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Oll STIMMI
Nr. 522 — 11. Februar 1036
Ein Aushang an der Stephanskirche
Am Wiener Stephansdom ist seit Wochen
an der Front gegenüber dem Churhaats in
einem Kasten eine Broschüre des „Reiohs-
bwudes der katholischen deutschen Jugend
Österreichs“ ausgehängt. Sie ist aufgeschla¬
gen, so daß man das folgende, das noch dazu
rot unterstrichen ist, iesen kann:
Kampf gegen den judaistischen
Geist, der unser Wirtschafts- und Gesell¬
schaftsleben ganz zu zersetzen droht
(durch Einschleppen vom Händler- und
Wuchergeist, Gewinnsucht, Unehrlichkeit,
Unterwühlung der Begriffe Liebe, Ehe, Re¬
ligion, Heidentum, Vaterland).
Die Erreichung der Vollbürgerschaft für
die Juden war ein schadenbringender Irr¬
tum der Aufklänmgs- und der liberalen
Zeit.
Unerträglich ist die Macht
der Juden über Wirtschaft,'
Presse und ingeistigenBeru
fen, sie muß gebrochen werde
durch staatliche Maßnahmen, durch per
sönliche Gegenarbeit jedes einzelnen).
Handschriftlich ist noch hinzugefügt
„Wir stellen fest: Unser Kampf gilt nicht der
jüdischen Religion, sondern dom judaisti
sehen Geist.“ Das ist nicht ganz deutlich aus
gedrückt. Es handelt sich nicht um den juda
istischen Geist, von dom diese Sozialreformer
keine Ahnung haben, sondern darum, den
Juden das Brot zu nehmen. In der Broschüre
ist auch das Judenprogramm der National
Sozialisten mit . alleiniger Ablehnung der
Rassentheorie wörtlich abgedruckt.
In der zitierten Stelle wird „persönliche
Gegenarbeit jedes einzelnen“ verlangt. Sind
das etwa die hemmungslosen Brutalitäten
von denen Staatsrat Kunschak in der
„Neuen Ordnung“ gesprochen hat?
JÜDISCHER SPORT
Deutschlands olym¬
pischer Hintergedanke
Die neue Ausgabe für 1936 des Hand¬
buches für deutsche Sportler bringt in Ka¬
pitel 69 die Begründung, warum der Sport¬
ler (nicht etwa nur der deutsche Sportler!),
die Juden bekämpfen muß.
„Der echte Sportler darf sich nicht darauf
beschränken, zum Kampf gegen die Juden
beizutragen, sondern er muß auch bei der
Isolierung der Arier, welche sich nicht an
der Ausschaltung der Juden beteiligen, mit¬
helfen.“
Nach außen hin wird die Reinhaltung der
olympischen Idee durch Bestechung auslän¬
discher Funktionäre, durch unglaubliche
propagandistische Mittel immer wieder ver¬
sichert, Helene Mayer und Rudi Ball als
Aushängeschilder benützt, um dem wüten¬
den Antisemitismus ein sportfreundliches
Fair-Play-Mäntelehen umzuhängen, im Innern
aber wird der Kampf gegen das Judentum
mit Zähigkeit und Konsequenz fortgesetzt.
Schmeling hat sich vor seinem Kampf
gegen Max Baer telegraphisch an den deut¬
schen Reichskanzler gewandt, damit er ihm
die Erlaubnis zum Kampf gegen den Juden
gebe. Hitler hat es erlaubt, und Schmeling
hat gräßliche Prügel bezogen. Jetzt ist man
in Deutschland schon etwas vorsichtiger ge¬
worden- Im Jänner 1936 hätte ein Box-
länderkampf Deutschland—Polen in Berlin
stattfinden sollen. Die Polen meldeten als
Starter ihren jüdischen Meister Rotholz,
einen der besten Boxer Europas. Und da
wurde diese internationale Begegnung in
Berlin schleunigst abgeblasen, denn man
konnte doch seine eigenen Leute nicht der
Gefahr einer blamablen Niederlage durch
einen Angehörigen dieser verachteten Rasse
aussetzen.
Armer Völker- und rassenverbindender
olympischer Gedanke!
fa,p.
Um die Hakoah-Hiitte
Als vor einigen Monaten die Hakoah-
Schut.zhütte auf dem Semmering eröffnet
weil die Hütte für einen Massen¬
betrieb nicht eingerichtet sei.
