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Dr. Vkochs Woch enMift
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sich demnächst nach Paris begibt, um Verhandlungen wegen
einer neuenrussischenAnleihe anzuknüpfen. Wenn auch
nur ein Teil wahr wäre, von dem, was Werner Sombart
über die kapitalistische Bedeutung des Judentumes der Welt
verkündet, müßte es eigentlich ganz undenkbar sein, daß das
Reich, in welchem sechs Millionen Juden unter so unerhörtem
Drucke leiden, die Möglichkeit hat, in der westeuropäischen
Finanzwelt eine Stütze zu finden.
In dem Berichte heißt es u. a. :
Das Maß der Leiden, dem die Juden im russischen Reiche
ausgesetzt sind, war durch die zahlreichen blutigen Pogroms nicht
voll geworden. Die gegenwärtige dritte Duma mußte kommen,
um einerseits unseren verfolgten Glaubensgenossen in ihrer
Hoffnung auf die Hilfe einer Volksvertretung die bitterste seelische
Entäuschung zu bereiten, andererseits dem immer härter und
rücksichtsloser werdenden reaktionären Regime quasi eine mora¬
lische Stütze zu bieten. Wenn seit Anfang der 80er Jahre die
konsequente Zurückdrängung der Juden nur auf Grund so¬
genannter temporärer Maßregeln und ministerieller Verordnungen
geschah, deren Legalität oder dauernde Geltung in Zweifel ge¬
zogen werden konnte, so besteht jetzt die unverhohlene Tendenz,
die politische und bürgerliche Entrechtung in der schärfsten Form
für die Juden gesetzlich festzulegen. Dabei werden immer neue
Erlässe hinausgesandt, um ihnen das Leben noch schwerer zu
machen. Es ist ein kleinlicher Rachekrieg, der gegen sie von den
obersten Stellen hauptsächlich deshalb geführt wird, weil sie
während der Freiheitsbewegung als Bedrückte und Verfolgte sich
den oppositionellen Parteien anschlossen. Vor einigen Wochen
erschien in der vom ehemaligen Präsidenten der Vereinigten
Staaten Mr. Theodor Roosevelt redigierten Zeitschrift „Outlook“
eine Darstellung der gegenwärtigen Judenverfolgung unter der
bezeichnenden Ueberschrift „Martyrdom of tlie Russian Jew“.
Der Herausgeber bemerkt dazu, kein Amerikaner könne diesen
Artikel lesen, ohne voll Mitgefühl die Frage zu stellen: „Könnten
wir nicht etwas zur Abhilfe tun?" Unser Verein hat, über die
Drangsalierungen fortwährend aufs genaueste unterrichtet, eben¬
falls diese Frage im verflossenen Jahre oft und oft an sich
selbst stellen müssen.
Aus den Tagesblättern erfuhren hin und wieder auch
weitere Kreise, daß zahlreiche Juden, manchmal mitten im
Winter, in der russischen Kälte, aus diesem oder jenem Orte
plötzlich vertrieben wurden: aus Moskau, Kiew, Ekaterinoslaw,
Tschernigow, Charkow, Sebastopol, Tula, Tiflis, Zarizin, Tomsk,
Smolensk u. a. Orten. Der furchtbare Eindruck dieser Nach¬
richten wurde dann mitunter durch Meldungen abgeschwächt,
wonach angeblich die Aufhebung der „Anfiedlungszone" und Er¬
teilung der Freizügigkeit an die Juden geplant sei, und daß
168 Dumaabgeordnete einen Antrag in diesem Sinne eingebracht
hätten. Fernstehende wissen nicht, daß die traurigen Gewalt¬
maßregeln häufig gerade mit einer zugunsten der Juden ver¬
suchten Intervention in inniger Verbindung stehen. So oft
nämlich in der Duma, in der, wie in der offiziellen Presse, nur
der blutrünstigste Judenhaß ungehindert zu Worte kommt, sich
Stimmen hervorwagen, um — sei es auch nur lediglich im
russischen Staatsinteresse — auf die Notwendigkeit der Ab¬
schaffung der Anfiedlungsgrenzen hinzuweisen oder sonst eine
menschenfreundliche Erleichterung für die bedrückten Juden zu
verlangen, entfalten die an höchster Stelle begünstigten „echt¬
russischen" Parteien einen derartigen einschüchternden Terroris¬
mus, daß die Provinzgouverneure, um ja über ihre judenseind-
liche Gesinnung keinen Zweifel zu laffen, die Schlinge noch
enger zusammenziehen und die meist unklaren und dehnbaren,
ministeriellen Verordnungen mit größtmöglicher Strenge an-
wenden^ (So wurde erst jüngst in Moskau den Sanatorien ver¬
boten, jüdische Kranke aufzunehmen. In Kiew dürfen neuestens
die dort wohnberechtigien jüdischen Kaufleute keine Angestellten
ihres Bekenntnisses aufnehmen.)
