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DItZ STIMME
Nr. 158 — 8. Jänner 1931
Lord Melcliett
Alfred Moritz Mond, erster Baron Melchett of
Langford, Grafschaft Southhampton, ist am 27. De-
ienibcr 1930 in seinem G2. Lebensjahre gestorben.
Sein Tod ist wahrlich vor der Zeit erfolgt. Wieder
ist einer der Menschen, die aktiv an dem Zustande¬
kommen der Balfour-Deklaration und an dem zehn¬
jährigen Aufbau Erez Israels beteiligt waren, von uns
gegangen. Ein Verlust, der schwer, wenn nicht unmög¬
lich wieder gutzumaciten ist. In der bevorstehenden
Kraftprobe zwischen der jüdischen nationalen Bewe¬
gung und der briiisclien Regierung wird seine H Ifc,
die zu geben er immer bereit war, schwer vermißt
werden.
Sein Lebenslauf zeigt die Karriere eines West¬
juden in der englischen Wirtschaft und Gesellschaft der
ictzten fünfzig Jahre.
Alfred Mond wurde im Oktober 1868 in Farnworth
in der Grafschaft Lancashire als Sohn des aus Deutsch¬
land eingewanderten Dr. Ludwig Mond geboren. Sein
Vater war der Begründer der großen chemischen Firma
Brunner, Mond & Co. Dessen Geschäft nahm in den
siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhun¬
derts, in der Zeit des aufblühenden Kapitalismus,
ständig an Umfang zu und stand bald in der ersten
Reihe der großen chemischen Fabriken Englands.
Dr. Mond, der in einer völlig christlichen Umgebung
lebte, ließ auch seinen Sohn zu einem echten Engländer
erziehen. Alfred Mond kam in das halbmilitärische
Cheltenham-Coüege, dann an St. Johns College Uni¬
versität Cambridge und an die Universität Edinburgh.
Im Jahre 1894 wurde er Mitglied der Juristeninnung
von Nord Wales und Chester. Er verließ jedoch bald
den Juristenberuf und trat in das Geschäft seines
Vaters ein, in dem sich erst seine außerordentlichen
geschäftlichen und organisatorischen Fähigkeiten rich¬
tig entwickeln konnten. In dieser Zeit gewann er tiefen
Einblick in das Wesen der Geschäfts- und Betriebs-
führung der großen Fabriken, die sein Vater an ver¬
schiedenen Orten des Landes besaß. Vor allem er¬
kannte er schon frühzeitig die Notwendigkeit einer
wissenschaftlichen Betriebsführung und planvoller wis¬
senschaftlicher Forschung im Dienste der Wirtschaft.
Einige Jahre später schloß sich Alfred Mond der
liberalen Partei an; im Jahre 1903 wurde er für Chester
ius Parlament gewählt. Die nächste Zeit brachte einen
ständigen Aufstieg der von ihm kontrollierten Fabriken.
Vor allem nahm er Einfluß auf die größten chemischen
und Stahlwerke des Landes, namentlich auf die Nobel¬
werke, deren Direktor er wurde. Für seine großen
wirtschaftlichen Erfolge wurde er im Jahre 1910 in den
erblichen Ritterstand erhoben. Im selben Jahre wurde
er für die Stadt Swansea ins Parlament gewählt; er
blieb 13 Jahre Abgeordneter dieser Stadt. In dieser
Zeit seines Lebens war er ein überzeugter Freihändler;
er nahm damals in seiner Stellung als einer der V/»rt-
schaftsführer Englands, die er ständig ausbaute, star¬
ken Einfluß auf die Wirtschaftspolitik der liberalen
Partei, die zu jener Zeit an der Regierung war. Im
Jahre 1916 wurde er Mitglied der Regierung Lloyd
George als erster Kommissär für öffentliche Arbeiten
und erhielt Kabincitsrang. 1921 wurde er Minister für
öffentliches Gesundheitswesen, reorganisierte dieses
Ministerium von Grund auf und erweiterte dessen Wir¬
kungskreis. Mond trat mit der Regierung Lloyd George
zurück und wurde im Jahre 1924 Parlamentsmitglied
für Carmarthen, Wales. Als Mitglied der Regierung
untergingen seine politischen Anschauungen einer
Wandlung und er geriet immer mehr nach rechts. Seine
Einflußnahme auf die Wirtschaft Englands wurde
immer größer und er giiederte seinen Konzernen immer
mehr Werke an. Seine politischen und wirtschaftlichen
Anschauungen wurden immer stärker von dem Gedan¬
ken einer wirtschaftlichen Organisierung und Rationa¬
lisierung des britischen Reiches erfüllt und demgemäß
richtete er seinen Aufgabenkreis ein. Im Jahre 1923 trat
er aus der liberalen Partei, mit der allgemeinen Politik
ihres Führers Lloyd George unzufrieden, aus und schloß
sich den Konservativen an. Diese Zeit bildete den Höhe¬
punkt seiner Laufbahn. Von der Notwendigkeit der
Rationalisierung des Wirtschaftslebens des Weltreiches
ausgehend, vereinigte er zunächst alle chemischen
Fabriken und Werke in einen großen Konzern, der
Imperial Chemicals. Dann führte er die Vereinigung
aller Anthrazitwerke durch.
