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und klagbar.
Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“
6 Rudel oder 16 FrcS.
Nr. 9.
Wien. 17. Mär;
1916
I n halt: Purim. — Jüdische Lehrkräfte an öffentlichen Volksschulen. — Maxim Gorki über die Gleichberechtigung der Inden. — Die Not in
Palästina. — Amerikanische Massenkundgebung. — Das Getto in Korsn. - Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Testerr.-ungar.
Kantorenverein.
Purim.
In schweren Zeilen feiern wir Heller wieder das
Pnrimfest. Dieses Fest ist Erinnerung an vergangene Herrlich¬
keit und Macht. Von der Größe und Gewalt Persiens erzählt
es uns, das eben heute auch der Schauplatz ernster Ereignisse
und Kämpfe ist. Voll Erhebung feiern wir das „Losfest",
voll Zuversicht, daß ein besser Los nach so schweren Zeiten
uns bestimmt sei. Wie haben sich vom vorjährigen bis zum
heurigen Pnrimfeste die Zeiten und Verhältnisse zu unserem
und unserer Verbündeten Besten geändert! Rußland seiner
besten Grenzländer und Festungen verlustig, Serbien,
Montenegro niedergeworfen, Frankreich in herber Not, Italien
aus dem größten Teile Albaniens vertrieben und seines Ein¬
flusses dort bar, voll beginnender innerer Krisen und
Schwierigkeiten, das perfide Albion in seiner Geldmacht
schwer bedroht, so sieht es bei unseren Gegnern ans, Die
ansgezogen wider „Barbarei und Gewalt," zum „Schutze"
der Rechte der kleinen Nationen, deren Rechte sie in ihrer
Weise schonen. Israel hat überall in erster Linie mitgekämpft
und seiner Väter Ruhm und Heldensinn neu erstrahlen lassen.
Voll Freude und Zuversicht können wir das Pnrimfest be¬
gehen und auf den guten Ansgang des schweren Ringens
voll Festigkeit und Vertrauen hoffen. Wie Mordechal und
Esther durch ihre Frömmigkeit und unerschütterliche Zuversicht
ihres Volkes Leuchte in schwerer Bedrängnis und Not waren,
so leuchten sie auch uns in trüben Tragen und gemahnen
uns, nie kleinmütig zu werden und gerne und freudig die
schweren Zeiten zu tragen und ihrer würdig zu sein. Esther
heißt Siern; sie war durch ihre Volkstreue ilnd Ansdaner,
durch ihre Bescheidenheit und Herzensgüte ihres Volkes Stern,
wie Mordechai durch sein stilles, umsichtiges Walten, durch
seine Frömmigkeit und Milde uns allen ein Vorbild bleivt.
Er rettete den König vor dem Anschlag verräterischer Diener
und war zu bescheiden, den Lohn für diese Tat zu ernten.
Er nahm sich der verwaisten Esther väterlich an und sorgte
rührend für sie, ohne ihre hohe Stellung für sich anszunützen;
in allem der isch jehudi, der wackere, gute Mann, der
gesinnungsstarke Jude voll Herz für alles Große in der
Welt, für alle Ideale der Menschheit!
Es ist nur der zeitliche Unterschied in unseren religiösen
Anschauungen, in unserer Ueberzeugung von der Menschheit
Fortschritten und in der Hoffnung auf den Sieg der Wahrheit
sind wir gleich nnseren Altvordern. Gleich Mordechal und
Esther aller Zeiten harren wir in unserem Lose aus und sind
überzeugt, daß diese Beharrlichkeit und Treue gegen unseren
Gott, unser Volk und uns selbst die Voranssetznng unserer
Erhaltung und eines besseren Znknnslsloses bleiben. Haman
starb ebensowenig wie Amalek: stets erheben sie sich wieder zu
unserer Vernichtung, stets werden sie uns als minderwertig,
staatsgefährlich und volksfeindlich ausschreien. Es ist dies
Handwerk ja ihre Lebens- nud Existenzbedingung zu allen
Zeiten. Doch die Wahrheit und das Licht haben noch immer
über Finsternis und Niedrigkeit gesiegt und so wird es doch
stets sein: „Nie wird das Szepter der Bosheit über der
Gerechten Los siegen" (Ps. 125) sondern die Wahrheit wird
trotz aller Künste unserer Gegner ans dem Boden blut¬
getränkter^ Schlachtfelder, ans den Tränen ungezählter Witwen
und Waisen sprossen, daß Gewalt und Frevel, Lüge und
Verlenmdnng im täuschenden Gewände der Tugend nicht
dauernd Länder und Völker hintergehen können.
Wehe den Volksganklern unserer Feinde, die ihre unge¬
heure Blutschuld durch Fortsetzung des für sie verlorenen
Krieges erhöhen und ihre Verantwortung nur hinausschieben!
Wehe den Fürstenmördern und ihren frevelhaften Verbündeten,
die uns das Andenken an den heimtückischen, verkommenen
Amalek verkörpern, der ebenfalls unsere Vorfahren grundlos
überfiel nud vertilgen wollte um jeden Preis, jedes Mittel!
Auch sie wollen durchaus die Zentralmächte und ihre Ver¬
bündeten zerschmettern, sie wollen die Welt „befreien". Wer
die anmaßenden Reden der Saianow. Asquit und Konsorten
lieft, all die Wut und Tobsucht, den Wahnwitz und die
Ohnmacht ihrer papierenen Geschosse betrachtet, mag sich em
Bild dieser Gesellen und ihrer Verkommenheit machen, die
ausgezogen zur Rettung der Kultur Europas und sonstiger
edler Zwecke, deren Larve aber ihnen bald zur Gänze herab¬
gerissen werden wird.
Wie unsere Propheten unentwegt immer wieder die
Gewalttaten Egyptens, Babyloniens und unserer übrigen
Feinde geißelten, wie sie stets für Wahrheit ilnd Recht mit
dem höchsten Einsätze kämpften, so müssen auch wir und
unsere Brüder überall es tun. Und sie tun es, Gott Lob!
Wir haben den 20 rsr hajehudim, den Haman der Inden
und aller seiner Fremdvölker, dieses finstere Rußland, kennen,
zu genau kennen gelernt, als daß wir es nicht als die Ursache
unsäglicher Leiden verabscheuen müßten. Ihm gesellten sich
Frankreich, England und die anderen „Kulturnationeu" zu, um
so sicherer uns und Deutschland zu vernichten und die Türkei
anfzuteilen. „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so