Page
Seite 2
DIE WAHRHEIT
ermutigende und übelwollende Hoffnung bei den
Feinden und welch ein Mißtrauen und Vorsicht
bei der Außenwelt!
Aber ist es denn eine Frage der Außenwelt,
eine Frage von Nutzen oder Schaden, den solche
Auftritte dem Lande bringen?
Nicht um die verführte Jugend geht es da.
Bei aller Erbitterung gegen die Urheber und An¬
stifter des unmenschlichen Wütens kann man sie
nur kopfschüttelnd bedauern. Für einen ehrlichen
Menschen ist es ein Schmerz, die Jugend, die
Zukunft des Volkes in solcher Lage zu sehen. Und
bei all dem Schmerze wünschen wir ihnen nicht,
daß ihre Taten sie auf ihrem Lebenswege beglei¬
ten. Im Gegenteil: im Interesse des Landes und
ihrer Errettung aus dem Zustande der Verrohung
wünschen wir mit voller Aufrichtigkeit, es möge
der blutige Anfang ihres Lebensweges verwischt
werden. Von ihnen gilt das Wort: „Vergib ihnen,
o Gott, denn sie wissen nicht, was sie tun." Denn
wie kann es anders aufgefaßt werden, wenn in
ihrer Wildheit ungehemmte, verzogene junge
Studenten oder gar Rotzbuben-Schüler einen
armen Juden in der Straße überfallen und ihn
furchtbar prügeln, wenn sie sich auf schutzlose
Frauen und jüdische Geschäfte stürzen! Wenn wir
welche Rechnungen haben — dann mit Erwach¬
senen. Mit Verantwortlichen, mit den Anstiftern
und Hetzern, die die Jugend gereizt haben. Sowohl
den Verteidigern, als auch den Anklägern.
Es scheint, daß in bezug auf die Judenhatz die
Meinungen in Polen geteilt sind: der eine Teil der
Nationalen, die wirklichen Verantwortlichen,
stehen auf dem Standpunkte, die Juden hätten die
Geltung in der Welt verloren. Niemand nähme
sich mehr der Juden an, es gäbe also keinen
Grund zur Angst und man könne Juden nacli
Herzenslust hauen. Demgegenüber halten die an¬
deren, unsere „Verteidiger", Gott sei es geklagt,
dafür, daß „Judenexzesse" dem polnischen An¬
sehen in der Außenwelt schaden und es liege daher,
im polnischen Interesse, Juden nicht zu schlagen.
Wir überlassen dies ihrem menschlichen und
christlichen Gewissen. Jene, die das Hauen er¬
lauben, weil die Juden keine Protektoren haben
und jene, die das Hauen nur vom Standpunkte der
polnischen Interessen verbieten — offenbaren damit
die Höhe ihrer Moral, ihre Menschlichkeit. Möge
ihnen dieses Verdienst in der Not angerechnet
werden... Selbstverstämldlich heben wir ermutigt
und hoffnungsvoll die Haltung des größten Teiles
der polnischen Gesellschaft hervor, der sich durch
die Presse und teils auch durch Taten von den
Nationalen abgesondert hat: aber die polnische
Gesellschaft darf keinen besonderen Dank dafür
verlangen. Wäre ich Pole, ich würde mich dieser
Selbstverständüchkeit wegen beleidigt fühlen,
ebenso wie ich, wäre ich ^Christ, es als größte
Entweihung meiner Religion ansehen würde, daß
man Kirchenzeremonien zu Hetzversammlungen
herabwürdigt.
Die Welt hat für das Schlagen der Juden in
Polen weder polnisches noch jüdisches, sondern
rein menschliches Interesse. Umsonst brüsten sie
sich, daß man schon Juden hauen dürfe. Nein,
man darf nicht! Nicht bloß darum, weil es
nicht im polnischen Interesse liegt,.sondern weil
es gegen die menschlichen Interessen verstößt.
Die große zivilisierte Welt, jene, die Gott sei
Dank noch etwas zu sagen hat — sie ist weder
für euch noch für uns, sie ist dort, wo die Ge¬
rechtigkeit ist... Und jenen verdorbenen Teil der
Menschheit, auf welchen ihr euch stützt — den
deutschen Hitlerismus — jenen Teil gönnen wir
euch von ganzem Herzen. Ja, stützt euch nur auf
ihn, machet Pläne, baut euer Fundament auf dem
Abgrund, der für euch gegraben wird!... Mit
ihm werdet ihr stehen und fallen!
