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Tft. 310 — 3. Jänner 1034
DIE STIMME
Seife 3^
Juden nicht ermutigen, sich von Außenhilfe abhängig
zu machen und auch die Hitler-Imitatoren nicht in dem
Glr.i:’'cn bestärken, daß die Weltjudenheit
je w e Last, die sie ihr auferlegen, zu
t r*a g e n bereit ist. Wahrscheinlich werden jähr¬
lich nicht mehr als 2000 Juden aus Deutschland aus-
wandern. In Anbetracht der Zahl der bereits Ausgewan¬
derten und des fortschreitenden Geburtenrückganges
bei den Zurückgebliebenen wird die deutsch-jüdische
Gemeinschaft in wenigen Jahren wahrscheinlich a u f
eine Viertelmillion Seelen reduziert sein.
Die deutschen Juden werden zwar ärmer sein, aber
immer noch unter besseren Verhältnissen leben, als
zum Beispiel die Juden in Polen, Rumänien usw. Es
wäre ein Fehler, den Nachdruck auf Masseneinwande¬
rung deutscher Juden in Palästina zu legen, man wird
dadurch den Juden anderer Länder, die ebenfalls An¬
spruch auf Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse haben,
Unrecht tun. Wir sollten nie vergessen, daß unsere
Hauptfunktion der Aufbau Palästinas ist und
sollten dieses Ziel auch nicht durch eine Notsituation
aus dem Auge verlieren.
- Simon Marks’ schriftlichem Bericht war zu ent¬
nehmen, daß von den bisher aufgebrachten 200.000
Pfund 115.000 Pfund direkt oder indirekt für Arbeit in
Palästina verwendet werden.
Die Lage in Palästina
Prof. Selig Brodetsky führte u. a. aus: In
Palästina hat sich die Sicherheitslage beträchtlich
verbessert. Auf dem Gebiete wirtschaftlicher Entwick¬
lung sind hervorzuheben: die Eröffnung des Haifa-
Hafens und die Inangriffnahme der Versorgung Palä¬
stinas-mit Wasser seitens der Regierung. Was Legis¬
lative Council anbelangt, so hat die Regierung nur
frühere Erklärungen wiederholt, aber keine definitiven
Vorschläge gemacht. Die wichtigsten Pro¬
bleme sind die des Bodens und der Ein¬
wanderung. Obwohl in den letzten 50 Jahren nur
etwa 500 Araber von ihrem Boden verdrängt wurden,
hat die Regierung in Verfolg der Politik der Wieder-
ansiedlung dislozieter Araber eine Pächter¬
schutzverordnung erlassen, durch die die dichte
Siedlung von Juden sehr erschwert wird. Dies, obwohl
unsere Bodenkäufe in den letzten drei Jahren gering
waren; durchschnittlich 20.000 Dunam jährlich. 1933
kamen 35.000 Juden nach Palästina. Dies bedeutet einen
Rekord. Während die Einwanderung im allgemeinen
anstieg, hat sich die Zahl der gewährten Zertifi¬
kate im Verhältnis zu der von uns geforderten Zerti¬
fikatszahl stetig vermindert Wenn je eine Wirtschafts¬
krise Palästina heimsuchen sollte, so wird diese eher
aus einem Mangel an Arbeiterhänden
herrühren, das heißt von einer künstlichen Hemmung
der Entwicklung, als von einer Ueberentwicklung.
Die Araber profitieren von der jüdischen Entwick¬
lung. Zehntausende Araber haben in den letzten Jahren
Beschäftigung gefunden. Es ist nich wahr, daß die
Juden arabische Arbeit boykottieren. Das Prinzip jüdi¬
scher Arbeit richtet sich nicht gegen die Araber, son¬
dern gegen die Ausbeutung billiger Ar¬
beitskraft. Wir wollen jüdische Arbeiter auf jüdi¬
schem Boden, das heißt eine große jüdische Einwande¬
rung. Wir appellieren an die Regierung, die durch die
Verhältnisse nicht gerechtfertigte Politik der Ver¬
folgung illegal Eingewanderter aufzugeben.
Die jüdische Bevölkerung Palästinas ist von 55.000
Seelen nach dem Kriege auf
eine Viertelmillion Seelen
heute angewachsen. Wir sind jetzt eine Macht in
Palästina, die in der Lage ist, England und den
Arabern wertvolle Freundschaft anzubieten. Darum
sollten wir auch auf gefährliche Methoden wie die
Protesdemonstration in Tel-Aviv und die anti-britischen
Kundgebungen in verschiedenen Ländern verzichten
können.
