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DIE WAHRHEIT
Was die Jetztzeit aus nicht ganz drei Versen
des 2. Büches Moses lernen könnte.
Eine Betrachtung von Rabbiner Dr. M. Rosenmann.
UBOPOLO
Alle Erklärungen der heiligen Schrift, mögen
sie noch so weit auseinander gehen, sind schlie߬
lich auf vier Methoden zurückzuführen. Diese sind
mnemotechnisch in den Konsonanten des Wortes:
P a r d e s (Paradies, Garten) wiedergegeben.
1. P s c h a t, der einfache Wortsinn. Führend sind
hiefür die Kommentare von Ibn Esra und Kimchi.
IL Remes, die Erforschung der Andeutungen der
Bibel, zumeist mittels des Zahlenwertes der ein¬
zelnen Buchstaben. Ein nicht häufig verwendeter
Kommentar, Bai Htaturim, bearbeitet dieses Ge¬
biet. Hl. Drasch, die homiletische und religions¬
philosophische Auffassung der Bibel. Die Fülle der
Erklärungen in dieser Hinsicht ist unübersehbar.
Abgesehen von der talmudischen Zeit führt eine
lange Kette populärer Kommentare von Raschi
bis zu Malbim und sodann bis zu Samson Raphael
Hirsch. IV. Sod, die kabbalistische Erschließung
etwaiger verborgener Sentenzen der Bibel. Das
vor drei Jahrhunderten erschienene Buch „Die bei¬
den Tafeln des Bundes" von dem als heilig bezeich¬
neten Jesaia Horowitz bildet einen der Höhe¬
punkte dieser Art.
In unserer nüchternen Zeit kann die Heilige
Schrift, insoferne das Resultat Anerkennung finden
soll, nicht realistisch genug erschlossen werden.
Es sei daher hier versucht, wenige Sätze des zwei¬
ten Buches nicht auszulegen, noch weniger, um ein
Wort Lessings zu gebrauchen, ihnen etwas zu
unterlegen, sondern historisch darzulegen, um von
diesem Standpunkt aus einen Ausblick in die Ge¬
genwart zu gewinnen. Die ersten Verse erzählen
von den zwölf Stämmen, behandeln den Tod Josefs
und seiner Generation und das Anwachsen der
israelitischen Bevölkerung. Nun setzt Vers 8 ein:
„Und es stand ein neuer König auf
über Aegypten, der von Josef nichts
wußte." Ist dies faßbar? Mag dieser Pharao aus
einer neuen Dynastie hervorgegangen sein oder
mochte er so getan haben, als ob er von Josef
nichts wüßte. Ist er nicht von allen Begebenheiten
daran erinnert worden? Und doch völkerpsycho¬
logisch leicht zu begreifen. — Bei jeder Volksmino¬
rität werden nämlich Schwächen zu Lastern gestei¬
gert, Vorzüge und gewaltige Leistungen zu Akzi-
dentien herabgedrückt und sodann vergessen. Wer
z. B. denkt in der Gegenwart, daß kaum mehr als
zehn Jahre verflossen sind, seitdem ein jüdischer
Mann, Dr. Wilhelm Rosenberg, Oesterreich vor
dem finanziellen Rum gerettet hat? Und während
in der letzten Zeit die jüdischen Bankdirektoren für
den Niedergang der Bankinstitute verantwortlich
gemacht werden und man dies die jüdischen Beam¬
ten entgelten lassen will, obschon weit mehr Bank¬
häuser in Nordamerika ohne jüdischen Einfluß zu¬
sammengebrochen sind, ist das Andenken an jenen
jüdischen Bankdirektor verschwunden. Vom Bun¬
deskanzler Seipel berufen, hatte er es abgelehnt,
die Würde eines Staatssekretärs zu bekleiden oder
irgend ein Gehalt entgegenzunehmen, sondern ver¬
wendete seine gewaltigen Beziehungen zum Aus¬
land, namentlich zu England, um Oesterreich selbst¬
los zu dienen. Als er sein Werk vollendet sah, be¬
gab er sich auf den Friedhof, wo sein einziger im
Felde gefallener Sohn ruhte, und bereitete seinem
ihm nunmehr als zwecklos erscheinenden Leben
ein Ende. Wer von allen jenen, die dem Judentum
krassen Materialismus vorwerfen, denkt an den
großen Tondichter Gustav Mahler, der die Leitung
der Wiener Oper unter Hintansetzung persönlicher
Häuseradministration
Adolf Krall
IV., Schleifmühlgasse 11
Beste Empfehlungen von in- und
ausländischen Hausbesitzern
Interessen aufgab, oder an den großen, unvergleich¬
lichen Josef Popper-Lynkeus, der in frei gewählter
Armut sein Leben beschloß? —
Vers 9 beginnt und besagt: „Und er (Pha¬
rao) sprach zu seinem Volke." Warum be¬
rief er nicht zu diesem Zwecke seine Gelehrten,
Weisen und Zeichendeuter? Warum sprach er nur
zu seinem Volke? Weil die Volksmassen am leich¬
testen durch ein Schlagwort zu beeinflussen sind.
