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Herr Dr. Czermak lädt uns ein.
LEOPOLD
Eine Erwiderung von Dr. Kar! St ein er.
Minister a. D. Dr. Czermak strebt nach Lor¬
beeren. Er hat es sich anscheinend in den Kopf ge¬
setzt, die „Judenfrage" in Oesterreich zu lösen. Zu¬
nächst legte er seine Gedanken hierüber in einem
Buche nieder und jetzt spinnt er dieses Thema von
Versammlung zu Versammlung weiter.
Hierbei bleibt immer wieder das Um und Auf
der von ihm gedachten Lösung der vielgeliebte
Numerus clausus, der, wie er jüngst in einer Ver¬
sammlung erklärte, genau so ein Schreckwort sei
wie vor kurzem das Konkordat Dieser Vergleich
ist Herrn Dr. Czermak arg daneben gelungen.
Das Konkordat konnte nur für diejenigen ein
Schreckwort sein, die befürchteten, der Staat
könnte der Kirche mehr geben, als ihr zukommt,
könnte Rechte des Staates zugunsten der Kirche
preisgeben. Wo solche Befürchtungen begründet
sind, verdient auch das Wort Konkordat die Be¬
zeichnung Schreckwort
Beim Konkordat handelt es sich aber, was
Herr Dr. Czermak zu vergessen scheint, um einen
zweiseitigen Vertrag, der nur mit gegenseitiger
Zustimmung beider Vertragsteile, Staat und Kirche,
Zustandekommen kann. Er kann, muß aber nicht
geschlossen werden.
Wie ist das aber beim Numerus clausus? Wül
man darüber mit uns Juden unterhandeln und wird
seine Einführung unterbleiben, wenn wir nein sa¬
gen? Bloß für den Fall, als der Numerus clausus
nur auf Grund eines Vertrages, der zwischen der
Regierung und den Juden geschlossen wird — ein
Fall, der in der gewünschten Form selbstverständ¬
lich nie eintreten wird — Zustandekommen sollte,
seine Einführung dann aber unterbleibt, wenn der
eine Vertragsteil-sie ablehnt, würde der Numerus
clausus für uns kein Schreckwort sein. Solange wir
aber befürchten müssen, daß der Numerus clausus
nicht in Ausführung eines Vertrages, sondern nur
in Ausführung einer einseitigen Anordnung, dem¬
nach ohne, ja selbst gegen unseren Willen einge¬
führt werden könnte, bedeutet er für uns mehr als
ein bloßes Schreckwort
Wenn aber Herr Dr. Czermak und die Herren
um ihn nur mit dem Numerus clausus schrecken
wollen, ohne an seine faktische Einführung zu den¬
ken, woran wir wieder nicht glauben können, bleibt
er allerdings ein leeres Schreck wort Nur in diesem
Falle hätte Herr Dr. Czermak Recht und wir hät¬
ten keinen Anlaß, beunruhigt zu sein.
Der Obmann der christlichsozialen Bundes¬
parteileitung will Ordnung in der Judenfrage
machen und zu diesem Zwecke sich „mit den Ju¬
den über alle Dinge, die sie angehen, auseinander¬
setzen in ernster Ueberlegung und ruhiger Hal¬
tung".
Einer Auseinandersetzung wollen und werden
wir nie aus dem Wege gehen. Sie ist uns sogar
erwünscht, aber eine solche Auseinandersetzung
muß zur unbedingten Voraussetzung haben, daß der
Rahmen der Gleichberechtigung, in dem sich unser
politisches und soziales Leben bewegt, nicht ge¬
sprengt wird. Nur als Gleichberechtigte wollen wir
uns mit den andersgläubigen Bürgern dieses Staa¬
tes als Gleichberechtigten an den Verhandlungstisch
setzen und in „ernster Ueberlegung und ruhiger
Haltung" über alle Dinge sprechen, die uns an¬
gehen. Und nur als Gleichberechtigte wollen wir
wieder den Verhandlungstisch verlassen.
Die Verhandlungsteilnehmer von der anderen
Seite werden aber, sollen wir nicht annehmen,
daß es Verhandlungsteilnehmer gegnerischer
Seite sind, ohne Hintergedanken an diese Beratun¬
gen schreiten und von vornherein jede Absicht, die
verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte der Ju¬
den in irgendeiner Weise schmälern, die Juden zu
Staatsbürgern zweiter Kategorie degradieren zu
wollen, ausschließen müssen. Sollte aber die Ab¬
sicht des Herrn Dr. Czermak dahin gehen, nur un¬
sere Zustimmung zur Minderung unserer
Gleichberechtigung zu erlangen, um dann in die
Oeffentlichkeit hinausposaunen zu können, nichts
sei gegen die Juden, alles nur mit
ihrem Willen geschehen, dann wird alle
Mühe umsonst sein, dann sollen wir uns gar nicht
erst zusammen-, sondern gleich auseinandersetzen.