Wir sind ein schwergeprüftes Volk. Die Prü¬
fungen sind nicht spurlos an uns vorübergegangen,
sie hinterließen bei uns schlechte, aber auch gute
ENORME AUSWAHL
BILLIGSTE
PREISE
T_ _
LllP\\P VOBBÄNOE
■El * * MÖBELSTOFFE, BECHEN
■ MURI.,BALER1MMARKT12 14
Eigenschaften... Vor allem gaben sie uns eine
eigenartige Waffe in die Hand. Wir sind ein sehr
alarmierfähiges Volk, ein lebhaft fühlender Puls.
Schlägt man einen armen Juden in Warschau,
spürt der Gouverneur von New York und der
englische Minister die Ohrfeige... Unsere Spitzen
reichen weithin... Und mag die jüdische Einigkeit
nur legeiidarisch sein, sie ist doch ein unter¬
irdisches Gefühl, das ohne unser Wissen und ohne
unsere Kontrolle funktioniert, es ist ein Instinkt,
der mit dem Blüte ererbt wird. Wer weiß, wie
weit Blut reicht! Recht haben die Antisemiten.:
bis ins vierte Geschlecht und vielleicht gar
weiter... Unbewußt, unterirdisch... Haut man
einen Juden in Polen, dann hat man einen elek¬
trischen Taster berührt, dessen Ströme weitver¬
zweigt sind... Nichts zu machen: jedem Geschöpf
gab die Natur eigenartige Waffen mit, um sein
Dasein zu verteidigen. Wundert euch ja nicht, daß
jeder Hieb, den ein Jude in Polen abbekommt, so
weit in der Welt nachklingt. Die idiotischen, un¬
moralischen und unkulturellen Hetzartikel und das
unmenschliche Benehmen eines Teiles der pol¬
nischen Studentenschaft — sind ein tiefer Acker,
von welchem Feindschaft gegen Polen ausgeht.
Nicht die ganze Menschheit steht unbedingt
freundlich zu Pölen... Eure Freunde aber, die an
ein gerechtes Polen glauben, an friedliche Ent¬
wicklung, an menschliches Zusammenleben seiner
Völker — stehen verschämt, isoliert und macht¬
los da...
Nein, ich will nicht abschrecken. Ich habe
auch kein Mittel, die wilden Antisemiten in Polen
abzuschrecken. Wir besitzen keinerlei physische
Macht. Aber wir besitzen eine andere Macht und
die heißt Gerechtigkeit! In mehr als einem Kampfe
hat sie sich als wachsamer und treuer Verbündeter
bewährt... In diesem Kampfe ist die Gerechtig¬
keit unser Verbündeter!
• *
*
Und doch fließen seit mehr als tausend Jahren
die beiden Ströme, Polen und Juden, in dem einen
Bett, das polnische Erde heißt. Und mögen die
Feinde noch so sehr wollen — es gibt keine Aus¬
sicht, daß diese Ströme je auseinandergehen.
Nichts zu machen: Juden müssen in Polen bleiben.
Sie haben kein anderes Vaterland. Und die Juden
wissen das. Seit dem Augenblick, da man sie nur
zur Verteidigung ihres Vaterlandes zuließ, taten
sie es. Seit den Kosciuszko-Kriegen, über Napo¬
leon, über die Aufstände von 1830 und 1863 hin
bis zum letzten Krieg, der Polens Traum reali¬
siert hat. Heute wissen selbst die Natiönaldemo-
kraten, daß die Juden ungeachtet aller gegen sie
in Polen begangenen Ungerechtigkeiten gute pol¬
nische Bürger sind. Die polnischen Juden wissen,
daß das ihr Land ist und sie können nirgends hin.
Und ebenso wie die polnischen Juden nicht ohne
Polen leben können, könnte sich — das ist mein
fester Glaube und meine unerschüttterliche Ueber-
zeugung — der polnische Staat nicht natürlich ent¬
wickeln und nicht friedlich gedeihen, wenn er
Juden aus dem Kalkül ausschließen und sie für
vogelfrei erklären sollte. Die Juden in Polen sind
ein produktives Element, angepaßt am die Struktur
des Landes, seinen Bedingungen entsprechend. Es
ist höchste Zeit mit der Legende aufzuräumen,
daß der Kaufmann ein minderwertiges Geschöpf
wäre und dem Handwerker oder agrarischen
Arbeiter nachstände. Polen kann nicht als Agrar¬
land leben. Es muß, wie jeder moderne Staat, In¬
dustrie und Handel treiben. In zaristischen Zeiten
haben die Juden unter unmenschlichen Bedingun¬
gen! das Land bereichert. Von Polen selbst hängt
es ab, ob aus seinen 3 Millionen Juden ein produk¬
tives oder ein zerstörendes Element wird...
