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Nr. 107
DTE STIMME
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Chance entstand, jüdische Männer und Frauen in allen
Ecken der Welt zum Aufbruch zu rufen, die dann auf
allen Wegen der Welt zu den Häfen gezogen sind, um
nach Palästina zu kommen und das zu schaffen, was
geschaffen worden ist
Diese Menschen schrieben jüdische Geschichte auf
dem Boden Palästinas mit Spaten, Pflügen ud Häm¬
mern.
Es ist kein Beispiel in der ganzen Welt für diese Art
der Kolonisation und wir können heute jedes Volk fra¬
gen: Wenn Du Kontinente erobert hast, wie hast Du
sie erobert? Wir, die wiir von der ganzen Welt ange¬
griffen sind, wissen, daß wir unseren ersten Schritt
nicht mit einer Ungerechtigkeit gegenüber anderen ver¬
binden dürfen. Das soll jeder Jude wissen, und jeder
Nichtjude, und das ist unser größter Ehrentitel.
Wir kommen nach Erez Israel in unserem Recht und
nichts wird uns davon abbringen, hinzugehen.
Und von diesem Platz — ich weiß, daß meine
Worte ziu ihnen kommen werden — sage ich den Ara¬
bern:
Wir wollen mit ihnen ein gemeinsames Vaterland auf¬
bauen. Wir haben es auf dem XII. Kongreß gesagt und
auoh diese Pogrome bringen uns davon nicht ab. Wir
werden alles tun, um Annä/herungspunkte und Berüh¬
rungsflächen herzustellen — aber dazu gehören zwei!
Nicht nur wir allein können es machen, es liegt auch an
ihnen, das zu verstehen. Wir brauchen sie, und sie brau¬
chen uns. Noch erkennen sie in uns nicht ihre Verwand¬
ten. Sie haben im Kampf unter dem Einfluß anderer
Kräfte, die sich weder für Juden noch für Araber inter¬
essieren, vergessen, daß Israel und Ismael verwandt
sind. Wir werden sie dazu bringen, das zu erkennen —
durch unsere redliche Arbeit. Aber auch sie müssen
ihren Schritt dazu tun, und ich glaube,
es gereicht einem Volke, das sich auf dem Wege zur
Befreiung befindet, nicht zur Ehre, daß von seiner
Seite nicht ein einziges Wort des Bedauerns über
Hebron und Safed ausgesprochen wurde.
Wenn sie verstehen werden, daß sie ihr Heim nicht auf
Leichen unschuldiger Menschen aufbauen können, dann
ist die Zeit der Verständigung gekommen. Wir sind
dazu jeden Tag bereit. Es gehört nicht in diese Ver¬
sammlung, die Wege zu schildern, die wir mit unseren
beschränkten Mitteln suchen, um diese Verständigung
herbeizuführen. . / .
Aber die Mandatarmiaoht kann, glaube , ich, gerade
in dieser Beziehung eine wichtige Rolle spielen. Wir
haben zu ihr gesagt:
Wir Juden wollen und können uns nicht au! ihre
Bajonette stützen. Selbst wenn wir es könnten, das
jüdische Volk würde es seiner Tradition nach nicht
wollen, wir wollen Frieden. Ihr könnt der ehrliche
Makler bei der Herbeiführung dieses Friedens sein.
Ihr könnt den Arabern sagen: Wir haben Euch gezeigt,
daß mir unser Bestes tun, um Euoh gerecht zu werden
■— im Irak, in Transjordanien, in Indien, in Aegypten.
Wir halten die Politik des nationalen Heimes für ge¬
recht, und wir werden dahin wirken, daß Ihr und die
Juden einen modurs vivendi etabliert. Sie wird es tun.
Aber man soll diese Arbeit nicht erschweren und ihr
nicht vorgreifen. Es ist die delikateste und schwierigste
Aufgabe. Künftige Geschlechter werden über uns zu Ge¬
richt sitzen und uns fragen, wart Ihr vorsichtig, wart Ihr
Euch klar, was Ihr tut.
