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DIE STIMME
Nf. 10?
Delegiertentag der deutschen Zionisten
Weizmann lehnt die Politik des Brith-Schalom ah — Berl Katzenelsons Ansprache — Die
Haltung der„|tidischen Rundschau“ — Bemerkenswerte Rede Qoldmanns — Mißtrauensvotum
gegen Red. Dr. Robert Weitsch abgelehnt. — Blumenfeld wieder gewählt
Von unserem Sonderberichterstatter Dr. Israel Taubes
Jena, am 29. Dezember 1929.
Der von der gesamten zionistischen Öffentlichkeit
mit Ungeduld erwartete XXIII. Delegiertentag der
deutschen Zionisten wurde heute, 11 Uhr vormittags,
in Anwesenheit von 150 Delegierten und einer riesig
großen Anzahl von Gästen und Vertretern aus Däne¬
mark, Holland, Erez Israel, Oesterreich und Südafrika
vom Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für
Deutschland, Kurt Blumenfeld, mit einer längeren An¬
sprache eröffnet, in der er auf die Bedeutung und die
Wichtigkeit der auf der Tagesordnung stehenden Pro¬
bleme hinweist. Die jetzige Situation beanspruche die
ganze Kraft der zionistischen Bewegung. Das jetzige
Geschlecht habe die Aufgabe, unser von ewigen Kräften
getragenes Ziel zu verwirklichen. Die ewige Kraft des
jüdischen Volkes wird den Sieg herbeiführen.
An der Konferenz nimmt der Präsident der Jcwish
Agency, Prof. Dr. Chaim Weizmann, teil, dem der De-
giertentag bei seinem Erscheinen in dem Saal nicht
endenwollende Ovationen bereitete. Zur Tagung sind
auch das Mitglied der Zionistischen Exekutive, Felix
Rosenblüth, der Direktor des Keren Hajessod, Doktor
Hantke, sowie Dr. Alexander Goldstein erschienen.
Ueber Antrag Dr. Landsbergs wurde nachstehendes
Präsidium gewählt: Kurt Blumenfeld als Vorsitzender
der Tagung, Beliiowsky (Revisionist), Benzion Fett
(Radikaler), Dr. Kalmus (Unabhängiger Zionist),
Dr. Moses (Linkes Zentrum), Dozent Dr. Rabin (Mis-
rachist) und Dr. Wolfsheim (arbeitendes Palästina).
In der Vormittagssitzung hielt Präsident Prof.
Weizmann seinen Bericht über die politische Lage.
In seiner großangelegten Rede, die oft durch Beifali
auch seitens der Opposition unterbrochen wird, führt
Prof. Weizmann folgendes aus:
«Ich freue mich, daß es mir möglich war, in dieser
schweren Zeit an Ihrer Tagung teilzunehmen und die
Debatte über die Hauptragen einleiten zu können. Das
ist das erstemal seit den traurigen Ereignissen, daß ich,
abgesehen von einer kurzen Ansprache, die ich vor
einigen Tagen in London hielt, öffentlich spreche. Und
es ist nicht leicht, zu sprechen. Es ist itm so schwerer
zu sprechen, als die Kommission zur Untersuchung der
letzten Ereignisse in Palästina ihren Bericht noch nicht
erstattet hat Diese Kommission sollte sich nicht mit
den grundlegenden politischen Fragen beschäftigen.
Der Bericht wird sich daher nicht auf die Fragen der
großen Politik beziehen, und infolgedessen kann man
diese Fragen nicht als sub judice betrachten. Die Er¬
eignisse in Erez Israel hatten nicht nur materiellen und
moralischen Schaden, aber noch einen anderen Effekt
hervongerufem Wenn auch die Instruktionen der Kom¬
mission beschränkte gewesen sind, so steht
heute die ganze Frage des Zionismus, des nationalen
Heimes, und all die Probleme, die dazu geführt
haben, beute offen vor dem Tribunal der Welt Wir
müssen heute nochmals vor der ganzen Welt unsere
Stellung klarlegen, unsere Rechte unterstreichen und
unsere Methoden abermals darstellen.