Ueberall, wohin die polnischen Juden kommen,
in Amerika, Palästina, Frankreich, zeigen die
Juden ihre Fähigkeit, nur nicht in Polen... Bis
heute hat noch kein einziger polnischer Staats¬
mann (abgesehen von spitzbübischen, (idiotischen
Hetzen Unverantwortlicher) einen ernsten aus¬
führlichen Plaut erstellt, was mit den Juden in
Feuilleton
Trotz allem Jude . . .
Zu Eduard Bernsteins Tod.
Von Dr. Eva Reichmann-Junemann (Berlin).
Wer Eduard Bernstein einmal während der letzten
Jahre in seiner stillen Wohnung in der Bozener Straße
gegenüber sitzen durfte, wer ihn von Marx und Engels,
von der heroischen Früfczeit des Sozialismus sprechen
höite, als ob die Erlebnisse, vom denen er berichtete,
sich gestern zugetragen hätten, der hatte das Gefühl:
hier ist die Zeit stehengeblieben, dieser Mann ist über
zeitliches Maß hinausgewachsen zu einem Denkmal
menschlicher Unvergänglichkeit. Nun ist er doch dem
zeitlichen Gesetz erlegen und von uns (gegangen. Er
stand kurz vor Vollendung seines dreiundachtzigsten
Lebensjahres.
Eduard Bernsteins umfassende Tind gerechte Wür¬
digung zu schreiben, darf denen überlassen bleiben,
deren Aufgabengebiet sich mit der Hauptarbeit seines
Lebens deckt, seinen sozialistischen Kampfgenossen.
Uns liegt es ob, die Linien nachzuziehen, die Eduard
Bernsteins, des Juden, Entwicklung bezeichnen. Sie sind
in dem mächtigen und eindrucksvollen Gesamtbild seines
Lebens nur spärlich vorhanden, und doch stellen sie
einen Wandel von starker, symptomatischer Wichtigkeit
und unmittelbarster Gegenwartsbedeutung dar.
Der Verstorbene stammt aus den Kreisen des
Berliner jüdischen Kleinbürgertums, dessen Bindungen
das Judentum hinter dem stanken, politisch-demo¬
kratischen Interesse der Zeit zurückgetreten waren.
Sein Vater war Lokomotivführer, sein Onkel, Aron Bern-
siein, Redakteur der bürgerlich-radikalen „Berliner
Volkszeitung". Dieselbe Linksschwenkung, die Eduard
Bernstein gegenüber den politischen Ansichten seiner
Familie vollzog, indem er sich der sozialistischen Be¬
wegung anschloß, nahm er auch auf jüdischem Gebiete
vor: er löste die restlichen Bindungen an die jüdische
Gemeinschaft, indem er im Jahre 1877 der Aufforderung
seiner Partei zum Kirchenaustritt Folge leistete. So
wurde Eduard Bernstein in einer Zeit, in der die Sozial¬
demokratische Partei ihre radikale Frühepoche durch¬
machte, in allzu wörtlicher Durchführung ihrer Parolen
zum „roten Assimilantcn". Genau so selbstverständlich,
genau so theoretisch, genau so kurzsichtig, wie heute
der Kommunismus seine Opfer fordert, forderte sie
damals die Sozialdemokratie. Und genau so schnell wird
heute wie damals die S c h e i n konsequenz dieses
S cheinradikalismus offenbar werden.
Im Falle Eduard Bernsteins offenbarte sie sich
unter dem in mehr als einer Beziehung aufschlußreichen
Druck der Kriegsjahre. Es war nicht der einzige Bruch
mit dem Radikalismus, den Bernstein vollziehen mußte.
Um die Wende des Jahrhunderts hatte er in seinem
Hauptwerk „Die Voraussetzungen des Soziaiismus und
die Aufgaben der Sozialdemokratie" die Auseinander¬
setzung mit der materialistischen Geschachtsauffassung
aufgenommen, die die Grundlegung für die von ihm
begründete neue Richtung des Revisionismus bildete.
