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Die Wahrheit
Nr. 1.
Mich mir einen Regierungsassessor ohne Taufschein Nach¬
weisen? t
Die ehemalige Benachteiligung der Juden im preußi¬
schen Staatsleben hat nach Gchmollers Meinung bereits
bß und dort dem Gegenteil, also der Bevorzugung, Platz
r ächt. Wo, Herr v. Schmoller, wo in aller Welt?
welchem Punkt des preußischen Stiaatslebens werden
! Betrachtung über den Heroenkultus der morgen- unrd
; abendländischen Arier folgt nun eine ausführliche Schil-
! djerung des israelitischen Volkes, die, als von nichtjüdip-
> scher Seite kommend, sehr geeignet ist, die Antisemit««!
! in bezug auf Israel als KulMrelement eines bessere«!
! zu belehren. Wir lassen nun im Folgendien Nocholk pi
j Worte kommen:
Mas israelitische Volk", führt er wörtlich aus,*) „iss
ungetanste Juden nicht nur als gleichberebtrgt behan¬
dlet^ sondern sogar um ihres Judentums willen be¬
vorzugt? ■ fs
Viele Juden in ihrem Sanguinismus haben bei
Nusbruch des Krieges gegljgubt, die gemeinsame Gefahr
tutbi das gemeinsame Sterte werde ihnen nicht nur für
dße Zeit des Kampfes, sondern auch nachher die heitz-
«rsehnte Gleichberechtigung bringen. Wer sich ein yüch-
ternes Urtell bewjahrt hat, der sieht für die Zeit nach dem
Kriege nicht ein Verschwinden oder auch nur Abflauen,
sondern im Gegenteil eine Hochflut des Antisemitismus
voraus. War der Beschluß der Reichstagskommission in
Nachen ddr Judenstatistik nicht etwa symptomatisch? Es
gilbt Mische Drückeberger und jüdische Wucherer, wie es
schriftliche" Drückeberger und „christliche" Wucherer gibt.
Aber schon liegen die Agitatoren auf der Lauer, um so¬
fort nach Aufhebung dds „Burgftiedens" alle Vorur-
leöeund alle schlechten Instinkte einseitig gegen die jüdi¬
schen Drückeberger und Mischen Wucherer und diamit
gtzgen düs Judentum überhaupt mobil zu Machen. Schrof-
ßer als je Haben sich während des Krieges die Gegen¬
sätze zwischen städtischen Konsumenten und ländlichen Pro-
bjl^enten ausgetan. Es liegt ein politisches Lebensinteresse
gewisser Kreise vor, allen Groll der Konsumenten aus
»inen Sündenbock, das Händlertum, das jüdische Händ-
ßertum, abzu lenken.
ttnft da kommt ein so anerkannt „maßvoller" Mann,
«ße Schmoller, eine Leuchte der Wissenschaft, macht deM
deutschen Volke graulich von der angeblichen Absicht der
semitischen Millionäre, Universitäten, Heer und hohes
Beamtentum unbedingt zu beherrschen, erzählt den eifrig
Laüschenden, daß schon jetzt in gewissen Zweigen des
Preußischen Staatslebens die Juden sich einer direkten
Bevorzugung erfreuten.
Mit welcher Wonne sich die Vertreter des Straßen-
Emtifemitismus diesen Sukkurs des Kathederantifemitrs-
«ms nutzbar machen werden?
Däbei bleibt es wahr, daß die Inden noch himmel¬
weit von wirklicher Gleichberechtigung im Staatsleben
entfernt sind. Und daß es Pflicht jedies gerecht den¬
kenden Deutschen ist, dafür zu kämpfen, daß jede Stelle
ßm Staate jedem Geeigneten ohne jede Rücksicht auf Par-
ßek, Konfession und' Abstammung zugänglich werde?
Fveie Bahn Men Tüchtigen!"
Man darf gespannt sein, wie sich die scharfe Pretz-
Dchde, die schlecht in die Zeit des großen Burgfriedens
pocht, weiter entwickln wird.
Zur Weltstellnttg des israelitische«
Kolkes.
