Seite
Seite 4
DIE & l IMiWL
Nt. 165 26. Februar 1931
Königin
Istfkei
kommt
nadk
men
Hält ihren Einzug am 8. März,
3 Uhr nachmittags im Fest¬
saale des Hotel »Bayrischer
Hof«, Wien, 11., Taborstr. 39.
Jüdische Kinder, aber auch
Erwachsene, freut Euch schon
jetzt. Wer sie sehen u. emp¬
fangen will, der sichere sich
jetzt schon die Eintrittskar¬
ten bei den Mitgliedern der
Zionistischen Frauengruppe
Leopoldstadt, II., Zirkusg. 33.
Rektor Hofrat Schwarz
Eine Würdigung
Von Dr. Alexander Kristianpoller
Mit Rektor Schwarz ist eine der bekanntesten Per¬
sönlichkeiten der jüdischen Wissenschaft zu Grabe ge¬
tragen worden. Am 13. Februar 1931, also genau an
demselben Tage, an dem Zacharias Frankel von 56
Jahren die Augen für immer geschlossen hat, Ist auch
sein Lieblingsschüler im hohen Alter von 85 Jahren
von uns gegangen.
Ein Fürst im Reiche des Geistes, ein Gewaltiger
an Tatkraft und Frömmigkeit, aber auch ein vom
Glück begünstigter Mensch verschwindet mit ihm.
Als Rabbiner in Deutschland und später als Leiter des
Wiener Rabbinerseminars waren ihm die Kämpfe
der vergangenen Epoche erspart geblieben. Seine Zeit
war nicht mehr von den Umsturzbestrebungen erfüllt.
Als er zum Manne herangereift war, hatte die Sturm¬
und Drangzeit der Reformbestrebungen im Judentum
ihre Schärfe verloren. Und als er zu leitenden Stellun¬
gen gelangte, war ihm schon der goldene Mittelweg
«eines Lehrers Frankel vorgezeichnet Sein Ziel war
die talmudische Wissenschaft. In dieser Hinsicht ist
seine Bedeutung überragend. Als er im Jahre 1893 als
Rektor an die neugegründete Rabbinerschule berufen
wurde, ging ihm der Ruf eines bedeutenden Talmu-
disten, eines charakterfesten Mannes und außerdem
eines vorzüglichen Redners voran. Dies bot die Bürg¬
schaft dafür, daß er die Anstalt zu gedeihlicher und
segensreicher Entfaltung bringen werde.
Die auf ihn gesetzten Hoffnungen haben sich im
vollen Maße erfüllt. Seine ganze Kraft stellte er in den
Dienst dieser Lehranstalt, die er trotz ihres Namens
nicht theologisch, sondern wissenschaftlich geführt hat.
Der Schwerpunkt seiner rastlosen Tätigkeit war die
Vertiefung in die Lehre der Thora. Noch als Rabbiner
in Karlsruhe hatte er sich die schwierige Aufgabe ge¬
setzt, die Tosefta kritisch zu bearbeiten. Dieser Arbeit
sollten auch seine letzten Tage gewidmet sein. Voll
Vertrauen zeigte er noch in den letzten Wochen ein
großes, zum Druck reifes Manuskript seiner Tosefta-
edition. Seit seiner Berufung an die Lehranstalt machte
er sich zur Hauptaufgabe, die Interpretationsregeln des
Talmuds zu erforschen, an welchen Untersuchungen er
volle 25 Jahre arbeitete. Scharfsinnig suchte er zu be¬
weisen, daß diese Regeln eine Entwicklung durchge-
macht haben, das die Midoth (die Regeln, auf die sich
die Schriftfolgerung des Talmuds gründet), nichts an¬
deres als die allmählich erkannten und angewandten
ewig festbleibenden Denkgesetze sind. Die Seele der
talmudischen Hermeneutik ist nach ihm die Logik und
lange schon vor Aristoteles haben unsere Weisen
Logik getrieben und Logik angewendet. Sechs große
Werke (erschienen 1893—1921) sind diesen Unter¬
suchungen gewidmet. Schwarz hätte es gerne gesehen,
wenn seine Lehren auch im Osten Verbreitung gefun¬
den hätten, und er pflegte zu sagen: «Die nach der alten
Tradition lernenden Talmiidisten sollen meine Arbeiten
entweder widerlegen oder anerkennen.» Es war nie
Seine Eigenschaft, seinen Rücken zu beugen, er sagte
gerade heraus, was er wollte und freute sich, auch von
anderen eine offene Kritik zu hören. Er war sich der
Schwierigkeit des Durchdringens seiner Theorien voll
bewußt, aber wie ein Prophet schaute er beruhigt in
die Zukunft. Mit leuchtenden Jünglingsaugen sprach
er von der Zukunft seiner Forschungen.