Ich habe die Resolution des XII. Kongresses er¬
wähnt, und ich will noch ein Dokument erwähnen, das
vor wenigen Tagen entstanden ist. loh sah voraus, daß
man unseren Vertretern, die von der Untersuobungskom-
miission einem scharfen Kreuzverhör unterzogen werden,
die Frage vorlegen wird, wie wir uns die Zukunft vor-
steilen, und ich habe unseren Freunden folgende Instruk¬
tion gegeben, die ich hier vorlesen will, weil sie in der
Presse entstellt wiedergegeben wurde:
«Sollte man Sie (Sacher) oder Ruppin fragen, ob
wir vielleicht die Majorität erstreben, schlage ich
Ihnen folgende Antwort vor:
Wir wollen die Durchführung des Mandats, wir
wollen Freiheit der Einwanderung in Einklang mit
der ökonomischen Entwicklung des Landes. Diese
Entwicklung soll von der Mandatarmacht gefördert
tuid die Gesetzgebung dazu im Sinne des Mandats
ausgebaut werden. Ob dies zu einer Majorität füh¬
ren wird, ist schwer vorauszusagen, Aber was im¬
mer geschehen wird, wir wollen niemanden be¬
herrschen und von niemandem beherrscht werden.»
Was heißt nicht über die Zukunft fabulieren, ich
habe mich nie in Prophezeihungen eingelassen, beson¬
ders nicht, wenn es um Palästina geht, weil da eine un¬
geheuer schwere Konkurrenz vorliegt. Auf dem Boden
der Realitäten ist das ein Programm. Ich weiß nicht, was
man sich sonst vorstellt, ob es recht ist, futuristische
Programme zu entwickeln, auf dem Boden der Reali¬
täten entspricht das dem Können und den Möglichkei¬
ten. Davon werden wir nicht abweichen, nicht nach
rechts und nicht nach links.
Man verweist uns auf Schwierigkeiten, auf Araber,
auf englische Beamte und findet, daß es leichter sei, ein
kulturelles Heim zu schaffen. Ich verstehe dias nicht, was
ist das — Museum, ein Krankenhaus? Was »ist; ein ku|-
turelles Heim? Freilich, es ist einfacher Psukim zu deu¬
ten und zu sagen: «Palästina gehört allen Völkern» —
cs gehört niemandem, Palästina ist no men’s land. Wir
lassen uns darauf nicht einl Hat man uns oin «Kulturel¬
les Heim» versprochen oder eine «nationale Heim¬
stätte»? Ersatz galt im Kriege, nicht im Frieden.
Und nun zum Schluß: Das Traurige in dieser gan¬
zen Periode — es trifft nicht Sie, Sie haben Ihre
Pflicht getan — war, daß man inzwischen vorgessen
hat. an Keren Hajessod und Keren Kajemeth, an Land,
Kolonien, Budget. Alle Juden haben Politik gemacht,
das war einfach, das war billig. Und est ist meine
Pflicht, hier von dieser Tribüne Sie zu erinnern: es
gibt einen Keren Hajesseod und einen Keren Kajemeth,
und wir dürfen nicht auf hören, Land zu kaufen und für
unser Budget zu sorgen. Wir haben die Agency, die
einen schweren Sturz erlitten hat, zu einem Instrument
auszubauen, das leistet, was wir von ihr erwartet haben.
Deswegen kann ich Ihnen nur empfehlen, und Sie war¬
nen, sich nicht gegenseitig zu zerfleischen. Richten Sie
Ihre Geschäfte so ein, daß die Arbeit weiter geht. Kon¬
struieren Sie keine Differenzen in Fragen der Welt¬
anschauung. Wenn ich alles summiere, sehe ioh nur tak¬
tische Differenzen. Ich hoffe, daß Sie aus diesem Dele¬
giertentag gestärkt und ermutigt hervorgehen werden.
Israel geht nicht unter! Das ist das Letzte, was uns
bleibt. Ich habe manchem englischen Gegner gesagt:
Ihr glaubt, das Mandat nicht erfüllen zu können. Für
uns wird das nicht schwerer sein als die Austreibung
aus Spanien, als die Kreuzzüge, als die Inquisition, nicht
schwerer als die Pogrome in der Ukraine. Es wird eine
andere Zeit kommen und wir werden unser Ziel errei¬
chen. Aber — sagte ich — denken Sie daran, was ein
englischer Staatsmann gesagt hat: Gott verfährt mit den
Nationen, wie die Nationen mit den Juden. Es kann sich
niemand erlauben, eine Frage der historischen Gerech¬
tigkeit leichtfertig zu behandeln. Das ist unsere Stänke
und darum glauben wir, werden wir gestärkt in unserer
Arbeit fortschreiten.
