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Wien, Donnerstag, 12. Juni 1930 (16. Siwan 5690)
Nummer 130
Palästina var
Völkerbund
Die Stimmung in Genf für uns günstig — Weizmann zu den Sitzungen der Kommission nicht
zugelassen — Parlament in Palästina? — Die Memoranden der Jcwish Agency — Weizmanns
Brief an Sir Chancellor — Die Antwort der Jewish Agency auf den Bericht der Shaw-Kom¬
mission
r, #,
Wachsam bleiben!
Dl« Nachrichten der letzten Tage lauten
fttr unsere Sache ein wenig günstiger im Ver¬
gleich zu jenen Katastrophen, die in den letzten
Wochen auf das jüdische Volk niedersausten.
Genf scheint uns gewogener zu sein, als Lon¬
don. Die politischen Vertreter der Kulturwelt
identifizieren sich nicht mit der Politik eines
Pasefield und MacDonald. Das Weltjudentum
atmet auf: noch haben wir Freunde, noch sind
wir nicht gottverlassen, noch ist die Welt nicht
so weit, daß man das ehren wörtliche Verspre¬
chen der Nationen ohne Protest mit den Füßen
treten darf. . . .
Eine schwere Probe hat das jüdische Volk
in den letzten Wochen bestanden. Es ist unter
der Last der niederschmetternden Schläge
nicht zusammengebrochen. Es hat die gefähr¬
liche Krise mannhaft durchgehalten. Es hat
stolz und zornentbrannt mit allen friedlichen,
ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen das ihm
angetane Recht gekämpft und — es hat einen
kleinen Erfolg errungen. Die Stimme des Pro¬
testes verhallte nicht ohne Echo, erstaunt
horchte die Welt auf, in London begann man zu
wanken und in Genf hat man uns—wenigstens
teilweise — recht gegeben
Es wäre aber ein unverzeihlicher, unver¬
besserlicher Fehler zu glauben, daß wir bereits
gesiegt haben. Schöne Worte und angenehme
Phrasen mögen unserem wunden Herzen wohl
tun — solange ihnen keine Taten folgen, ber¬
gen sie in sich eine große Gefahr: sie schläfern
unsere Wachsamkeit ein und wiegen uns in
Hoffnungen, deren Erfüllung unter ein großes
Fragezeichen gestellt ist. Deshalb sind heute
nach wie vor Mut, Entschlossenheit, Opferbe¬
reitschaft, Unnachgiebigkeit und Kampf, For¬
derungen, die diese schicksalsschwere Zeit an
das schicksalgeprüfte Volk stellt. Wir haben
viele und wir haben mächtige Feinde und wir
besitzen keine anderen Waffen, als unsere
Einigkeit und unseren Willen.
Man hat das jüdische Volk in tiefstem In¬
nern seines nationalen Seins beleidigt und ver¬
wundet. Man hat vielleicht gehofft, daß es ver¬
bluten und an dieser Wunde zugrunde gehen
werde. Man hat die Rechnung ohne die Zähig¬
keit des ewigen Volkes gemacht. Man wird an
berufenen Stellen umlernen und einrenken müs¬
sen. 15 Millionen Verzweifelte sind eine Macht,
, mit der auch ein Weltimperium rechnen muß.
An uns in erster Reihe liegt es, daß man uns
höre, von uns in erster Linie ist unsere bessere
nationale Zukunft, die wir aus dem Jammertale
unserer heutigen Not heiß ersehnen, abhängig.
w.
Die Verurteilung Englands in
Genf?
Der „Hajut" berichtet aus Genf: Die
Mandatskommission hat am 9. Juni über die
Frage des legislativen Rates in Palästina be¬
raten. Es scheint, daß die Resolution bezüglich
Englands Palästinapolitik, die die Mandatskom¬
mission dem Völkerbundrate unterbreiten wird,
für England ungünstig lauten werde.
Mitteilung der Redaktion
Infolge der Pfingstfeicrtage ist die gegen¬
wärtige Nummer der „Stimme“ bloß 8 Seiten
stark. Die nächste Nummer unserer Zeitung er¬
scheint in normaler Stärke.
(W.) Die Erklärung Dr. Shiels, abgegben
vor der gegenwärtig tagenden Mandatskommis¬
sion des Völkerbundes, die wir in der letzten
Nummer der „Stimme“ an leitender Stelle ver¬
öffentlichten, ist als erstes Anzeichen dafür an¬
zusehen, daß die britische Regierung dem Drucke
der jüdischen Oeffentlichkeit in der ganzen
Welt, venigstens we'nn es sich um
Worte handelt, Rechnung zu tragen ge-,
willt ist. Zu spät scheint die Regierung zu be¬
merken, daß sie eich vergalloppiert habe. Der
einmütige Protest und der Entrüstungsschrei
aus allen Ecken und Enden der jüdischen Welt,”
konnten auch auf die Londoner Machthaber
ihre Wirkung nicht verfehlen. In Genf erscheint
heute England als Beschuldigter vor dem Fo¬
rum der Kulturwelt: es hat seine Man¬
datsverpflichtungen mit Füßen ge¬
treten. Scheinbar ist auch die Stimmung un¬
ter den Mitgliedern der Mandatskommission —
wie es aus den eingelaufenen Nachrichten er¬
sichtlich ist — England gegenüber nicht beson¬
ders freundlich. Ein leidenschaftlicher prozio¬
nistischer Artikel des bekannten Publizisten
Martin im „Journal de Geneve“, den wir an
anderer Stelle unseres Blattes wiedergeben, ist
bestimmt nicht als Einzelstimme zu werten.
