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Die Wohiheil
Nr. 50.
(Sitte Rechte Vorbehalten.)
Ein uenes Licht.
Bon Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt).
(Fortsetzung.)
IX.
Eine Woche vor den hohen Feiertagen war es Dr. Fuchs
gelungen, die „Friedenskonferenz" zustande zu bringen. Er hatte
schon früher mit den einzelnen Herren verhandelt und jeden
mit seiner ganzen Ueberzengnugskunst zu gewinnen gesucht: und
tatsächlich konnte er sich schmeicheln, für die wichtigsten Forderungen
eine Majorität zu besitzen.
Der Bau einer Mikwa wurde schon früher vom Vorstande
beschlossen und harrte nur noch der Genehmigung seitens des
Großen Rates, die aber gewiß war. Ferner erhielten die Schlächter
den strikten Auftrag, die Fleischhallen strenge zu beaufsichtigen,
da sie sonst entlassen würden. Dr. Fuchs hatte auch den Kultus-
Präsidenten privatim gebeten, am Samstag keine Knltussachen
zu erledigen, was dieser bereitwilligst zusagte. Die Konferenz
wurde von fünf Orthodoxen und fünf Reformierten beschickt,
obwohl letztere in der Mehrheit waren. Das hatte Dr. Fuchs
so arrangiert, der auch über allgemeines Verlangen den Vorsitz
führen mußte, um bei Stimmengleichheit als Unparteiischer zu
dirimieren. Er leitete die Sitzung mit einer herzlichen Ansprache
ein, in der au die Friedensliebe und an das edle, jüdische Herz
der Teilnehmer appellierte.
Da saßen nun die Herren Bär und Weinmann und Mandel
und Horn und Steiuherz und jeder bezog das „edle jüdische Herz"
auf sich und die andern wieder auf sich und so wurde der erste
Punkt ohne Debatte glatt erledigt. Die Bethausordnnng sollte
dahin abgeändert werden, daß es jedem gestattet sei, den Tallith
aufgerollt oder zusammeugelegt zu tragen. Dagegen mußte über
Wunsch des Dr. Ehrlich ein neuer Passus ausgenommen werden,
daß die Betenden an Feiertagen im F e st g e w a n d e zu er¬
scheinen haben.
Beim zweiten Punkte gab es schon eine größere Debatte.
Gegen die Wiedereinführung des Laras madlikin hatten die
Reformierten nichts einzuwenden, aber von den Piiitim wollten
sie nichts wissen. Nach längeren Bemühungen gelang es dem
Rabbiner und dem Sekretär, auch darin Einvernehmen zu erzielen.
Die Forderung nach billigen Betsitzeu wurde dahin ge¬
regelt, daß die Sitze in den letzten drei Bankreihen um den
Preis von 3 Kronen an all jene zu vergeben seien, die mindestens
jeden Samstag das Gotteshaus besuchen.
Nun kam ein wichtiger Punkt: Den Orthodoxen sollte es
gestattet werden, laut mitzusagen und mitznsingen — das wollten
die Reformierten unter keiner Bedingung zugeben. Das Schreien
und Brummen sei unschön, sagten sie, es sei. unerträglich und
mache auf jeden Fremden, der zufällig die Synagoge betrete,
den peinlichsten Eindruck.
Dr. Fuchs, bat um des Friedens willen nachzugeben, denn
wegen dieses einen Punktes könnte das ganze, mühsam zustande
gebrachte Werk in Brüche gehen.
„Meine sehr geehrten Herren I" sagte er, „lassen wir unseren
Alten diese Freude, denn sie fühlen nur dann ein Vergnügen
am Gebete, wenn sie es laut mitsagen können. Warum wollen
wir auf Andersgläubige und nicht auf u n f e r e Glaubens¬
brüder Rücksicht nehmen? Solange dieses Summet:
und Sing en im Go ttes h au se zu hören ist, fo lan ge
unsere Alten das „Amen" sagen, solange ist es
uns um unsere Zukunft nicht bange; wenn aber
auch dieses Singen und Sagen aufhört, wenn die Gemeinde
kein Bedürftiis mehr fühlt milzubeten, dann, meine Herren, wird
es mit unferm Gottesdienste sehr traurig aussehen, wenn es
überhaupt noch Gottesdienst fein wird und nicht eine p r o g r a m m-
mäßige Schablone! Nehmen Sie, meine Herren, auch
diesen Punkt an, damit sie die Früchte des Friedens voll und
ganz genießen!
Mit sechs gegen vier Stimmen wurde diese Forderung
gleichfalls genehmigt — die sechste Stimme war die des
Doktors Süß.
Die Forderung der Llakoxüotk, das heißt am Tage der
Thorafreude die heiligen Nöllen bei den sieben Umzügen tragen,
zu dürfen, wurde im Kompromißwege genehmigt. Nur im
ersten Umzuge sollten die Vorstände die Thorarollen tragen,
dann aber abwechselnd die älteren Gemeindemitglieder. Damit
war die große Enquete zu Ende.