Der Bescheid ist also mit sich selbst im
Widerspruch. Einmal befürchtet er eine un¬
angenehme Konkurrenz für die — übrigens
weit entfernten Gasthäuser der Gemeinde
Semmering — und dann stellt er die rich¬
tige Behauptung auf, daß die kleine Hütte
für einen Massenbetrieb ungeeignet ist.
Daraus ergibt stich doch zwangsläufig, daß
die Hütte keine Konkurrenz für
die Gasthäuser in der Ortschaft Sem¬
mering sein kann.
Ganz abwegig erscheint uns aber der Hin¬
weis darauf, daß zirka 80 Prozent der Be¬
sucher des Semmering „israelitischer Kon¬
fession“ sind. Wir können doch annehmen,
daß die Gemeinde Semmering nicht böse
darüber ist, daß 80 Prozent ihrer Besucher
Juden sind, und daß sie eine Verminderung
dieses Prozentsatzes wünscht. Wer die ört¬
lichen Verhältnisse kennt, weiß doch auch,
daß die Besucher der Luxushotels und Pen¬
sionen nicht zur Hakoah-Hütte laufen wer¬
den, um dort ihre Mahlzeiten einzunehmen.
Die Hakoah hat ihre Hütte unter großen
materiellen Opfern erbaut. Die Hakoah-
Hiitte wird, wenn sie regulär bewirtschaftet
wird, zahlreiche Touristen a.nziehen, die
sonst den Semmering nicht aufsuchen. Die
Verweigerung der Konzession würde der
Hakoah und dem Semmeringgebiet schaden,
da es sich nicht jedermann leisten kann,
teure Gaststätten aufzusuchen. Wenn die
maßgebenden Faktoren des Semmering¬
gebietes den Verkehr der Rucksaoktonristen
als Wirtschaftsfaktor so richtig einschätzen
würden wie etwa Tirol und Vorarlberg,
wäre die Erteilung der Konzession keine
Frage. Die „80 Prozent israelitischer Kon¬
fession“ sind kein Argument.
Wir wollen hoffen, daß diie zweite Instanz
die gegebenen Verhältnisse sachlich rich¬
tiger beurteilen und die erbetene Konzes¬
sion erteilen wird. Eine reguläre Bewirt¬
schaftung der Hakoah-Hütte wird dazu bei¬
tragen, um bei der Behebung des von der
ersten Instanz beklagten Rück-ganges der
Besucherzahl des Semmepinggebietes, mifc-
zuwirken.
am russischen Institut für Körperkultur in
Moskau.
Fechten. Der Richard-Brünner - Pokal, eine
Konkurrenz des Fechtvcrbandee für die Öster¬
reichischen Nachwuchs-Fechter, brachte im
Florett den Sieg des jüdischen Fechters Lamp],
der sich in ausgezeichneter Form befand und
so bekannte Fechter wie Samstag und
Schwitzer schlagen konnte. Lampl hat, wie er¬
innerlich, Österreich bei der Makkabiah in
Tel-Aviv vertreten, scheint jetzt außerordent¬
liche Fortschritte gemacht zu haben und dürfte
wohl bald in der ersten Reihe der österrei¬
chischen Florettfechter stehen.
FILME
Filme ohne Arierparagraphen
„Der Ruf der Wildnis“ — „Die ganze
Stadt spricht davon“ — „Anna Kare-
nina“ — „Das letzte Fort“ — „Die klu¬
gen Frauen“ — „Die letzten Tage von
Pompeji“ — „Die Jungens von der Paul¬
straße“ — „Die Nacht vor dem Ultimo“
— „Schluß mit den Frauen“ — „Lustige
Scheidung“ — „Katharina die Letzte“ —
„Bosambo“ — „Sequoia“ — „GroßmtÄ-
ters Kino“ — „Fräulein Josette — meine
Frau“ — „Hoheit tanzt Walzer“ — „Les
miserables“ — „Polizeibericht meldet“ —
„Oberst Shirley“ — „Das Haus des
Grauens“.
„Casino de Paris.“ Nach der New-Yorker
Premiere dieses Films, in dem Al Jolson einen
konitraktbrüchigen Star spielt, der von sämt¬
lichen Theaterunternehmungen boykottiert
wird, meldeten sich nicht weniger als sechs
Film- und neun Biihnenstare, die behaupteten,
daß man Episoden aus ihrem Leben als Vor¬
wurf verwendet habe. Es entsteht ein ganzer
Rattenkönig von Prozessen, die seit einem
Jahr in verschiedenen Städten Amerikas mit
Erbitterung geführt werden. Die Wiener Ur¬
aufführung dieses so umstrittenen Films findet
am 14. Februar im Schweden-Kino statt.
