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Dr. Moch's Wochenschrift
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tusgemeinde der herzlichste Dank für die mir zuteil ge¬
wordene Unterstützung ausgesprochen. Besonders dank¬
bar sind mir die Soldaten für die Veranstaltung der
gemeinsamen Gottesdienste am Sabbat und Jomtow, da
sie doch ab und zu Mit Minjan beten können. Es wird
dann durch Vermittlung des Divisionskommandos den¬
jenigen Regimentern, die dermals weniger engagiert sind,
im Tagesbefehle mitgeteilt, daß am angegebenen Orte ein
Gottesdienst stattsindet. Bis nun konnten alle Andachten
ungestört abgehalren werden, da in unserem Abschnitt
verhältnismäßig Ruhe herrscht. Ich habe also Muße
und Gelegenheit, L-eelsorge zu üben, im vollsten Sinne
des Wortes.
Ich bestrebe mich auch, in meinen Ansprachen den
Soldaten Mut zuzusprechen und ihnen die Bedeutung
des Krieges für das Vaterland und uns Juden immer
.und immer wieder einzuschärfen. Wenn ich der armen
jüdischen Familien gedenke, die von den Kosaken mi߬
handelt und aus Haus und Hof vertrieben wurden, da
merke ich, wie neben der Träne im Auge der Zorn auf¬
blitzt und die Faust sich ballr, der Zweck der Ansprache
ist erreicht.
Rührend mrd erhebend zugleich gestaltete sich die
.Seelenandacht am letzten Tage des Pessachfestes. Als
ich das Gebet für die gefallenen Soldaten sprach, da
blieb kein Auge tränenleer, und als ein Soldat mit
schöner Stimme das „El mole rachamim" vortrug,
schluchzten die Offiziere und Soldaten laut. In tiefer
Andacht wurde dann das Mussafgeber verrichtet. Ueber¬
aus feierlich gestaltete sich auch der Minchagottcsdienst,,
den ich im Freien mit den jüdischen Soldaten des
30. Infanterieregimentes (Lemberger Hausregiment) ab¬
gehalren habe. Es war ein schöner Frühlingstag,, die
Sonne im Untergehen, den Himmel bedeckte Abendröte
und die stämmigen Burschen standen in Reih' und Glied,,
während einer von chnen das Gebet laut verrichtete.
Von den Worten des 5. Buches Mosis, Kap. XX, 1—4,
ausgehend: „Höre Israel, Ihr zieht in den Krieg gegen
den Feind, es verzage nicht Euer Herz, habet keine
Angst und keine Furcht, schrecket nicht zurück vor ihm,
denn der Ewige, Euer Gott, zieht mit Euch aus, um
mit Euch gegen den Feind zu kämpfen und Euch zu
helfen," hielt ich eine begeisternde Kampfesrede, wie sic
nur der Gedanke und die Erinnerung an das viele Un¬
heil, das uns Rußland zugefügt hat, diktieren konnte.
Man sollte die Soldaten gesehen haben, wie sie in voller
Rüstung dastanden und krampfhaft nach dem Gewehr¬
griffen, um das Unglück ihrer Brüder an den Feinden
zu vergelten.
Es folgte das Kaddischgebet, und ein kurzer Kom¬
mandoruf führte die Soldaten auf das nahe Kampffeld,
wo sie den Feind empfangen sollten. Ich stand noch
eine Weile da, schaute ihnen nach und sprach leise den
Priestersegen.
Besondere Schwierigkeiten haben mir die Vorbe¬
reitungen für Ostern bereitet. Ich fand jedoch das größte
Entgegenkommen bei den Militärbehörden. Es wurden
auf ärarische Kosten 1300 Kilogramm Mazzaus angeschafft
und jede Möglichkeit geboten, daß die jüdischen Soldaten
rituell verköstigt werden. Das Vieh wurde rituell ge¬
schlachtet und die Speisen in gereinigten Fcchrküchen oder-
eigenen Kesseln zubereiter. Ungewöhnlich erhebend waren
die beiden Sederabende, die ich im Kreise der Soldaten
verbringen durfte. Einen Abend habe ich, den zweiten
ein jüdischer Stabsarzt Dr. B. . . . gegeben. Die dienst¬
freien Soldaten haben sich in einem dazu hergerichteten
Raume versammelt, vor jedem stand ein Becher Wein,
lagen die Mazzaus und die mir vom Wiener Kultus-
vorstande zugesendete Brünner Kriegshagadah. Nach
dem Kidduschgebete stellte ein junger Militär¬
arzt aus Wien,. Dr. T. . . ., die! vier' vor--
geschriebenen Fragen und wir lasen dann, ün Chor die
Geschichte des Auszuges- der Juden aus Aegypten, woran
ich auf Ersuchen der Soldaten von Zeit zu Zeit Bemer¬
kungen knüpfte.