Für IDdlsch-arablsthe Zusammenarbeit
Oie Beschlüsse der englischen Zionistenkonferenz
„ In der Schlußsitzung der Englischen Zionistischen
Federation hielt Dr. Weitzmann neuerlich eine
Rede über die englische Palästina-Politik
und die Notwendigkeit der Aufrechterhalturig freund¬
schaftlicher Beziehungen zu den Ara¬
ber n. Er führte ungefähr. aus:
. .Man beschuldigt uns, arabische Arbeit zu boykot¬
tieren und gibt uns zu verstehen, daß unsere Einwan-
derungs-Schedule wegen der großen arabischen
Arbeitslosigkeit beschnitten wurde. Ich möchte da zwei
Dinge klarstellcn: Erstens: Wo in jüdischen Kolonien
arabische Arbeiter beschäftigt werden, geschieht dies
nicht aus humanitären Gründen, sondern weil arabische
Arbeit billiger ist; zweitens: In den meisten neuen
jüdischen Kolonien werden Lohnarbeiter überhaupt
nicht beschäftigt, weil die ganze Arbeit von
den Kolonisten getan wird. Unter der palästi¬
nensischen Judenheit gibt es eine «nationale» und eine
«private» Sektion. Die «private» Sektion beschäftigt
arabische Arbeiter, die kleinere «nationale» Sektion
nicht, weil deren Fonds zu dem ausdrücklichen Zweck
aufgebracht wurden, Juden auf dem Lande anzusiedeln.
Was die britische Sektion anbetrifft, so werden inner¬
halb derselben Juden lange nicht in dem Verhältnis be¬
schäftigt, wie es ihrem finanziellen Beitrag zum
Staatshaushalt — über 40 Prozent — entsprechen
würde. Daß aber ein Araber einma! einen gelernten
jüdisenen Arbeiter beschäftigt, gehört zu den selten¬
sten Ausnahmen. Es kommt einmal der Tag, da
Araber und Juden einsehen werden, daß es ein ge¬
meinsames Ziel gibt, für das sie arbeiten, —
dann werden solche Unterscheidungen aufhören. Seit
vielen Jahren wirke ich für eine jüdisch-arabi¬
sche Zusammenarbeit, aber immer waren es
die Araber, die die ihnen entgegengestreckte Hand zu-
rückwiesen. Auch das wird sich ändern, aber nur, wenn
wir den Arabern klar gemacht haben, daß wir sie
nicht beherrschen wollen, aber auch nicht von ihnen
beherrscht werden wollen, und daß Palästina ein Land
ist, in dem wir k r a f t e in e s.Rec h t es siedeln. Die
Ansicht*, wir müßten noch mehr Araber beschäftigen,
ist hinfällig; wir würden dadurch nur eine neue Rei¬
bungsfläche schaffen. Der einzige Weg zur Lösung des
Problems ist, den Lohn- und Lebensstandard
d e r Araber zu heben. Die Regierung sollte die
arabische Landwirtschaft, die sich zu. 65 Prozent auf
die, Hügelregion konzentriert, verbessern. Sie sollte den
Fellachen von dem drückenden Zins befreien, den seine
Wucherherren ihm auferlegen, damit,er ein freier
Mensch wird, nicht Sklave des Effendl. Wir Juden
waren es, die eine arabische Musterfarm errichtet
haben. Nicht die Juden, sondern die alten Umstände
haben den arabischen Bauern zu einem unglücklichen
Wesen gemacht. Ich würde es gerne sehen, wenn ein
Teil unseres Geldes zur Besserung des Loses der ara¬
bischen Arbeiter benützt werden würde.
Was die Kürzung der Arbeiter-Schedule betrifft,
sagte Dr. Weizmann weiter, so sind uns die naiven
Argumente der Regiei ung unverständlich. Es
gibt keine logische Rechtfertigung für diese drastische
Beschneidung der von uns beanspruchten Schedule.
Dennoch glaube ich, daß die Mandatarmacht es gut
mit uns meint, wir sollten nicht immer wieder prote¬
stieren, sondern versuchen, sie zu überzeugen.
Wir müssen Geduld üben und werden am Ende die
Gewinnenden sein.
