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V. b. b.
Dienstag-Ausgabe
JÜDISCHE ZEITUNG
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Die großen, vorzüglichen Salonschiffe
•iQalllea", „Pnlestlna“ und „Gerasalemme“
der direkten Eillinie
TRIEST - JAFFA
des
LLOYD TRIESTINO
verkehren Jeden Mittwoch und Jeden zweiten Freitag / Fahrpreis in
der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich
bloß zirka ö. S 258’— / Auskünfte: Lloyd Triestino, I., Kärntnerring 6
Nr. 427 I
Wien, 19« Februar 1935 |
Redaktion und Administration: Wien, I., Msro-Aurel-StraBe 6.
Tel.: U 22-3-91. .TedaktionsschluB Montag und Mittwoch vorm.
| (16. Adar 5695) [ 8. Jahrgang
Phantasien eines österreichischen Nationalsozialisten
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Die „Deutsehe Arbeiter-Presse“, deren
Eigentümer, Herausgeber und Verleger
Dr. Walter Riehl ist lind die aus ihrer
nationalsozialistischen Gesinnung kein Hehl
macht, betreibt natürlich den Antisemitis- 1
imus der Tat. Dies freilich nur insoweit, als
ihr die Polemik mit den hundertprozentigen
Nationalsozialisten Raum läßt. In der letz¬
ten Nummer widmet da« Blatt den Leit¬
artikel den Juden, einen Artikel nämlich,
den ein Jude geschrieben haben soll. Irgend
ein Mann, von dem nur der Anfangsbuch¬
stabe T. mitgeteilt wird, soll ihn in der Pa¬
tientenbriefs ammlung eines Wiener Opera¬
teurs — der Name wird nicht genannt —
die Beichte eines Juden — der Name wird
wieder nicht genannt — gefunden haben.
Dieser unbekannte Briefschreiber soll außer¬
dem auch schon gestorben sein. Die Beichte
lassen wir hier folgen. Den Sperrdruck
haben wird vorgenommen.
„Ich weiß noch immer nicht, oh ich ein
guter Mann gewesen bin oder ein Schuft.
Menschen kommen und gehen und es kommt
nur darauf an, was dazwischen liegt. Im
Elend bin ich aufgewachsen. Als Bub habe
ich am liebsten gerechnet, Zinsen gerechnet.
Jawohl, das konnte ich meisterhaft.. W i r
Juden brauchen eigentlich nichts
anderes zu können. Jedes Geschäft ist
doch auf Zinsen aufgebaut. In Tarnopol, da
gelang mir das erste Geschäft auf eigene
Rechnung. Ich handelte damals im Sommer
mit Schuhbändern und im Winter mit Woll-
socken. Dann kam ich zum Militär. Ich
wurde von den Russen gefangen und als sie
von mir etwas über die Stellungen der Öster¬
reicher wissen wollten, erzählte ich ihnen
etwas, die eine Hälfte davon war wahr, die
andere erlogen. Gehängt wurde ich aber
nicht. Im Jahre 1920 kam ich nach Wien.
Wieder habe ich Geschäfte gemacht, kleine,
größere und schließlich große. Bald hatte ich
Geld wie Mist und wußte, daß für Geld alles
zu bekommen ist: Ehre, Ämter und — Wei¬
ber. Ich schob in Valuten. Effekten, Waren
und Weibern — aller Länder. Die größte
F r ende hatte i c h a her, wenn ich
die Gesetze biegen und brechen
konnte. Ich habe es in Rußland gelernt,
beamtete Persönlichkeiten mir zu Freunden
zu machen. Das darf doch keine Rolle spie¬
len, wenn man von den im Jahre verdienten
Summen paar Prozent solchen wichtigen
Freunden gibt!
Blöd ist d o e h j e d er, der mit dem
S t a a t o Gewinne teilt. Jetzt weiß ich
, nicht einmal ganz sicher, ob ich acht oder
neun Häuser besitze. Es geht bergab mit
meinem Gedächtnis ... Ich gehöre zu dem
,a u s e r w ä h 11 e n V o 1 k‘ und deshalb
konnte ich niemals einsehen, warum sollten
wir Juden uns vor den anderen, den Christen,
ducken. Wir verstehen eben zu arboiten...
