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Tawig4apeteofabrHis I. 6., Wien, L, Schottenbastel 10.
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Ein Jahr zionistische Geschichte
Von Dr. Oskar Grünbaum, Präsident des
Zionistischen Landeskomitees
Das abgelatifene jüdische Jahr war das er¬
eignisreichste in der Geschichte des Zionismus
seit den Tagen der Balfour-Deiklaration und seit
San Remo. Nicht nur das Judentum der ganzen
Welt, auch die nicht jüdische Welt verfolgte
gespannt die Entwicklung der palästinensischen
Frage. Wir Zionisten erlebten seit den
Augustimruhen bange Tage, die Suspeödierung
der Einwanderung und der Bericht der Shaw-
Kommission steigerten unsere Erregung zur
Siedehitze, der Bericht der Mandatskommission
brachte eine fühlbare Erleichterung und die
Berliner Aktionskomiteetagung neue Unruhe.
Wir haben in diesem jüdischen Jahre, in dem
sich die Ereignisse überstürzten, in dem der
Kampf um die zionistische Position in Palä¬
stina und der Kampf der zionistischen Parteien
untereinander nie geahnte Formen annahm, so
viel erlebt, daß wir vielleicht noch nicht die
richtige Distanz gewonnen haben, um klar zu
sehen.
Trotzdem können objektive Feststellungen
schon heute gemacht werden, da die Panikstim¬
mung, die bezeichnenderweise die Galuth, nicht
aber den Jisohuw beherrschte, geschwunden ist.
Als wichtigstes und ©ehr erfreuliches Ergebnis
muß vorangestellt werden, daß das Judentum
der ganzen Welt einmütig aufstand, um für
Palästina zu manifestieren, daß das Judentum
das getan hat, was Herzl im „Judenstaat“ ver¬
langte: „Wir müssen die Judenfrage zu einer
politischen Welt frage machen, die im Rate der
Kulturvölker zu regeln sein wird“. Das Un¬
wahrscheinliche wurde hier Ereignis: Wir
Juden haben unser Recht zum erstenmal seit
der Zerstörung Jerusalems einmütig verfochten
und wir sind nicht unterlegen, Macht ging nicht
vor Recht. Wieso konnte unsere vielgelästerte
Exekutive • und die vielgeschmähte Jewish
Agency diesen Erfolg erringen? Nur weil wir
den Jischuw in Erez Israel geschaffen haben,
der mit heroischem Gleichmut standhielt, diesen
Jischuw, dessen Arbeit die Bewunderung der
ganzen Welt erregt, in dem ein neuer jüdischer
Geist aus Ghettomenschen den neuen, nacken¬
steifen, mit der Scholle verbundenen Menschen
schuf. Alle Proteste der Diaspora wären nutz¬
los gewesen, hätte der Jischuw in den Stürmen
des letzten Jahres versagt. So wichtig London
und Genf für uns sind, das jüdische Palästina,
die Stärke seiner jüdischen Besiedelung wird
immer in erster Linie das Schickeal des Zionis¬
mus bestimmen.
Da müssen wir uns fragen, oh wir alles
getan haben, um diesen Jischuw groß und stark
zu machen, wir Zion'stcn haben diese Frage zu
beantworten. Nun, wir müssen ein Sünden¬
bekenntnis ablegen. Wir waren vielfach lau,
wir waren vielleicht oft mit unserer ganzen
Seele bei der Sache, nicht aber mit unserem Ver¬
mögen. Wir haben debattiert, den Kampf der
Meinungen überspitzt, die zionistische Volks¬
bewegung zu wüstem Parteienzank degradiert.
Das ist das zweite, leider ©ehr traurige Ergeb¬
nis dieses Jahres. Ströme von Tinte und Buch-
druokerschwärze sind geflossen über die Rede
Weizmanns in Berlin und werden weiterfließen.
Der Mann, der auf ein opferreiches, dem Zionis¬
mus geweihtes Leben zurückblicken kann, den
man händeringend bat, seine Demission zurück¬
zunehmen, wird vielfach von Zionisten wie ein
Auswurf der Menschheit behandelt. Der Kampf
der Meinungen, geht unbeirrt weiter, ale ob der
Zionismus mit Weizmann stehen und fallen
würde. Ist Weizmann unser Diktator? Das
können auch seine Feinde nicht behaupten. Wir
haben eine demokratische Organisation, in der
jeder Stimmzettel das gleiche Gewicht hat.