Schwer ist es, die Verdienste dieses großen Man-
ftes in einigen Zeilen zu würdigen. Enge verbunden
mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten war die Tätig¬
keit für die israelitisch-theologische Lehranstalt. Nicht
nur als scharfsinniger Denker und Forscher, nicht nur
als gefeierter Kanzelredner, sondern auch als ausge¬
zeichneter Lehrer hatte er sich ewigen Ruhm erworben.
Er hatte es verstanden, das Wiener Rabbinerseminar
wissenschaftlich auf ein überaus hohes Niveau zu
bringen, und der Name Schwarz verkörperte gleich¬
zeitig die Lehranstalt. Viele Rabbiner, die im Osten und
Westen lehren, haben von ihm ihre talmudische Aus¬
bildung erhalten und nennen sich mit Stolz seine
Schüler. Ein Mann von unbeugsam festem Charakter,
tiq trtreng gegen sich selbst wie gegen andere war,
verbrachte er Tag und Nacht al ha-Tora weal-awoda.
Ergreifend fast war seine Freude, wenn es ihm ge¬
lang, im Meere des Talmuds schwimmend, die Erklä¬
rung einer schwierigen Stelle zu finden. Man glaubte
dann, einen Mann aus der Zeit der Tosafisten vor sich
zu sehen. Von großer Strenge, dabei ausgerüstet mit
aller Ausdauer, kannte er seinen eigenen Wert. Er war
ein Charakter; nichts in ihm war Schablone. Ueberalt
war er er selbst; seine Pünktlichkeit war in seinem
Kreise sprichwörtlich geworden. Er lernte aber nicht
nur mit seinen Schülern, er fühlte auch mit ihnen. Von
seinen Schülern verlangte er, daß sie als Rabbiner nicht
nur Kanzelredner sein sollten, sondern, wenn schön
nicht talmudische Größen, doch wenigstens Talmud¬
jünger.
Ein glücklicher Mann, der seinen Aufstieg seinen
eigenen Kräften verdankte und ln seinen wissenschaft¬
lichen Forschungen bahnbrechend war, war ihm nichts
mehr zuwider, als sich von Fremden stützen zu lassen.
Für die Anstalt freilich war dieser Charakterzug in
materieller Hinsicht von nicht großem Vorteil, da er
sich weder für das Seminar noch für seine Schüler
zum Bitten herablassen wollte. Bis zum Kriege war die
Lehranstalt materiell fest fundiert, als aber infolge der
Entwertung des Geldes das Vermögen der Anstalt zu¬
grunde ging, machte ihm ihr Zustand große Sorgen,
doch verzagte er nicht und hatte zu Gott und zum jüdi¬
schen Volke großes Vertrauen. Mit eindringlichen
Worten warnte er die maßgebenden Stellen in Wien,
an dem Bestand der Lehranstalt zu rütteln.
Am Mittwoch, den 11. Februar, hielt er noch wie
gewöhnlich von 8—9 Uhr seine Vorlesung. Ein Hörer
wollte ihm seine Bücher die Treppe hinauftragen, doch
wehrte er dies ab: «Meine Sefarim trage ich selbst mit
mir.» Es war das letztemal.
Ein Gaon ging von dannen
Ableben des Rektors der Wiener Israel-theologischen
Lehranstalt
Von cand. theol. et phil. Josef Babad.
