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V. b. b.
BEZUGS¬
BEDINGUNGEN
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4. Jahrgang
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Jüdisdke Zeitung
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Wien, Donnerstag, J6. Februar 1931 (9. Adar 5691)
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Nummer 165
Aui dem Wege zur Selbstbe¬
sinnung?
MacDonalds Brief schafft wieder festen
Boden unter unseren Füßen und wir erwarten
von den weiteren Verhandlungen der Exekutive
ein Ergebnis, das unsere Hoffnungen rechtferti¬
gen wird. Man mag zur Exekutive stehen wie
man will, doch muß jedermann zugeben, daß
Weizmann in einer ungeheuer schwierigen Si¬
tuation, ungeachtet aller Anfeindungen und Be¬
schimpfungen aus dem eigenen Lager, ungeach¬
tet der geschlossenen Front der Zionistenfeinde
inder ganzen Wel t und in einer Zeit der schwer¬
sten wirtschaftlichen Bedrängnis unserer Orga¬
nisation den Kampf in Ehren bestanden hat. Das
wird nicht hervorgehoben, um Weidmann zu
lol jou; er braucht unser Lob nicht, wenn auch der
Erfolg hauptsächlich sein persönlicher Erfolg
war.
Es soll aber festgestellt werden, daß weite
.zionistische Kreise nichts getan haben, um die
Situation der Exekutive zu erleichtern. Es muß
hier die Hand auf eine offene "Wunde unserer
Organisation gelegt werden. Von antisemiti¬
scher Seite wird gern auf die geschlossene Front
des Judentums hmgewiesen. Oft liest man in
antiseimi t ischen Strei tschrifteil, zum Nachweis
d,afiir,. wie die juden in. allen jüdischen Änge-
legenheiten fest Zusammenhalten, den Satz: ,,KoT
Jisrael Chawerim“. Auch Cicero wird gerne
.zitiert, der von den Juden sagte: „Man weiß, wie
sie Zusammenhalten, wie sehr sie in den Ver¬
sammlungen das große Wort führen“. Nun, die
letzte zionistische Krise hat uns gezeigt, daß es
keine geschlossene jüdische Front gibt. Wir
wollen hier nicht von den jüdischen Antizio-
nisten sprechen, die mit unverhohlener Schaden¬
freude voreilig Grabgesänge für den Zionismus
anstimmten. Wir wollen nur darüber sprechen,
wie wir Zionisten zusammenhielten und wie wir
das Wort für unsere gemeinsame Sache fühlten.
Sagen wir es rund heraus! Wir hielten nicht
zusammen, jeder führte das Wort in seiner Par¬
tei Versammlung ■— an Parteien haben wir ja
keinen Mangel — und wir kehrten die Front
nach innen und nicht nach außen. Gewiß, nie¬
mand konnte bei einem Volke voh der Geistig¬
keit des jüdischen Volkes einen raschen Zusam¬
menschluß der Front erwarten. Niemand erwar¬
tete auch eine bedingungslose Unterordnung
der Opposition unter den Willen der Leitung.
War es aber taktisch notwendig, war es politisch
klug, .daß der Kampf, wie es vielfach geschah,
auf das persönliche Gebiet getragen wurde?
Boten wir nicht das Bild eines mörderischen
Brudenkampfes, sind diese Kampfmethoden nicht
schuld daran, daß wir Menschen verloren, denen
wir bei einem anderen Verhalten ihren zionisti¬
schen Glauben hätten erhalten können? Man
wende nicht ein, daß wir auf die lauen Zionisten
verzichten können. Wir können keinen Menschen
entbehren. Man wende auch nicht ein, dieser
Kampf sei notwendig gewesen, um uns von der
„verderblichen Politik“ unserer Leitung zu be¬
freien, die uns in eine „Katastrophe“ treibe und
wie die Schlagworte sonst heißen. Wer der Mei¬
nung 1 war, die Leitung sei für uns ein Unglück,
der hätte den Kampf auch anders führen können,
unpersönlich, sachlich. In der politischen Kom¬
mission der Exekutive bot sich die Möglichkeit
für sachliche Kritik und für eine Beeinflussung
des Laufes dej Dinge. Das Chaos im zionisti¬
schen Lager war vielfach die Folge hemmungs¬
loser, persönlicher Kritik. Der Brief MacDonalds
Weil mann nach Palästina ab'
gereist
L o n d o n, 22. Februar. (J. T. A.) Am Freitag, den
20. Februar, hat Prof. Dr. Chalm Weizmann seine Reise
nach Palästina angetreten.