Die Schriften des „Jnstitutum Judaicum" in Leip¬
zigs welches sich bekanntlich zu Beginn der Achtzigerjahre
te vorigen Jahrhunderts unter der Aegide des alten
Delitzsch gebildet hat, sind zwar vom christlichen Stand-
MM» geschrieben, aber doch auch im Interesse des Ju¬
dentums verfaßt, um anzuerkennen, was am Judentum
acht und wahr sei. Die 26. Nummer dieser Schriften
obgenannten Instituts ^enthält einen Vortrag des be¬
kannten Kirchenrates Rocholl, betitelt „Zur Wieltsiel-
lung dies israelitischen Volkes", der, obgleich nicht ftei
von Voreingenommenheit, uns durch feinfe wohlwollende
Offenheit sympathisch berühren muß. Nach einer kurzen
j semitisch. Es hat also etwas von der Wüste. Es jisil
! nicht Volk der Spekulation, wie die Arier; es ist lebt
j Volk her Tradition. Aus diesem semitischen Element,
- tojtfef aus dem Urgestein heraus, ist's losgebrochen. Auf
! dem Glauben dieses Abraham, welcher, aus allen natük-
! lichen Verbindungen herausgerissen, der Grundstein wird^
! ist's gebaut. Nicht durch Nenans „monotheistischen In¬
stinkt" ist's geworden. Es ist nicht eine „Leistung te
Moses", wie Pünjer sagt. Es ist als Volk ein GebiM
: Gottes. Gott schafft'sj,, tzüchftgt's, wirft's hierhin, wirft's
, dorthin, zerbricht's, setzt's wieder zusammen, stößi's t*
; den Ofen der Leiden, zieht's wieder heraus. Und end-
! sich wirft er's zertrümmert unter die Völker, wie müÄ
! ein Gefäß zerschmettert, daß die Scherben uinherli«g«iHj
' nächdfem man den Inhalt herausgenommen. Denn dies
Volk stirbt nicht eines natürlichen Todes, wie andere
Volker. Sie sterben, wenn und weil sie ihre Aufgabe für
I die Geschichte erfüllten. Dieses Volk muß sterben, mutz
an seiner Ausgabe zugrunde gehen, muß sterben, well
es dieselbe nicht erfüllt hat. So steht's völlig einsam durch
i starren Zaun abgeschlossen, im Weltverkehr. Es steht
! und geht einsam wie jemand, der ein großes Geheimnis!
; pi bewahren hat. Dies Geheimnis erdMckt ihn fast. Cs
sind geheime, noch versiegelte Urkunden in diesem Volks
! wie in einem Schreine deponiert. Es hat ihm' selbst lun-
i faßbare Botschaften an hie >Völter der Erde zu bergen undj
i zu tragen. So steht es, soweit es in seinem Kern dtzml
! Bundesverhältnis mit seinem Gotte treu bleibt. Es steW
- als das einzjig nüchterne Volk mitten unter Tart-
! melnden, wie Lötze richtig bemerkt. Man Muß diese wik-
! den Taumel der vorderasiatischen Götterdienste nur Len-
! neu. Man muß nur Movers über „die Gottheiten der
; Phönizier" oder Luciän,,über die syrische Göttin" lese«-
! 'Di« orgastischen und wollüstigen babylonischeil Mylit-
! ten- und Molochdienste, welche Vorderasien überzogen^
^ wechseln mit dien rasenden Kybele-Kulten Phrygiens. Dies
! Israel von Korybanten- und Kjnadenbanlden umwogt
! und überschwemmt, hält dennoch das Haupt frei und hoch
; darüber emporgehoben. Es erkennt das, was die Volke«
; ringsum als Uebel und Leiden empfinden, nüchtern als
Sünde. Mir haben, es ist wahr, auch in der altbabylonL-
• scheu Literatur tiefe Klagen über begangen« Fehltritte.
Wir haben summarische Bußpsalmen. LenorMant unkj
! Schröder hüben deren übersetzt. Sie sind ergreifend ut
i Selbstanklage und Selbstdemütigung. Aber eines fehlt
doch. Ich! meine, es fehlt der Hintergrund des persön--
! lichen Verhältnisses zum offenbaren Vundesgott. Auch
insofern ist dies israelitische Volk das nüchterne, als es
fern von jedem patriotischen Schwindel ist. Die gebil¬
detsten Nationen, Assyrer und Römer, verherrlichten sich
trunken selbst in ihrer Geschichtsschreibung. Die Wnn-ale»
des Mischen Volkes sind ehrlich. Sie üben unerbitt¬
lich« Selbstkritik, wie Niebuhr so sehr hervorhob. Dies«
Neichschronisten schneiden ihrem Volke ins Fleisch. Nichts
blendet sie. Es ist eine zermalmende Kraft göttlicher
Wahrhaftigkeit, welche diese Historiographen erfüllt und
stählt. Tacitus hat sein Volk beklagt, auch getadelt, aber
er ftanb 1 schreibend in seinem.Volke. Drrse Schriftsteller
stehen in, aber zugleich völlig souverän über ihrem
Volke." ^ '
Gar herrliche Worte findlet Rocholl, wenn er des,
Schrifttums des israelitischen Volkes erwähnt. „Dieses
Volk", ruft er begeistert iaus,*) „hat eine Lyrik ohn«
*) Znr Weltstkllung des isr. Volkes. Leipzig 1890. S. 7 ff.