Adolf Schwarz wurde im Jahre 1846 ln Adasz-Tevel, ln
der Nähe von Papa, in Ungarn geboren. Schon in frühester
Jugend genoß er den gediegenen altjüdischen Unterricht in
Bibel und Talmud, den ihm hauptsächlich sein Vater, ein be¬
deutender Rabbiner, erteilte. Nach Absolvierung seiner Gym¬
nasialstudien in Papa zog Schwarz nach Wien, wo er an der
Universität Philosophie inskribierte. Zugvieh besuchte er die
Vorlesungen Jellineks und I. H. Weiß’ am Wiener Beth-ha-
Midrasch. 1867 trat er ins jüdisch-theologische Seminar zu
Breslau ein; auch setzte er seine philosophischen Studien an
der dortigen Universität fort. 1870, bezw. 1872 veröffentlichte
er seine ersten zwei Preisaibeiten, «Ueber Jakobis opposi¬
tionelle Stellung zu Kant, Fichte und Schelling» und «Ueber
das jüdische Kalenderwesen», in welch letzterer er erstmalig
aus der Bibel selber den Nachweis erbrachte, das erst mit
dem Auftreten Mosis bei den Israeliten das Mondjahr in Er¬
scheinung trat, bis dahin aber das Sonnenjahr seine Geltung
hatte. Nach Beendigung seiner Studien in Breslau — er war
ein Schüler Zacharius Frankels-— wurde er als Professor
an die Budapester Landesrabbinerschule berufen. Da sich aber
die Eröffnung dieses Institutes verzögerte, nahm Schwarz die
Einladung an, als «Stadt- und Konferenzrabbiner» in der Ge¬
meinde Karlsruhe (Deutschland) tätig zu sein. Achtzehn Jahre
lang wirkte er daselbst in vorbildlicher Weise als Rabbiner
und hervorragender Prediger — seine meisterhaften Homilien
sind in mehreren Bänden in Druck erschienen — bis er im
Jahre 1893 als Rektor an die neugegründete israelitisch-
theologische Lehranstalt in Wien berufen wurde.
Hier wirkte Rektor Schwarz fast vier Jahrzehnte im Sinne
eines wahren Resch-Methiwta für die Ausbildung junger
Rabbiner und Lehrer. Urwüchsige traditionelle Liebe und Be¬
geisterung für den Ideengehalt des Judentums, gepaart mit
streng wissenschaftlicher Methode, machten ihn auf dem
Gebiete des Talmudstudiums zum einzigartigen Bahnbrecher
jüdischen Geisteslebens.
Hofrat Schwarz, der gerade sein 75. Lehrsemester ab¬
schließen sollte, oblag unbeirrt und rüstig fast bis zum letzten
Momente zäher Forscherarbeit. Mit strenger Präzision hatte
er sein Tagespensum eingeteilt und hielt täglich in den
frühesten Morgenstunden seine Talmud-, Dezisoren-, und ho¬
miletischen Vorlesungen. Mit scharfem Blicke überschaute er
den großen Folianten sowie seine Hörerschar. Groß ist die
Zahl seiner Jünger, die bereits auf ein segensreiches Wirken
zurückblicken können. So waren Prof. Dr. V. Aptowitzer
(Wien), Prof. Dr. Ch. Albeck (Berlin), Prof. Baron (New
York), Prof. Guttmann (Lemberg), Rabbiner Dr. Landau
(Johannesburg, Südafrika), Armeeoberrabb. Dr. J. Mieses und
Prof. Schorr (Warschau), der Orientalist Prof. Harry Tor-
czyner (Berlin), Regierungsrat Dr. B. Wachstein und der
bekannte Bibliograph Rabb. Dr. Zacharias Schwarz, ein Sohn
des seligen Hofrates, Schüler des «Schwarz-Seminars». Ober¬
rabbiner Professor Dr. Z. P. Chajes s. A. war einer seiner
besten und geliebtesten Hörer. Noch erinnert sich das jüdische
Wien der herzergreifenden Rede de« Hofrate» Schwarz an
der Bahre dieses seines unvergeßlichen Jüngers. Auch in
jüngster Zeit brachte die Anstalt recht tüchtige Kräfte hervor,
darunter die Rabb. Dr. Murme'stein und Dr. Taubes (Wien),
Zum 26 Jährigen Jubiläum dee Herrn
Redakteure Sigmund Haber gratuliert
Zlonistisehe Frauengrupp« (Wlco)
Sektion Leopoldttadt
Obörrab. Df. Sörebrenik (Luxfenbufg) und Prof. Zimmels
(Breslau).