Was wir heute tun, tun wir als Kidusch hasohem
und wenn unsere Jugend i>n die Wüsten und in die Fel¬
der Palästinas gegangen ist, so erklang aus ihren Her¬
zen eine neue Hymne der Arbeit und des Glaubens, die
Ta bleuen
2ogat*Tabletten finb unübertroffen jur ‘Bekämpfung
rheumatischer, gichtischer und nervöser
Schmersen, Kopfschmerzen, Erkältungs¬
krankheiten.
Sogal fdjeibet bie .Jrjarnfäure aus unb gebt bafjer
birekt gur TBur^el bes Übels! TDenn Saufenbe ooit
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oertrauensDoll kaufen, fragen 6le Sfjren Sh#! 3n
allen Apotheken. ‘Preis S 2*40
stieg zum Himmel und der jüdische Gott schaute auf
seine Kinder herunter und erkannte sie wieder. Und die¬
ser Gott wird uns weiter führen.» (Beifallssturm, die
Versammlung erhebt sich und bereitet Dr. Weizmann
große Ovationen.)
Naohher sprach der Führer der Jüdischen Arbeiter¬
schaft Palästinas, Berl Katzenelsom, und der
seit einigen Jahren in Palästina als Arzt tätige bekannte
deutsche Zionist Dr. Felix Daniziger, die zwei ver¬
schiedene Meinungen iim palästinensischen Judentum
vertreten. Katzenelson wendet sich scharf gegen die Re¬
visionisten, spricht aber auch gegen dieje¬
nigen Kreise, die für sofortige Bespre¬
chungen mit den Arabern auf der Basis
der arabischen Parlamentsforderung
e i n t r e t e n. Mit den Effendis und den anderen, die die
Massakers in Hebron und Safed arrangiert haben, wol¬
len wir nicht sprechen. Wir wollen mit dem
arbeitenden Volke sprechen, dessen In¬
teressen mit den unseren zusammen¬
fallen.
Dr. D a n z i g e r gab der Besorgnis weiter Kreise
des Jischuh über die Pläne der Araber, der Administra¬
tion und der internationalen Feinde der Zionistischen
Bewegung Ausdruck und forderte planvolles Entgegen¬
wirken. Redner fand bei der Opposition viel Beifall, da¬
gegen heftigen Widerspruch von Seiten der Gruppen,
die für die Leitung der Z. V. f. D. verantwortlich sind.
In der darauffolgenden Generaldebatte ergriffen
das Wort Dr. Barth (Misrachi), Dr. Kollenscher (Unab¬
hängiger), Dr. Richard Lichtheim (Revisionist), Dok¬
tor Nahium Gotdmann (Radikaler). Sämtliche Redner
bekämpften die Haltung der «Jüdischen Rundschau».
Dr. Goldmann akzeptierte aber namens der Radi¬
kalen voll und ganz Weizmanns Ausführungen und er¬
klärte, daß die ganze Debatte über den Judenstaat ein
Unding, typisches Literatentum und bloß eine Santimen-
talitätsfrage sei. Wie ich erfahre, forderte Oberbaurat
Stricker Dr. Goldmann schriftlich auf, auf dem Delegier¬
tentag unbedingt für den Judenstaat einzutreten. Dok¬
tor Goldmann sprach sich aber, wie bereits erwähnt,
gegen die Judenstaatdebatten aus.
Die Haltung der Leitung und der «Jüdischen Rund¬
schau» vertraten Dr. Landauer (Arbeitendes Palä¬
stina) und Dr. Moritz Bileskl (linkes Zentrum). In der
Abendsitzung vertraten Dr. Robert Weltsch und der Vor¬
sitzende der Z. V. f. D. Kurt Blumenfeld ln ausführ¬
lichen Reden ihren Standpunkt Nach diesen beiden
Reden nahm das Wort noch einmal Dr. Wetzmann, der
abermal« die Richtlinien der Politik der Exekutive in der
Araberfrage auseinandersetzte und die These Dok¬
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tor-Magnes von einem «Rultmrzionismus»
e n t s c h i e d e n a b 1 e h n t e.
