Seite
OIE WAHRHEIT
Seite t
durch die Berufug auf den Nationalismus zur Seite
schieben wollen.
Der Redner beschäftigte sich sodann mit dem Be¬
richte der Shaw-Kommission über die Unter¬
suchung der Massakers in Palästina. Es würde zu weit
führen, sich im Detail ntk diesem Berichte zu beschäfti¬
gen. Wohl aber muß auch jeder Zionist aus dem Be¬
richte ersehen, daß England gewillt seK in Palästina eng¬
lische und nicht jüdische Politik zu betreiben. Die Vor¬
schläge über Beschränkung der Einwanderung, die
Vorschläge über den Ausschluß der zionistischen Exe¬
kutive von der Führung des Landes, die sich durch den
ganzen Bericht ziehende Entschuldigung der Araber usw.
lassen ganz klar erkennen, daß Lord Baliour nur zu
recht harte, als er in seiner Rede im Oberhaus am
21. Juni 1922 erklärte, er leugne nicht, daß es
sich beim Aufbauwerk um ein Wagestück
handle, es kann freilich auch scheitern.
Mag aber auch die Auübaupolitik Palästinas im
Interesse der leidenden Judenschaft fortgesetzt werden,
jedenfalls aber muß unentwegt die Anschauung
bekämpft werden, daß wir österreichische Juden nicht
gleichberechtigte Staatsbürger sind, sondern nur Staats¬
bürger, die auf Grund einer Bestimmung des Friedens¬
vertrages Minderheitsrechte besitzen. Der Erlaß des
akademischen Senates der Wiener Universität hat
allen Juden gezeigt, wohin nationale Absonderungs¬
politik der Juden führt. Es gibt wohl keinen Juden, der
glauben wird, daß der Erlaß des Rektors den Zweck
hat, die'„Studentennationen" zu fördern, sondern der
Erfaß des Rektors ist nichts anderes als die P r i v i-
legierung der „Deutschen Studenten¬
schaft", die einstimmig die Juden als minderwertig,
als unebenbürtig bezeichnet hat und die von ihren Mit¬
gliedern verlangt, daß sie bis ins erste Geschlecht die
Rassonreinheit nachweisen müssen. So sieht die Lern¬
end Lehrfreiheit in Oesterreich aus. Und es ist traurig,
daß Männer der Wissenschaft nicht den Mut besitzen,
offen den Kampf zu führen, sondern ihre Ziele zu er¬
reichen versuchen durch Erlässe, die infolge ihrer Fas¬
sung den Zurückgesetzten schwer die Möglichkeit
geben, die obersten Gerichte der Republik anzurufen. Es
wird wohl eine ewige Kulturschande bleiben, daß im
20. Jahrhundert die Vertreter einer weit über die Gren¬
zen hinaus bekannten Hochschule durch einen Erlaß be¬
wiesen haben, daß Ihre Ideen in die ärgste Zeit des
■Mittelalters gehören. Es ist zu erwarten, daß sich die
gesamte österreichische Oeffentlichkeit, vor allem aber
alle diejenigen Bürger dieses Staates, die sich von den
Schlacken des Mittelalters geistig losgelöst haben, gegen
diesen, eine Schande unserer Universität bedeutenden
Erlaß erheben und endlich einmal beweisen werden,
daß es in Oesterreich, Gott sei Dank, nur eine ganz ge¬
ringe Anzahl von Menschen gibt, die die Tätigkeit des
akademischen Senates in diesem Punkte billigen. (Leb¬
hafter BeifalL)
Sodann ergriff Herr Präsident Dr. Jakob Orn-
stein das Wort, um in einer ausführlichen Ausein¬
andersetzung die immer auftauchenden Anfragen zu be¬
antworten, warum wir-„Unionistea".. die»-wir für das
traditionelle Judentum eintreten, aus unseren Gebeten
nicht jene Stellen eliminieren, die auf die Rückkehr nach
Palästina hinweisen. In eingehender Weise verstand
Herr Dr. Ornstein es zu erklären, daß man immer wieder
In Erwägung ziehen muß, daß alle unsere Gebete zu
einer Zeit entstanden sind, wo die Judenschaft geplagt
und gepeinigt wurde, wo Juden, ausgeschlossen von der
Erwerbung von Grund und Boden, ausgeschlossen von
den Zünften und Innungen, ausgeschlossen vom Besuche
der öffentlichen Schulen, hinter Ghettomauern schmach¬
ten mußten, in einer Zeit, wo unsere Ahnen zitternd und
ängstlich in Kellern ihre Sederabende geben mußten,
weil sie die schreckliche Blutbeschuldigung fürchteten.