Im Jahre 1027 wurde der hervorragende Rektor anläßlich
seines achtzigsten Geburtstage« seitens der Regierung mit
dem Höfratstitel ausgezeichnet; schon viel früher, und zwar
1917, erschien eine Ihm gewidmete Festschrift, an der die
bedeutendsten Wissenschaftler der gegenwärtigen Jüdischen
Uteratur mitgearbeitet haben.
Schwarz bekannte sich im kulturellen Sinne zur jüdischen
Renaissancebewegung. Er sah im künftigen Erez Israel das
religiöse Kulturzentrum für die vollkommene Wiederbelebung
jüdischen Geisteslebens. Ein zukünftiges Synhedrion wäre
nach seinem heißen Streben jene ersehnte Instanz, die
wiederum Lebensregulator jüdischer Wirklichkeit werden
sollte.
Seine zahlreichen Schüler und Hörer, die gesamte jüdische
Studentenschaft Wiens und mit ihnen die große jüdische
Oeffentlichkeit betrauert das Ableben des großen Meisters»
Hofrat Schwarz hat nicht nur einen Ehrenplatz in der Galerie
jener «Chachme-Wina», die während des Mittelalter« so be¬
rühmt waren, erlangt; er gehört auch zu den Unsterb¬
lichen auf den jüdischen Parnass, dessen Bedeutung in der
kritischen Grundlegung der Talmudforschung und Im Metho¬
dischen liegt. Secher Zadik liwrachah!
In aller Kürze
Der Professor an der hebräischen Universität in Jerusa¬
lem, Dr. Fritz Bodenheimer, wurde von der Universität
Minnesota, U. S. A., eingeladen, eine Vorlesung über
«Probleme der Insektenphysiologie» zu halten.
*
In Wilna wurden im Zusammenhang mit der Aktion
gegen die linken Sozialdemokraten 89 jüdische Sozialisten
und der Chefredakteur des «Tog», Salman Reisen, verhaftet
Auf Intervention von Dr. Schabad wurde Reisen aus der
Haft entlassen.
*
Auf Grund des Gesetzes über Mechanisierung der
Bäckereien, dessen Durchführung zur Vernichtung des
jüdischen Bäckereigewerbes in ganz Polen führen müßte,
wurden zunächst in Bialystok hundert jüdische Bäckereien
behördlich geschlossen. ■ v
Der belgische General Louis Bemheim, ein Jude, ist im
Alter von 69 Jahren gestorben.
Die deutsche Reichsbank kauft .von jetzt an . auch
Wechsel und Schecks auf Palästina an, auch solche mit
einer Laufzeit bis zu sechs Monaten.
*
Die Juden von Montevideo spendeten der Stadt an¬
läßlich der Jahrhundertfeier der Unabhängigkeit Uruguay«
eine Büste Albert Einsteins.
«
Jakob Epstein aus Baltimore spendete der hebräischen
Universität in Jerusalem 5000 Dollar zur Errichtung einer
Stiftung fUr bedürftige Studenten.
*
Die Exekutive der Jewish Agency beabsichtigt die Ueber-
führung von 130 jemenitischen Waisenkindern nach Palästina»
*
Der älteste Teil des Ghettos von Saloniki fällt def
Stadregulierung zum Opfer. 800 jüdische Familien müssen
sich um ein neues Obdach umsehen.
In Montreal (Kanada) starb die älteste Jüdin Kanadas»
Mirl Hyams, im Alter von 105 Jahren.
In England erhielten die jüdischen Friseure, die Sams¬
tag ihr Geschäft geschlossen halten, das Recht, Sonntag ihf
Geschäft offen zu halten.
*
Samuel A. Cortez, der kürzlich in Bristol, Connectient»
U. S. A., starb und Mitglied der St. Josefs-Kirche wart
hinterließ der Beth-lSrael-Synagoge in Bristol testamen¬
tarisch 5000 Dollar.
Habisfcadrutb baiwrith mischtatefet bzaar
ebawertam Dr. TOWAH KÖRNER umisch-
pachtah lmot awihem.
BAAWODATH HATCHUAH
T1NACHKMU
Sokolow- Ehrung durch den Keren Kajemeth
Juden Wiens, beteiligt Euch an der Dankadresse an Nahum Sokolow anläßlich seines
70. Geburtstages durch Spenden an Keren Kajemeth, Wien, I., Kärntnerstraße 28, Tel. R-27-3-20