Und ein solches war auch seine Behauptung:
„Siehe das Volk Israel ist stärker und
zahlreicher als wir." Dieser Vorgang hat
MASSCHUHE
nur VU. BUR.6SASSE v5 S
sich ungefähr achtzig Jahre nach der Niederlassung
der Israeliten in Gosen abgespielt. Wenn wir mm
die' Angaben Exodus Kapitel 12, Vers 37 und 40 als
Grundlage annehmen, so betrug damals die Zahl
der israelitischen Seelen hochgegriffen 1500, wo¬
gegen sich die Gesamtbevölkerung Aegyptens unter
den alten Pharaonen in 18.000 Städten und größe¬
ren Orten auf ungefähr sieben Millionen belief.
Worin bestand die sophistische Irreführung? Die
israelitische Bevölkerung war in Gosen konzen
triert. In diesem kleinen Raum war sie freilich
stärker und zahlreicher als die Aegypten Und ist
es in der Gegenwart anders? Man spricht voa
einem Ueberwiegen des jüdischen Elementes in den
intellektuellen Berufen, woselbst es stärker und
zahlreicher wäre als die anderen, und sucht auf
dem Wege der aufgewühlten Volksmassen Aende-
rungen vorzubereiten. Man überblicke doch die
Gesamtheit und befrage die modernen Zei¬
chendeuter, das sind die Statistiker, ob es im un¬
übersehbaren Heer der Staats-, Landes- und Kom¬
munebeamten, die eine halbe Million erreichen dürf¬
ten, 5%, das heißt 25.000 Juden gibt. Ob nicht
auch da ein Numerus clausus in bonam partem
angebracht wäre? Eine Staatsweisheit, welche die
Grundlage des öffentlichen Friedens befestigen
wollte, würde bei Neuanstellung im Staatsdienst
darauf sehen, irgend welche Lebensmöglichkeitelt
der jüdischen Jugend zu verschaffen, die gerne den
freien Berufen den Rücken kehren würde, um ihre
Nahrung bescheiden aber sicher im Beamtenstatus
zu erlangen. So war es unter Kaiser Franz Josef
seligen Angedenkens. Dieser hatte in den gleich¬
berechtigten Juden staatserhaltende Elemente ge¬
sehen, dieser hatte jüdische Offiziere und Beamte
ernannt und sie vor Kränkung und Zurücksetzung
geschützt. Aus Vers 10 erfahren wir weiters, däU
Pharao zu seinem Volke sprach: „Wohlan,
lassetunssieüberliste n." Klingt das nicht
wie das berühmte und berüchtigte Tarnen der Ge¬
genwart, die vielen Versuche, das Judentum zu
überlisten, durch Drohung und Verlockung es zu
veranlassen, sich selbst in das Joch der Knecht¬
schaft zu stellen. Unsere Weisen meinen, daß
Pharao die freien Männer von Gosen zum Front¬
dienst dadurch veranlaßt hatte, daß er sie eines
Tages mit sanftem Munde (Peh-rach) einlud, gleich
ihm Kelle und Mörtel zur Hand zu nehmen, um
tfeuilteton
Dr. Adolf Jellinek.
Zum vierzigsten Jahrestag (20. Tebet 5654).
Von Rudolf Kraus, Amtsleiter i. R.