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Mond glaubte auch stark an die Notwendigkeit
einer ständigen und engen Zusammenarbeit zwischen
Kapital und Arbeit. Ueberliaupt war er tief von der
Notwendigkeit der kapitalistischen Wirtschaft und Ge¬
sellschaft im Interesse der gesamten Menschheit über¬
zeugt, In diesem Sinne hielt er auch im Jahre 1923 im
Parlament eine Rede, die die Erfolge des Kapitalismus
und dessen einzigartige Rolle in der Vermehrung der
Bedarfsgüter für die menschliche Wirtschaft dem de¬
struktiv revolutionären Sozialismus, der nur im Bürger¬
krieg enden könne, gcgenübcrstellte. Diese Rede, die
sein politisches Glaubensbekenntnis bedeutete, wu.de
in England rasch bekannt. Vier Jahre später ging von
ihm die Initiative zu den berühmten Konferenzen aus,
die zwischen Mond, einer Gruppe englischer Gro߬
industrieller und den Gewerkschaften stait.aiulen. Das
Ziel dieser Konferenzen, die ein ständiges Komitee für
Arbeitsfrieden einsetzten, sollte die Herste'luag einet
engen Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und
Industriellen sein.
Der Führer des Gcwerkschaftskomitees, Ben
Turner, sagt in einem Nachruf auf Lord Melchett,
dieser werde als einer der grüßten lndust. leorganma-
toren und wegen seiner Bemühungen um den Arb zits¬
frieden im Gedächtnis der Welt fortleben. In ähnlicher
Weise äußert sich der Generalsekretär der Transport¬
arbeiter-Gewerkschaft, der sagt, daß Lord Melcliett
der fortschrittlichste Arbeitgeber gewesen sei, mit dem
die Arbeiterschaft Englands jemals zu tun gehabt habe.
Infolge seiner Verdienste wurde er im Jahre 1928
zum Baron Melcliett ernannt. In der letzten Zeit seines
Lebens schloß er sich der imperialistischen Bewegung
an, die aus dem britischen Weitreich einen einheitlichen
Hochschutzzoliverband mit Freihandel nach innen
machen will.
Am Ende seines Lebens kontrollierte Lord Melchett
einen Konzern, hinter dem eine Kapitalsmacht von
96,000.000 Pfund Sterling stand.
Er war auch Ehrendoktor der Universitäten Oxford
und Manchester.
Lord Melcliett hatte den größten Teil seines Lebens
hindurch überhaupt keine Verbindung mit dem
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Judentum. Er war mit einer Christin verheiratet und
ließ seine Kinder zu Christen erziehen. Sein Leben war
das eines englischen Politikers und Wirtschaftlers. Erst
der Kampf um das Zustandekommen der Ba'four-
Dekiaration machte ihn zu einem eifrigen Zionisten.
Im Verlauf der Verhandlungen über die Balfour-Dokla-
ration führte nämlich eine Gruppe antizion'.st’schcr
englischer Juden auch seinen Namen auf einem ihrer
zahlreichen Memoranden an; Lord Melchett erklärte
daraufhin öffentlich, daß seine Sympathien auf Seite
der Zionisten stünden. Mit der ihm eigenen Intensi.ät
nahm er dann an der zionistischen Bewegung teil. Er
wurde 1921 Vorsitzender des Wirtschaftsratcs für
Palästina und später Präsident der Expertenkommis¬
sion, die auf Grund des Jewisli Agency-Plancs im Jahre
1927 gewählt wurde.
