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JÜDISCHE ZEITUNG
Wir melden*
Der Terror gegen die deutschen Juden
*
Der Mufti in der Sackgasse
*
Tschechoslowakische Staatsmänner für
den Zionismus
*
Lloyd George ist von Hitler und dem
Nationalsozialismus begeistert
*
Nr. 582
Wien, Dienstag, 22. September 1936 • 6. Tischri 5697
10. Jahrgang »
Regime Fascista“ gegen die Juden
England Im palästi¬
nensischen Chaos
Auf der Tagesordnung des Völker¬
bundes, der gestern zusammengetreten
ist, steht auch die Palästina-Frage. Der
englische Dominienminister Malcolm
MacDonald wird der Mandatskommission
den von ihr geforderten ergänzenden Be¬
richt über die Vorgänge vorlegen, und die
Kommission wird dann ihre Anträge für
das Plenum ausarbeiten. Die Lage in dem
Mandatsgebiet ist inzwischen zu einem
förmlichen Chaos ausgeartet. Die Man¬
datsverwaltung hat sich in eine Sack¬
gasse hineingearbeitet; nachdem sie wie¬
der mit Kriegsrecht und Belagerungs¬
zustand gedroht hatte, ließ sie sich wie¬
der umstimmen. Die von ihr selbst er¬
wünschte Sitzung des Obersten ara¬
bischen Komitees hat sie verboten und
Beratungen der Ortsausschüsse angeord¬
net; die Ausschüsse antworteten sämtlich
mit der Erklärung, daß die Entscheidung
(über den Generalstreik) nur dem Ober¬
sten Komitee zustehe. Nun muß die Re¬
gierung wieder die verbotene Versamm¬
lung gestatten, was wieder die Position
der Radikalen, die unter dem Druck des
Freischarenführers Fauzi stehen, stärkt.
Dies äußert sich bereits in neuen Aktio¬
nen, die sich diesmal gegen das jüdische
Neujahrsfest richteten.
Das Land ist voll Militär, aber die
Ruhe kann trotzdem nicht hergestellt
werden. Die englische Macht ist auf der
ganzen Linie in die Hinterhand geraten.
Das ist die Lage, wie sie auch von Genf
aus gesehen werden muß. Es ist. aber
leider zu besorgen, daß auch der Völker¬
bund keine Ruhe schaffen kann. Er ist
mit Problemen überhäuft, die seine ganze
politische Kraft absorbieren und wird
sich höchstens auf eine kritische Debatte
beschränken und Empfehlungen Vor¬
schlägen, deren Ausführung wieder einen
bureaukratischen Aktenlauf erfordert,
vor dem ein arabischer Heckenschütze
keinen Respekt hat. Bestenfalls wird der
Völkerbund, um seine Stimmung auszu-
drücken, die Entsendung einer eigenen
Kommission vorschlagen oder sogar be¬
schließen, und es wird dann wieder dar¬
auf ankommen, welche Kommission frü¬
her im Lande ist.
Die einfache Frage Palästinas ist
nichts als die Anwendung der Sicher¬
heitsmittel; die Verzögerung ist aus der
Angst Englands, vor Komplikationen im
weiteren Orient hervorgerufen worden,
und dies führt zu einer Situation, in der
der Völkerbund überhaupt nichts unter¬
nehmen kann. Die Entscheidungen kön¬
nen heute nur in Palästina selbst fallen
und eine wesentliche Voraussetzung ist
der Wille der jüdischen Bevölkerung, in
keinem Punkte nachzugeben und sich
fest auf die Basis der im Mandat garan¬
tierten Rechte zu stellen. Der Jischuw
kann auch nicht auf Verhandlungen im
gegenwärtigen Zeitpunkt sich einlassen,
da keine Autorität vorhanden ist, die die
Ausführung allfälliger Abkommen sichert.
Das Judentum Palästinas kann nur sein
Augenmerk darauf richten, nicht vor
vollendete Tatsachen gestellt zu werden,
die vielleicht zwischen dem schwanken¬
den und schwächlichen Oberkommissär
und den Terroristen nach syrischem
Muster vereinbart werden. Es kann
nichts anerkennen, was ohne seine Mit¬
wirkung zustande kommt.
