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_ Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 _
XLVI. Jahrgang _ Wien 3. Jänner 1930 __________________________________Nummer 1
Unser Kampf.
J) i e W u Ii r Ii e i t" liegt i n n e u e m F o r-
mate vor ihren Lesern, ein lang gehegter
Wunsch unserer Freunde ist damit in Erfüllung
gegangep. Der schwere Kampf für die Inter¬
essen des österreichischen Judentums soll durch
ein Blatt geführt werden, dessen Bedeutung
auch äußerlich gekennzeichnet ist.
Dieser unser Kampf gilt vor allem, unter¬
stützt von der „Union deutschöster¬
reichischer Juden", der antisemitischen
Lüge. Iis ist eine bedauerliche, aber unwiderleg¬
bare Tatsache, daß die Lüge sich viel leichter
durchsetzt als die Wahrheit. Wäre dem nicht
so, wären die Zeitungen und Organisationen,
die sich mit dem Antisemitismus auseinander-
\ setzen müssen, überflüssig.
Verfolgt man unsere Zeitschrift und andere
Abwehrblätter und bedenkt den Aufwand an
Getä^uuL Kraft, der nötig ist, um Angriffe ub-
zuwihrWt,* unwahre Beschuldigungen zu wider¬
legen, wie überhaupt auf klär end zu w i r-
'' * ken, so kann man ermessen, wie schwer es ist.
die antisemitischen Lügen zu entwurzeln. Da¬
bei handelt es sich oft um Phantasiegebilde, die
willkürlich von unseren Gegnern behauptet und,
was das Schlimmere ist, auch geglaubt werden.
Wie lächerlich mutet doch die Behauptung der
Antisemiten an, wir strebten darnach, die Welt¬
macht an uns zu reißen, wenn man bedenkt,
daß es uns in Jahren und Jahrzehnten nicht ein¬
mal gelungen ist, den Antisemitismus auszu¬
rotten.
Wie kommt es nun, daß die Lüge überall
so leicht Eingang tindet? Zunächst ist es die
i Eigenschaft vieler Menschen, von ihren Mit-
* mensche%.eher das Schlechte als das Gute an-i
zunehm f und zu glauben. Um so mehr trifft
dies zu in Zeiten wirtschaftlicher und seelischer
Depression, in der man ohnehin einen „Schuldi¬
gen" sucht, und so erklärt es sich, daß der
Boden der Nachkriegszeit besonders günstig
war und ist. um alle antisemitischen Gerüchte
und Anschuldigungen gedeihen zu lassen.
Bei unserem Abwehrkampf stoßen wir auf
die Tatsache, daß der Antisemitismus gerade
dort am verbreitetsten ist, wo wenig Juden
, wohnen, während man logischerweise und den
* antisemitischen Anwürfen nach zu schließen, un¬
bedingt das Gegenteil annehmen müßte. Die Er¬
klärung dafür ist recht einfach. In Gegenden,
wo wenig Juden wohnen, ist die Fühlung mit
der christlichen Bevölkerung entsprechend ge-
o ring und es fehlen die Aussprachen, die in
vielen Fällen klärend wirken und auftauchen¬
den unwahren Gerüchten schnell den Böden
entziehen können.
> Wir behaupten gewiß nicht von uns, daß
wir alle Engel sind, und gerade wir Juden ver¬
urteilen jedes Delikt und jedes Vergehen eines
unserer Glaubensgenossen doppelt stark, da ja
jeder derartige Fäll von antisemitischer Seite
zur Propaganda ausgebeutet und der Gesamt¬
heit der Juden zur Last gelegt wird. Gerade
dieser Punkt der Verallgemeinerung ist es ja.
der uns zur Abwehr ruft und das Wesentliche
unseres Kampfes überhaupt ausmacht. Wir
wollen nicht in die Fehler der Juden¬
feinde verfallen und die gleichen Methoden an¬
wenden, den Antisemiten aber möchten wir
empfehlen, einmal in den eigenen Reihen Um¬
schau zu halten und sich einmal das Bild vor¬
zustellen, das entstehen würde, wenn man sie
samt und sonders mit den Verbrechern um
ihren Reihen identifizieren würde. An Material
fehlt es wahrlich nicht. Wus wir verlangen, ist
individuelle Beurteilung, was wir nicht scharf
genug verurteilen und bekämpfen ist die Ver¬
allgemeinerung und Kollektivbeschuldigung der
gesamten Judenheit wegen Verfehlungen ein¬
zelner.
Wie kommen wir nun .auf dein beschritte-
nen Wege weiter? Unsefe Parole muß
sein: aufklären und immer wiedet¬
ail f kl ären und unser Blatt hat deshalb auch
mit der „Jüdischen Telegraphen-
a gent u r" ein Uebereinkommen getroffen, das
uns die Veröffentlichung aktueller
Nachrichten in jeder Nummer sichert.
„D i e W ah r h e i t" wird auch fer¬
nerhin den Interessen der öster¬
reichischen Juden schuft gegen
alle äußeren und inneren Feinde
dienen.
„Die Wahrheit'' wird weiterhin,
gemeinsam mit der „U n i o n", den ener¬
gischesten Kampf gegen den Anti¬
semitismus führen, der heute fast über¬
all, wo Juden wohnen, und besonders auch in
unserem Staate wahre Orgien des Masses und
der Gemeinheit feiert.
