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DIE WAHRHEIT
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Jt* einen Sklavenbau zu beginnen. An Stelle des
sanften Pharao traten bald die Fronvögte.
Möchten nicht auch jetzt manche „Freunde"
mit sanftem Munde das Judentum bewegen, an dem
Aufbau eines „separaten Minderheits¬
rechtes" mitzuarbeiten, um in demselben Schutz
zu suchen. Eine Parabel, von keinem Geringerem
als dem jüdischen Märtyrer Rabbi Akiba erzählt,
antwortet darauf: Eines Tages ging ein Fuchs an
einem Strom vorbei, da sah er, wie die Fische sich
unruhig bewegten. Ueber seine Frage nach der
Ursache, antworteten sie, daß unweit ein Netz aus¬
gespannt sei, vor dem sie flüchteten. Nun meinte
der Schlaue, daß sie sich ans Land in seine Obhut
begeben mögen; er werde sie beschützen. Sie ant¬
worteten ihm in ihrer stummen Sprache: „Wenn
wir in unserem Element nicht sicher sind, wie sollen
wir es in einem uns iremden unter deiner Obhut
sein?" Angewendet auf die Gegenwart will die
Parabei besagen: Wenn die Juden im Rahmen der
Gleichberechtigung, und mag sie noch so bedroht
sein, nicht sicher sind, wie erst auf dem harten
Boden eines fremden Sonderrechtes? Aber noch
eines sei angeführt. Zu Pharaos Hof gehörten drei
Männer: Bileam, Hiob und Jethro. Bileam stärkte
den König in seinen bösen Absichten, Hiob verhielt
sich abwartend, Jethro allein riet ab. Wir
wünschten, daß es auch in der Gegenwart einen
warnenden Jethro gäbe, daß man auf seine Worte
hören und das mandas Judentum frei von
Gewalttätigkeit und Hinterlist leben
lasse — treu seinen Idealen und
Pflichten.
Trotz tiefreduzierter Preise
Immer nur da* Beate
St gm. Oppenhelm
II., PRATERSTRASSE 3©
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Die Juden Wiens,
Das neueste Buch Hans Tietzes, des be¬
kannten Kulturhistorikers, das soeben bei E. P.
Tal & Co., Wien, unter diesem Titel in erlesener
Ausstattung erschienen ist, will nur einem Zweck
dienen, der wissenschaftlichen Wahrheit und histo¬
rischen Gerechtigkeit. Doch kommt es gerade jetzt
zurecht, um den Wiener Juden einen unschätzba¬
ren Dienst zu leisten. Diese Leistung fällt um so
schwerer ins Gewicht, als ihr keine Absicht zu
gründe Hegt.
Worin besteht sie? In einer ganzen Reihe von
Zeitungsartikeln und öffentlichen Reden wird seit
einiger Zeit mit Schlagworten operiert, die für die
Wiener Juden sich höchst bedenklich auswirken
können, wenn sie als Ausgangspunkte gegen sie
gerichteter Maßnahmen der Verwaltung oder gar
der Gesetzgebung verwendet werden sollten. So
wird den Wiener Juden in Bausch und Bogen ihre
Bodenständigkeit bestritten. Man
spricht von „volksfremden Elemente n",
vom „jüdischen Marxismus", vom „jüdischen Libe¬
ralismus" und anderem, was das Publikum auf un¬
freundliche Schritte gegen die Juden vorzubereiten
und seine Zustimmung hiefür zu sichern geeignet
wäre.
In einem solchen Momente der Spannung kann
allen Beteiligten nichts willkommener sein als
eine Darstellung des wirklichen Sachverhaltes von
einer Seite, deren Objektivität über jeden Zweifel
erhaben ist. Ist es wahr, daß die Wiener Juden
nicht bodenständig sind? Sind sie wirklich ein
volksfremdes Element? Ist das Wiener Judentum in
der Tat mit Liberalismus oder Marxismus iden¬
tisch?