Die Resolution
Nach Ausführungen von Leopold Schön über, die
Bodenpolitik des Jüdischen Nationalfonds, von Berl
Locker über „Nationales und privates Kapital», von
Leon Simon über die hebräische Kulturarbeit, faßte
die English Zionist Federation eine Resolution, die im
wesentlichen besagt:
Die Jahreskonferenz, zusammengetreten im
Zeichen des tragischen Schicksals, von dem die
Juden Deutschlands betroffen wurden, und der
politischen und wirtschaftlichen Not der Judenheit
Osteuropas, erklärt, daß einzig und allein das
zionistische Ziel: Schaffung eines
Jüdischen Nationalheims in Palä¬
stina, Aussicht auf eine dauernde Lösung des
Problems des jüdischen Volkes bietet Die Kon¬
ferenz tut erneut die Entschlossenheit der engli¬
schen Zionisten kund, gemeinsam mit den Zloni-
nisten der ganzen Welt die große Vision eines jü¬
dischen Heimatlandes zu verwirklichen.
Die Konferenz würdigt die vom Oberkommis¬
sär zur Aufrechterhaltung der Ordnung und des
Friedens im Lande gemachten Anstrengungen und
gibt gleichzeitig ihrem Schmerz über die
jüngsten Unruhen ln Palästina und die Umstände,
die sie verursachten, Ausdruck.
Die Konferenz verfolgt mit ernster Sorge die
jüngsten Entwicklungen in der Verwaltungs¬
politik ln Palästina und fordert die britische
Regierung auf, erneut ihre Sympathie für die in
der Balfour-Deklaration und dem Palästina-Man¬
dat verankerte Politik zu bekunden und diese durch
praktischeMaßnahmenzu unterstreichen.
Die Konferenz beklagt tief die gegen die illegal
ln Palästina wohnenden Juden gerichtete Aktion,
die nicht nur jeder englischen Tradition wider¬
spricht, sondern sich auch alseineQuelleder
Demoralisierung erwiesen hat
Die Konferenz appelliert an den Kolonien¬
minister und an den Oberkommissär, die mit der
jüdischen Palästina-Einwanderung zusammen¬
hängenden Umstände angemessen zu berücksichti¬
gen; sie weist dabei auf die Tatsache hin, daß die
Herabsetzung der Zahl der Zertifikate von den
beanspruchten 24.700 auf 5500 nicht nur an sich
äußerst unbefriedigend ist, sondern auch die ge¬
fährliche Tendenz zeigt, die jüdische Ein¬
wanderung nach politischen Erwägungen anstatt
nach der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des
Landes und den Bedürfnissen des Jüdischen Natio¬
nalheims zu regeln.
Die Konferenz ist überzeugt, daß diese Ma߬
nahmen. die dazu angetan sind, Palästina-Touri¬
sten ab 'usclu 1 ecken und jüdische Bescher des
Landes unterschiedlich zu behandeln, im Hinblick
auf die enorme Bedeutung des Touristenverkehrs
für das Land Proteste in der gesamten jüdischen
Welt hervorrufen werden. Die Beschränkungen
gegen solche jüdischen Einwanderer, die als Be¬
sitzer unabhängiger Mittel und als fachlich Quali¬
fizierte sich leicht in die Wirtschaft des Landes
einreihen könnten, sind um so weniger gerecht¬
fertigt, als Araber aus den Nachbar¬
ländern Palästinas frei ins Land
kommen können.
Die Konferenz appelliert an die englischen
Autoritäten, alle Vorschläge zu unterstützen, die die
Oeffnung bestimmter Teile Trans jordanlens
für jüdische Einwanderung bezwe-
Die Sehtisse von Sinaia
Drei rumänische Hakenkreuzler haben am 29. De¬
zember in Sinaia den Ministerpräsidenten D u c a er¬
mordet. Wie das nun einmal nationalsozialistischer
Brauch ist, haben sie von hinten den ahnungslosen Mini¬
sterpräsidenten erschossen und sirid dann geflüchtet. Sie
wurden eingeholt und ln Haft genommen.
Duca hatte eben den Wahlkampf siegreich beendet.
Rumänische Ministerpräsidenten pflegen immer zu sie¬
gen. Duca, der Führer der Liberalen, ist von den Haken¬
kreuzlern beseitigt worden, wenige Stunden, nachdem
er ihre bisher verhafteten Führer freigelassen hatte. Die
drei hoffnungsvollen Mörder haben ihm also auf ihre
Welse gedankt. Sie gehören zur «E i s e r n e n G a r d e»,
einer von deutschen Emissären gegründeten Organi¬
sation, die bislang ihren Mut gegen Juden austobte.