Weizmann lehnt die Uebernahme
der Leitung nach dem Kongreß ab
L o n d o n, 22. Februar. (J. T. A.) Unmittelbar vor
Antritt seiner Palästina-Reise gab der Präsident der
Zionistischen Organisation und der Jewish Agency,
Prof. Weizmann, einem Vertreter der «Jewish Times»
gegenüber die Erklärung ab, er werde auf keinen Fall
die Führung der zionistischen Organisation über den
Zionistenkongreß hinaus beibehalten. «Ebensowenig
wie man Ost und West zueinanderbringen kann»,
sagte Prof. Weizmann wörtlich, «ebensowenig wird
man mich bewegen können, weiterhin an der Spitze
der Organisation zu bleiben».
Weiters erklärte Dr. Weizmann, der einzige Zweck
seiner Bemühungen in letzter Zeit und seiner ferneren
Arbeit bis zum Kongreß sei der, für den Aufbau des
Jüdischen Nationalheims eine klare und günstige
Situation zu schaffen und die Zionistische Organisation
in einer besseren Verfassung zu übergeben als der, in
der sie-slch zur JZeit>sein.es Amtsantritte^^befand;
MacDonalds Briet dem Unter¬
haus offiziell unterbreitet
London. (J. T. A.) Der Abgeordnete Kenworthy
hat im Unterhause an den Ministerpräsidenten Ramsay
MacDonald die Frage gerichtet, ob er in der Lage sei,
dem Hause den Wortlaut des an Dr. Weizmann ge¬
richteten Briefes über die Politik der Regierung
Sr. Majestät in Palästina vorzulegen. In schriftlicher
Beantwortung dieser Anfrage erklärte Ministerpräsi¬
dent MacDonald: Jawohl, Sir, Folgendes ist der Wort¬
laut des Briefes, den ich heute Dr. Weizmann über¬
sandt habe. (Folgt der veröffentlichte Wortlaut des
Briefes MacDonalds an Dr. Weizmann.)
Unterhausdebatte Ober die militärische
Sicherung Palästinas
London, 20. Februar. (J. T. A.) Anläßlich der Vorlage
des Ergänzungsetats für den Kolonialdienst und den Dienst
im Mittleren Osten erklärte der Unterstaatssekretär für die
Kolonien Dr. Drummond Shiels im Unterhaus, Palästina habe,
wie alle anderen Agrarländer, schwer unter der Wirtschafts¬
krise gelitten und könne daher ohne Beihilfe der englischen
zeigt lins, daß diese Kritik voreilig und offenbar
nicht von der Kenntnis der Vorgänge in London
getragen war. Die innerpolitischen zionistischen
Folgen dieser Kritik wafen verheerend.
Das zionistische Lager stellte sich nach die¬
sen Angriffen optisch betrachtet so dar, daß
viele das Lager fluchtartig verließen, teils da¬
vonliefen, teils mißtrauisch von ferne das Durch¬
einander beobachteten. Die Unentwegten, Gott
sei dank die überwiegende Mehrheit der Zioni¬
sten, liefen lange Zeit wirr durcheinander, wüte¬
ten kopflos gegeneinander oder blieben unent¬
schlossen zwischen den kämpfenden Gruppen
stehen. Nun ebbt die Panik ab, die Reihen ord¬
nen sich und Mehrheit und Opposition sehen
einander verdutzt an. Wir erwachen wie nach
einem wüsten Traum. Es wird wieder Tag im
zionistischen Lager. Wir erkennen wieder, daß
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GBOSSBETBIEB FÜR HOUSUURSCHE
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Regierung zu den erhöhten Kosten der Landesverteidigung
sein Budget nicht ausba'ancieren.