Die Folge ist, daß im weiten russischen Reiche, vom
Baltischen Meere bis an den Kaukasus, sowie in Sibirien und
in den russischen Provinzen Zentralasiens, eine ununterbrochene
Hetzjagd gegen jüdische Familien stattfindet, welche in den
verflossenen Jahren, namentlich während der kurzen freiheit¬
lichen Bewegung durch eine mildere Auslegung der Gesetze zur
Anfiedlung zugelaffen wurden. Tausende von Existenzen werden
ruiniert. Es handelt sich da in der Regel nicht um eine be¬
schränkte Anzahl von Familien, die durch die Ausweisung zur
Emigration gezwungen werden, sondern um eine im Umfang und
in den Konsequenzen unberechenbare Zurückdrängung der Juden
aus Gebieten, wo sie bereits Fuß gefaßt und ihren Lebens¬
erwerb gefunden haben. Die durch die Vertreibung Verarmten
wenden sich zunächst in der Regel nach den von jüdischen
Proletariern bereits übervölkerten polnisch-lithauischen und
südwest-rusfischen Städten, wo die Not immer mehr wächst und
die Auswanderung verstärkt wird. Die Hoffnungslosigkeit wird
noch dadurch gesteigert, daß unter der Herrschaft der Reaktion
einflußreiche Korporationen im Geiste der obersten Kreise Reso¬
lutionen fassen, welche für die Juden eine noch schrecklichere
Zukunft in Aussicht stellen. So hat die ruffische Adelsverfamm-
lung die Forderung aufgestellt, daß die gänzliche Entrechtung
und Degradierung der Juden als Bürger durch die vollständige
Ausschließung derselben aus allen bürgerlichen Aemtern, ans der
Advokatur und sogar aus dem Militärdienste ver¬
schärft werde. Bezüglich der Ausschließung vom Militär schwebt
auch bereits ein Gesetzesprojekt in der Duma. Die Verhöhnung
jedes Rechtes geht so weit, daß den Juden selbst in Städten,
wo sie über die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, nicht nnr
nicht gestattet wird, Vertreter in die kommunale Ver¬
waltung zu wählen, sondern sogar verboten wird, ihre eigenen
religiösen Organisationen selbständig zu leiten. In Odessa
hat der Stadtpräfekt General Tolmatschew sogar die freie Wahl
von Vorstehern für die „Chewra Kadischa" verboten und eigen¬
mächtig eine Verwaltung unter Vorsitz eines antisemitischen
städtischen Funktionärs eingesetzt. Dabei erließ er die Verordnung,
daß die sonst für wohltätige jüdische Zwecke zur Verwendung
gelangenden Ueberschüffe in Zukunft nur mit Genehmigung der
Behörde verteilt werden. Daß die großen Einkünfte der Koscher¬
fleisch-Verpachtung in den jüdischen Gemeinden nur mit spezieller
Genehmigung der Behörden für jüdische Kultus- und Wohl¬
tätigkeitszwecke verwendet werden dürfen, zu einem beträchtlichen
Teile aber in den Gouvernementskaffen bleiben und für die
Polizei oder für beliebige Ausgaben verwendet werden, ist eine
der bereits seit Generationen in Uebung befindlichen Gewakt-
m aßregeln, an die man sich gewöhnt hat^ Eine Versammlung
jüdischer Notabeln aus ganz Rußland, welche im vorigen Jahre
durch eine ausnahmsweise erteilte Genehmigung in Kowno ab¬
gehalten werden durfte und in der beschloffen wurde, um die
Erlaubnis anzusuchen, die jüdischen Kultusangelegenheiten durch
Gründung von Gemeinden mit Selbstbesteuerung und eigener
Vermögensverwaltung zu regeln, konnte nach dieser Richtung bei
der Regierung nichts erreichen.
Das jüngste Semstwo-Gesetz.
Es hat vor kurzem in Europa Aufsehen erregt, daß der
Ministerpräsident Stolypin den Reichsrat und die Reichs-Duma
suspendieren ließ, um auf Grund eines 8 87 der ruffischen
Verfassung ein „Semstwo"-(Landesvertretungs-)Gesetz für west-
russische Provinzen zu oktroyieren, das vom Reichsrat abgelehnt
worden war. Man konnte aus den Tagesblättern erfahren, daß
das von der Regierung eigenmächtig erlassene Gesetz für die
Wahlen in die betreffenden Provinzialvertretungen ein Kurien-
System Vorsicht, durch welches die verschwindenden Minoritäten
der Ruffen künstlich zu politischer Bedeutung erhoben und der
teilweise kompakten polnischen Bevölkerung ein Gegengewicht
bilden sollten. Was aber mit keiner Silbe in die Oeffentlichkeit
drang und wohl nur sehr wenige wissen, ist das grandiose Un¬
recht, das wieder einmal mit der größten Ruhe, ja mit einem
gewiffen Zynismus, in diesem Gesetze gegen die Juden begangen
wurde. Es handelt sich nämlich bei diesem UkaS gerade um solche
Gouvernements — Witebsk, Wolhynien, Kiew, Minsk, Mohilew,
Podolien — welche neben Polen und Ruffen eine sehr starke
jüdische Bevölkerung haben (zusammen etwa 1,500.000 Seelen)
und die Juden find mit Bezug auf das Wahlrecht nicht etwa