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Nr. 50.
Cefteri>uugar. Kantoren-Zeitnng.
eeite 15.
Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes
tverden die geehrten Herren Kantoren dringendst
ersucht, das Abonnement für das am 1. Jänner
beginnende 1. Quartal umgehend einznsenden.
Die Redaktion.
„Polen".
Bon Ed. Birnbaum.
I.
Der polnische R i l n s und sein S y n a g o g e n g es an g
im Kreise der mittelalterlichen Synagogen-Riten.
Fortsetzung. *)
Das erste Gebetbuch! Hätte mich doch Gott in seiner
Güte mit der Dichtergabe beschenkt! Wie wollte ich ihm von
der Tiefe meines Herzens danken! Ihm in wohlgeordneten
„Perlenreihen" meine Gefühle zn Füßen legen, hinknieen und
rufen: „Wie groß, wie heüig bist du, Herr! Du hast den
Menschen begnadet mit deinem Geisteshanch, hast seine schwachen
Gedanken, die Gedanken eines hinfälligen Sterblichen, mit
.Kraft und Glanz ansgestattet. Ich will dir danken, ich will in
den schönsten Liedern dich preisen! Herr, öffne d u meine
Lippen, dann erst kann ich dein Lob so verkünden, wie es dir
gebührt! Denn du bist die Kraft, dir, Herr, gebührt Lob und
Preis, ja, du selber bist mein Lied, mein Gesang, mein Licht!
Mein Gott und Helfer, mein Schutz und Fels, mein Hort,
mein König, mein Vater, mein Erlöser!" Aber so bin ich zn
schwach, um die Tat des Gaon R. Amram in Worten zn
schildern,, der uns das erste Gebetbuch schenkte, darin nicht nur
ans das heilige Lied der Psalmsänger, sondern auch ans die
Normen und Formen des gesamten religiösen Lebens Bedacht
genommen ist.
Und was M i ch a e l S a ch s in Bezug ans die alte Psalmodie
sagt, möchte ich hier auf das ganze Gebetbuch des Gaon be¬
ziehen. Eine heilige Poesie, dem Stummen Sprache verleihend,
ward der Dolmetsch für des Volkes Wohl und Weh, sein
Glauben und sein Hoffen, seinen Dank sowie seine Trauer.
Alle Stimmungen und Lagen, die das religiöse Gemüt bewegen
und durchzucken, die Tonleiter der Empfindungen, von ihrer
tiefsten Niedergeschlagenheit bis zur ansjauchzenden Lust, fanden
stören Ausdruck, und was der heilige Sänger in der Stunde
der Weihe, als Erlebnis seines Innern, als individuelle
Erfahrung seiner Seele ausgesprochen, das war als vollgiltiger
Typus für das Glanbensleben der Gesamtheit gewonnen nnd
ihm anfbewahrt. Die heiligen Sänge sind kein isoliertes Knust-
produkt begabter Dichter, es sind Offenbarungen des göttlichen
Geistes, wie er sich in seinen Erkornen mit gewaltigem Rauschen
regt. „Das Gebet", sagt Sal. P l e s s n e r, „ist darum not¬
wendig, weil die S p r a ch e den Gedanken erst recht
belebt." Darum haben unsere Weisen, als tiefe Kenner der
Menschenseele, das A n s s p r e ch e n des Gebetsgedankens uns
zur Psticht gemacht (Lerachoth 31, Erubin 54, Vajikra
rabba Cap. 16, Sohar Haasinu S. 294 Kmbs bs). Die
Freude unseres Dankgefühls sowie die Wehmut unseres Schmerzes
würden uns erdrücken, könnten wir uns durch Beten. Tränen
Seufzer und Geberden nicht Lust macheit. Es müßte denn sein,
daß jene Gefühle nur in schwachen Spuren in uns vor¬
handen sind nnd es uns nicht so drängt. Wahre Fülle des
Gemüts läßt sich nicht in die engen Schranken der Menscheu-
brnst verschließen. „Warm ist mein Herz in meinem Innern, in
meinem Innern bereits ein Feuer — i ch m u ß reden mit
meiner Zunge", sagt der Psalmist (39, 4). „Mein Leib
ist wie Wein, der nicht geöffnet, wie neue Schläuche, die
.zerspringen wollen" (Hiob 32, 19). Das Wort, das Gebet,
ist der Beweis der vorhandenen Andacht. Glaubt daher jenen
sogenannten Aufgeklärten nicht, ruft P l e s s n e r aus, die da
'sagen, mir rufen Gott im Herzen an, wir beten absichtlich
*) In Nr. 47, S. 11, Sp. 1 sind an folgenden Stellen Kom¬
mata zn setzen: Z. 16 vor „bewertet"; Z. 2 von unten hinter „neigen";
.Z. 1 von unten hinter „Morgenpsalmen"; S 11, Sp. 2 lies mban.
nicht, um die Gottheit nicht zn beleidigen, glaubt ihnen nicht,
denn wären sie von Andacht beseelt, sie müßten bete n.