Ilm, ist aber das, was wir ,Arbeit 1 nennen,
auch wirkliche Arbeit? Unsere Mentalität
steht jedenfalls turmhoch über jenor clor
Christen. Die wollen immer nur anständig
und ehrlich sein, ihr Gott predigt
ihnen von Nächstenliebe, er hat
joden Betrug u u d a u c h den Haß
v e r u r t o i 11. Wie lächerlich ist
das alles für uns Jude n! Wir leben
vom Geschäftemachon, darin liegt unsere
Stärke. Ob diese Geschäfte moralisch oder
unmoralisch sind, ob sie auf Anständigkeit
oder auf Betrug basieren, das kann uns
wirklich ganz gleich sein, denn warum läßt
sieh der andere betrügen? Es war doch
immer so: kein Volk konnte uns leiden, aber
sie brauchen uns... aber wenn ich über
alles so nachdenke — brauchen sie uns denn
wirklich? Im verkehrten Falle hätten wir
Juden es wohl anders gemacht; die Christen
dürfen aber nicht anders, ihr Gott hat ihnon
doch gesagt: ,Liebet eure Nächsten
wie euch selbst* und das ist
unser Glück! Ganz eigentümliche Men¬
schen, diese Christen, sie sind stolz darauf,
wenn wir sie untereinander aufhetzen, be¬
trügen und zu Bettlern machen... Meine
Tage sind gezählt. Ich habe mich gegen mein
Volk nicht versündigt, denn ich handelte
immer im Sinne meines Blutes
und meines Gottes... Die Christen
haben Künstler, Heerführer und große Volks-
fiihrer. die ihren letzten Blutstropfen bereit
sind, ihrem Volke zu opfern... Das haben
wir nicht nötig, denn wir leben nicht
vom Geben, sondern vom Neh¬
men... Als Christ, ja, da könnte ich mich
wohl als Schuft und Verbrecher bezeichnen,
aber als Jude? Vor jedem Betrug
wird uns bereits verziehen und
deshalb können wir ruhig auf Gewissens¬
bisse verzichten, die überlassen wir den
andern, den Christen...“ T.
Die gesperrt gedruckten Stellen zeigen
die Fälschung. Kein Jude hat je einen sol¬
chen Brief schreiben können. Kein Jude
schreibt „auserwähltes Volk“, auch nicht
ein Jude, der ausgerechnet in Tarnopol im
Sommer mit Schuhbändern, im Winter mit
Wollsooken gehandelt hat. Der ganze Ge¬
dankengang des Briefes ist in Fritschs
Handbuch zu finden, mit Ausnahme der
Worte „Liebet euren Nächsten wie euch
selbst“, die, was der ausgetretene Tarno-
poler Jude hätte wissen müssen, im Buche
Moses Vorkommen. Auch die „Weisen von
Zion“ sind mit Fleiß benutzt worden. Wir
wiederholen: Ein anonymer Finder ver¬
öffentlicht den Brief eines Anonymen an
einen Anonymen. Dr. Riehl soll sich in Zu¬
kunft seine Artikel nicht von angeblichen
Juden schreiben lassen.
Nach unserer Ansicht ist diese Beichte
eines ausgetretenen Juden ein plumpes
Machwerk, so ähnlich wurden auch die
„Protokolle der Weisen von Zion“ fabriziert.
Das Neueste:
Ansiedlung jüdischer
Familien in Südfrankreich
Paris (2. T. A.)
Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt
wird, haben bereits Verhandlungen
betreffend die Verwirklichung des Planes,
in dem südfranzösischen Departement Lot
einige Hundert jüdische Familien anzu-
eiedeln, begonnen.
Amnestie in Palästina
erwartet
Jerusalem (2. T. A.)
Hier verlautet, daß aus Anlaß des auf
den 3. Juni d. J. fallenden 70. Geburtstags
des Königs Georg V. von England eine
Amnestie erlassen werden wird, die zwan¬
zig im Zusammenhang mit den Unruhen
vom August 1929 zu mehrjährigen Gefäng¬
nisstrafen verurteilten Arabern sowie
auch den zu lebenslänglichem Gefängnsi ver¬
urteilten zwei Juden (von denen der
eine Joseph Urphali ist) zugute kommen
wird. Die Palästina-Regierung soll einen
diesbezüglichen Vorschlag bereits, an das
britische Kolonialreich in London geleitet
haben.
Palästina von der deutschen
Dünger-Einfuhr unabhängig
Jerusalem (2. T. A.)
Die von Nowomeyski geleitete P a 1 e-
stine Potash Company zur Ausbeu¬
tung der Naturschätze des Toten Meeres
stellt jetzt in einem neuen Verfahren ein
Düngemittel her, ein Gemisch aus Kali- und
KalziumSulfat, das sich besonders für
Plantagenboden eignet, wodurch sich
der Import entsprechender Düngemittel
aus Deutschland erübrigt.