Niemals wird sich ein Jude finden, der auch
nur ein Quentchen der den Juden in gleicher Weise
wie den anderen Staatsbürgern zuerkannten
Rechte freiwillig aufgeben wird, niemals wird ein
Jude seine Zustimmung zur Minderung seiner
Staatsbürgerrechte erteilen. Was sich Herr
Dr. Czermak als Ordnung der Judenfrage vorstellt,
wird, soweit eine Aenderung der Gleichberech¬
tigung der Juden in Frage kommen sollte, niemals
mit unserer Zustimmung geschehen, nur gegen
uns, aber nie mit uns und unserem Wil¬
len kann und wird eine solche Ordnung der „Ju¬
denfrage" erfolgen.
Wenn man die Enunziationen des Herrn
Dr. Czermak liest, kann man nur schwer daran
glauben, daß er die „Ordnung der Judenfrage" in
etwas anderem als in der Beeinträchtigung ihrer
Staatsbürgerrechte erblickt Er sieht ja in uns Ju¬
den nicht einen Teil des Staatsvclkes, sondern zieht
einen scharfen Trennungsstrich zwischen Staats¬
volk und Juden, die „schlechter als einen Chinesen
oder Neger zu behandeln, der unter uns wohnt, eine
Roheit wäre".
Dieser Vergleich beleuchtet so recht die Ge¬
sinnung des Herrn Dr. Czermak und läßt gar kei¬
nen Zweifel an seiner Absicht aufkommen, uns Ju¬
den nicht roher als einen Chinesen oder Neger zu
behandeln, der in Oesterreich lebt. Darauf kann es
nur eine Antwort geben: Es wäre eine Roheit
Häuseradministration
Adolf Krall
IV., Schleifmühlgasse 11
Beste Empfehlungen von in- und
ausländischen Hausbesitzern
WASSCHUHE
nur VII. BURSSASSE Ö 8
einen österreichischen Juden schlechter zu behan¬
deln als jeden anderen Staatsbürger, der in Oester¬
reich lebt
Die Juden wohnen seit Jahrhunderten auf dem
Boden unseres Vaterlandes und haben längst in die¬
sem Staate das Heämatsrecht erworben. Oester¬
reich ist und bleibt ihr Vaterland, wie es das Va¬
terland aller anderen Staatsbürger ohne Unter¬
schied des Glaubens ist
Die Verfassung unterscheidet nicht zwischen
Juden und Nichtjuden, nach dem ehernen Gesetze
der Verfassung sind alle Staatsbürger vor dem
Gesetze gleich: Der Obmann der christlichsozialen
Bundesparteileitung wie der ärmste Jude.
Im Verhältnis zum Staate gehören wir Juden
zum österreichischen Volke, sind ein Teil dieses
Staatsvolkes und da gibt es kein „anderseits". Im
Verhältnisse zum Staate sind wir nicht „anderseits
das jüdische Volk". Niemand will Ihnen, Herr
Dr. Czermak, vorgaukeln, daß die Konfession das
Entscheidende sei. Zugeben aber müssen Sie: Poli¬
tisch sind wir jüdische Oesterreicher, dem Glauben
nach österreichische Juden. -
Sie wollen, Herr Dr. Czermak, die Juden nicht
als Teil des Staatsvolkes anerkennen, weil man,
wie Sie sagten, „sehr gut deutsch sprechen und
schreiben, aber dennoch jüdisch denken und han¬
deln kann". Die Antwort darauf werden Sie aber
schuldig bleiben müssen, warum die Engländer und
Franzosen, die Italiener und Amerikaner die Juden
als vollwertige Glieder des Staates anerkennen,
ihnen hohe Aemter und Würden des Staates über¬
tragen, wenn sie vielleicht auch und gewiß nicht
zum Schaden der anderen jüdisch denken und han¬
deln, und warum gerade nur in deutschen Staaten
die Synthese zwischen Deutschtum und Judentum
nach Ihrer Meinung nicht möglich sein soll. „Jüdi¬
sches Denken und Handeln" würde, nebenbei be¬
merkt, für manchen Arier nur einen Vorzug be¬
deuten.
Bundeskanzler Dr. Dollfuß ist mit heißem
Bemühen bestrebt, Oesterreich neu aufzubauen und
ein friedliches und befriedetes Oesterreich zu
schaffen. Sein reines und lauteres Wollen findet
ungeteilte Sympathie in der ganzen Kulturwelt,
nicht zuletzt deshalb, weil er sich bisher fern?
zuhalten wußte von jeder Beeinträchtigung der
verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller
Staatsbürger, weil er es bisher im wohlver¬
standenen Interesse unseres Vater¬
land e s vermied, an dieser Gleichberechtigung
irgendwie zu rütteln. Sein Konzept darf aber nicht
gestört werden durch antijüdische Extratouren. Zu
viel steht für Oesterreich auf dem Spiele.