In dieser Zeit war es wohl verständlich, wenn die Juden
zu Gott beteten, er möge sie doch aus diesen Qualen er-
HQgicnlsdies
KöniöslicM
Seit vielen Jahren das anerkannt
beste
ö^-natw
Man achte auf die
gas. gesch. Mark«
„Hyglen. KönlgsllcM"
und Harn« Schulz
Fabrik und Büro:
Wien XIV.,
Braunhlrschengasse 3
Telephon P 33-1-87
Den allgemeinen Wün¬
schen des konsumieren¬
den Publikums Rechnung tragend, wird unter
der Bezeichnung „Hygienisches
Königslicht" Nummer 2 ein kleines
Jahrzeitlicht in. den Verkehr gebracht, das ga¬
rantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise
bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt.
lösen und in das Land der Väter, in ein freies Land,
führen. Die Zeiten haben sich geändert, wir haben in
diesem Staate die Gleichberechtigung, erreicht Wir
haben dieses Land, Li dem das Judentum seit Jahr¬
hunderten bodenständig ist, lieben gelernt. Und trotz¬
dem wollen wir nicht aus unseren Gebeten die Sätze
streichen, die uns unsere Sehnsucht nach dem Heiligen
Lande dokumentieren. Denn diese Sätze verbinden uns
mit unseren Vorfahren und sie werden dem Verständi¬
gen immer wieder jene Zeiten ins Gedächtnis zurück¬
rufen, wo die Juden unter den Peitschenhieben ihrer
Verfolger Not und Etend Brten. (Stürmischen BeifaJL)
Herr Rudolf Hlawatsch berichtete über den
Anteil der „Union" in den letzten Jahren an der Ab¬
wehr des Antisemitismus. Herr Jakob S. Straß-
b e r g über seine eigenen in Palästina gewonnenen Ein¬
drücke und Herr S. Mandl forderte einen stärkeren
Zusammenschluß der nichtnationalen Juden im Bezirke.
Der Zwischenruf eines anwesenden Zionisten. der zu
behaupten wagte, daß die „Union" die „Heimwehr"
unterstütze, dann aber seine unerhörte Beschuldigung
dahin richtigstellte, daß ein — übrigens nicht der
„Union" angehöriger — Glaubensgenosse sich
diesen persönlichen Luxus leiste, löste stürmische Aus¬
einandersetzungen aus; die Herren Dr. Feldsberg
und Dr. Ornstein erwiderten dem Zwischenrufer auf
diese und andere Beschuldigungen, die ebenso „stich¬
hältig" waren, ganz glänzend.
Wahrheiten vom
Ja&e
„Aas dem Osten".
„Sie (die Regierung) hat das Recht der Kon¬
trolle zuerst der Bankkreditbank übertragen, deren
Aktien dem reichen östlichen Textilhändler Jossua
gehören und hat dieser Bank des Herrn Jossua für
die Ausübung der Kontrolle eine Provision von
dreieinhalb Millionen Schilling versprochen ....
Jeder Mieter muß allmonatlich Zmsgroschen für die
Zwecke der Wohnbaü-Förderung des Bundes be¬
zahlen; und dieses Geld benutzt die Regierung
dazu, dem reichen Jossua aus dem Osten
ein fettes Geschäft zuzuschanzen." Diese äußerst
geschmackvollen Sätze entnehmen wir nicht einem
Hakenkreuzlerblatt, sondern der Wiener sozial¬
demokratischen „Arbeiter - Zeitung". „Wir
fragen nun — nicht den Artikelschreiber — nein,
den moralisch und politisch für das Zentralorgan
der Partei ve rantw ortlichen Chefredak¬
teur der Arbeiter-Zeitung": Muß das
sein? Ist ein sozialdemokratischer Publizist ver¬
pflichtet, die Herkunft eines von der Korruption des
bürgerlichen Regimes profitierende Geschäfte¬
machers festzustellen? Ist es für diesen Korrup-
tionsfall wirklich wesentlich, daß Jossua „aus dem
Osten" ist? Wäre der Skandal geringer, wenn
Jossua aus Waidhofen stammen würde? Ist sich
der Chefredakteur dessen bewußt, in wessen Nach¬
barschaft sich die „Arbeiter-Zeitung" begibt, wenn
sie so argumentiert? Wir wollen es ihm verraten:
in die Nachbarschaft jener Hakenkreuzblätter,
deren Kampfmethoden man übernimmt — wenn
man im politischen Kampfe des Schlagwortes „aus
dem Osten" nicht entTaten kann". Um Mißverständ¬
nissen vorzubeugen, sei festgestellt, daß auch diese
geharnischten Sätze an einer merkwürdigen Stelle
zu lesen waren, nämlich im Organ der „Poale-
Zion", „Der jüdische Arbeiter". Das
hindert uns aber nicht, zuzugeben, daß der Ge¬
dankengang dieses jüdisch-sozialistischen Partei¬
blattes ein richtiger war, als es seinem nicht mehr
jüdischen Genossen aus der Linken Wienzeile
vorhielt, wohin derartige unerhörte journalistische
Mätzchen führen: zur Propagierung des Antisemi¬
tismus unter der Sozialdemokratie.