Nachdem er schon am Anfang seiner zionistischen
Tätigkeit 23.000 Pfund Sterling für die zionistischen
Fonds gespendet hatte, spendete er 1927 dieselbe
Summe für die Arbeitslosen in Palästina. Im Auftrag
der Jewish Agency-Kommission hat er das Land selbst
besucht, und dieser Besuch bestärkte ihn in seiner An¬
hänglichkeit für den Zionismus. Der Besuch über diesen
Besuch machte auf die jüdische Oeffcntlichkcit einen
starken Eindruck. Für Lord Melchett war der Zionismus
eine großartige nationale Anstrengung des jüdischen
Volkes, sein Leben auf eine moderne, normale Basis
zu stellen. Im Jahre 1923 wurde er Präsident der eng¬
lischen zionistischen Föderation.
Im Oktober 1930 trat Lord Melcliett von der Stelle
eines Vorsitzenden der politischen Kommission der
Jewish Agency aus Protest gegen die Haltung der bri¬
tischen Regierung und gegen das Weißbuch Lord Pass-
fields zurück, ln dem Brief, der seinen Rücktritt be¬
gründete, sprach er davon, «daß jede Zeile dieses
Weißbuches den Stempel der Kritik und Feindseligkeit
gegen das jüdische Werk in Palästina trage und die
berechtigten Hoffnungen des jüdischen Volkes in jeder
Weise verletze».
Vor einigen Wochen ist er auch aus Krankheits¬
gründen und wegen der letzten politischen Erc gnisse
in der zionistischen Bewegung von seiner Stellung als
Präsident der englischen Föderation zurückgetreten.
Der Tod Lord Melchetts wird in den weitesten
Kreisen des jüdischen Volkes, insbesondere in England,
tiefes Bedauern auslösen. Denn gerade das Beispiel
seines Lebens zeigt die große Gewalt des zionistischen
Enft uerungsgedankeder im Falle Lord Melchetts so
Star* war, daß er Unen Mann, der den größten Teil
seines Lebens dem Judentum völlig entfremdet w
dazu brachte, einen bedeutenden Teil seiner Zelt, scr
Arbeit und seiner Ai;fiel seinem Volke zu widiri
Wenn man bedenkt, daß die Anforderungen, die
stets wechselnde Leben des grüßten Reiches der E
an einen seiner führenden Männer in Politik und W'
sciiaft stellt, äußerst groß sind und solche Män
niemals aus ihren Spannungen lassen, erscheint eli
erst die Arbeit, die Lord Melcliett für unsere Sa
geleistet hat, im richtigen Lichte. Seine führende T
nähme an der zionistischen Bewegung in England
dieser wegen de3 wirtschaftlichen, polidcchen unF
sellschafiiichen Einflusses, den er ausübte, sehr*
nützt. Unser Verlust ist in England unersetzlich, i
Lord Melchetts Sohn, Henry Mond, der nun zwf
Baron Melchett Ist, hat mit der jüdischen Sache
Verbindung. Sein Tod erfolglo in einem Augenblick
dein das jüdische Volk seiner mehr als je bedti.f
1. r. ,
Prof. Weizmann über Melcht
Am 27. Dezember, abends, wurde in 1-
don die 31. Jahresversammlung der Enh
Zionist Federation eröffnet. D.c Tagung id
unter dem Eindruck des wenige Stunden vir
erfo gten Ablebens Lord Ateiclietts, derle
Zcitlang an der Spitze der English Zionh*-
deralion gestanden hatte.
Der Präsident der Jewish Agency, Dr. (fbl
Weizmann, hielt einen tiefempfundenen ih-
ruf auf Lord Melchett. Dr. Weizmann führen
«Unsere Versammlung ist von einem tragijen
Ereignis überschattet: dem Ableben eines gtbn
Mannes in Israel, eines Mannes, der viele Jahrein-
durch unserer Sache unschützbare Dienste geftet
hat. Erst in verhältnismäßig späten Janren isurd
Melchett zu uns gekommen. Der britischen Klrie,
der briiisclien Wissenschaft und Politik hat miit
jener Hingabe gedient, die er Jeder Sache, der c^ich
einmal gewidmet hatte, entgegenzubringen pgte.