30. Dezember 1929.
Der Delegiertentag nahm in der arabischen Frage
eine Resolution an, in der der Wunsch ausgesprochen
wird, mit den Arabern in Frieden zusammen zu leben,
Verhandlungen mit den Arabern dürfen nur von der
Zionistischen Exekutive geführt werden, jedoch nur auf
der Grundlage der vollsten Anerkennung des Prinzips
der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina. Das
Mißtrauenvotum der Opposition gegen die Haltung der
«Jüdischen Rundschau» wurde mit 84 gegen 54 Stimmen
abgelehnt.
Kurt Blumenfeld wurde mit 83 gegen 53 Stimmen
zum Präsidenten der Landesorganisation wieder¬
gewählt. Die Radikalen, Revisionisten und Unabhän¬
gigen haben an der Wahl nicht teilgenommen.
Eine Oppositionsrede Jabotinskys in Te! Aviv
Jerusalem, 29. Dezember 1929. (J. T. A.) In
einer Massenversammlung in Tel-Aviv führte Jabo-
tinstky aus, daß in ihren Bemühungen um die Balfour-
Deklaration Sacher und Weizmann den Judenstaat ver¬
langt haben. Auoh Lord Balfour, Lord Ceoil und andere
englische Staatsmänner hätten an einen Judenstaat ge¬
dacht. Aus der Wendung des Mandates von der Wieder¬
errichtung der jüdischen Heimstätte gehe die Intention
auf einen Judenstaat hervor, der auch der Wortlaut des
Weißbuchs nicht widerspreche. Die Engländer fühlen
sich wegen der Augustereignisse schuldig, daher wäre
es jetzt möglich, unsere legitimen Rechte zu erhalten.
Dazu sei aber eine große und würdige Formulierung
unseres Programms notwendig und ferner eine neue
Exekutive. Denn die gegenwärtige Exekutive hat schon
oft erklärt, daß sie ihre Haltung nicht ändern wolle, und
diese»habe den gegenwärtigen Zustand herbeigeführt.
Schließlich gab Jabotinsky seinem Glauben Ausdruck,
daß es unserer Generation obliege, den Weg zur Er¬
lösung zu bahnen. Wir können die Befreiung erlangen,
denn starke Kräfte sind im palästinensischen Judentiro'
und dn der Diaspora vorhanden.
Die Araber fordern Aufhebung der Toten-Meer:-Kon¬
zession an Novomeyski
Jerusalem. (J. T. A.) Die arabische Exekutive bat
eine Kampagne gegen die Erteilung der Toten-Meer-
Konzession an Novomeyski ein geleitet Infolgedessen
erscheinen in der arabische» Presse scharfe Angriffe
gegen Novomeyski.
Rabbiner der konterrevolutionären Propaganda be¬
schuldigt
Moskau. (J. T. A.) Gegen die Rabbiner einiger
Kreise in Weißrußland wird die Anschuldigung er¬
hoben, daß sie aus dem Auslande nicht nur Geld, son¬
dern auch konterrevolutionäre Literatur beziehen und
sie in den Synagogen und Leihrhäusern verbreiten. Iin
Zusammenhang damit wird hervorgehoben, daß die
jüdischen Arbeiter und Handwerker sich von den Rab¬
binern führen lassen und ihrem Einfluß unterliegen.
Die antisemitischen Studentenexzesse in Rumänien
nehmen kein Ende
Bukarest, 26. Dezember. (J. T. A.) Im Schnellzug
Czernowitz—Bukarest drangen in ein Abteil dritter
Klasse zahlreiche Studenten ein und begannen die jüdi¬
schen Reisenden zu malträtieren. Alte Reisenden, die de’
für Juden hielten, wurden mit Stöcken am ganzen
Körper mißhandelt. Ein auf diese Weise mißhandelter
Reisender zog die Notbremse, so daß der Zug auf freiem
Felde hielt Die hakenikreuzierisoheit Studenten flüch¬
teten sofort aus dem Zuge auf das freie Feld und such- 1
ten das Weite.
Die jüdischen Studenten Weißinann und Sufriai
wurden mit Geldstrafen von je 5000 Lei belegt, weil
sie während der Ausschreitungen die Notbremse zogen.