Der Zweck heiligt die Mittel.
Besonders wählerisch waren die Antisemiten
niemals in ihren Mitteln wenn es galt, ihren Zweck
zu erreichen. Sie waren auch niemals wählerisch,
so oft sie versuchten, ihren Antisemitismus zu be¬
gründen und zu rechtfertigen. Unsere echt öster¬
reichischen, gutchristlichen bodenständigen Antise¬
miten haben es aber diesmal nicht gar so leicht
Denn im nationalsozialistischen Rassenantisemitis¬
mus ist ihnen ein Konkurrent erstanden, den sie in
der Schlagkraft nicht erreichen, geschweige denn
überbieten können. An Klarheit der Kampfmittel
und des Kampfzieles ließ es das antisemitische Pro¬
gramm der Nationalsozialisten nicht fehlen. Dem
mußte, sollte das Wettrennen trotz der Vorgabe
noch gewonnen werden, ein gleich gut gesatteltes
Streitroß entgegengestellt werden. Dem aufmerk¬
samen Beobachter war es durchaus nicht entgan¬
gen, wie qualvoll diesmal den Antisemiten im
christlichsozialen Lager die Wahl der Mittel
und der Titel wurde. Das Problem, vor das
sich die Christlichsozialen — nicht ohne ihr eigenes
Verschulden — gestellt sehen, ist sicherlich schwie¬
rig. Sie wollen imEndeffekt vor allem der aka¬
demischen christlichen Jugend, aber auch den
älteren Jahrgängen das Gleiche bieten oder zumin-
destens versprechen wie die Nationalsozialisten,
der Weg hiezu sollte aber ein österreichisch-
gemütlicher, ein österreichisch-kul¬
tureller sein. So schamlos unverhüllt und bru¬
tal wie in Deutschland durfte und konnte hierzu¬
lande nicht gesprochen und nicht gehandelt wer¬
den. Daher die mitunter tiefen Bücklinge der Her¬
ren Czermak und Genossen vor den jüdischen Lei¬
stungen für Kultur und Vaterland, daher auch die
von sanften Drohungen begleitete Einladung an die
Juden, sich mit den „wohlmeinenden" Antisemiten
an den Verhandlungstisch zu setzen.
Ein Zweifel über die Propagandami t-
te 1 und propagandistischen Ziele der
Antisemiten im österreichisch-katholischen Lager
besteht heute nicht mehr. Den Auftakt zur neuen
antisemitischen Kampagne bildete das politische
Referat des neugewählten Obmannes der Wiener
christlichsozialen Partei, des Prof. Krasser, am.
Parteitag im Mai v. J. Er machte aus seinem Her¬
zen keine Mördergrube, denn er sagte frank und
frei:
„Welche zugkräftige Idee haben wir (Christ¬
lichsozialen) in den letzten Jahren noch gehabt? Bei
der Eroberung Wiens durch Lueger war eine der
zündenden Ideen der Antisemitismus. Aus staats¬
politischen Erwägungen ist es damit in unserer
Partei bedenklich still geworden. Damit hat sich
unsere Partei eines ihrer volkstümlichsten und agita r
torisch wirksamsten Schlagwörter entledigt."
Wenige Tage vorher hatte gelegentlich der
ersten Lesung der vom Unterrichtsminister
Dr. Czermak im Nationalrat eingebrachten
Studentenschaftsordnung seligen Angedenkens
der derzeitige Vizekanzler Abgeordne¬
ter Schmitz sich grundsätzlich mit der Frage
des Antisemitismus in einer großangelegten Rede
auseinandergesetzt. Als für alle Länder geltende
Gründe des Ansteigens der antisemitischen Stim¬
mungen führte er u. a. die „Gründung" des jüdi¬
schen Nationalstaates in Palästina, die Vergröße¬
rung der zionistischen Bewegung in der ganzen
Welt und die ostjüdischen Wanderungen während
und nach dem Kriege an. Drei Schichten, sägte er,
sind es vor allem, die von diesen Stimmungen be¬
sonders erfaßt sind, nämlich die jungen Akademi¬
ker, die jungen Privatangestellten und die jungen
Geschäftsleute und Gewerbetreibenden. „Die wirt¬
schaftliche Not", führte er weiters aus, „ist immer,
zu allen Zeiten die Haupttriebkraft für die Radi¬
kalisierung des Antisemitismus gewesen. Wir
müssen, praktisch gesprochen, vor allem unserer
jungen Generation helfen, in Berufe zu kommen.
Es ist ja, wenn auch der Vergleich nicht allzu