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Nr. 49.
m.-ungar
Meilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit.
22. Iahrg.
Hebräische Melodien. !
Vom Obercantor S. Dubowsky in Berlin. !
^' Vor einigen Jahren habe ich vorgeschlagen, behufs Ver¬
wirklichung einer diesbezüglichen Anregung des seligen Prof, i
Steinthal einen Verein nach Art der Mekize Nipdamim in's
Leben zu rufen, dessen Aufgabe es sei, alte jüdische Ge-
sangs-Compositionen zu sammeln, durch eine zu dem Zwecke i
gewählte Sachverständigen-Commission sichten und das als ge- '
eignet Erkannte drucken, eventuell auch zur öffentlichen Auf¬
führung bringen zu lassen. Erfreulicherweise ist, wie ich höre, i
jetzt, nach der am 24. vor. M in der „Philharmonie" ver¬
anstalteteil Conzert-Ausführung hebräischer Gesänge die Be¬
gründung eines solchen Vereins von einer Reihe angesehener
hiesiger Glaubensgenossen in Angriff genommen worden. De
ganz außerordentlich zahlreiche Besuch, dessen die erwähnte Aus¬
führung sich erfreute, hat offenbart, dass das Interesse für
unsere synagogale Musik in weitesten Kreisen vorhanden ist und
mit Erfolg auch bei den jetzt noch Indifferenten geweckt werden
kann, dass somit der geplante Verein vielseitigen Wünschen ent¬
gegenkommt lind werbend zu wirken vermag.
Indessen hat der Verlaus jener Conzen-Veranstaltung zu¬
gleich gezeigt, dass es für die Erhaltung und Kräftigung des
Interesses sich empfiehlt, die Auswahl der geeigneten Gesänge
für künftige Darbietungen gleicher Art nicht dem subjektiven
Urtheile eines Einzelnen zu überlassen. Denn eine abermalige ‘
Enttäuschung der Hörer, wie sie diesmal, trotz der vortrefflichen >
Leitung und Leistung des Chors und de> schönen Vortrags ein¬
zelner Solisten, bereitet wurde, dürfte kaum geeignet sein, das
erwachte Interesse zu erhaltet! und zu vertiefen. Die meisten
der zum Vortrag gebrachten Piecen trugen, trotz des hebräischen
Textes, fast gar kein specifisch jüdisches Gepräge und kamen
namentlich denjenigen Hörern, welche z>l den fleißigen Besuchern
der hiesigen Orgel-Synagogen gehören, so bekannt und vertraut
vor, dass sie erstaunt einander und das Programm ansahen,
wonach diese Gesänge als „a l t e, - vergessene traditionell-litur¬
gische" Schöpfungen zu gelten haben. Hat sich demnach der ;
veehrte Urheber und Leiter der Aufführung die Aufgabe ge¬
stellt, iu Nachahmung eines vor zwei Jahren von Herrn Prof. :
O. Fleische r inszenirten Conzerts alte jüd. Weisen vorzuführell
so ist es schwer verständlich, warum er hierzu nicht die ihm zur ;
Verfügung gestellten wirklich alten ungedruckten Compo- !
sitionen wirklich jüdischen Styls, welche mit wahrhaft er- ;
haben er Schönheit hohen musikalischen Werth verbinden, aus- ■
gewühlt und anderen den Vorzug gegeben hat, welche er einem >
vor einigen Jahren erschienenen Werkchen entnahm. Vielleicht
deshalb, weil der Verfasser dieses Werkchens seine Melodien im
Vorwort als Ueberlieferung seiner Urahnen bezeichnet, welche
vor zweitausend Jahren aus Freundschaft für einen Grafen direkt
von Jerusalem nach Deutschland und von da nach Polen ge¬
wandert sein sollen? Herr Prof. Fleischer hat, indem er Zt.
jene Melodien als „ a l t h e b r ä i s ch e " zur Aufführung brachte,
denselben mit dem Gewichte seines autoritativen Urtheils eine
Folie gegeben, und auch wir würden selbstverständlich gegen die
Authentizität dieser zweitausendjährigen Ueberlieferung nicht das
Geringste einwenden, wenn die Gesänge das untrügliche Merk¬
mal des Jüdischen, den orientalischen Typus auf¬
weisen würden und nicht vielmehr als mixtum compositum,
ein Sammelsurium verschiedener Stylarten, für Juden und Nicht¬
juden gleich ungenießbar wären. Herr Capellmeister K e l l e r -
mann hatte wohl dieselbe Empfindung und hat deshalb diese
die Aufschrift „A l t i s r a e l i t i 's ch e Gesänge" tragenden
Piecen nicht originaliter aufgeführt, soudern eingestaudener
maßen sich genöthigt gesehen, dieselben umzuarbeiten.