In meiner Schlußausprache erwähnte ich der
Brüder, die an diesem Abend in den. Schützengräben
ihrer Pflicht obliegen und mir uns den Sederabend nicht
feiern können. Tränenden Auges entboten wir sie .in.dieser
„Wachenacht" dem besonderen Schutze Gottes. An. bei¬
den Tagen wurde beim Morgengotresdienste nach chassi-
discher Art gebetet und viel gesungen;' nach dem Gebet
waren die Soldaten zum Kiddusch eingeladen und delek-?
tierten sich an gutem Sliwowitz.
Gelegentlich des Besuches von Spitälern und. Hilfst
plätzen überbrachte ich den Verwundeten und Kranken
Mazzaus, worüber sie sich besonders freuten. Auch sonst
suche ich die Patienten zu beruhigen und durch kleine
Aufmerksamkeiten, wie Zeitungen, Bücher, Schokolade,
.Zigarren u. dgl., zu erfreuen. Jüngst verlangte ein
Verwundeter, als er sein Ende herannähen, fühlte, ich
möge ihn besuchen. Es war spät abends,, ich fuhr in
das fünf Kilometer entfernte Spital und tvurde mit
Freudentränen empfangen. Wir sprachen beide laut das
Bekenntnisgebet und der Kranke schlief, von der Erregung
ermattet, ein. Er lebte noch drei Tage. Diese Einzel¬
heiten sind auch für mich tiefergpeisende Erlebnisse,. nie
beachtete Geheimnisse aus dem tiefen Innern unserer
Seele flüstern in unsere Ohren und zwingen uns zur
Einkehr, zur Besinnung auf unser Seelenleben.
Auch habe ich mich bestrebt,, daß ein jüdischer Sol-
darenfriedhof hiev angelegt werde, was mir dank dem
Kommandanten F. gelungen ist. Nun wirb jeder", ge¬
fallene oder im Spitale verstorbene Soldat auf die¬
sen Friedhof gebracht und ganz nach jüdischem Ritus
beerdigt. Zu diesem Zwecke habe ich eine Ehewra-Kadischa
und einen Begräbnisfonds gegründet, , zu. dem (aid bei-
liegender Liste Soldaten beisteuern. Jedes Grab tvjrd mit
einer Tafel stersehen, die die Daten des Verstasrbenen
enthält; die Gräber werden chronologisch, nummeriert
und die Namen in ein Gedenkbnch eingetragen,, welches
sich in den Händen des Obmannes der Ehewra-Kadischa
befindet. Dieser Verein besteht aus Juden des! Ortes,
wo der .Militärfriedhof sich befindet. Jüdische Soldaten
sind die Begleiter der Toten, und es ist rührend, wie
sie ihren gefallenen Kameraden-, den letzten: Dienst er¬
weisen. Sechsundzwanzig, Unteroffiziere und Soldaten des
Infanterieregiments . . . spendeten- für djesen Zweck aus
ihrer Löhnung 43 Kronen. Nur kurze? Zeit, bin ich in
dieser ungewöhnlichen Berufstätigkeit,, sie bot mir aber
bereits so viel Schönes und Erhebendes,, daß ich nur.
meine vollste Zufriedenheit ausdrückew kann.
Mir persönlich geht cs recht gut» während der Fest¬
tage wurde ich bei einer jüdischen Familie überaus gast¬
freundlich ausgenommen.
Wenn ich langer im Dienste bin, werde ich JhWN
hoffentlich noch mehr berichten können.
Mit besten Grüßen» an Sie und alle lieben Freunde
verbleibe ich Ihr
Dr. M. Taube r,'"
*
Anschließend an diesen so inhaltsreichen Feldpost¬
brief, erlaube ich mir, dem verehrten Leserkreise dieses
Blattes nachstehende Anregung zu unterbreiten:
Es wäre ein kleines Zeichen unserer Erkenntlichkeit
für die eifrige Tätigkeit des Herrn Feldrabbiners Dr.
Tauber, wenn wir ihm hiebei ein wenig behilflich
wären. Wie wäre es, wenn unsere Leser ab und zu
Herrn Dr. Tauber Liebesgaben für die- von ihm be¬
treuten Kranken und Verwundeten zukommen ließen? Dem