Wie übrigens Prof. Weizmann in Berlin dem
Berichterstatter des „Haint“ mitteilte, haben
wir auch unter den Mitgliedern der Mandats¬
kommission Freunde, die uns und unsere Pro¬
bleme verstehen. Da die Sitzungen der Mandats¬
kommission nicht öffentlich sind, dringen nur
wenige Nachrichten über ihren Verlauf in die 1
Oeffentlichkeit. Wenn aber alles nicht trügt,
scheint die moralische Lage der Vertreter Eng¬
lands nicht besonders beneidenswert zu ©ein.
Einem Privattelegramm zufolge, sollte Van
Rees, der Vorsitzende der Mandatskommission,
in sehr scharfen Worten Englands mandats¬
widrige Palästinapolitik angegriffen haben. Die
britische Presse konstatiert mit Befremden, daß
die Mandatskommission England gegenüber eine
verhältnismäßig scharfe Stellung einnimmt und
führt diesen Umstand auf die jüdische Protest¬
bewegung zurück. Die Anstrengungen Doktor
Shiels, der sieh Mühe gab, die Mitglieder der
Kommission zu überzeugen, daß die Schaffung
eines jüdischen Nationalheini es in Palästina ge¬
sichert sei und daß die Sistierung der Arbeiter¬
einwanderung bloß eine zeitweilige Maßnahme
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sei, waren also nicht von allzu großem Erfolge
begleitet. Einem Berichte des „Haint“ zufolge
hat Lukes Anwesenheit in Genf keinen beson¬
ders guten Eindruck auf die Mitglieder der
Kommission gemacht und einige von ihnen soll¬
ten offen erklärt haben, daß England das Palä¬
stinamandat nur zu dem Zwecke bekommen
habe, um die Balfour-Dklaration zu verwirk¬
lichen, und daß die Hauptaufgabe Englands sei,
den Aufbau des Nationalheims zu sichern und
nicht die Araber zu schützen.
Als eine Schlappe unsrerseits muß dagegen
betrachtet werden die Tatsache, daß die briti¬
sche Regierung Prof. Weizmann
nicht erlaubt hatte, den Sitzun¬
gen der Mandatskommission heizu-
wohnen, unter dem Vorwände, daß dies gegen
die Satzungen der Kommission verstoßen würde.
Eine schwere Niederlage würde uns treffen,
sollte sich folgende, mit Vorsicht aufzuneh¬
mende Nachricht des „New York World“ be¬
wahrheiten:
In Genf verlautet es, daß die Palästinaregierung
ein Projekt der gesetzgebenden Körperschaft für Palä¬
stina nach dem Muster der Parlamente in anderen ara¬
bischen Ländern, über die England das Protektorat aus¬
übt, ausgearbeitet hat . Der Genfer Berichterstatter des
«New York World-» drahtet: Das Parlament soll aus
40 Mitgliedern bestehen, darunter sechs Juden und
34 Arabern und Christen, Der Palästinaregierung soil
das Vetorecht auf die Beschlüsse dieses Parlaments zu-
stehen. Außerdem soll sie die ganze Vollzugs- und Ge¬
richtsgewalt haben, wie auch das Recht, selbständig Ge¬
setze zu erlassen.
*
Am Dienstag, den 8. Juni, begann die außer¬
ordentliche Tagung der Ständigen Mandatskom¬
mission des Völkerbundes, die ausschließlich
den Angelegenheiten Palästinas im Zusammen¬
hang mit den Unruhen im August und Septem¬
ber 1929 gewilmet ist.
Ueber die zweite Sitzung wird offiziell mit¬
geteilt:
Die Kommission befaßte sich mit der Prüfung der
Ereignisse, deren Schauplatz Palästina vom September
1928 bis August 1929 gewesen war. Seitens der Man-
datarmacht war der Unterstaatssekretär für die Kolo¬
nien Dr. Drummond Shiels anwesend, dem der Chef¬
sekretär des Oberkommissariates in Palästina, Herr
Luke, und die Herren Lloyd und Clauson vom Colonial
Office assistierten. Nach chronologischer Prüfung der
Ereignisse und ihrer unmittelbaren Ursachen befaßte
sich die Kommission mit dem Moment der Verantwor¬
tung für die Unruhen im Herbst 1929 und deren tiefe¬
ren Ursachen. Dr. Shiels gab der Kommission ergän¬
zende Informationen und erwiderte auf seitens der Mit¬
glieder der Kommission an ihn gestellte Fragen. Auch
Luke erwiderte auf Fragen, die sich auf die Ereignisse
in Palästina bezogen.