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Rekonvaleszentenheim kennt nurausschlie߬
lich unentgeltliche Verpflegung, es ist, wie
sein Name besagt, nur für arme jüdische
Frauen und Kinder, das heißt, nur für solche,
die sich laut dazu bekennen.
Der arme Jude, der nicht vollkommen erwerbsunfähig ist,
nimmt aber im allgemeinen öffentliche Ärmen-Jnstitute nicht gern
in Anspruch.
„Dalles" und „Geiweh" vertragen sich schlecht! — Sehr
wahr! Doch ebenso wahr ist es, daß diese beiden vereint bei
uns Juden sehr häufig zu finden find. Es wäre mehr als ge¬
dankenlos, wollte man uns das, wollten wir uns das zum Vor¬
wurfe machen, statt stolz zu sein auf diese historisch, richtiger
gesagt, psychologisch in den Tiefen der jüdischen Volksseele be¬
gründete Tatsache:
Freie Menschen auf ihrem eigenen Grund und Boden waren
unsere Ahnen mit bis ins kleinste Detail gesetzlich festgelegten
Normen für allgemeine Armenpflege, wie sie heute, im 20. Jahr¬
hundert, im Zeitalter des sogenannten Sozialismus noch kein Staat
der Welt aufzuweisen vermag. Der Arme durfte das Almosen,
das man ihm reichte, nie als demütigend empfinden, der Reiche
gab es ihm in Ausführung eines heiligen Gesetzes, dankbar, daß
ihm Gelegenheit geboten wurde, das Gesetz zu erfüllen.
„Der Arme wird nicht aufhören im Lande", doch eine
Bettler käste hat es in unserer Mitte nie gegeben und gibt es
heute nicht. Der Schnorrer ist nicht Schnorrer, weil sein Vater
einer war, sondern weil harte Schicksalsschläge ihn zum Schnorrer
gemacht. Oft arbeitet er selbst fich noch empor, stets aber werden
seine Kinder mit eiserner Energie und selten ohne Erfolg ein
menschenwürdigeres Dasein fich zu erkämpfen suchen.
Wenn das mit so viel guter, schöner Abficht ins Leben
gerufene Rekonvaleszentenheim seinem Zwecke in
vollem Umfange zugeführt werden soll — der Verein und seine
unermüdliche Präsidentin setzen alles daran, um dieses Ziel zu
erreichen — so ergibt sich aus dem Vorhergesagten klar und
deutlich nur ein einziger Weg.
Da das jüdische Rekonvaleszentenheim, mit jüdischem
Gelde und von einem jüdischen Vereine gegründet, nicht in ein
interkonfessionelles umgewandelt werden kann, wo binnen
Jahresfrist in dem ehemals jüdischen Rekonvaleszentenheim
zur Wahrung seines interkonfessionellen Charakters vielleicht
einmal eine Paradejüdin Aufnahme fände — so muß
die „Philantropia" derart ausgestaltet werden, daß sie den
altbiblischen Vorschriften i. 6. Ideen moderner Wohlfahrtspflege
entspricht und auf den jüdischen Volkscharakter gebührend Rück¬
sicht nimmt.
Sie schaffe die Möglichkeit der entgeltlichen Aufnahme
in ihr Heim und ändere ihren Titel in „Rekonvaleszentenheim
Philantropia für jüdische Frauen und Kinder" unter Weglaffung des
Attributes „arme". Die innere Einrichtung des Heimes, Hausord¬
nung rc., werden von dieser Maßnahme in keiner Weise berührt.
Den Verein kostet sie nichts als eine kleine, leicht durchführbare
Statutenänderung, macht ihn jedoch mit einem Schlage populär
und ermöglicht es jenem weitaus größten Teile der armen jüdi¬
schen Bevölkerung, der sich nichts schenken taffen will, dem
schwer um seine Existenz ringenden Kleinkaufmann, der aus
geschäftlichen Rückfichten ein prononziertes Armeninstitut nicht in
Anspruch nehmen kann und darf, die Segnungen eines jüdischen
Rekonvaleszentenheimes gegen geringes Entgelt zu
genießen. — Wer, unentgeltliche Aufnahme er¬
bittet, erhalte sie auch fernerhin, aberunauf¬
fällig.
Erst dann würde die „Philantropia" zu einer echt jüdisch¬
altruistischen Schöpfung, wie sie ihre Gründer gewiß auch beab¬
sichtigt haben, und ein Appell des Vereines an die Opferwillig¬
keit der Wiener Judenschaft müßte ohne Zweifel von viel klingen¬
derem Erfolge begleitet sein, als im gegenwärtigen Zeitpunkte.
