
diesem Falle klug und taktvoll, wie ein Mann von Bildung und
Charakter, gehandelt.
Ueberdies ist ohnehin jedem rechtschaffenen Juden ein
glaubeustreuer Katholik ungleich sympathischer und vertrauens¬
würdiger als ein jüdischer Täufling; bei der Wahl im Rathaus¬
viertel bleibt ihm nichts übrig, als entweder einen leeren
Stimmzettel abzugeben oder für Wittek zu stimmen. Daß
gerade zionistische Wortführer Hofrat Kuranda es übel
vermerken und als eine politische Sünde ankreiden, daß er nicht
als Kämpfer gegen Wittek für Neumann auftritt, verdient
jedenfalls auch für die Zukunft notiert zu
werden.
* *
Auf der Landstraße unternimmt es ein kühner Bürger,
den reaktionären Machthabern fich entgegenzustellen: Herr Josef
Weiß, III., Reisuerstraße 38. Dieser Mann verdient schon
wegen seines Mutes, seiner entschlossenen Energie und seiner
Opferwilligkeit allen Respekt und die tatkräftigste Unter¬
stützung seitens der fteiheitlichen Parteien. Er sucht sich
nicht einen Wahlbezirk mit jüdischer Majorität aus, um den
bisherigen Mandatsinhaber zu bedrängen, sondern er zieht in
die Hochburg der Reaktion, um dem Freisinn Neuland zu er¬
obern, und scheut fich nicht, den Kampf in den erbgesessenen
Wahlbezirken des Antisemitismus persönlich aufzunehmen. Das
kann nur ein Mann von starker Initiative und hohem Selbst¬
vertrauen. Herr Josef Weiß hat aus eigener Kraft von den
kleinsten Anfängen zum hervorragenden Geschäftsmann sich
emporgeschwungen, seine Firma ist in weiteren Kreisen re¬
nommiert, auf der Landstraße bei der Geschäftswelt, wie bei
den kleinen Leuten gut gelitten und wegen seiner urwüchsigen
Beredsamkeit vielfach beliebt. Das Werk, welches er unternimmt
ist kein leichtes und seine Waghalsigkeit muß Jedermann impo¬
nieren. Allein: „Ein kühnes Beginnen ist ein halbes Gewinnen",
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*
Eine mehr als interessante Kandidatur ist die des Herrn
Lucian Brunner in Göding-Lundenburg. So wenig wir mit
dem genannten Herrn sonst im politischen Einklang leben, sehen
wir uns doch veranlaßt, unsere Freunde und Gesinnungsgenossen
in dem mährischen Wahlkreis für seine kräftigste Unterstützung
dringend aufzufordern. Herr Brunner kandidiert auf ein demo¬
kratisches Programm gegen den Professor Redlich, der mit
seiner unwürdigen Kriecherei vor G e ß m a n n die widerwärtigste
Erscheinung des verendeten Parlamentes bildete. Er rechnet offen¬
bar damit, daß materieller Besitz stärkeren Ausschlag gibt, als der
Besitz an empfehlenden Eigenschaften. Schon die erste Kandidatur
dieses Täuflings ist für ihn bezeichnend. In letzter Minute
wurde er nämlich von seinem Bruder, dem Fabrikanten, meuch¬
lings statt dieses selbst vorgeschoben und zwang die freiheitlichen
Parteien zu seiner Unterstützung, weil keine Wahl mehr übrig
blieb, wenn der' Wahlkreis nicht verloren sein sollte.
Was tat der- redliche Professor im. Parlament zum Dank
dafür? Wie jeder Täufling hatte auch er den Ehrgeiz, von den
Antisemiten anerkannt zu werden. An jenem Tage war dieser Mann
gebrandmarkt, an welchem die Christlich-Sozialen ihn im Reichs¬
rat öffentlich belobten. Welche Schmach für einen materiell ganz
unabhängigen Mann, der so oft sein Wort auf das fortschritt-,
liche Programm abgab. Es wäre eine Schande für seine Wähler,
wenn sie sich weiter zu Dienern dieses moralischen Faktotums
der Christlich-Sozialen herabwürdigen. Redlich wählen, heißt
christlichsozial wählen. Ihm von der Bildfläche wegzufegen, ist
moralischer Selbstschutz in der Politik. Die Wahl zwischen Herrn
Lucian Brunner und Professor Redlich wird niemanden auch
nur einen Augenblick schwankend machen.
Lucian Brunner, ein Mann, der die Christlich-Sozialen
zeitlebens mit männlichem Mute bekämpft hat. Redlich, ein
Mann, der politischer Hausjud der Christlich-Sozialen gewesen
ist, mit seinen Wählern sich selbst > erniedrigte. Es hieße die
schwerste, politische Korruption züchten, wenn der christlich¬
soziale Redlich wieder im Parlament einziehen dürfte. Weil
wir aber an Charakter und Intelligenz der Wähler von Göding-
Lundenburg nicht zweifeln, zweifeln wir auch nicht an dem
Siege des Gegners der Christlich-Sozialen über den Freund der
Schwarzen, an dem Siege Lucian Brunner's.
Uerfolg««- der Jude« in Rußland.
Aus dem Jahresberichte der „Israelitischen Allianz".
Der in einigen Tagen anläßlich der Generalversammlung
der Israelitischen Allianz zur Ausgabe gelangende diesjährige
Bericht ist überaus reichhaltig. Durch das freundliche Entgegen¬
kommen des Sekretariats sind wir in der Lage, aus dem auf
das Hilfswerk für die russischen Juden bezüglichen Teil die Dar¬
stellung der Verfolgungen unserer Glaubensgenossen im Zaren¬
reiche nach den Bürstenabzügen mitzuteilen. Der Gegenstand ist
um so aktueller als, wie verlautet, der Finanzminister Kokowzew