England hat eine Division in Palä¬
stina. Will es seine Autorität nicht ein¬
büßen, so muß es endlich mit den Bandi¬
ten auf räumen. Will es das nicht oder
kann es das nicht, dann muß es dem
Jisclmw eine logale Selbstbewaffnung
konzedieren und der Jisclmw wird solbsl
Rulio und Ordnung hersteilen.
Entschlossenheit, Mut und Glauben!
Rosch-Haschanah-Botschafft Weizmanns
London, 20. September. (JTA.)
Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewi&h Agency Doktor
Chaim Weizmann bat der Jüdischen Telegraphen-Agentur die folgende Botschaft zu
Rosch-Haschanah übergeben:
„Düstere Ereignisse von nicht zu übersehender Bedeutung und Wirkung gehen
in verschiedenen Teilen der Welt vor sich; es will scheinen, daß das moralische
Fundament, auf dem die Zivilisation ruht, unterminiert ist.. Inmitten dieser ernsten
Unruhen und tiefen Not spürt das jüdische Volk, das immer als erstes jedem Vor¬
urteil ausgesetzt ist und Unrecht und Verfolgung zu erdulden hat, besonders ein¬
schneidend die bösen Folgen dieser Ereignisse. Sowohl in der Diaspora als auch im
Lande unserer letzten Hoffnung, in Palästina, war das jetzt zu Ende gegangene
Jahr eines der bösesten in den Annalen jüdischer Geschichte. In Palästina fängt das
Jahr 5697 in einer Atmosphäre banger Sorge an; aber, wenn auch besorgt, sind
wir nicht erschrocken. Wir gehen in das neue Jahr mit jener Entschlossenheit,
jenem Mut und Glauben, die unsere Väter charakterisierten: mit jenem tiefen Glau¬
ben an die Gerechtigkeit unserer Sache, welcher sie befähigte, die Last der Unsterb¬
lichkeit, die unsere Bestimmung ist, zu tragen.“
Wir sichern jüdisches Nationalheim!
Baldwln an die amerikanischen Palästinafreunde
Washington, 20. September (JTA.) Das
Komitee christlicher Palästinafreunde „Pro
Palästina“, das sich an den englischen Mi¬
nisterpräsidenten gegen eine Einschrän¬
kung der Einwanderung nach Palästina ge¬
wendet hatte, erhielt von Baldwin eine De¬
pesche, in der es heißt: „Die Regierung
Seiner Majestät ist entschlossen, die Ver¬
pflichtungen vollständig zu erfüllen, die in
dem Mandat des Völkerbundes enthalten
sind, und in Palästina solche politische, ad¬
ministrative und wirtschaftliche Verhält¬
nisse zu schaffen, die die Gründung des
jüdischen Nationalheims in Palästina sicher¬
stellen und gleichzeitig die Rechte aller
Einwohner des Landes in bürgerlicher und
religiöser Hinsicht garantieren, ohne Unter¬
schied der Rasse und des Bekenntnisses.“
Diese Erklärung wurde dem Pro-Paiästina-
Ausschuß vom englischen Botschafter in
Washington übergeben.
„USA. muß für Juden eintreten!“
New York, 20. September. (JTA.) Die
amerikanischen Senatoren Copeland und
Austin, die soeben von ihrer Palästina-
Tour wieder in New York eingetroffen sind,
erheben eine scharfe Anklage gegen die
englische Regierung, die ihren Verpflich¬
tungen gegenüber den Juden in Palästina
nicht nachgekommen ist und insbesondere
in der Aufrechterhaltung von Gesetz und
Ordnung versagt hat. Die friedlich arbeiten¬
den Juden in Palästina, erklärten sie, sind
Opfer von Terror und Mord; ihrer Meinung
nach haben die USA. die Verpflichtung, sich
mit dem Palästina-Problem zu befassen, und
es sei die Pflicht der Bürger der USA., sich
dafür zu interessieren, ob das jüdische Na¬
tionalheim in Palästina, dem auch die Ver¬
einigten Staaten zugestimmt haben, auf¬
gebaut wird, und wie diese vonstatten geht.