Klammert ©ich Weizmann an seinen Präsi-
dentenstuhl? In Berlin wollte er doch gehen
K30CCCCÖGC5COCXXXXXXXXXXXXXXXXXXX5CXX2000C
Mplf der Zionisten
im
Cafe „Sites Rathaus"
(Cafötier Leo Löwy)
GrSftcr« «ad klein« Klublokale ,
1. Bez«, Wipplinyerstraße 24 ]
Tel. U 27-4-84, U 2Ö-2-74 | ]
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und man leh#te doch mit überwältigender
Mehrheit seine Demission ab. Ja, sagen aber
seine Gegner, er zerstört das Ideal der zionisti¬
schen Bewegung, er leugnet die Möglichkeit des
Judenstaates. Gewiß, wer da dieser Meinung ist,
muß sich zur Wehr setzen, aber nicht durch
Worte, sondern durah Taten. Es ist sehr billig
zu protestieren. Dieser Protestzionismus ist
auch so eine Erscheinung des letzten Jahres.
Man geht unausgesetzt in Protestversamm¬
lungen, protestiert, applaudiert oder schimpft
lind wirft sich in die Brust: „Nichts Zionisti¬
sches ist mir fremd. Was für ein guter Zionist
bin ich!“ Der Mund ist offen, aber die Tasche
geschlossen. So richtig es ist, daß der Zionis¬
mus seine Ideale nicht verwässern lassen darf,
so unsinnig ist es, sieh in Protesten zu er¬
schöpfen, wo doch die Möglichkeit fruchtbarer
Gegenwehr besteht. Worte sind nichts, die
Arbeit für und in Palästina ist die Gegenwehr
für alle, die das zionistische Ideal in Gefahr
glauben. So wie der Jischuw die Entscheidung
der Welt in Genf beeinflußt hat, wird sich das
zionistische Ideal nicht herauskristallisieren
als Ergebnis endloser Diskussionen in der
Diaspora, sondern als natürliches Produkt einer
mächtigen jüdischen Siedlung in Erez Israel,
deren äußerer Festungsgürtel eine opferfreu¬
dige Galuth Ist.
Hier ist der Hebel anzusetzen! Gehen wir
hinaus ins Volk, nicht um tins gegenseitig zu be¬
schimpfen und der Welt in einer großen Zeit
ein kleines, durch Partei hader zerrissenes Ge¬
schlecht zu zeigen, sondern um gemeinsam für
das Land unserer Sehnsucht zu arbeiten. Werben
wir neue Anhänger, opfern wir doch bis an die
äußerste Grenze für den Aufbau Israels! Weg
mit dem öden Protestzionismus! Wenn wir mit
diesem Plan ins neue Jahr gehen, dann sind wir
wahre Zionisten, dann wird das letzte Jahr
unseres zionistischen Mißvergnügens den stei¬
len, aber auch erfolggekrönten Anstieg bedeu¬
ten zur Verwirklichung unserer Ideale!
Herrn
RICHARD HERZOG
Inh. d. Musikhauses Excelsior
Wien, I, Adlergasse 6
Im Besitze der von mir ge¬
machten Neuaufnahmen teile
ioh Ihnen mit,dass dieselben
mich sehr befriedigt haben.
Sie übertreffen in bezug der
Reinheit der Stimme alle meine
bisherigen Platten.
.mit herzlichen Grüssen
S. Kwartin.
Zur Jahreswende
Von Dr. David Feuchtwang
Wehmütige Rückblicke sind unfruchtbar.