Ein Moskauer Luxusrestaurant. Das elegan¬
teste Restaurant, das Lokal, in dem sich die
vornehme Welt de« zaristischen Moskau traf,
war das ..Ermitage“. Der Film „Schwarze
Augen“ gibt ein getreues Abbild dieser mit
verschwenderischer Pracht ausgestatteten
Gaststätte. Der Film „Schwarze Augen“ er¬
scheint am 14. d. im Elite- und Schottenring-
Kino. Die Hauptrollen spielen der große fran¬
zösische Charakterschaiiföpieler Harry Baur
und Simone Simon.
Heute Prominenten-Film „Großmutters
Kino“. Die Filmantiquitätenrevue „Großmutters
Kino“ — Urkomisches und Tragisches aus ver¬
gangenen Filmzeiten — unter Mitwirkung von
39 Prominenten, von Henny Porten über Pola
Negri bis Enrico Caruso, ist ab heute Dienstag
nur für drei Tage in Ur- und AUeinauffiihrung
im Palast-Kino, VIII., zu sehen. Alle Vorstel¬
lungen u’erden von der lustigen „Tonfilm-Con¬
ference“ Erich Juhns begleitet.
„Das Land der Verheißung“ im
Rembrandt-Kino
Um dem Publikum des II. Bezirkes Gelegen¬
heit zu geben, den Palästina-Film „Das Land
der Verheißung“ auch im regulären Programm
eines Tonfilmtheatens zu sehen, wurde mit dem
Rembrandt-Kino eine Abmachung getroffen,
wonach dieser Film vom 11. bis 13. Februar
inklusive in diesem Theater täglich aufgefilhrt
wird. Als Beiprogramm wird dio hochinter¬
essante Tonfilm-Reportage „Rund um den
Luzerner Zionistenkongreß“ gespielt.
Kinoprogramme
vom 7. bis 10. Februar
KREUZ KINO fcfftÄE
URAUFFÜHRUNG
LEOPOLDSTÄDTER VOLKS-KIHO
n. Rotensterngasse 7a
TELEPHON
R ( 9 - 0-23
Wochentags V,fl, 'MO Uhr, Sonn unrt Feiertage */,4 ühf
KRYSTALL-K I N O
1 .. Prater Straße des t. Mai Nr. 40 leiephon ft 48-2-78
Hourice Chevalier, Merle Oberon
in
Die Nacht
vor dem Ultimo
Wochentags: 6, ?, y Uht. Sonn- und Feiertags;
_ ’/A ’A Uhr _
Schweden • Kino
URAUFFÜHRUNG
Die letzten Tute
von Pompeji
Beginn : V»4, 7„6, 7 a 8. %1U Uhr
KINO KERN im Prater
ihr. Kern & Perlmann - leiephon tt 40-0-40
Edward G. Robinson in
Die ganze Stadt
spricht davon
(Gangsterffiihrer Hannion)
Wochentags: 5. 7, 9 Uhr, Sonntags: 2, J / 4 4. ‘/A
__ V,8, VUO Uhr
SfAFA-KIHO Vn "T5eJi!imi ,l B r 8S?SM 120
URAUFFÜHRUNG
Greta Garbo, Frederic March
in
Anna Karenina
_Beginn: */ a 4. V»6. 7, 9 Uhr
?TAEA .. KINfl VH*» MariahilferstraDe 120
i I HLH Ainu Telephon B 33-9-68
Sonntag 8. März V s 11 Uhr vorm.
Hin Palästina -‘'Tonfilm.
ESiOMflj
m Beiprogramm: Rund um den Luzerner
Zionistenkongreß.