Verspätete Mazzes.
In der „Stunde" vom 16. d. M. finden wir
folgendes „Kuriosum": Nach dem Pessach-
Feste erläßt die polnische Regierung - eine Zoll¬
begünstigung bei Einfuhr von Mazzes. Der
Amtsschimmel schieint zu befürchten, daß sei¬
nem Magen allzu frisches Gebäck schadet. Es
ist zum Staunen, daß die polnische Regierung
mit ihrem Zollbenefizium nicht noch einige Mo¬
nate gewartet hat. Etwa bis zum Versöhnungs¬
tag, an dem die Juden — fasten.
Völkische Beobachtungen.
Der Münchener „Völkische Beobach¬
ter", Hitlers Organ, meldet am 2. April: „Sieg¬
mund und Sieglinde — ein „jüdisches" Wälsungen-
paar. In der gestrigen Aufführung der „Walküre"
sangen der Jude Fischer den Siegmund und die
Jüdin M t h a c s e k (he Sieglinde. Also ein jüdisches
Wälsungenpaarl. Kurs Franckenstein." — Wenn
Hitler Reichspräsident wird; darf nur „Die Jüdin"
von einer Nichtarierin gesungen werden.
VonWothe xuWodke
Kultusgemeindewahlen in Prag. Am 4. Mai
finden die Neuwahlen in die Repräsentanz der
Prager jüdischen Gemeinde statt. Wiederum
haben sieben Parteien ihre Listen überreicht, so
ziemlich dieselben, wie bei den letzten ungültig
erklärten Wahlen. Eine Aenderung ist bei
der poalezionistischen Liste insofern eingetreten,
als sie jetzt sozialdemokratische Partei heißt; an
erster und zweiter Stelle stehen Poalezionisten.
Jüdischer Kultus im tschechoslowakischen Budget
Im Staatsvoranschlag für 1930, der eben im Senat zu
Ende beraten wird, sind für die Bedürfnisse des jüdischen
Kultus insgesamt 1,800.000 Kc eingesetzt (ungefähr eben¬
soviel wie im letzten Budgetabschnitt). Von diesem Be¬
trage entfallen auf Böhmen, Mähren und Schlesien
I, 050.000, auf die Slowakei 680.000, auf Karpathorußland
130.000 Kc. In der Slowakei sind vorgesehen 500.000 Kc
für Kongrua (staatlicher Beitrag zu den Gehältern der
qualifizierten Rabbiner), 50.000 für Erziehung. 35.000 für
Pensionen, 15.000 für StetrbebeUräge. In Karpathorußland
entfallen 70.000 auf Kongrua. 5000 auf Erziehungsbei-
trag, 20.000 auf Pensionen und 5000- auf Sterbebeiträge.
Die Palästina-Judenschaft protestiert gegen den Bericht
der Shaw-Kommission.
In einer in Jerusalem abgehaltenen außerordent¬
lichen Setzung faßte der Waad Leumi (Jüdischer
Nationalrat und exekutive Körperschaft der in der pa¬
lästinensischen Gesetzgebung anerkannten jüdischen Na¬
tionalversammlung) eine Resolution, in der gegen die von
der Palästina-Untersuchungskommission in ihrem Be¬
richt niedergelegten Schlußfolgerungen und ge¬
gebenen Empfehlungen protestiert wird. In
der gleichen Resolutdon richtet der Waad Leumi an die
Jewish Agency die dringende Bitte, alles in ihrer Macht
Stehende zu tun, um die Wirkungen der im Bericht ge¬
machten Schlußfolgerungen und Empfehlungen, die von
der palästinensischen Judenheit ungerecht und falsch
empfunden wenden, zu paralysieren.
Die Not der polnischen Judenheit.
Als ein Beweis für die furchtbare wirtschaftliche
Not der polnischen Judenheit dient die Tatsache, daß in
Lodz, dem „polnischen Mancheatcr". 12.000
Familien, die Hälfte der gesamten jüdischen
Bevölkerung der Stadt, bei der jüdischen
Gemeinde von Lodz um Pessach-Unter-
stützug angesucht haben.