Ein sehr langer Zeitraum ist verstrichen, seitdem
dieser Meister der Redekunst seine tiefdurchdachten
Predigten über religiöse Fragen gehalten, seine Ab¬
handlungen über jüdische politische Vorkommnisse ge¬
schrieben hat. Er war „der Mann seiner Zeit", hat sich
einen Weltruf erworben, ein bedeutender Gelehrter, ein
großer Philosoph, der jedem, der ihn gehört hat, unver¬
geßlich bleiben mußte.
Vor zwei Jahren hat Herr Rabbiner Dr. Rosen¬
mann ein sorgsam verfaßtes Werk „Dr. Adolf Jellinek,
sein Leben und Schaffen" veröffentlicht, welches ver¬
diente Beachtung fand, da es in ausgezeichneter Weise
das Wirken des Verewigten schildert, Auszüge aus seinen
Predigten und Schriften bringt, sowie seinen hoch¬
interessanten Lebensweg zeichnet.
Ich hatte das Glück, durch mehrere Jahre Doktor
Jellinek sowohl im Stadttempel, wie auch im Betha
Midrasch zu hören, ich freue mich, mehrere seiner
Schriften zu besitzen, und lese öfters mit Aufmerksam¬
keit darin: Reden, welche er mit prophetischem Geiste
gehalten hat und welche beweisen, was dieser große
Lehrer in seinem Wirken nicht nur für Wien, sondern
für das ganze Judentum geleistet, wie er als Ratgeber
großer jüdischer Institutionen Dauerndes geschaffen hat.
Auch am 22. Dezember 1893 lauschte ich seiner Abend¬
predigt im Stadttempel, am 28. betete ich für seine Ge¬
sundung und am 31. war ich zugegen, im Tempel und
auf dem Zentralfriedhof, da er mit außergewöhnlichen
Ehren bestattet wurde.
Aus seiner letzten Rede will ich einige Sätze hier
anführen, sie sind dem Büchlein des Rabbiners Dr. Löwy
„Die letzten Reden Dr. Jellineks" entnommen. Er be¬
sprach da den Segen Jakobs. „Versammelt euch, vereinigt
euch, Söhne Jakobs, horcht auf Israel, eurem Vater!
Wohlerwogen nennt er sich Jakob und auch Israel; denn
in diesem letzten Namen ruht die Lebensaufgabe, die
Bestimmung, der Beruf aller seiner Sprossen auf Erden.
Israel heißt Gotteskämpfer, für Gott, für Erkenntnis der
Wahrheit, für Recht und Menschenliebe zu kämpfen und
zu streiten, zu tragen und zu dulden — dazu sind die
Söhne des Patriachen erkoren worden. Darum sollen sie
sich immer als Brüder fühlen, in der Einheit ihre
Stärke suchen und finden. Eine lange Zukunft dehnt sich
vor ihnen aus. ein wechselneäches Leben harret ihrer.
Bedenket daher, spricht der sterbende Jakob, was euch
begegnen kann in späteren Tagen. Einmal wird ja doch
jene Zeit erscheinen, wo die Völkerstämme aus Nacht
und Finsternis dem Lichte nachwandeln werden, dem
Lichte, das ihnen aus der Mitte Israels erglänzt und
erstrahlt Darum sollen die Söhne Jakobs alle vereint
"und verbrüdert leben, alle, die Jakob ihren Vater nennen,
die sich zu Israel bekennen." Dr. Jellinek schloß diese
Rede, indem er die Anwesenden aufforderte, das in
diesem Jahre in Wien errichtete Rabbinerseminar
(Israel, theologische Lehranstalt) zu fördern. Er ruft
aus: „Dies sind wir dem Ruhm Israels, der Ehre der
Wiener Gemeinde und ihrer großen Vergangenheit
schuldig. Dazu ruft uns, seine Kinder, der Patriach
Jakob auf, denn unser Vater Jakob ist nicht gestorben
und seine mahnende Stimme ist nicht verhallt. — Ver¬
einigt Euch, versammelt Euch, nähret und stützet die
lernbegierigen Jünglinge dieser Lehranstalt, wie Sebulun
— der rührige Kaufmann — den Bruderstamm Isas'char
— die Lernenden — verpflegt und erhalten hat, wofür
er auch reich gesegnet war."