Fortsetzung des Streikes beschlossen
Jerusalem, 21. September.
In den letzten Tagen haben ständig Beratungen der verschiedenen arabischen Ko¬
mitees stattgefunden, deren Ergebnis schließlich der Beschluß des Obersten arabischen
Komitees war, daß der Streik fortgesetzt wird. An der Beratung haben auch
eine Reihe von Notabein teilgenommen. Der Beschluß des Obersten Komitees beruft
sich auf eine Entscheidung der lokalen Streikkomitees, die sich für den Streik aus¬
gesprochen hatten. Die Beratung der lokalen Komitees war bekanntlich vom Obersten
Komitee beschlossen worden, das nach dem Scheitern der Vermittlung Nuri Paschas
die Verantwortung für die weitere Gestaltung der Dinge nicht selbst übernehmen
wollte. Die Regierung hatte übrigens die Zusammenkunft der lokalen Komitees ver¬
boten, doch waren inzwischen deren Mitglieder schon in Jerusalem eingetroffen. Sie
hielten entgegen dem Verbot in privater Form ihre Beratung doch ab.
Oberstes Komitee beharrt auf Liquidierung des Mandats
In einem Manifest an die britische Regierung
hatte das arabische Oberste Komitee noch vor
dem Streikbeschluß erklärt, es sei nicht verant¬
wortlich für den Streik, der eine spontane Ak¬
tion des arabischen Volkes sei. Das Komitee
wiederholt die arabischen Forderungen: Völ¬
lige Unabhängigkeit in Palästina,
Schaffung eines arabischen Staates und L i-
quidierung des Palästinamandats.
Die Einsetzung der Untersuchungskommisison
könne kein Grund zum Abbruch des Streiks
sein, denn auch frühere Kommissionen hätten
keine Änderung der Politik Englands gebracht.
Schließlich lehnt das Oberste Komitee die Ver¬
antwortung für das Scheitern der Vermittlung
Nuri Paschas ab.
Dill und Wauchope bei Emir Abdullah
Inzwischen hat Generalleutnant Dill das Kommando in Palästina übernommen.
Er hat sich zunächst über die Lage in Palästina eingehend informiert und einige Reisen
im Land unternommen. Großes Aufsehen erregte am 16. September die Nachricht,
daß sich Generalleutnant Dill in Begleitung des Oberkommissärs Wauchope im Flug¬
zeug nach Amman begeben bat. Offiziell wurde über die Reise nur soviel mitgeteilt,
daß die beiden Herren bei Emir Abdullah zu Mittag essen würden.
Terror ohne Ende
Jerusalem, 20. September.
Streik und Terror nehmen ihren Fortgang.
Es vergeht kein Tag ohne Dutzende von An¬
schlägen, deren Registrierung kaum mehr mög¬
lich ist. Brandstiftungen, Bombenanschläge
und Überfälle aus dem Hinterhalt hören nicht
auf. Größere Aktionen sind nicht vorgekom-
men.
Es ist ein neues jüdisches Todesopfer zu
beklagen. In ein von der sephardischen Fa¬
milie T u r j e m a n bewohntes Haus in der
Nähe eines Beduinenlagers, unweit des von
arabischen Arbeitern bewohnten Vermessungs¬
lagers der Regierung, wurde eine Bombe ge¬
worfen. Der achtjährige Elieser
Turjemann war sofort tot, sein
siebzigjähriger Großvater wurde schwer, die
Eltern wurden leicht verwundet.
Die Wächter und Siedler der Kolonie
Mischmar Hajarden haben einen heftigen An¬
griff, bei dem die Siedlung vollkommen um¬
zingelt worden war, abgewiesen.
In Ain Fara ist eine Wasserpumpstation, die
zu dem Wasserversorgungssystem der Stadt
Jerusalem gehört, niedergebrannt.