Die Regierung Sr. Majestät, fuhr Unterstaatssekretär
Shiels fort, hat beschlossen, in Palästina gegenwärtig eine
Streitkraft von zwei Infanteriebataillonen aufrechtzuerhalten.
Außerdem wurden in Palästina und Transjordanien zwei
Flugzeuggeschwader und vier Panzerautomobilabteilungen
stationiert
Commander Kenworthy sprach über die hohen Kosten,
die Transjordanien verursacht, und trat für die Besiedlung
Transjordaniens durch Pa'ästinenser ein. In ähnlichem Sinne
äußerte sich Major Hopkin (Labour), der Transjordanien als
ein Land von großen Möglichkeiten bezeichnete.
Bezüglich Palästinas fragte Major Hopkin, wie weit das
System der den jüdischen Kolonisten erteilten Erlaubnis,
verschlossene Waffenlager zu haben, ausgebaut worden
sei, und schlug vor, das Netz dieser Waffenlager zu ver¬
größern. Zahlreiche jüdische Kolonisten seien ehemalige
Soldaten und es müsse in Erinnerung gebracht werden, ,
daß bei den letzten Unruhen kein einziges arabisches Dorf
von Juden angegriffen wurde.
In seinem Schlußwort erklärte Dr. Shiels, Ueberfälle und
Gegenaktionen seien, insbesondere an der Südgrenze Trans¬
jordaniens, eine alltägliche Sache geworden, es sei jedoch
zu hoffen, daß durch das Einsetzen mobiler Streitkräfte und
durch Verbesserung der Transportverhaltnisse ruhigere Zu¬
stände herbeigeführt werden können,' die die Besiedlung und
Entwicklung Transjordaniens ermöglichen.
Die Arbeit der O’Donnell' Kommission
London, 19. Februar. (J. T. A.) Im Unterhaus
stellte Abg. Colonel Howard Bury eine Anfrage be¬
züglich Zusammensetzung und Tätigkeit der O’Don-
nel-Kommision. Colonel Howard Bury bemerkte in
seiner Anfrage, daß Palästina «bereits einen Ueberfluß
an Kommissionen» besitze, und daß die O’Donnell-
Kommission schon über alle wichtigen Fragen Berichte
erstattet habe.
In Beantwortung der Anfrage erklärte Unterstaats¬
sekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels, die
Arbeiten der aus Sir Samuel O’Donnell und H. Griffin
vom Schatzamt bestehenden Kommission seien im
Gange, er werde über diese Arbeiten in der nächsten
Sitzung des Unterhauses genauere Mitteilungen
machen.
wir Kämpfer für eine gemeinsame Sache sind.
Gestehen wir es ruhig ein! Zum ersten Male
nach langer Zeit fühlen wir wieder, daß wir zu¬
sammengehören, daß wir Brüder im Kampfe sind
für eine gemeinsame Sache. Dieses Gefühl der
Brüderlichkeit darf nie wieder untergehen, auch
dann nicht, wenn wir in Fragen der Taktik, des
Tempos, oder der Führerschaft verschiedener
Meinung sind. Dieses Gefühl der Brüderlichkeit
darf auch dann nicht untergehen, wenn der Zio¬
nismus in neue Krisen geraten sollte. Derartige
Krisen sind unvermeidlich. Wir glauben aber
unerschütterlich daran, daß sie ’.ber kurz oder
lang überwunden werden können, aber nur dann,
wenn wir in der inneren zionistischen Politik
aus der letzten Krise die Lehre ziehen: „Nur
solche' Krisen bedrohen ernstlich den Lebens¬
nerv des Zionismus, die ivir uns selbst bereiten“.
Montag, den 2. März 1931. Him 8 Uhr abends, im Festsaale
des Hotel Continental, 2. Bezirk. Taborstraße Nr. 4, Vortrag:
Dr. Ihecdor Lessina (Itaitnovcr)
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