Die Epoche der Balfour-Deklaration und die
von San Remo war wohl schicksalsschwer und kann
mit der heutigen verglichen werden. Damals mußten
wir vorder Weit unsere Sache vertreten und auch
heute müssen wir es nochmals tun. Aber es gibt doch
einen Unterschied zwischen San Remo und der jetzigen
Zeit Die Welt war damals eine andere, aufgebracht
durch all das, was im Kriege geschah, waren die Köpfe
und die Herzen offen und zugänglich für große und
neue Ideen. Jetzt ist die Welt erstarrt und icli
darf wohl hier an das Wort eines großen englischen
Staatsmannes erinnern, der uns nach San Remo sagte:
^Nun habt Ihr die Chance, an Euch ist, sie auszu-
nützen. Ihr werdet schwere Zeiten haben. Denn nach
ein oder zwei Jahren wird die Welt aussehen wie das
Baltische Meer. Das Meer wird zu einem Eisblock er¬
starren und Ihr werdet Eure Köpfe in diesen Eisblock
einrennen müssen. Verzaget aber nicht, tuet Eure
Pflicht.»
Heute versteht uns die Welt anders. Aber wir haben
hinter uns eine Leistung in Palästina, die mehr ist
als Deklarationen und Proklamationen. Die Leistung
steht heute als politischer Machtfaktor da;
wenn diese Leistung nicht vorhanden gewesen wäre,
vielleicht wäre kein Angriff gegen uns gekommen, weil
wir einfach nicht da wären. Dieser Angriff hat uns
gerade in einer Zeit erfaßt, die von unseren Gegnern
sehr gut und in taktischer Weise außerordentlich klug
bemessen wurde. Denn wir waren gerade stark genug,
um auf die Welt Eindruck machen zu können. Aber zu
schwach, um uns voll und ganz verteidigen zu können.
Es geht heute um drei Probleme: 1. Unser Ver¬
halten zur Mandatarmaoht, 2. zu den internationalen
Organen (Völkerbund), 3. zu den Arabern.
Unser Recht auf Palästina und, um ganz genau zu
sprechen, unser Recht, ein nationales Heim ln Pa¬
lästina aufzubauen, ist heute unerschüttert, genau so,
wie es vor zehn oder vor hundert oder vor tausend
Jahren war.
Die Gründe, die die Großmächte und die fort¬
schrittliche Meinung der Welt dazu geführt haben, uns
dieses Recht anzuerkennen, sind heute nicht schwächer
geworden, sondern stärker. Das Judenproblem in der
Welt äußert sich heute in schärferen Formen als vor
zehn Jahren.
Die Welt wird morgen oder übermorgen zu der
Einsicht erwachsen müssen, daß es nicht angeht,
wenn zehn Millionen Juden zermürbt und zermalmt
werden, und wenn die Welt, was die Juden betrifft,
eingeteilt wird in zwei Kategorien, in Länder, in
welchen die Juden nicht leben können, und in Länder,
in die man Juden nicht hinehüäßt Keine Zivilisation
kann ruhig Zusehen, wie eine große Nation, ein Volk,
das seinen Beitrag zur Menschheitskultur geleistet
hat, verurteilt bleibt, zermürbt und zermalmt zu wer¬
den, in einem Zeitpunkt, wo ein Teil dieses Volkes
darnach strebt, an die Stelle dieses Lebens der Zer-
mürbung und Kräftevergeudung eine neue Produkti¬
vität zu setzen, indem in dem Lande, wo das Volk
seine Kultur, seinen großen Beitrag zur Mensch¬
heitskultur geschaffen hat, wieder eine Gesellschaft
aufgebaut wird.