Etwa 1915 oder 1016, mitten im Kriege, als ddslo«
nlslischc Problem in den Vordergrund politisch, Er¬
örterungen gerückt wurde und anfing, das In'esse
der Weltmächte auf sich zu lenken, begannauch
Lord Melchett, langsam und zögernd zuchst,
gleichsam tastend, einen Weg zu uns zu suchefBald
schon wurde er ein eifriger Förderer, ja eh! der
Säulen unserer Bewegung, der er sein toße»
Prestige, seine moralische ijilfe und seine grofügige
materielle Unterstützung liel^Wo immer eine äiwie-
rigkeit auftauchte, konnte m£n sich vertrauenill an
ihn wenden, immer war er tyreit, zu raten m tat¬
kräftig zu helfen. Er war die Großzügigkeit inferson.
Was immer er unternahm, ste^ waren seine fcnzep-
tionen weitgreifeiul und groß. Palästina erscitn Ihm
als der Weg zur endgültigen Usung cler Jucfifrage.
Er legte an das Palästina-Problm einen siaaimänni-
schen Maßstab und bediente sic. bei der Bcljmdlung
dieses Problems staatsmännischi? Mittel.
Ich gedenke noch der Zeit, da ich der Vorzug
hatte, ihn auf seiner ersten PaUitina-Reisei zu be¬
gleiten. Er, ein Mann, reif an Jahrn und ref an Er¬
fahrungen, ein Mann, der großen Weg gewoll t, große
Unternehmungen zu leiten, war, |s C r dm Boden
Palästinas betrat, wie umgewandclt, yar ein üngling,
den alles, was er sah, in Begeistern^ versetzte. Vor
seinem geistigen Auge erstand all d^, was! hier im
Verlaufe von zehn Jahren werden nr^hte, ijnd in
vielen Fällen ist heute seine prophetis^e Voraussicht
zur Wirklichkeit geworden. \
Als wir am U.cr ues 'i ibcrias-Sees ^tlang fuhren,
sagte er, cr wünschte, hier ein Maus zubesiizen, um
sich Hierher zurückzuziehen und geistige Erhebung zu
finden, wenn er einst des Treibens der W\t müde ge¬
worden sein sollte. Er besaß später ein s<ehes Haus,
cs war ihm aber nicht mehr vergönnt, üzu sehen.
Erst vor 14 Tagen hat er den Plan einer reise nach
Palästina erwogen und dabei erklärt, es seitoch nicht
in Ordnung, daß er sein Haus in Palästina V>ch nicht
gesehen habe. Wenige Tage vor seinem To6 fiel ihm
plötzlich ein, daß die auf seinem palästhWschen
Landgut Tel Mond beschäftigten Arbeiter keiV eigene
Bibliothek besitzen, und noch von seinem Tienbette
aus ordnete er die Schaffung einer solchen Bfliothek
an. Er fand für kleine Dinge ebenso Zeit \\* für
große.
Ais zurzeit cler Unruhen in Palästina ZweiV ge¬
äußert wurden, ob er die Arbeit in Tel Mond lytzu-
führen gedenke, da sandte cr in seiner geahnt
lakonischen Sprache ein Telegramm nach Palätina,
in dein zum Ausdruck kam, daß er diese ZwelfeXals
närrisch empfinde und selbstverständlich die Fort¬
setzung der Arbeit wünsche.
Ich hatte oft Gelegenheit, mit ihm über Palästik-
Problemc zu diskutieren. Dies war das Band, das m!
mit ihm verknüpfte. Niemals wurde er von Kleimnl
erfaßt. Er hatte den Mut der Ueberzcugung und wußl
ihm Ausdruck zu verleihen. Audi auf anderen Gebiete!
des Lebens stand er wiederholt vor Schwierigkeiten
und komplizierten Problemen, für die er immer einc\
klare Lösung fand. Sein Charakter zeigte viele Selten!
und bildete doch ein anziehendes Ganzes. Er besaß
einen hohen Intellekt, sprudelte von Ideen Uber, lind
es erscheint unfaßbar, daß dieser unerschöpflich
Born von Energie und Gedanken durch eine kleine phy4
Biologische Ursache versiegt ist. y