Denn beteten doch Männer, die die klarste Anschauung Gottes
hatten, die ihm am nächsten standen, Männer, die es nur klar
genug wußten, daß Gott jede noch so leise Regung ihres
Herzens kenne. Wie? Moses betete und w i r wollten nicht
beten? Das Gebet ist eine notwendige, unumgängliche Folge
der Andacht, wenn wirklich eine solche in unserem Innern
vorhanden ist! („Die kostbare Perle", S. 13/14; Sachs, „Die
religiöse Poesie", S. 147.)
Neuerdiltgs hat Pros. Dr. A. M a r x in New-Iork im
„Jahrbnche der jüdisch-literarischen Gesellschaft". Band V.,
„Untersuchungen zum Liciclur des Gaon R. Amram" (Berlin,
1908) veröffentlicht, in denen Folgendes über ihn ansgeführt
wird: „Die Gebete waren der Mehrzahl der jüdischen Bewohner
Babyloniens vermutlich vollkommen geläufig. Für die Un¬
wissenden war durch den Vortrag des -res rrbc Sorge getragen.
Es gab wohl in jeder Ortschaft Babyloistens Gelehrte, die
darüber wachten, daß man an den alten Formeln festhielt nnd
nichts hinznsügte, was gegen deren Geist verstieß. Aehnliche
Verhältnisse herrschten wahrscheinlich in Palästina. Der erste
dort entstandene Versuch einer Geberordnnug, e'-ieie roEö, ist
daher ganz halachisch mit) setzt die Stammgedele als bekannt
voraus. Ganz anders lagen die Verhältnisse im Okzident, wo
eine alte ununterbrochene Tradition, ivie wir sie in Palästina
und Babylonien finden, gänzlich fehlte und die rabbinischen
Schulen, falls solche existierten, jedenfalls während , dieser
Periode keine hohe Bedeitlnng erlangten. Hier mußte das Fehlen
eines authentischen Gebetbuches störend empfunden werden und
sich das Bedürfnis nach einem solchen mit zunehmender Kirltur
mehr und mehr fühlbar machen. Wir können daher leicht
verstehen, daß die während der gaonäischen Epoche im Westen
sich bildenden neuen Zentren des Judentums den Anlaß zur
ersten schriftlichen Fixierung der Gebetordnnug gaben. Nachdem
man über zahlreiche liturgische Einzelheiten während mehrerer
Generationen bei den Gaonen sich Auskunft geholt hatte,
entschloß man sich schließlich, um allen Zweifeln ein für allemal
ein Ende zn machen, um eine vollständige, authentische Gebet-
ordnnug zn bitten. So entstand der ä l t e st e uns be¬
kannte 8 i d d u r, der des Gaon A m r a m, wie uns
seine Einleitung ausdrücklich belehrt, auf eine Anfrage aus dem
Auslände — durch Abraham b. David wissen wir, daß es
Spanien war — hin. R. Amrams Hanplgnelle war der
babylonische Talmud, den er auf Schritt nnd Tritt
zitiert; recht häufig führt er auch den p a l ä st i n i s ch e n
T a l m ii d an, gelegentlich ailch einige Midraschim. Auf
Grund dieser Quellen stellte R. Ainram ans Ersuchen des
Spaniers Jsak b. Simon, der dafür durch Jakob b. Jsak
20 E'Eini — 5 für den Gaon und 15 für die Kasse der
snranischen Akademie — gesandt halte, seinen Siddur zusammen.
Dieser übte natürlich auf die Entwicklung der Liturgie einen
großen Einfluß ans und wurde von fast allen Dezisoren zitiert."
Wichtig scheinen mir die Bemerkungen des Herrn Professor
Dr. Marx in Bezug ans die die-ie nxa (Note 54) nnd die zn
Seite 46 der Edition Coronet (Warschau 1865) mit den
zahlreichen ..Hinznsügungen" ans den zwei Handschriften, weil
sie mir die erste Handhabe zn Geschichte des alten
S y n a g o g e n g e s a u g e s bieten. (Fortsetzung folgt.)
Herr Kollege Moritz K n l k a, Bruder des verantwortlichen
Redakteurs dieses Blattes. Alois Knlka, bis vor kurzem
Oberkantor in Kolin (Böhmen), feiert am 26. d. M. dort mit
seiner Frau Marie, geb. Knöpfelmacher, das seltene Fest der
goldenen Hochzeit. Wir wollen diese Tatsache zuvörderst
registrieren; ein ausführlicher Bericht folgt demnächst.
Kaiserlicher Rat Oberkantor Singer, Wien.
Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz.
Wien, II., Circusgasse 47.
Ordination Ton 9—6. Telephon 4157/VI11.