Das ist unser Recht, das haben die Völker vor zehn
Jahren verstanden und trotz aller Angriffe müssen sie
das auch heute verstehen. Wir haben den Mut und das
moralische Recht, vor der Welt dafür eirczutreten. Wir
sind in Erez Israel in unserem Recht und niemand kann
uns das wegnehmen. Nach Palästina kamen Juden lange
vor der Balfour-Deklaration, weil sie alle fühlten, es ist
ihr Recht hinzukommen, dort zu bauen und ein neues
Leben zu schaffen.
Dieses Recht — und es ist traurig, daß ich es In
einem zionistischen Milieu wiederholen muß — ist
das einzige, wofür wir kämpfen, es ist in der Prä¬
ambel des Mandates verkörpert, es steht, wenn auch
alles andere fällt.
Und wenn heute auch manche das noch nicht ver¬
stehen, so werden Zeiten kommen, wo es verstanden
werden wird — wenn wir es fortwährend betonen und
unterstreichen. Und nur von diesem Standpunkt aus
können unsere Verhandlungen, sei es mit dem Völker¬
bund, sei es mit der Mandatarmacht, weitergehen.
Glücklicherweise finden wir — und ich sage das im
vollen Bewußtsein der Verantwortung, die auf mir
lastet, daß diese Hauptfrage, was die Mandatarmacht
betrifft, nicht zur Diskussion steht. Die britische Regie¬
rung hat durch den Mund ihres Premierministers und
ihres Außenministers bei den verschiedensten Gelegen¬
heiten, in Genf, beim Völkerbund, zuletzt in Brighton
bei der Tagung der Labour Party, erklärt und das Ko¬
lonialamt hat es mehrfach betont, daß die Politik der
britischen Regierung, sofern sie den Aufbau des Nafcio-
nalheims betrifft, sich :;icht geändert hat und sien nicht
ändern wird
Die Regierung hat der Untersuchungskommission
begrenzte Instruktionen erteilt, um nicht in der Welt
den Eindruck entstehen zu lassen, daß die britische
Regierung die Grundfesten dieser ganzen Politik
irgendwie in Frage stelle.
Es gibt in England Teile der öffentlichen Meinung
— ihr spezifisches Gewicht kann ich nicht absohätzen,
— die darauf drängen, man solle das Mandat aufgeben,
sich aus Palästina zuTÜckziehen. Tagaus, tagein häm¬
mert diese Stimme auf die öffentliche Meinung ein, aber
ich bin überzeugt, kein verantwortlicher Staatsmann
und kein verantwortlicher Engländer wird sich von
ihr beeinflussen lassen.
Sie haben erst neulich einen Brief gelesen, der von
drei Männern unterzeichnet ist, die damals, 1917, die
Politik des Nationalen Heimes durchdacht, veranlaßt
und durchgeführt haben, Balfour, Lloyd George, Gene¬
ral Smuts, einen Brief, in dem sie nochmals darauf hin-
weisen, daß diese Politik zu Recht besteht, ja, daß jetzt
die Zeit gekommen ist, zu prüfen — nicht ob das Man¬
dat durchgeführt werden soll, sondern wie das Mandat
durchgeführt werden soll. Gerade die Anregung dieses
Briefes ist von der ganzen großen englischen Presse,
von einem wichtigen Teil der öffentlichen Meinung sehr
begrhßt worden, als der wirklich notwendige Versuch,
heute, im Lichte der Erfahrung von zehn Jahren noch
einmal die Situation zu überblicken und eine administra¬
tive Maschine aufzubauen,
die uns die Garantie gibt, daß das Mandat dem
Geist und dem Wortlaut nach durchgeführt wird.
Ich zweifle nicht daran, daß die Anregung in irgend
einer Form, sei es durch eine zweite Kommission, sei
es durch eine andere Institution, verwirklicht werden
wird. Wir werden noch einmal alles, was vor sich ge¬
gangen ist, prüfen und ein praktisches Programm im
Einvernehmen mit der britischen Regierung für die
nächsten fünf bis zehn Jahre festzulegen haben.