In eine Fabrik in der Mea-Schearim-Straße
an der Grenze zwischen Jaffa und Tel-Aviv
ist eine Bombe geworfen worden. Vier Juden,
und zwar der 24jährige Abraham. Biedermann
und der 28jährige Elieser Hansensprung, wur¬
den schwer und zwei andere jüdische Arbeiter
leicht verwundet.
Bei Kfar Ginnis zwischen Haifa und Lydda
ist ein Güterzug zum Entgleisen gebracht
worden. Die Lokomotive und zwei Waggons
wurden zerstört, verletzt wurde niemand. Im
Zusammenhang mit diesem Sabotageakt wur¬
den fünf arabische Notabein aus
Lydda nach Sarafend verbannt und
zwei Häuser bekannter arabischer Agita¬
toren in Lydda niedergerissen.
Eine Brücke zwischen Jerusalem und
Jericho ist in der Nacht gesprengt worden.
In Körben mit Tomaten, die an einen jüdi¬
schen Kaufmann nach Jerusalem geschickt
worden waren, sind Bomben gefunden worden.
Die Angriffe gegen die jüdische Kolonie
Neß Ziona erneuerten sich. Auch die benach¬
barten jüdischen Siedlungen Ramat Hako-
wesch, Ramat Hascharon, Kfar Chaim und an¬
dere wurden angegriffen. Alle diese Angriffe
wurden allein von den jüdischen
Wächtern und Hilfspolizisten zurück¬
geschlagen.
In Jerusalem wurde am Rosch-Haschanah
gegen einen zur Synagoge gehenden Juden
eine Bombe geschleudert. Die Bombe verfehlte
ihr Ziel.
Die Irak-Petroleum-Röhrenleitung wurde
wieder zweimal beschädigt.
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Regelmäßiger Reisedienst der Czernowltzer
Allgemeinen Zeitung nach
Polen und Czemowllz
Nächste Abfahrten; 29. Sept. und 11. Okt.
Anmeldungen ausschließlich Reisebüro „Marlen-
brücke“, I., Rotenturmstraße 26, TeL R 24-2-86/87
Bericht an den Völkerbund
London, 19. September. Der Doaninien-
minister Malcolm MacDonald wird der
Mandatskommission des Völkerbundes einen
Bericht über die Wirren in Palä¬
stina unterbreiten.
Bürgermeister Dizengoff
wieder schwer krank
Jerusalem, 20. September. Der Bürger¬
meister von Tel-Aviv, Meir Dizengoff,
ist neuerlich erkrankt. Es handelt sich um
eine schwere Lungenentzündung. Der Zu¬
stand des greisen Bürgermeisters wird
von den Ärzten als sehr ernst bezeichnet.
Nuri Pascha über seinen
Vorschlag
Nuri Pascha ist während seines Auf¬
enthaltes in Istanbul erneut nach der
palästinensischen Angelegenheit gefragt
worden. Die Erklärung*, die er abgab, er¬
scheint von Interesse: „Ich habe meinen
Plan beiden Parteien und dem Oberkom-
missar auseinandergesetzt. Wenn er ange¬
nommen wird, werde ich ihn veröffentlichen,
aber ich muß sagen, daß kein einziger
Araber jemals hinnehmen wird, daß Palä¬
stina in seiner Gesamtheit zu einem
jüdischen Nationalheilm gemacht werde.
Was die Verstärkung der militärischen
Garnisonen in Palästina betrifft, so bin ich
überzeugt, daß England nicht plant, irgend
eine der in Streit verwickelten Parteien au
Boden zu schlagen. Die Stärkung erfolgt nur
als wirkliche Friedensma߬
nahme, durch die Lebensverhvste bis zur
Herbeiführung einer zufriedenstellenden Re¬
gelung verhütet werden sollen.“
Ihre Bezirkssektion
ruft Sie, sie braucht Sie zur Mitarbeit,
bei den Wahlen. Melden Sie sich so¬
fort,