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| Motto: „Das Siegel Gottes ist WahrheitI“
t» Rubel oder IN Fr«4.
Ur 32 ' j Wie». 18. August 1**11-
Inhalt : Ferieustimmung. — Der Wanderbettel.'— Die Judenfrage auf dem Rassenkongreß. — Am Vorabend des X. Zionistenkongresses. Der
X. Zionistenkongreß. — Jüdischer Emigrations-Kongreß. — Josef Israels. — Der Erwerbssinn Richard Wagners. — Verschiedene Nach¬
richten. — Der Belfer. — Austritte aus dem Judentume.
Ferieustinnnnug.
Mit Recht nennt man die Ferien-Zeit die schöne Zeit.
.Sie bedeutet eine solche für Lehrer und Schüler. Nicht als
betrachteten wir die Zeit/ des Unterrichtes als eine mühevolle
und beschwerliche. Denn, wenn es auch an Plagen, Beschwer¬
den, und Unannehmlichkeiten in dieser nicht fehlt, welcher Beruf
wiese sie nicht auf? Und es wäre ein Lehrer von sehr trauriger
Gestalt, der nicht in/die Schule das mitbrächte, was für jeden
Erfolg des notwendigste ist, die Freudigkeit am Berufe. Doch
bedarf der Lehrer insonderheit einer Zeit der Ruhe, der Samm¬
lung, schon wegen der in der Schulzeit hart mitgenommenen
körperlichen Organe.. Und, wie notwendig ist für Geist und
Gemüt die freie Zeit! Welche Erfahrungen und Belehrungen
können wir in ihr sammeln! Die Natur ist und bleibt das
wichtigste Lehrbuch. Wenn wir den Schul- und Stadtstaub
von den Füßen geschüttelt haben, in Wald und Feld, an Flüssen
und Seen wandeln, wenn es den Glücklicheren unter uns ge¬
stattet ist, die Alpen zu bewundern oder gar am Strande der
See Erholung zu suchen und zu finden, dann erkennen wir erst,
wie viel rvir noch zu lernen haben- wie viel es unterem Himmel
und auf Erden gibt, wovon sich unsere Schulweisheit wenig
träumen laßt. Daher gönne man Schülern, gönne man aber
auch Lehrern, das bischen freie Zeit, dieses ofcium cum dig-
nitate. Es wird keine Redensart sein, wenn wir sagen: Ge¬
stärkt an ^ Geist und Körper werden wir zu unserer schweren
Arbeit w/eder zurückkehren. Da verbringe ich meine freie Zeit
in einen/ schönen, von Bergen und Wäldern nmrankten, von
einem stillen Wässerchen durchzogenem Dörfchen. Die Bewohner
des Ortes sind friedliche Leute, die den sich hieher vor der
Hitze /der Stadt flüchtenden Städtern freundlich entgegenkommen.
Wenn ich von meinem Spaziergängen durch die Wälder zurück¬
kehre, erfrischt vom Dufte der Tannen und Fichten, abgekühlt
von einem im Bache genommenem Bade und dann sehe, wie
schwer diese Bauern arbeiten müssen, wie sie vom heißen Felde,
ganz durchglüht von der erbarmungslosen Sonne dieses wunder¬
baren Sommers, die vollen Garben auf ..schwankendem Wagen
in die Scheune bringen, ihren einzigen Schatz hier bergend, wie
sie dann, umhüllt vom Staube, dreschen, übrigens zeigt sich
auch in diesem Dörfchen bereits der Kulturfortschritt, man
drischt nämlich schon mit Hilfe der von'der Elektrizität betrie¬
benen Motore, — dann tritt mir das ewige Wort unserer
heiligen Schrift vor das Auge, düs besagt: „Im Schweiße
deines Angesichtes sollst du dein Brod essen." Dieses Wort ist
für den Bauer geschrieben, er ist und bleibt es, welcher für das
wichtigste sorgt, dessen wir bedürfen: für unsere leibliche Not¬
durft. Mit dem Bauer kehren wir wieder zum Naturzustände
zurück und ohne ihn gäbe es auch keinen Kulturfortschritt, den
Industrie und Fabriksarbeit bedeuten. Unsere Bibel, dieses un¬
vergleichliche, göttliche Buch nimmt in ihrer ganzen Gesetzgebung
rmr auf ein Ackerbau treibendes Volk Rücksicht. Traurig, daß
wir Juden, durch die trübe Entwickelung der düsteren Zeitver-
hältuisse, die wir durchzukämpfen harten, vom Ackerbane abge¬
drängt wurden. Wie anders hätten sich unsere Verhältnisse
gestaltet! Werner Sombart hätte auch sein dickleibiges Buch
nicht schreiben können. Diese einfachen Landleute, die ich bei
ihrer schweren Arbeit beobachte, find glücklicher zu nennen, als
die, welche auf den Gelderwerb, durch Geschäfte aller Art, hin-
gedrängt wurden. Unsere Schuld ist es wahrlich nicht. Man
stellt uns als ein Wüsten-, ein Wander-, ein Nomadenvolk
hin. Das hat schon vor Sombart Dühring getan. Wer aber
hat uns zu einem solchen gemacht? Das Vorurteil und der
Haß. —
Doch wir wollen uns die heitere Ferienstimmung durch
solche Gedanken nicht trüben lassen, jetzt, da vom heiteren, tief¬
blauen Himmel die Sonne auf uns herniederlacht und des von
der Stirne heiß rieselnden Schweißes spottet. Auch befinden
wir uns nicht mehr in der Zeit der Trauer, welche den ersten
Teil der Ferien, den ihres Ausstieges, einnimmt. Vorüber sind
die drei Wochen, die uns „ben ha-Mezarim,“ zwischen den
Beengnissen, finden." Zu uns spricht nun der göttliche Jesaias
von Trost, Aufrichtung, Erhebung. Wir bedürfen des Trostes,
mehr denn jedes andere Volk denn, die sich als unsere Freunde
ausgeben, sie zeigen uns, wenn sich für sie die Wolken verzogen,
ihr hämisches, spöttisches Antlitz und, was sie uns als Arznei
reichen, das ist ein bitterer Wermutstropfen, ein schleichendes
Gift, welches verzehrt und vernichtet. Traurig genug, daß sich
gar mancher Jakob von diesen Labans täuschen und hintergehen
läßt. —
Wieder trübe Gedanken in dieser Trosteszelt, in diesen
herrlichen Tagen, da die Sonne so wunderbar leuchtet, der
Segeir der Felder uns grüßt, die Wälder duften, die Bäche
geheimnißvoll murmeln und das ewige Lied von der schaffenden
Allmacht Mls entgegentönt. — Ich nahm mir vor. in dieser
Friedelis- und Ferienzeit keine Zeitungen zu leserl. Was sollen
alle diese Nachrichten von dem uns wenig bekümmernden Marokko,
von Unfällen waghalsiger Bergbesteiger, von Malissoren, Fleischer-
lind Selchertücken, vom deutschen, freiheitlichen oder besser un¬
freiheitlichem Nationalverbande, von Spitzbuben und anderen
Geschichten, was sollen sie den stillen Frieden mir stören, in