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Dr. Blochs Wochenschrift
Nr. 3
Monat bringt eine neue Hatzlaffäre zum Vorschein. Man
wirft den Juden die Sucht nach Bequemlichkeit vor, aber
das kolossale Heer der Staatsbeamten besteht fast durch¬
wegs aus Christen. Die Juden sind angeblich Verächter
der Vaterlandsliebe und Verräter, in den ganz und fast
reinen Südstaaten sind es die Klerikalen, die fast ständig
Revolution machen. Man wirft den Juden skrupellose
Verderbtheit vor und nach dem Tode des christlich-
sozialen Führers wurden dessen letzte Worte entstellt
und für eine ehrgeizige Jntrigue verwendet. Man wirft
den Juden übergroßen Geschäftsgeist vor, aber dir Ge¬
meinde kauft unter den merkwürdigsten Umständen eine
große Unternehmung nach der anderen. Man spricht
von der Unterwürfigkeit der Juden, aber niemand hat
so arg um die Gunst der Regierung gebuhlt, wie die
Christlich-Sozialen, als sie Orden, Stellen und Titel
wünschten. So fällt eine antisemitische Verleumdung
nach der anderen auf jene zurück, welche sie ausgesprochen
haben. Das wird aber die' Christlich-Sozialen im Ge-
meinderat und im Landtag nicht hindern, diese Verleum¬
dungen immer wieder auszusprechen. Nur daß die
Bevölkerung auf diese Rufe Jud! Jud! nicht mehr
recht hinhört und die Lügen nicht mehr unbesehen glaubt.
Sie hat unterscheiden und kritisieren gelernt und so ist
die Zeit der lügnerischen antisemitischen Demagogie trotz
aller Anstrengung und den Bemühungen vorüber.
Die dritte Keicheduma ««d die Juden.
Vom Dumadkputierten M. Nisselowitsch.
Anläßlich des Sessionsschlusses der dritten Reichs-
duma äußert sich der Dumadeputierte Nisselowitsch über
die Haltung der Duma gegenüber den Juden wie folgt:
Ein bitteres Gefühl von Kränkung und Empörung
hat die letzte Session in den Herzen aller Deputierten
zurückgelassen. Denn eigentlich konnte sie niemanden be¬
friedigen. Mit großem Applomb sind die Oktobristen bei
der mit Ungeduld erwarteten Eröffnung der letzten
Session nach der Ermordung Stolypins mit einer Inter¬
pellation über die politische Geheimpolizei auf den Plan
getreten. Und schließlich gaben sie sich mit der schwachen
Antwort des Ministeriums des Innern zufrieden. Von
der oktobristischen Interpellation ist nichts anderes zu¬
rückgeblieben, als der antisemitische Eindruck ihres Auf¬
tretens und ihre Vereinigung mit den offenen Pog¬
romhetzern.
lleberhaupt hat die letzte Dumasession nur das eine
Positive gebracht, daß die Oktobristen, die man bisher
gewohnt war als die gemäßigten Liberalen anzusehen,
sich nicht nur mit den Nationalisten, sondern auch mit
den extremsten Rechten verbündeten. Dies trat ins¬
besondere bei der Beratung der Gesetzvorlage über die
Gleichberechtigung der Russen in Finnland, ferner als
sie für die Interpellation über den Ritualmord stimm¬
ten, und bei der Beratung des Gesetzes über die städtische
Selbstverwaltung in Polen zutage. Das Zeichen zu
diesem offenen Frontwechsel hat der Führer der Ok¬
tobristen, Gutschkow, selbst gegeben, als er eine Inter¬
pellation über die Ermordung Stolypins mit dem Satze
begann: „In Kiew hat der Jude Mordo Bagrow
usw. usw.". Ich habe, sagt Nisselowitsch, wohl jede
mögliche Gelegenheit ergriffen, die Haltung der Ok¬
tobristen ins richtige Licht zu setzen.
Und so wie der erste Tag der Session begann,
in Haß gegen die Juden, so wurde die ganze Session
im Zeichen der wildesten Judenfeindschaft, wie sie die
einstigen offenen Pogromhelden stets verrieten, zu Ende
geführt.