Als dann der junge Rabbiner die hergestellte Einigung!
konstatierte, den Herren dankte lmd gratulierte, da war der
Jubel und der Beifall allgemein. Der alte Steinherz hatte sogar
Tränen in den Augen.
Der Sekretär fertigte hierauf ein Protokoll ans, das von
sämtlichen Herren unterschrieben und vom anwesenden Vorstände
sofort ratifiziert wurde.
Alle Anwesenden schüttelten einander freudig bewegt die
Hände, dann nahm Dr. Süß das Wort:
„Hochgeehrte Herren! Als ich vor einem halben Jahre
das Glück hatte, jene denkwürdige Sitzung zu leiten, in der die
Wahl eines neuen Rabbiners beschlossen wurde, da hatte, ich
die Worte gesprochen:
„Würde es dem kommenden Manne ge¬
lingen, den Frieden in unserer Gemeinde
h e r z u st e l l e n, es wäre dies s e i n e b e st e, seine-
größte Tat.
Nun, da diese große Tat, wider alles Erwarten, ohne
den geringsten Mißton zur Wirklichkeit geworden, nun,
meine werten Herren, lassen Sie uns unserem verehrten Herrn
Rabbiner aus ganzem Herzen Dank sagen. Dank sagen für
seine aufopferungsvolle Mühe, mit der er Tag und Nacht für
die Verständigung arbeitete, Dank sagen für die zielbewußte
Leitung dieser Versammlung, Dank sagen für den vollen Erfolg,
den sein rastloser Eifer erzielte.
Euer Ehrwürden! Im Namen aller Herren gratuliere ich
Ihnen herzlichst zu Ihrem Friedenswerke; möge Ihnen Gott
der Herr diese Tat reichlich lohnen, denn Sie haben damit
meine Bitte verwirklicht, die ich an Euer Ehrwürden gerichtet:
Der Gemeinde die höchsten Güter zu verleihen, innere
Stärke und F e st i g k e i t, Eintracht und F r i e d e 1
Und so rufe ich Euer Ehrwürden im Namen der ganzen Ge¬
meinde aufrichtig zu: Jejascher Kochacho !"*; Tosender
Beifall folgte diesen herzlichen Worten.
Um den Frieden vollständig zu machen, versprach Dr. Süß.
bei den nächsten Wahlen von den fünfzehn Ratsstellen f ü n f
den . Orthodoxen ohne Kampf zu überlassen.
Wie ein Lauffeuer hatte sich die große Neuigkeit im
Städtchen verbreitet inib überall sah man konversierende Gruppen.
Natürlich gab es auch einige Nörgler und Spötter, aber im
allgemeinen waren beide Parteien vollauf befriedigt, denn e s g a fr
keinen Sieger u n d feinen Besiegten. (Forts, folgt.)
Austritte uus dem Judentum.
Thnrmanil Salamoil, Fotograf, geb. 10. Juni 1875 in Lemberg, II.,
Arnetzhoferstraße 13.
Wilhelm Elsa geb. Spitzer, Inspektors-Gattin, geb. 3. April 1875 in
Wien, II., Ünt. Angartenstraße 37.
Wilhelm Friedrich, Jnsvektor der k. k. Nord-Westbahn, geb. 7. April
1864 in Wien, II., Unt. Augartenstraße 37.
F e l d m a n n Elisabeth Josefa, Fabriksarbeiterin, seit 24. August 1908-
mosaisch, geb. 19. Mai 1879 in Wien, XIII., Aichhorngasse 13.
Frisch David. Handelsagent, geb. 14. Jänner 1867 in Tapolcza, Kom.
Zala, Ungarn, IV., Scheleiugasse 52.
Schwarz Rudolf, Fabriksdirektor, geb. 25. Februar 1870 in Wien, V.,
Schönbrunnerstraße 70.
Kaff Elisabeth, Lehrerin, geb. 27. November 1876 in Blansko, Mähren,-
IX., Peregringasse 1.
Fürth Katharina geb. Eisler, Arztens-Gattin, geb. .10. Mai 1875 in
Wien, IX., Hörlgasse 18.
Hahn Franz, Privatbeamter, geb. 25. Juli 1885 in Wien, IX., Hörlg. 4.
Bürger Friedrich David, Privatbeamter, geb. 27. Mai 1878 in Wien,
IX., Brünulgasse 3.
Spitzer Olga. geb. 17. Juli 1881 in Wien, VI., Mariahilferstraße 99-
Kärpel Caroline, Buchhalterin, geb. 28. Februar 1882 in Wien, H.,
Nembrandtstraße 26.
F i s e r Stefanie, Schneidergehilfin, geb. 17. Februar 1894 in Wien^
XX., Treustraße 47.
*) Ein Dank und Wunsch „Gott stärke Dich."