Einer der Führer ist der bekannte Professor Cuza, ein
anderer der Mörder des seinerzeitigen Präfekten von
Jassy, Celea C o d r e a n u, ein dritter der Student
T o t u, der als der Mörder des Czernowitzer Mittel¬
schülers F a 11 i k in die rumänische Geschichte einge¬
gangen ist. Es ist, wie man sieht, ein wohlausgestattetes
Sortiment von Mördern, dem sich jetzt die drei von
Sinaia ariSchließen. Codreanu und Totu wurden freige-
sprocheftf>dtt ? Von Sinaia harren noch des Wahrspruchs.
Rumänische Studenten betätigten sich seit je im
Antisemitismus. Ihre «Eiserne Garde» aber nahm erst
unter deutschem Einfluß ihren Aufschwung und dies
dankt sie dem national-zaranistischen Regime Voida-
Vojwod, dem Vorgänger Ducas, des ermordeten Mini¬
sterpräsidenten, der zwar die Mörderbande auflöste/
gleichzeitig aber mit Hilfe der jüdischen Union, einer
Art Zentralverein, den Juden die Vertretung in der Kam¬
mer geraubt hat. Er ist so gut Antisemit gewesen wie
nur einer, er hat lediglich die Hitler-Methoden abgelehnt,
weil er französisch orientiert war und man in Frankreich
solche Dinge nicht wünscht. Eigentlich ist Duca ein
Opfer jener Staatsräson, die den Haß gegen die Juden
als gute Ablenkung innerer Spannungen ansieht und der
studierenden Jugend alle Sympathie bezeugt. Ein tra¬
gisches Geschick hat Duca gerade jenen vor die Waffe
geführt, denen Mord nichts bedeutet. Bei den Juden
fängt’s an . . .
Jüdische Opfer des Bürger¬
krieges auf Kuba
Havanna. Die Wirren auf Kuba haben auch jüdisch«
Opfer gefordert: keine Zufallsopfer, sondern solche antisemi¬
tischer Verhetzung. Mob und Soldateska überfielen ein von
Juden bewohntes Haus, töteten zwei Juden und ver¬
letzten einen dritten schwer. Auch sonst wurden im Verlauf
der Unruhen Juden angegriffen und verletzt. Am 19. Dezem¬
ber wurden die zwei getöteten Juden zu Grabe getragen. Die
Jüdische Gemeinde, die im Hinblick auf die fortdauernde
antisemitische Verhetzung weitere Angriffe auf ihre Mitglieder
befürchtet, hat de französische Legation um Schutz
gebeten, der auch zugesagt wurde.
Der Chef des Militärkommandos von Havanna hat fünf
Juden, die angeklagt waren, Spionage betrieben oder
zu Aufruhr gegen die bestehende Ordnung aufgerufen zu
haben, freigesprochen, nachdem sich ihre völlige
Schuldlosigkeit eklatant erwiesen hatte. Sie waren die Opfer
böswilliger Denunziation antisemitischer Kreise.
Auf Intervention des Jewish Centre wurden sechs andere
Juden, die sich seit mehreren Monaten unter falscher Be¬
schuldigung, an antimilitärischen Unternehmungen teilgenom¬
men zu haben, in Haft befanden, befreit. Fortgesetzt
finden U eberfälle auf jüdische Kaufleute und Aus¬
räubung jüdischer Geschäfte statt. Auch Erpressungen an
Juden werden verübt. Der Präsident des Jewish Centre, Louis
J u r ik, ein amerikanischer Bürger, wurde am hellichten Tage
auf der Straße mißhandelt und ausgeraubt.
Ein großer Teil der deutschen Kolonie hat sich
in den Dienst antisemitischer Hetze gestellt und eine Pro¬
paganda für den Antisemitismus eingeleitet. An
der Spitze der Bewegung steht der deutsche General¬
konsul in Havanna, Erik T r o p e 1.
Ein prompt wirkendes schmerzstillendes Mittel
ist, wie über 6000 notariell beglaubigte Aerztegutachten
bewiesen, Togal. Beschwerden in den Gelenken und
Gliedern, gichtische und rheumatische Beschwerden,
Kopfschmerzen werden nach vorliegenden Urteilen mit
Toga'fabletten mit glänzendem Erfolg bekämpft. Togal
ist in jeder Apotheke zu haben.