Auch die Polen haben uns nicht verschont. Auch
diese sonst klugen Politiker der Opposition glaubten, daß
sie durch ihr' Hervortreten als Antisemiten von ihren
neuen Freunden im rechtesten Flügel etwas erreichen
können, ohne deshalb ihre Sympathien im linken Flügel
emzubüßen. Und gerade die Haltung dieser schlauen
Politiker ist für die gegenwärtige Lage der Juden in
Rußland äußerst symptomatisch..
Und inmitten dieser für uns so schmerzvollen bit¬
teren Ereignisse stehen wir da und werfen nach wie vor
die alte Frage auf: was sollen wir tun? Durch den
Willen der Vorsehung in das Zentrum von Leiden und
Feindseligkeiten gestellt, frage ich mich oft: woher soll
uns Hilfe kommen? Und ich sehe es immer mehr und
mehr ein, daß in sehr vielen Belangen wir selbst an
unserer Hilflosigkeit schuld sind.
Weil die Juden von der dritten Duma von vorn¬
herein nichts Gutes zu erwarten halten, haben sich unsere
jüdischen Politiker in den einzelnen Städten vollständig
in sich zurückgezogen. Aus diesem Grunde haben wir
uns im Zentrum der Ereignisse immer so vereinsamt
fühlen müssen. Während unsere Gegner immer von
der Einigkeit der Juden sprechen, wissen wir es leider
zu gut, daß diese Einigkeit unter uns vorläufig noch
ein Traum, ein frommer Wunsch ist. Da ist zum Bei¬
spiel der Gesetzentwurf über das jüdische Ansiedelungs¬
gebiet. In dieser Richtung hatten wir auf die Führer
in den jüdischen Provinzgemeinden große Hoffnungen
gesetzt. Wir haben sie mit genauen Instruktionen ver¬
sehen. Aber das alles hat leider nichts genützt. Es
soll ja nicht bestritten werden, daß unsere führenden Ele¬
mente in der Provinz sich an philanthropischen Werken
sehr fleißig betätigen. Aber sie haben sich bisher un¬
fähig gezeigt, gegen unsere allgemeine Rechtlosigkeit mit-
zukämpfen und darin liegt eigentlich unser Hauptunglück.
Allerdings mag man dagegen einwenden, daß man
bei der gegenwärtigen politischen Lage in Rußland sehr
schwer Mut und Freude an einer politischen Arbeit haben
kann. Aber ich glaube doch, daß es schon Zeit ist, sich
zu sagen, daß unsere Gleichgiltigkeit, unsere unglaubliche
Indolenz, unsere traurige Lage nur noch verschlechtert.
Ebenso sicher ist es andererseits, daß wir den Kamps ge¬
gen unsere Feinde nur durch die Vereinigung aller unserer
moralischen, intellektuellen und materiellen Kräfte auf¬
nehmen und führen können. Deshalb werde ich nicht
aufhören, unseren Mitarbeitern in den Provinzgemein-
den zuzurufen, daß sie sich vereinigen mögen, weil ich nur
in der Vereinigung unsere Rettung erblicke, und die
Ueberzeugung habe, daß dann auch Gott mit uns sein
wird. _________
Die Ketrilignng der Inden am Keri-
schen Welthandel im Altertum.
(Nachdruck verboten. Uebersetzungsrecht Vorbehalten.)
(Fortsetzung.)
5) "Hi:. Wenn es noch eines Beweises bedürfen sollte,
daß die talmudische Literatur oft den Schlüssel zur Er¬
klärung der Bibel birgt, ohne den ganze Partien derselben
in vielfacher Beziehung fast ganz unverständlich blieben, so
könyen auch die auf das vorangestellte Wort bezughabenden
Bibelstellen hiefür als Beispiel dienen. Wir sprechen hier
nicht von der Bibel als Religions- oder Gesetzesbuch, sondern
als Geschichtsguelle. Denn stellt man nach dieser Richtung
hin einen Vergleich zwischen ihren konzisen, aber klaren An¬
gaben, die mit wenigen yur wie zufällig hingeworfenen
Worten ein ganzes Situationsbild aufrollen und den märchen¬
haft dunkeln Erzählungen anderer Literaturdenkmäler der
ältesten Geschichte, so muß jeder Unbefangene zugeben, daß
die Bibel ei r Ge chichtsbuch par excellence ist. Die eigent¬
liche ursprüngliche Tendenz bei der Abfassung der meisten
biblischen Bücher mag wohl eine andere als GefchichtS-