Wie in dem Programm-Borwort mitgetheilt wird, fink
auch die anderen zu Gehör gebrachten Melodien von dem Herrn
Dirigenten bearbeitet worden, , damit dieselben „auch heutzutage
dem Ohr gefällig erscheinen". Hierin liegt die Lösung des
Rätshels. dass man anstatt der in Aussicht gestellten alten
hebräischen Gesänge fast nur kirchlich klingende vernahm. Allein
die dem Synagogen - Chorwerke von Naumbourg ent¬
nommenen Stücke aus Balle! (nach der bekannten Melodie von
Sukkoth) machten eine vortheilhafte Ausnahme. Denn auch
die der Musikbeilage Nr. 1 des „Israelitischen Lehrer und
Camor" entnommmene Arie Col anesama uiiö die Schuß -
nummer Bin hamezar von Halevy aus Nanmbourg's Parlitur
(die Hinzunahme des Hodu war widersinnig) haben nichtjü-
dischen Styl. Nebenbei bemerkt, hätte man auf den Cello-Vor¬
trag des hier bei fast jeder jüdischen Festlichkeit erklingenden
Kol Nidre bei dieser Aufführung, von der die Darbietung un¬
bekannter Melodien erwartet wurde, gerne verzichtet, völlig
abgesehen davon, dass der executirende Künstler nicht auf der
Höhe seines Leistungsvermögens stand.
Eine vorherige Bekanntgabe des Programms hätte unseres
Erachtens dem Besuche des Concerts, trotz des wohlthütigen
Zweckes, Abbruch gethan. Der 'Vortrag j unserer heiligsten
Jomim naurotru-Gebete durch barhäuptige Solisten und Chor¬
sänger dürste gleichfalls kaum geeignet gewesen sein, die Ent¬
täuschung über das Dargebotene zu vermindern. Selbstver¬
ständlich ist es ausgeschlossen, dass der Concert-Leicer zu der
überaus mühereichen, mit selbstloser Hingebung mottatelang vor¬
bereiteten Veranstaltung von dem Ehrgeiz veranlasst wurde,
seine Compositionen und Bearbeitungen zu präsentiren,
wozu er ja in seiner Eigenschaft als Chor-Dirigent der Neuen
Synagoge ungleich leichter reichliche Gelegenheit hat. Es be-
delltet aber, wie ich glaube, ein Verkennen des von ihm in der
Vorrede angegebenen Zweckes, „ältere, zum Theil vergessene
traditionell-liturgische Compositionen auch in der Gegenwart zu
Gehör zu bringen", wenn er dieselben erst derart, „bearbei¬
tet", dass sie „auch heutzutage dem Ohr gefällig erscheinen."
Ein modern zugestutzter „Streimel" oder Dreimaster ist eben
ein anachronistisches Monstrum! Und wenn man die altjüdischen
Tonschöpsungen durch „Bearbeitung" ihres orientalischen Cha¬
rakters entkleidet und durch Kirchenmanier verändert, so bietet
man damit dem mit dem altjüdischen Musikstyl vertrauten
Publikum so Zusagen ein „goiisch' Schalet."
Der gewandte, energische Dirigent wäre, wie er bei der
Aufführung bestätigt hat, wohl der Mann, große, schwierige
Kompositionen, wie sie unsere alten berühmten Cantoren ge¬
schaffen und hinterlassen haben, durch Massen-Chöre zu würdigtr,
packender Wirkung zu bringen. Ist es nnuinftößliche Wahrheit,
dass die Musik als wirksames Erziehungsmittel für die Vere¬
delung des Menschengemüthes überhaupt ein bevorzugte Stel¬
lung verdient, so kann kein Einsichtiger sich der Erkentnis
verschließen, dass die Aufführung unserer synagogalen Musik -
schöpfungen wohl dazu angethan ist, wie mit Bewunderung für
die Empfindungswelt und den Kunstsinn unserer Altvordern
zugleich mit ehfürchligem Schauern für die hehere Erhabenheit
unserer altgeheiligten gottesdienstlichen Veranstaltungen, zu er¬
füllen und in segenzeugender Begleitwirkung thateifrige Be¬
geisterung für unsere ererbten Religionsgüter zu entzünden.
Eben darum wäre die Begründung des geplanten Vereines mit
Freuden zu begrüßen, eben darum muß aber auch bei öffentlichen
Darbietungen weitestgehertdeVorsicht nnd Umsicht geübt werden