„Die W ahrhei t" wird na c h w i e
vor mit allen Kräften für die Ehre
und das Recht des Judentums ein¬
treten. Wo immer einer unserer Glaubens-
brüder, wer immer es auch sein mag, um seines
Judentums willen zu leiden hat, „Die Wahrheit"
wird alles in ihrer Macht Stehende veranlassen,
um ihm zu helfen, ihn zu schützen und zu ver¬
teidigen.
„DieWahrhe i t" wird aber nur dann im¬
stande sein, den Kampf für die Interessen des
österreichischen Judentums erfolgreich zu füh¬
ren, wenn sie von ihren Lesern und Freunden in
diesem Kampfe tatkräftig unterstützt
wird.
-%<
Darum treten wir nun, da unser Blatt be¬
rechtigte Wünsche seiner Freunde erfüllte, mit
der dringenden Bitte an alle unsere Leser heran,
der „Wahrheit" auch weiterhin
dasselbe Vertrauen zu schenken,
ihr die gleiche treue Gefolgschaft
zu leisten wie bisher.
Das Gesetz über die jüdi¬
sche Religionsgenossen¬
schaft in Jugoslawien.
Von Dr. Lavoslav S i k. Zagreb.
Das am Samstag, den 14. Dezember promulgierte
neue Oesetz über die Organisation der indischen Reli-
gionsgenossensehait im Königreiche Jugoslawien be¬
deutet nach innen und nach außen einen ungeheuren
Fortschritt gegenüber den bisherigen Verhältnissen.
Justizminister Dr. Milan S r s k i e, dem auch der
Kultus untersteht, hat in persönlicher Beratung mit Lan¬
desoberrabbiner Dr. Isak AI k a I a y. ferner dem ge-
sehäitsiührendeii Vizepräsidenten des jüdischen Ge-
meiiideverbandes, Dr. Fridrik Popp, und dem Verbands^
Generalsekretär. Ivan Kuhn, die einzelnen Punkte des
neuen Gesetzes durchgearbeitet. Als Basis für letzleres
wurde das vor kurzem promulgierte Gesotz über die
serbisch-prawoslawe Kirencnorganisatiou genommen.
Schon im S 1 komirit die bei uns herrschende volle
Gleichberechtigung aller Konfessionen zum Ausdruck.
Dieser Paragraph lautet:
„Alle Angehörigen des hebräischen Glaubens, die
im Königreiche Jugoslawien wohnen, bilden die jü¬
dische Religions.v-uoäsfcnschaü im Königreiche Jugo¬
slawien. Deren Angehörige gcuicUcu hinsichtlich öffent¬
licher Ausübung ihres Glaubens volle Freiheit."
Das schon seit Jahrtausenden geltende wichtigste
Grundprinzip der jüdischen Rcligionsorganisaiinn: die
vollständige Autonom:'.: der jüdischen Kultusgeineinde.
ist in diesem neuen Gesetze beobachtet.
Alle im Sprengel einer Kultusgeineinde wohnenden
Hebräer (das Gesetz spricht konsequent von „Jevreji"»
gehören derselben an, so daLt es also in Jugoslawien
keinen Angehörigen des hebräischen Glaubens geben
kann, der nicht Mitglied einer Kultusgeineinde wäre.
Die Kultusgcmcindcii verwalten ihr gesamtes Ver¬
mögen selbständig, genieüen Steuer- und Portofreiheit
und können bei Durchführung ihrer Anordnungen sowie
bei Eintreibung der Kultussteuern die Mithilfe der
staatlichen Organe anfordern.
Die staatliche Kontrolle erstreckt sich bloli darauf,
ob die Ein- und Ausgaben im Sinne des Gemehide-
budgets verwendet werden.
Wenn die Stadtgemeinue, in deren Sprengel sici«
der Sitz der jüdischen Kultusgemeinde befindet, Do¬
tationen für religiöse Zwecke vorsieht, dann muß auch
die jüdische Kultusgeineinde einen Beitrag erhalten,
welcher perzentuell der Anzahl ihrer Mitglieder ent¬
spricht.
Ein zweiter alter jüdischer Grundsatz, der aber
nur zum Teile eingehalten werden konnte, ist jener der
Vereinigung der Gemeinden in größeren Verbänden.
So war es im alten Polen in der Vierlündersynode.
so gab es Konsistorien in Frankreich. Belgien und im
Orient, so bestanden Landesrabbinate in Mähren und
Hochmeister der Juden für das ganze deutsche Reich.
Während die durch geschichtliche Entwicklung
jahrtausendelang voneinander getrennten Sephardim und
Aschkenasim bei allen bisherigen Verhandlungen des
Gemeindeverbandes und seiner Ausschüsse vollständig
miteinander übereinstimmten, ist es im ersten Dezennium
unseres Staatsbestandes noch nicht gelungen, die sei¬
nerzeit in Ungarn bestandene formelle Trennung zwi¬
schen orthodoxen und neologen Gemeinden zu über¬
brücken.
Wie Landesoberrabbiner Dr. Isak Alkalay in der
Bcograder „Politika" treffend ausführt, handelt es sich
da durchaus nicht um verschiedene Sekten oder gar
Konfessionen, sondern um eine konservativere oder
liberalere Auffassung der einzelnen Religionsgebote.
Sitten und Gebräuche, wie es ja doch auch bei allen
anderen Religionen Anhänger der strengeren oder der
milderen Observanz gibt.
Nun ist aber beispielsweise die große Mehrheit der,
Gemeinden in Südserbien, in Bitolj und Skoplje in jeder
Weise konservativ, hält auf das rigoroseste den Sabbath