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Ur. 14. Wien. 3. Mai
Inhalt: Moderne Sckützer des Völkerrechtes und der Menschlichkeit. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Zentralstelle sür das jüdische Armenwesen.
— Verein „Kinderheim". — Der Papst und die Juden. — Verschiedene Nachrichten.
Moderne Schützer des Wlker-
rechtes nnd der Menschlichkeit.
Am meisten wird das rechtliche Gefühl des schlichten
Bürgers durch tendenziöse Heuchelei verletzt und zur Empörung
gereizt. Die Tatsachen des letzten Jahrzehnts, welche den
fürchterlichsten Weltbrand aller Zeiten vorbereiteten, spielten
sich vor den Augen aller Welt offen ab, so daß Verdunkelungs-
Versuche hinterher wohl wenig nützen können. Die mißgünstige
und habsüchtige britische Regierung entschloß sich bereits
unter König Eduard, als einflußreicher Dritter in den
unnatürlichen Bund der Franzosen mit dem moskowitischen
Zarismus zu treten, um dadurch Unheil über das kräftig
aufstrebende Deutsche Reich und seine Verbündeten zu
bringen. Vor allem wurde ein Kesseltreiben gegen das sich ver¬
jüngende Osmanische Reich eingeleitet, das man längst schon
als „kranken Mann" reif für die Sense erachtete. Die
russische Regierung weckte den Landhunger der jungen Balkau-
staaten, welcher diese Exekution erleichtern und es schließlich
dem Zaren ermögliche:: sollte, den Löwenanteil mit dem
schönen Byzanz für sich zu behalten. Wohl war Rußland
kurz vorher durch die ostasiatischen Ereignisse militärisch ernst
geschwächt worden und konnte noch nicht selbst eingreifen,
doch arbeitete der russische Rubel gewaltig durch Bestechung
nnd nationale Aufstachelung seiner national verwandten
Völkerschaften in den westlichen Nachbarländern, um auf
diese diabolische Weise seinem. Ziele näher zu kommen.
Die österreichisch-ungarischen Diplomaten sahen das
Unheil herankommen und beeilten sich, die seit 30 Jahren auf
Grund eine- europäischen Mandates okkupierten bosnisch-
herzegowinischen Länder zu annektiere n, um nicht in die
Gefahr zu geraten, für die mit gewaltigen Kosten dnrch-
geführten Kulturverbeffernngen in diesen Ländern des Kuckucks
Dank zu ernten. Kurz daraus erklärte bekanntlich die
italienische Regierung den Türken den Krieg und raubte
ihnen Tripolis. Die italienische Regierung fand es schon
damals nnnötig, ihr räuberisches Vorgehen zu entschuldigen
nnd führte fr.', und kühn den^ „heiligen Egoismus" als
Ursache dafür an.
Alle europäischen Staaten schwiegen dazu nnd niemand
fühlte die Pflicht oder den Beruf, das verletzte Völkerrecht
zu schützen. Dies machte nun Schule und die vier Balkan-
staaten Serbien, Bulgarien, Montenegro nnd Griechenland
vereinten sich blitzschnell gegen das türkische Reich und es
ist heute noch nicht genügend aufgeklärt, wo diese Staaten
so schnell die jedenfalls gewaltigen finanziellen und militärischen
Mittel hernahmen, um eine so große Aufgabe zu lösen. In.
diesem Feldzüge hatten sich die Bulgaren am lapsersten und
kühnsten gezeigt nnd drängten bereits drohend gegen Kou-
stantinopel. Damit hatten sie aber den besonderen Groll der
russischen Bären erregt, der nun durch seine Intervention
den Krieg beendigte. Gleich darauf wurden jedoch die anderen
Teilnehmer des „Balkanbnndes" ermuntert, den Bulgaren
große Teile ihrer Kriegsbeute wieder abznuehmen und auch
Rumänien sendete nun seine Kriegerscharen nach Bulgarien,
um eine ansehnliche Landstrecke zu besetzen und zu —
annektieren. Niemand kümmerte sich um das verletzte Völker¬
recht und die rnssische Regierung regte sich nicht einmal
darüber ans, als die türkischen Heere Adrianopel wieder
Zurücknahmen. Die „Entente", diese privilegierten Schützer
der Völkerrechte und der Menschlichkeit, gingen nun an die
Ausführung ihres eigentlichen, grandiosen Ranbplanes.
Oesterreich-Ungarn, dieser nationalitätenreiche Doppelstaat,
sollte ebenfalls aufgeteilt werden und Serbien sollte zu diesem
Behnfe die Rolle des russischen Fanghnndes übernehmen.
Dem serbischen Könige, der über Königsleichen ° hinweg
seinerzeit den Thron bestieg, mutete mau die Eignung zu
und angestifteten politischen Mordversuche und Morde waren
seither an der Tagesordnung. Der Prinzenmord zu Sarajevo
zerriß endlich die Geduld der österreichisch-ungarischen
Regierung nnd sie forderte energisch von der bemakelten
serbischen Regierung und vom serbischen Könige Sühne.
Selbst die allezeit perfide britische Regierung schämte sich
und scheute davor zurück, der österreichisch-ungarischen
Regierung dieses Recht zu bestreiten, aber die rnssische
Regierung ermunterte die serbische durch die offene Solidaritäts-
erkläriuig dazu, den Kamps auszunehmen. Die russische
Regierung hatte auch in den nördlichen österreichisch-unga¬
rischen Ländern den Rubel mächtig rollen lassen und ihrer
Ansicht nach alles Erforderliche zur Kriegsvorbereimug
getan. Das verräterische Italien war wahrscheinlich früher
schon gewonnen worden und durch Bekriegung seines einzigen
verläßlichen Verbündeten sollte hauptsächlich das deutsche
Reich getroffen werden.
Doch nach 21 fürchterlichen, allschädigendeu Kriegs¬
monaten stimmt die Rechnung der Entente nicht. Der britische
„Schützer der Menschlichkeit nnd der - Völkerrechte" kann
trotz seiner willkürlichen Behandling aller seefahrenden noch
neutralen Staaten tzie bekriegten gegnerischen Völker noch