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gleich den Polen auf eine Kurie reduziert oder sonst beschränkt,
sondern ganz einfach ausgeschaltet und wie Lust behandelt worden.
In den Provinzen, für welche das Gesetz gilt, find fast alle
großen und kleinen Städte über die Hälfte von Juden be¬
völkert (darunter z. B. Berditschew mit 87%, Minsk mit 54%
Juden), aber das erlassene Gesetz statuiert in Absatz VI: „Bis
zur Revision der die Juden betreffenden Bestimmungen (d. h.
ad calendas graecas) dürfen sich Juden weder aktiv noch
passiv an den Semstwo-Wahlen beteiligen ! — Ein anderes für
die kleinen Orte und Landgemeinden (Wolosti) von der Duma
angenommenes Gesetz schließt die Juden ebenfalls von jedem
Wahlrecht aus.
Eine Verschärfung der stüheren Ausnahmsgesetze hat im
verflossenen Jahre auch mit Bezug auf die Zulaffung der Juden
zum Besuche staatlicher Schulen stattgefunden. Während in
früheren Jahren die perzentuelle Beschränkung der Aufnahme
jüdischer Schüler (3 jüdische auf 100 christliche Schüler in
Petersburg, Moskau und in anderen Städten außerhalb des
Rayons und ein Maximum von 10 Prozent in den vorwiegend
von Juden bewohnten Städten) nur für den Besuch der staat¬
lichen Anstalten selbst Geltung hatte, wurde fie in den neuesten
Verordnungen auch auf die Prüfung von Externen ausgedehnt,
so daß nicht einmal privat vorgebildete Knaben und Mädchen zur Ab¬
legung eines Examens über die minimale Anzahl hinaus zuge-
laffen wird. Ferner wurde die Maßregel auf Privatschulen ausgedehnt,
welche dadurch an Orten, wo es christliche Schüler gar nicht oder
in zu geringer Anzahl gibt und die Anstalten überhaupt nur
durch die jüdische Frequenz bestehen konnten, ganz geschloffen
werden mußten. In der Gouvernementstadt Mohilew z. B. war
vor 3 Jahren mit Genehmigung des Handelsministers eine
Kommerzschule entstanden, der großmütig das Recht zugestanden
wurde 50% jüdische Schüler aufzunehmen, d. h. für jedes
jüdische Kind, obwohl die Schule hauptsächlich von Juden nnd
für Inden begründet war, nachdem den christlichen Knaben alle
Erziehungsanstalten offen stehen, mußte erst ein nichtjüdischer
Mitschüler gesucht werden. Woher aber solche nehmen? Durch
eifrige Agitation bei armen nichtjüdischen Handwerkern, Dienern,
Hausmeistern usw. wurde erwirkt, daß sie ihre Kinder in diese
Handelsschule schicken, wobei für fie das Schulgeld, das für
jüdische Schüler 120 Rubel (300 Kronen) jährlich betrug, auf
25 Rubel herabgesetzt wurde. Zwei Jahre bestand nun die
Anstalt in dieser Weise, da kam der Befehl, daß die Zahl der
Juden auf 35% herabgesetzt werde, so daß für das laufende
Schuljahr kein einziger jüdischer Knabe mehr ausgenommen
wurde.
Emigration.
Angesichts dieser trostlosen Verhältnisse und des Mangels
an irgend einen Hoffnungsschimmer für die nächste Zeit, daß
auch uur die geringste Besserung eintreten werde, da die
politische Konstellation leider eine solche ist, daß weder die
europäische öffentliche Meinung etwas ausrichten kann, noch
auch an eine Intervention seitens der sonst für die Jntereffen
der Menschlichkeit eintretenden Großmächte zu denken ist, ist
es kein Wunder, daß die ruffischen Juden immer mehr in der
Auswanderung ihr einziges Heil suchen. Wenn die Emigration
nichtsdestoweniger derzeit nur innerhalb gewiffer Grenzen bleibt
und nicht die Merkmale einer Maffenbewegung zeigt, so ist dies
auf die ganz bedeutenden Erschwerungen zurückzuführen, die in
jüngster Zeit der Einwanderung in Nordamerika gemacht wurden,
sowie auf den nahezu gänzlichen Ausschluß armer Einwanderer
in England und in Kanada. Immerhin ist die seit 1906 wesent¬
lich zurückgegangene Emigration im vorigen Jahre wieder er¬
heblich gestiegen. Durch den Hafen von New-Aork allein find
trotz Mer Einschränkung 50.570 russische Juden eingewandert.
Da jedoch in den Bereinigten Staaten beinahe ausschließlich
nur Personen zugelassen werden, die über Barmittel verfügen
(wenigstens 125 Kronen per Person, außer der selbstbezahlten
Schiffskarte), so war für die allerärmsten Emigranten, die auf
die Unterstützung der Hilfsorganisation angewiesen find, vor¬
wiegend Argentinien das erreichbare Ziel.