Der letzte Sabbatgruß, das Schlußwort des Fürsten
der Prediger war kaum verklungen — da erkrankte der
greise Gelehrte und am 28. Dezember zu ungewöhnlicher
Abendstunde fanden sich im Stadttempel eine große
Anzahl Freunde und Verehrer Dr. Jellineks ein, für sein
teueres Leben Thillim zu sagen. Gebete für seine Ge¬
nesung zu verrichten. Jedoch — zur selben Zeit saß in
seinem Lehnstuhle in seiner Wohnung im gleichen Hause
der schwer Erkrankte — umgeben von seinen Kindern
und mehreren Getreuen und verschied — ruhig hinüber¬
schlummernd zum ewigen Schlafe. Weinend wurde diese
traurige Nachricht der im Tempel versammelten Ge¬
meinde mitgeteilt, das Gebet wurde beendet und eine
tiefe Bestürzung entstand. Jeder der Anwesenden fühlte,
daß nicht nur er. sondern die ganze Wiener jüdische
Gemeinde einen unersetzlichen Verlust erlitten habe, daß
mit Dr. Jellinek dem Judentum der ganzen Welt ein
Weiser, ein Gelehrter von' prophetischem Geiste sein
irdisches Leben geschlossen hatte.
Sointag. den 31. Dezember 1893, veranstaltete der
Vorstand der Kultusgemeinde zur Ehrung dieses großes
Toten eine besonders solenne Leichenfeier. Im Stadt¬
tempel wurde der einfache Sarg aufgestellt, zu dessen
Seiten die Vorstandsmitglieder und die Rabbiner standen.
Im trauergeschmückten Gotteshause waren nebst de»
Familienmitgliedern der Wiener Bürgermeister Dr. J. N.
Prix, der Vertreter der evangelischen Gemeinde Doktor
Schack, zahlreiche offizielle Persönlichkeiten, De¬
putationen von feni und nah. sowie die Vorstände der
Wiener jüdischen Institutionen und Vereine anwesend.
In der ganzen Umgebung des Tempels und auf dem
langen Wege bis zum Friedhof brannte die Straßen¬
beleuchtung.
Die äußerst würdige Zeremonie im Tempel bestand
in der vom Oberkantor Josef Singer mit Chor vor¬
getragenen Rezitierung des Psalms 49 und in der gehalt¬
vollen Trauerrede des Rabbiners Dr. M. Güdemann,
aus welcher ich einige Sätze hier anführen will:.....Wie
Dr. Jellineks Vorgänger und Kollege (J. N. Mann¬
heimer) ein gefeierter Redner war, so war er es nicht
minder, aber in anderer Weise, und seine Eigenart hat
eine bedeutsame Wendung in der Geschichte der jü¬
dischen Kanzelberedsamkeit herbeigeführt. Er schuf
Neues auf diesem Gebiete, indem er an das Alte an¬
knüpfte, um die Predigtweise unserer alten Meister mit
den Ansprüchen moderner Bildung und modernen Ge^
schmackes zu vermählen. Wie sie ein feines Auge hatten;
um nicht bloß in der Bibel, sondern gleichsam zwischen
den Zeilen der Bibel zu lesen, wie sie ein feines Ohr be¬
saßen für den Pulsschlag der Zeit, für die Stimmen, die
aus dem öffentlichen Leben in das Gotteshaus dringen,
so ward er durch die gleichen Vorzüge der Mitbegrün¬
der einer neuen Predigtweise, weil er ein gelehriger
Schüler der Alten war. Mit seiner reichen Gelehrsamkeit
und Belesenheit, mit seinem scharfen Verstände und
seinem treffenden Witz formte er jene Reden und An¬
sprachen, die alles in ihren Bereich zogen und dennock
immer auf jüdischem Boden blieben, und welche durch
die Lebendigkeit und das Feuer seines Vortrages, wie
nicht minder durch die gewählte Sprache die Zuhörer
fesselten, begeisterten, entflammten und das religiöse
Empfinden in ihnen neu belebten. So war er währe"«»
eines halben Jahrhunderts der vielgerühmte Prediger
einer alten Zeit, und! doch hinwiederum einer neuen, aus-
jener die Waffen holend, für diese gleich dem redekun-
digen Aron des Altertums bestrebt, die Fessela seiner