Ilona Löwy, Wien.
Das Kerbst des Schofarblaseus
i« Wrffely a. d. March im Jahre 1719.
Nach Mitteilungen des gräfl. Magnis'schen Schloßarchivars u. k. k.
Konservators L. Nopp in Straßnitz, veröffentlicht vom
Kultusbeirat David Weis in Straßnitz.
Durch die Liebenswürdigkeit des obengenannten
Herrn Archivars, der vor Kurzem auch das Schloßarchiv,
der Graf Chorinskyschen Herrschaft in Wessely a. d. March
in Ordnung brachte, habe ich Kenntnis erlangt von einem
im Wesselyer Archive erliegenden, das Verbot des „Horn-
blasens" (Schofarblasen) der dortigen Juden betreffenden
Akt aus dem Jahre 1719, und will den Inhalt desselben,
der nicht nur von lokaler Bedeutung ist, sondern das all¬
gemeine jüdische Interesse erwecken dürste, vorerst kurz
skizzieren und dann den Sachverhalt wortgetreu nach den
Originalien veröffentlichen.
Den Wesselyer Iuden wurde im Iahre 1719 von
dem damaligen Gutsbesitzer, dem Baron Zeletzky. Dom¬
herrn zu Olmütz, das „Hornblasen" (Schofarblasen) ver¬
boten und der betreffende „Schulsinger" bestraft.
Ueber die durch den damaligen „Landesjuristen und
Sollizitator der mährischen Iudenschaft", Löbl Aron,
namens der Wesselyer Iuden beim König! Amt der
Landeshauptmannschaft erhobene Beschwerde wurde der
Besitzer der Wesselyer Herrschaft zur Aeußerung hier¬
über aufgefordert und ihm gleichzeitig bedeutet, „die
Iuden in ihren hergebrachten Zeremonien nicht zu be¬
irren.
Der obengenannte Gutsbesitzer äußerte sich dann über
die Beschwerde, daß er die Iuden am Hornblasen nicht
gehindert habe, nur den Schulsinger, der unter den Fen¬
stern des Schlosses geblasen und die nächtliche Ruhe ge¬
stört, gestraft habe.
Ein Beamter dieser Herrschaft hat auch dann den
Iuden bedeutet, daß sie machen können, was sie wollen, —
und auch dann berichtet, daß sie 3 Tage in der Synagoge
nacheinander geblasen haben.
Auf diese Art ist das Verbot des „Hornblasens" hin¬
fällig geworden und folgen nun die betreffenden Akten¬
stücke.
1. Klagedes Landesjuristen Löbl Aron,
präs. 17. Sept. 1719.
Hochlöb. Königl. Ambt der Landeshaubtmannschaft.
.Gnädig hoch gebiettende Herren, Herren!
Ich Khann nicht Unterlassen denen selben wehemitig
gehorsamb. in Nahmen gesambter Mährischen Iudenschaft
Vorrnbringen, wie die Iuden von Wessely Ihre gnaden
H. Baron Zeletzky, Thumherrn zu Olmütz (Tit.) gehörig,
sich wehemitig beschweret haben und gebetten wir sollen
sich ihrer annehmen und gehörigen orths Beybringen,
wie Ihr Schulsinger auf den Horn geblasen hat, ge¬
bräuchlich wie unsere Iüdische Ceremonien und glauben
mit sich bringet das Wir 4. Wochen Vor unserem Newen
Iahr alle Tag auf den Horn Blassen Müssen auch 2 Tag
wehret das Newe Iahr, welches den 15 ten und 16 ten
7 bris dieses Monatts sein, und einfallen wirdt und da
missen wür die gantze zwey Tag große gebett in der
Sinaco mit Schallen und Blaffen auf den Horn Ver¬
richten. Vermäg der fünff Bücher Moyses, welches Weldt
Kindig, daß Solches der Iüdische glauben mit sich brin¬
get. und wie der Schulsinger zu Wessely' an denn Horrn
geschallet und geblassen hat. so hat man solchen auf den
ösel gesetzet und an Iedweden Fuß zwey Zügel ange¬
hangen, und wollen weiter nit zu lassen das Blossen,
auf den Horn, welches würklich wider unser allergnädigst
Erhalte Privileg!) Ihro May. daß wür Unserer Cere¬
monien Unseres Jüdischen Glaubens gemeß ohne Einiger
Widerred gebrauchen und üben können, auch Kein Herr
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