üotiuptirk-Kino X To!enllon" 1 A f! !8- :l2 a6 12
URAUFFÜHRUNG
Greta Garbo, Frederic March
in
Anna Karenina
Beginn: 4. %6. l /,8. ‘/»IO Uhr
wurde, versprachen die erschienenen Ver¬
treter der Behörden jede Förderung. Nun
hat aber die Gewerbebehörde nicht die Gast¬
hauskonzession, sondern nur eine Konzes¬
sion zur Verabreichung von Frühstück er¬
teilt. Zur Begründung wird unter anderem
angeführt:
„Hiezu 'kommt, daß ein Großteil der Be¬
sucher des Semmerings, beziehungsweise der
Gemeinde Spital am Sommering (zirka
80 Prozent) israelitischer Konfession ist,
und es ist anzunehmen, daß dieser Kreis
der Besucher im Falle einer weitgehenden
(das heißt über die Bewilligung zur Verab¬
reichung eines Frühstücks hinausgehenden)
Konzessionserteilung das Heim des ihnen
nahestehenden Vereines ,Hakoah 1 bevor¬
zugen und die bereits bestehenden Gast-
. Stätten meiden würde. Hiedurch wiirdo aber
eine Beeinträchtigung der bestehenden Gast-
betr'ebsstätten verursacht, welche von
diesen um so schwerer zu tragen ist, da das
Semmeringer Gebiet schon seit Jahren an
einem Rückgang der Besucher leidet. Es
war sohin dem Ansuchen des Vereines
,Hakoah 1 auf eine weltergehende Kon-
zesvortserte'lung keine Folge zu geben.“
Schließlich sagt der Bescheid noch, daß
die Konzession in einem wetteren Umfang
auch deswegen verweigert werden müsse,
Am 9. d. fand der zweite Gesellschafts¬
abend de-s Sportklubs „Hasmonea-Makkabi“
statt, der bei gutem Besuch einen animierten
Verlauf nahm. Unter der vorzüglichen Confe¬
rence von Marcel 1 Lyzzatto wickelte sich eine
Akademie ab, in welcher besonders Herr Weil,
Eugen Hoffmann, der kleine Miindi Horowitz
und Rosl Saphir durch ihre Chansons auffielen.
Nach den Darbietungen spielten dio „Fuks
witty vexers“ zum Tanzo.
Jüdischer Sport In aller Welt
Tel-Avlv: Rabinowitsch (Atid, Tel-Aviv) ver¬
besserte den alten Makkabi-Rekord im Speer¬
werfen um 32 cm; 50.82 lautet die neuo Marke.
Johannisburg: Der südafrikanißche Hürden¬
läufer Kiel lief im Rahmen der letzten Veran¬
staltungen die 110 m Hürden in 14.4, und
120 Yards Hürden in 14.5. Diese« sind die
besten Hürdenleist,ungon, die ein jüdischer
Athlet bisher erzielt hat, und Kiel dürfte auch
gute Chancen haben, bei der Olympiade ins
Finale zu kommen, wenn er, was wir allerdings
nicht glauben, in Berlin an den »Start geht.
Budapest: Der ungarische Fechtverband ver¬
anstaltete ein Auswahlmeeting, an dem die
besten ungarischen Fechterinnen teilnahmen.
Die jüdische Fechterin Ilona Elek landete zu¬
gleich mit Varda im toten Rennen auf dem
ersten Platz, ihre »Schwester Margit Elek wurde
Zweite.
Moskau: Der . ehemalige deutsche Meister,
der Jude Harry Stein, wirkt jetzt als Boxlebrer
Randolph Scott
in
Land des Grauens
Beginn: 4. %fi. l ' S 8. SlOUbr
ROTEHTURM
URAUFFÜHRUNG
Clark Gable, Loretta Young
Der Pul' .
nach lach London
Beginn: %4. * A ‘ ,K 4 10
0 p e k n - KI n o '• tÄ 3
URAUFFÜHRUNG
Greta Garbo, Frederic March
III
Anna Karenina
Beginn; 4, */A
Straßenbahnlinien C,N,Nk,33; Haltestelle n. d. Augartenbrücke
Erstaufführung für den 18. Bezirk,
Schulfrei
RembranaFKlno l, 'ÄnA«“ , f ,)
Das Land der Verheißung
Ira Beiprogramm:
Der Luzerner ZionistenkonsreB
Beginn 7*7, */*9 und 7*10 llhr
Bezugsbedingungen: Monatlich S 1.50,
vierteljährlich S 4.20, ganzjährig S 16.-. Für
das Ausland: Deutschland vierteljährlich
RM 3.—, Tschechoslowakei vierteljährlich
Kö 24.—, Jugoslawien vierteljährlich Dinar
40.—, Polen vierteljährlich Zloty 6.50, Ungarn
vierteljährlich Pengö 4.20, Rumänien viertel-
ähriieh Lei 120.—, übriges Ausland viertel¬
jährlich Schweizer Franken 4.50.
Postscheck Konti: Österreich Nummer
D 113.546, Polen Nr. 191.190, Tschechoslowakei
Nr. 500.230, Jugoslawien Nr. 40.879.
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nistischer Landesverband für Österreich, Wien,
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