Der Import von Düngemitteln aus
Deutschland machte bisher jährlich ein
Minimum von 20.000 Pfund aus. Düngemittel
für anderen landwirtschaftlichen Boden stellt
die Nowomeyski-Gesellschaft bereits seit
langem her und exportiert sie auch.
Die ttVelos (t -Emigranten
bereits in Palästina
Warschau, 17. Februar. (2. T. A.)
Die Polnische Telegraphen-Agentur teilt
mit, daß die polnischen Palästina-Wanderer,
einige Hundert an der Zahl, die seinerzeit die
monatelang« Irrfahrt mit dem griechischen
Dampfer „V e 1 o s“ zwischen den levantmi-
fic-hen Häfen durchgemacht hatten, weil
ihnen weder in Palästina noch anderswo die
Landung gestattet war, und die dann nach
Polen zurückehrten, nunmehr gruppenweise
nach Palästina gebracht wurden, wo sie be¬
reits in Arbeit sind.
*
Die „Stimme" über die Erlebnisse
der „Velos"-Emigranten
Die „Stimme« veröffentlicht in ihrer
Freitagausgabe auf Grund von Mitteilungen
eines Teilnehmers an dieser verunglückten
Odysseefahrt eine ausführliche Schilderung
über die Erlebnisse der ,,V e 1 o s«-
Emigranten.
Gesetz gegen Antisemitismus in Brasilien
Rio de Janeiro, 15. Februar. (2. A. T.)
Im brasilianischen Parlament wurde ein Gesetzesvorschlag einge¬
bracht, nach dem die Absicht verfolgt wird, die in letzter Zeit (durch deutsche
Agenten betriebene — Red.) verstärkte antisemitische Propaganda ein¬
zudämmen. Das Gesetz sieht strenge Strafen für die Aufreizung eines Bevöl¬
kerungsteiles gegen den anderen vor. Es enthält eine Bestimmung, durch die
Kampf gegen religiöse Gruppen verboten und die Beschlagnahme, beziehungs¬
weise Einstellung aller Zeitungen angeordnet wird, die eine derartige Pro¬
paganda treiben.
Hungerstreik in den Kerkern von Akko
Aus Jerusalem, 17. d. meldet 1 . T. A.: Die im Gefängnis von Akko in den
Hungerstreik getretenen „illegalen Einwanderer“ verweigern nunmehr auch
die Wasseraufnahme. Das tragische Schicksal der Gefangenen, die zum Teil ihre
Strafe bereits verbüßt haben, zum Teil für die Zulassung zur dauernden Nieder¬
lassung empfohlen sind, aber trotzdem nicht freigelassen werden, weil man sie
zur Angabe ihrer Herkunftsländer zwingen will, um sie dorthin
deportieren zu können, hat bei der jüdischen Bevölkerung starke Erregung
ausgelöst. Die Zeitungen bezeichnen das Vorgehen der Behörden als gesetzwidrig.
Die Büros der Rechtskommission des Waad Hakehilloth und andere jüdische
Ämter sind von Menschenmengen belagert, die ein Einschreiten der Jewish Agency
und anderer Körperschaften fordern. Jüdische Delegationen haben in Akko und
beim High Commissioner in Jerusalem zugunsten der hungerstreikenden Gefangenen
interveniert.
Bisher hat die Regierung noch keine Antwort auf die bei ihr in dieser
Sache erhobenen Vorstellungen veröffentlicht.
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Befreiung - gegen Kaution von 100 Pfund
Bei Drucklegung des Blattes erfahren wir aus Jerusalem:
Der Chefsekretär der Palästina-Regierung hat dem Waad Leumi mitgeteilt, daß
die im Gefängnis von Akko zurückgehaltenen illegalen Einwanderer, etwa hundert
junge Leute, auf freien Fuß gesetzt werden sollen, falls zwei Bürgen
mit je 100 Pfund Bürgschaft für sie ein stehen. Die Beschuldigten sollen sich ver¬
pflichten, zwei monatelang sich zur Verfügung der Polizei zu halten, bis ihre Ange¬
legenheit geregelt ist. Der Oberkommissär von Palästina habe dieser Ordnung der
Angelegenheit zugestimmt. Der Waad Leumi hat eine Delegation aus Haifa
damit beauftragt, die Gefangenen in Akko von dieser Wendung zu verständigen
und sie aufzufordern, den Streik einzustellen und sich bis zur Re¬
gelung der Kautionsangelegenheit zur Verfügung der Polizei zu halten. Von den
hundert jungen Leuten, die in den Hungerstreik getreten sind, sind fünf er¬
krankt, Die Verhafteten werfen das Essen zum Fenster hinaus und
verweigern auch die Wa3seraufnahme.