Der jüdisch-akademische Verein „Tbeologla" ver¬
anstaltet im Sommersemester folgende Kurse: Prophe¬
ten, geleitet von cand. phH. et theo!. Herrn H. Fro¬
stig; Jore Dea, geleitet von cand. phik et theo!.
Herrn S. Schönbiu m; Talmud, geleitet von cand.
phiL et theol. Herrn M. Zick*r. Der Verein dankt auch
den KoUegen IL Frostig, Schönblum und Zicker für die
im Vorjahre gehaltenen wissenschaftlichen Vorträge Ober
Propheten. Jore Dea und Talmud.
Der Humanitäts-Verein der westlichen Bezirke
Wiens (Nachlas Jeschurun) veranstaltet Donnerstag, den
24. d. M., um halb 9 Uhr abends, im roten Saale
des Cafe Mariahilf. VI.. Mariahilferstraße
Nr. 89a, eine Akademie mit Tanz (Eintritt
S 2.50), deren Reinerträgnis der Ferienkolonie
Vöslau zufließt. Gäste herzlichst willkommen. — Der
Humanitäts-Verein hat sich veranlaßt gesehen, mit
Rücksicht auf die veränderten Ferientermine, seine wie
alljährlich stattfindende Ferienkolonie für Mädchen und
Knaben von 6 bis 14 Jahren zu nachstehenden Terminen
durchzuführen: I. Turnus vom 8. Juli bis 7. August;
II. Turnus vom 12. August bis 11. September. Aufnahme:
Sekretariat. VI.. Mollardgasse 85 (Fritz K r a m e r). von
9 bis 12 Uhr: Helene Kanitz, IX.. Zimmermannpiatz
Nr. 8 (Mensa judaica) von 8 bis 17 Uhr.
Verein der Kinderfreunde zur Bekleidung armer
israelitischer Schulkinder für den 16. und 17. Bezirk in
Wien. Gründungsjahr 1881. Sitz: XVI., Hubergasse 8.
Die 45. ordentliche Generalversammlung dieses Ver¬
eines fand am 7. d. M.. im Cafe „Neue Welt" statt. Die
starke Beteiligung und die Anwesenheit der Vertreter
aller jüdischen Vereine des Bezirkes und illustrer Gäste
gaben der Versammung ein vornehmes Gepräge. Nach
der Kundgebung der Trauer für die verstorbenen Mit¬
glieder wies der Obmann-, Herr Obervettermärrat Tferarzt
Heinrich Rosenzweig, darauf hin. daß der Verein
im abgelaufenen Jahre 140 Schulkinder mit einem
Kostenauf wände von 6000 Schilling bekleidet
hat. Dieser Erfolg ist der Freigebigkeit der Verein^an-
hänger und dem großen Reingewinn der Redoute zu
danken. Am Schlüsse seiner mit großem Beifall autge¬
nommenen Darlegungen bat er. in Ansehung der kom¬
menden 50- Jahrfeier der „Kinderfreunde"
sich mit ganzer Kraft in den Dienst der Humanität zu
stellen. Die Entlastung wird einstimmig gegeben. Hier¬
auf zollen Ehrenmitglied Se. Ehrwürden Herr Rabbiner
Prof. Dr. J. M. Bach, dann der Ehrenpräsident Herr
Kultusvorsteher MecL-Rat Dr. J. Deutsch, Herr
Sitzmann (Bezirkskommission), Herr Weiler
(Tempelvorstand) und Herr Dr. R e i k (Ausspeisungs¬
verein) der abtretenden Leitung hohes Lob. Frau
Rosenrauch (Frauenverein) rühmt die von großer
Liebe zu den Kindern getragene, nimmermüde Tätigkeit
der Frau Rosa Brecher, welche innig bewegt dankt.
Die vom Ehrenpräsidenten geleitete Neuwahl beläßt
den bisherigen Vorstand in seinen Funktionen. Der
Jahresbeitrag von zumindest S 2.— wird nach
Befürwortung durch Herrn Rudolf Urbach auf
S 3.— (Mindestjahresbeitrag) erhöht. Der
Obmann, dem im Namen der Mitarbeiter Herr Krohn
für die zielbewußte Führung dankte, konnte
mit vollem Rechte sagen, daß alle Anwesenden von dem
Bewußtsein erfüllt sind, nicht einer Generalversamm¬
lung, sondern einem Festakt beigewohnt zu
haben. • S. S.