Auch sie war eine Absage an die radikale Verelendungs¬
und Revolutionstheorie des ursprünglichen Lehrgebäudes,
dem er die Lehre vom allmählichen, reformatorischen
Hineinwachsen in eine neue sozialpolitisch bestimmte
Entwicklungsphase der Wirtschaft entgegenstellte. Eben¬
so wie er hier unter den starken Eindrücken der Tat-
sachenwelt, die er besonders in England empfing, den
Auseinanderfall zwischen Wirklichkeit und Theorie in
einer historischen Leistung bewies, setzte sich in ihm
auch die Erkenntnis durch, daß er mit der Tatsache des
Kirchenaustrittes die auch in ihm nicht zur Ruhe ge¬
brachte Judenfrage ihrer Lösung nicht angenähert hatte.
Im Jahre 1917 nahm er sich zum erstenmal des
jüdischen Problems in einer längeren Abhandlung „Von
den Aufgaben der Juden im Weltkriege" an. Von einem
sehr bewußt jüdischen Standpunkte aus stellt er es darin
als die Mission der Juden dar. ihre natürliche Stellung
zwischen den Völkern zu einer geistigen Vermittlerrolle
im Dienste des Völkerfriedens nutzbar zu machen.
Gleich weit entfernt vom Zionismus wie von einem ge¬
sinnungslosen Assimilantentum, verficht er die Gleich¬
berechtigung und gleichzeitige Betätigung des „Landes-,
des Stammes- und des weltbürgerlichen Patriotismus".
Diese Schrift, an der außerordentlich vieles auch
heute noch und sogar gerade heute wieder ernster Be¬
achtung wert wäre, bildete nur eine Etappe auf Eduard
Bernsteins. Weg zurück zum Judentum. Sein tätiges
Interesse ist seither nicht mehr erlahmt, sondern in
dauernder Förderung jüdischer Ziele, insbesondere der
sozialistischen Palästina-Arbeit zum Ausdruck gekom¬
men. Dabei hat er seine im Grundsätzlichen ablehnende
Haltung gegenüber dem Zionismus, in dessen westeuro¬
päischer Abart er .einen Rückschritt in überwundene
Epochen der Völkergeschichte sah, nicht aufgegeben.
Die jüdisch-sozialistische Arbeit war es. die ihn anzog.
Daß er sich der Wirkung solcher Anziehung in echter
Erkenntnis menschlicher Eigengesetzlichkeit nicht ent¬
zog, sondern weitgehende Schlüsse daraus zog.
legt für die überlegene, reife Persönlichkeit de£
Verstorbenen schönstes Zeugnis ab. Er ließ sich von
den in ihm erspürten Kraftströmen tragen und war
nicht zu eigensinnig und nicht zu stolz, im Alter zu er¬
klären, daß er den Austritt aus dem Judentum nicht
vollzogen hätte, wenn er die Entwicklung voraus ge¬
ahnt hätte.
Eduard Bernsteins deutsch-jüdisches Schicksal ist
geeignet, uns in Aufruhr oder in innere Beruhigung zu
versetzen, je nachdem wir seine deutsche oder seine
jüdische Seite betrachten. In Aufruhr versetzt uns die
Erkenntnis, wie weit wir von einer Zeit entfernt sind,
in der ein Jude eine neue Richtung in mutiger, ent¬
schiedener Abkehr von der alten begiründen durfte, ohne
von vornherein die Richtung und die größere Gesamt¬
heit, der er diente, damit zu diffamieren. Die Selbstver¬
ständlichkeit, mit der der jüdische Sozialdemokrat Bern¬
stein arbeitete, führte und sich bekannte, scheint einer
paradiesischen Epoche im Vergleich mit der heutigen
anzugehören. Sein jüdisches Schicksal aber gibt Rühe
und Gewißheit: auch der echteste und strengste So¬
zialismus vermag jüdische Lebenswerte nicht auf die
Dauer zu übertönen und zu ersetzen. Je reifer . der
Mensch aus der Schule der Wirklichkeit hervorgeht, um
so stärker vertieft sich in ihm die Erkenntnis, daß zur
Erfüllung einer vollkommeneren Zukunft auf keinen
Kräftstrom verzichtet werden darf, und daß der jüdische
der unentbehrlichsten einer ist.