Wochenschrift Nr. is
Das Wiener jüdische Reüounaleszenten-
heim.
Jüdische Wohltätigkeit! Das ist ein Ausdruck, dessen Be¬
griff kaum des Näheren erläutert werden muß: tatkräftigste
Großzügigkeit gehört zu ihrem Wesen und altjüdischen Vor¬
schriften entsprechend muß fie mit der zartfühlendsten Delikatesse
ausgeübt werden.
Lazarus führt in seiner „Ethik des Judentums" (Frank¬
furt 1899) als Beispiel für die Art, in welcher jüdische Wohl¬
tätigkeit geübt wird. Folgendes an:
„Seit etwa 150 Jahren besteht innerhalb der jüdischen
Gemeinde in Berlin ein Verein: „Mischan abelim" — Stütze
der Leidtragenden; sein Zweck ist: bedürftige Familien, die durch
den Tod eines ihrer Mitglieder — insbesondere auch, weil fie
fich religionsgesetzlich in den Trauertagen jeder Arbeit enthalten
— in Not geraten würden, zu unterstützen. Um das Ehrgefühl
des Empfängers zu schonen, ist folgende Einrichtung getroffen.
Der Vorstand des Vereines sendet in jedes Trauerhaus,
gleichviel ob arm oder reich, zwei verschlossene Büchsen; in die
Büchse Nr. 1 wird eine Summe gelegt, die dem Bedürftigen
eventuell dargeboten werden soll; zu dieser Büchse erhält jeder
Empfänger (unter Siegel) einen Schlüssel und er wird in
einem Begleitschreiben ersucht, jedenfalls diese Büchse zu öffnen
und zu entleeren. Je nach seiner Bedürftigkeit kann er nun
den ganzen Inhalt der Büchse oder einen Teil derselben für
fich behalten; — bedarf er aber der Unterstützung nicht, so ist
er gebeten, den Betrag in die Büchse Nr. 2 zu werfen. Ebenso
werden Wohlhabende ersucht, den Inhalt dieser Büchse aus
ihren eigenen Mitteln zu vermehren, um den Zweck des Ver¬
eines damit erfüllen zu können. Diese Büchse Nr. 2 bleibt
längere Zeit während ihrer Wanderung durch mancherlei Fami¬
lien uneröffnet, so daß N i e m a n d, nicht einmal der Vorstand
des Vereines wissen kann, wer gegeben, wer genommen hat."
Gleiche und ähnliche Einrichtungen bestehen auch ander¬
wärts, so z. B. in vielen Gemeinden Ungarns.
Im XII!. Wiener Gemeindebezirke, Lainzerstraße 172
befindet fich das durch die Initiative des jüdischen Frauen¬
vereines im VIII. Bezirke mit Hilfe namhafter Spenden edler
Menschen gegründete, einzige jüdische Rekonvaleszenten¬
heim.
Nach unsäglicher Mühe und Arbeit war es dem Verein
„Rekonvaleszentenheim Philanthropia für arme Frauen und
Kinder", speziell seiner rührigen Präsidentin, Frau Amalie B e ck,
vor ca. 3 Jahren gelungen, die Villa in der Lainzerstraße
anzukaufen und für Zwecke eines Rekonvaleszentenheimes zu
adaptieren.
Mit Rücksicht auf die unzureichenden Mitteln konnte der
Betrieb nur im Höchstausmaße von 12 zu gleicher Zeit zu
verpflegenden Rekonvaleszenten ausgenommen werden, trotzdem
Raum genug für 20 vorhanden ist.
Der Verein hat während dieser 3 Jahre manch' trübe
Erfahrung gemacht. Er ist eigentlich bis nun noch wenig populär.
Beweis dafür: einerseits, der Andrang um Aufnahme in sein
Heim, wo den Rekonvaleszenten tadelloseste Verpflegung und
liebevolle Behandlung geboten wird, hat noch nicht die un-
abweisliche Notwendigkeit der vollen Betriebsaufnahme ergeben,
wenigstens ist aus den Jahresberichten dergleichen nicht zu ent¬
nehmen, anderseits find die Mittel, um einer solchen eventuell
eintretenden Notwendigkeit gerecht zu werden, nicht vorhanden.
Der Verein hat zu kämpfen, um das Rekonvaleszenten¬
heim in seinem jetzigen Bestände zu erhalten, (Siehe den
Aufruf in Nr. 15 dieses Blattes.)
Diese Tatsachen find umso verwunderlicher, als durch die
seinerzeitige Errichtung dieses jüdischen Rekonvaleszenten¬
heimes eine schon lange, sehr schwer fühlbare Lücke ausgefüllt
wurde, in der stattlichen Reihe Wischer Wohlfahrts-Institutionen.
Erklärlich werden fie nur durch den Umstand, daß man eben
in der Organisation der „P h i l a n t h r o p i a" auf die Eigen¬
art der jüdischen Bolkspsyche Bedacht genommen hat. Das