Ich sagte schon: alles das ist nur dadurch möglich
geworden, daß wir eine Leistung aufzuweisen haben,
die den Respekt der Welt, die Achtung der nichtjüdi-
sohen wie der jüdischen Welt erzwungen hat und die
heute als ein Faktor dasteht. Und darum war es not¬
wendig, sich in diesen vergangenen zehn Jahren vor
allem auf die wirtschaftliche Arbeit zu konzentrieren.
Es war mir und meinen Kollegen in diesen zehn Jahren
klar, daß die Mandatarmaoht, besonders ihre Vertre¬
tung in Palästina, nicht alles getan hat, was dem Sinn
und dem Geist und dem Wortlaut des Mandates ent¬
sprochen hätte. Man hätte einen Kampf gegen die Man¬
datarmaoht und die Administration führen können. Aber
wir sagten uns, die Mandatarmaoht hat eine schwere
Aufgabe und auch wir tasten im Dunkeln, wir haben
etwas zu leisten unter Bedingungen, die in der Ge-
schiohte der Menschheit einzig dastehen. Zehn Jahre
sind eine sehr kurze Frist, um einen Weg, einen Ueber-
bl-ick über alle Schwierigkeiten zu finden, ein endgül¬
tiges Programm aufzubauen. Deswegen haben wir
manches ertragen, wogegen man vielleicht hätte an¬
kämpfen können, haben wir unsere Kräfte auf uns selbst
konzentriert. Und ich stellte mir die Aufgabe, das jüdi¬
sche Volk zu entdecken, und es wurde entdeckt und es
hat etwas geleistet und deswegen können wir heute mit
der Mandatarmacht und der Welt in einer anderen
Sprache sprechen, als wir es vor zehn Jahren konnten.
Und wir erwarten, daß jetzt eine Einigung über Po¬
litik und Arbeit, über ihre Pflichten und unsere
Pflichten zustande kommt, die dazu führt, daß in
unseren Tagen die Grundfeste des nationalen Heimes
aufgebaut werden. Wenn das geschieht, und ich
hoffe, es wird geschehen, so ist vielleicht der Preis,
den wir gezahlt haben — und ich unterschätze ihn
nicht — nicht zu hoch gewesen.
Nun ein Wort über das delikateste Problem, über
das so viel geredet und geschrieben wurde. Unsere
Situation, die Stellung derjenigen, die Sie auf verant¬
wortliche Posten gestellt haben, .ist dadurch nicht leich¬
ter geworden.
Es sind Retter des jüdischen Volkes in allen Winkeln
der Erde aufgestanden, vor allem in Jerusalem. Man
wollte das jüdische Volk retten — auf Kosten des
jüdischen Volkes.
Wir wurden durch sie -in eine Zwangslage versetzt,
wi r ko n nt-en -s 1 e nicht desavouieren, und
wir konnten sie nicht akzeptieren. Wir
wollten nicht den Schein aufkommea
lassen, als ob wir gegen Verhandlungen
mit unseren Gegnern wären.
Wir sind dafür, aber zur rechten Zeit und im rieh*
tigen Geist.
Die Grundlage unserer Existenz ist das Recht, in
Erez Israel unser nationales Heim aufzubauen. Ein
Recht, das uns verbrieft Ist seit Jahrtausenden und nicht
erst durch die Balfour-Deklaration. Es Ist das Recht,
das entstanden ist durch die Verheißung von Gott an
Abraham, und das wir mit uns getragen haben durch
die ganze Welt, durch eine sehr bunte Karriere. Das hat
uns die Möglichkeit gegeben, nach 2000 Jahren, als die
Komplett!
Waldes
das Ziel der
Ctianukahaktlon!
Baumspenden (ä S 10 50) nimmt entgegen; Keren Kajemeth, Wien , 1,, KärntnerstraBe Nr. 28
ESRSSBi Telephon R-27-4 85 und R-27-4 86