Wir könnten aber aus ihnen für die Zukunft
Lehren ziehen, wenn uns die Gestaltungen der
Verhältnisse der Zukunft einigermaßen klar
wären. Pessimistischer Tadel und rücksichts¬
lose Kritik bringen sefteü Erfolg. "Wei ernst¬
lich bauen will und bereit ist, mitzuhelfen, das
Schicksal der jüdischen Gemeinschaft günstig
zu gestalten , muß jeden Tag als einen Tag der
Schöpfung betrachten. Als einen Neujahrstag,
denn es darf kein Tag vorübergehen für den¬
jenigen, der die Fähigkeit und die Berufung
hat, mitzuwirken an der Schicksalegestaltung
des Judentums, an dem er nicht einen zweck¬
dienlichen und positiven Beitrag zu diesem
Schicksal leistet. Das verstrichene Jahr hat uns
vielfache Enttäuschungen, Verluste und Heim¬
suchungen gebracht. Man darf wohl voraus¬
setzen, daß die Schädigung der jahrzehntelang
geleisteten wundervollen Aufbauarbeiten in Pa¬
lästina allen Juden der Welt tiefen Schmerz
bereitet; das hat ©ich auch in den Hilfeleistun¬
gen und Kundgebungen klar geoffenbart. Daß
die gemachten Erfahrungen auch die jüdische
Politik beeinflußt haben und beeinflussen wer¬
den, ist nicht zu bezweifeln. Unschwer ist es,
die Männer, welche bisher die Hauptarbeit ge¬
leistet haben, erbarmungslos über den Haufen
zu werfen. Kurzsichtigkeit und Weiohherzig-
keit dürfen aber nicht so viele Rücksicht üben,
daß etwa diese Rücksicht das Gesamtwerk in
Palästina gefährden könnte. Denn es darf nicht
übersehen werden, daß eine Gefährdung dieses
Werkes oder gar dessen Vernichtung ein Un¬
glück für das Judentum der Welt wäre. Wenn
auch ein Teil, und zwar ein großer Teil des
Weltjudentums keinen positiven Anteil an Pa¬
lästina nimmt, weder seelisch noch materiell,
so kann doch von keinem Teil des Weltjuden¬
tums Palästina aus dem Kreise und Bereiche
jüdischen Denkens und Lebens ausgeschaltet
werden. Unsere ernsten Neujahrsbetraohtungen
finden in unserem Gebet und den Stücken der
leiligen Schriften, die zur Verlesung kommen,
claren Ausdruck. So individuell sie an gewissen
Stellen erscheinen und sich mit dem Einzel-
scbickeal beschäftigen, so umfassend sind sie in
ihrer Berührung mit dem universellen Schick¬
sal der Menschheit und der Weltgestaltung,
denn das ist ein charakteristisches Zeichen un¬
serer Feste im allgemeinen und unserer höch¬
sten Festtage im besonderen, daß sie das Ge¬
schick des Einzeljuclen mit dem Geschicke der
Menschheit tiefsinnig verbinden., Nirgendwo
aber und an keiner bedeutsamen Stelle unseres
Gottesdienstes und unseres Gebete wird das
Schicksal Palästinas in Vergangenheit, Gegen¬
wart und Zukunft außer acht gelassen. Unsere
Verbundenheit mit dem Lande der Väter und der
Propheten ist historisch und schicksalsgemäß
unzerreißbar.
Wer diese Verbundenheit zerreißt, durch-
sehneidet eine Pulsader des jüdischen Leibes
und verletzt ein zartes Organ des jüdischen
Seelenlebens. Es ist durchaus begreiflich, daß
der fromme, betende Jude zunächst seiner selbst
und seines Schicksals gedenkt. Die Sünden
aber, die wir gegen den Schöpfer der Welt be¬
gehen, hat Er zu verzeihen und ohne jeden
Mittler wenden wir uns an ihn. Die Sünden
gegen das jüdische Volk aber haben wir aus
eigener Kraft zu sühnen, nicht durch ein Lip¬
penbekenntnis, sondern durch lebendige Taten.
Die Schicksalslage des Weltjudentums ist nicht
günstig. Und die politische Konstellation ist
durchaus nicht so geartet, daß wir uns als noch
so treue Staatsbürger und heimatliebende Vater¬
landsfreunde unbedingt sicher fühlen könnten.
Wenn wir auch nach dieser Richtung keine Um¬
stürze fürchten und mit Einrechnung der
furchtbaren Notlage der Juden in einzelnen
Ländern der Welt trotzdem zuversichtlich auf
die Gerechtigkeit der regierenden Kreise bauen
können, so bedarf es doch allenthalben der
größten Umsicht und Sorge, das Judentum der
der Welt vor Verunglimpfung und Rechtsver-
ktirzung zu schützen. Gefährliche Zeichen an¬
griffsfreudiger Reaktion in kulturpolitischem
Sinne sind am Horizont sichtbar und in deut-
Ichen Taten und Aeußerungen hervorragender
Machtzentren Europas wahrzunehmen. Große
Innenarbeit am kulturellen, sittlichen und wirt¬
schaftlichen Aufbau der jüdischen Gemeinschaf¬
ten in der ganzen Welt sind zu vollziehen.
Das Gebäude ist vielfach baufällig und einst¬
mals festes Gebälke schwankt; es fehlt an
großen geistigen Führern, die mit Aufopferung
und Selbstlosigkeit am Werke wären, das Ge
bäude zu stützen. Unser Neujahrstag ist ein
Tag des Aufrufs zu sittlicher Tat und Einkehr.
Hier helfen die Gebete allein nicht und die
großen Versammlungen der Andächtigen in
noch so vielen Synagogen vermögen allein die
klaffenden Lücken der jüdischen Tat nicht aus¬
zufüllen. Spaltung, Zerklüftung und Zersplit¬
terung der Kräfte schwächen unsere unstreitig
große Kraft. Ungebrochen aber ist die innere
31!
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