Auf alle diese jetzt so aktuellen Fragen findet
man in dem Buche Tietzes unanfechtbar zutreffen¬
den Bescheid.
Tietze läßt die geschichtlichen Tatsachen für
sich selber sprechen. Er beschönigt nicht, was zu
Ungunsten der Juden aussagt. Um so glaubwürdi¬
ger ist seine Brandmarkung ihnen angetanen Un¬
rechts.
Am Anfange der Geschichte der Wiener Juden
steht die Erwähnung jüdischer Kaufleute in einer
noch heute vorhandenen Urkunde aus dem Jahre
904. Erinnern wir uns, daß der Name „Wien" ur¬
kundlich erst 1030 auftaucht und über eine „Stadt
Wien" vor 1137 bisher keine zuverlässige Nachricht
vorliegt! Daß der Name „Wien" mit „Vindobona"
so wenig zusammenhängt wie die Gründung Wiens
mit der römischen Ansiedlung, auf deren Trüm¬
mern sie sich vollzog, steht heute fest. Es unter¬
liegt keinem Zweifel, daß, wie sonst in Nieder¬
österreich, auch in Wien Juden zum mindesten nicht
später als christliche Deutsche Fuß gefaßt haben.
Bodenständigkeit in Wien kann ihnen um so weni¬
ger abgesprochen werden, als selbst durch die ge¬
waltsamen Aufhebungen der Wiener Ghetti 1421
und 1670 die Verbindung von Juden mit dem Wie¬
ner Boden keineswegs gänzlich gelöst wurde und
damit, wie die Geschichte Wiens im allgemeinen,
so auch die der Juden in Wien von ihren ersten
Anfängen bis auf den heutigen Tag sich am fort¬
laufenden Faden verfolgen läßt.
Nach Tietze ist es wahrscheinlich, daß die Ba¬
benberger zur Hebung der Ostmark, wie sie Re¬
gensburger und vlämische Kolonisten, ins Land rie¬
fen, so aus Bayern und aus ihrer fränkischen Hei-
©laubensgenossen zu lösen, ein Priester im Dienste der
Freiheit und der Erkenntnis. Von Jakobs Tode hat der
Verbliebene zuletzt gesprochen; hiezu bemerkten unsere
Weisen: .Mit dem Tode Jakobs brach die alte Hungers¬
not wieder hervor.' Es ist das Beste, was man von einein
Menschen an seiner Bahre sagen kann, daß man seiner
flicht satt geworden. Man wird hungern und dürsten
»ach deinem belebenden Worte — und dieser Hunger
wird nicht gestillt, dieser Durst nicht gelöscht werden.
Das wird dein Angedenken und deinen Namen erhalten
far und für."
Nachdem sodann der Sarg auf die Straße getragen
und durch ein großes Spalier von tausenden Menschen
auf den Friedhof geführt ward, trug im Zeremoniensaale
Oberkantor Josef G o 1 d s t e i n mit seinem Chore das
Hazur tomim vor. Der greise Rabbiner Dr. A. S c h m i e d I
kielt die Gedenkrede, in welcher er die Trauer der Ge¬
meinde besprach und den Lebensgang des Verstorbenen
in hervorragender Weise schilderte. Nach ihm sprach
der Rabbiner Dr. Jonathan Wolf, welcher unter an¬
derem sagte: „Und wollen wir wissen, was der ver¬
ewigte Meister dachte und fühlte, wir erfahren das am
besten durch den Wahlspruch unter seinem Bilde: Echte
Wissenschaft macht frei und echte Freiheit tolerant und
«jilde. Der Rektor des damals neu errichteten Rabbiner¬
seminars, Rabbiner Dr. Adolf Schwarz, zitierte vor¬
erst den Vers: „Gut und schön war das Wort, das du
gesprochen hast" und sagte dazu: „Dr. Jellinek besaß
tiefe Denkerkraft, war von zündender Begeisterung ge¬
tragen und verband mit schöpferischer Schaffenskraft
eine Herrschergewalt, wie sie seit der Glanzzeit Spa¬
niens kein jüdischer Weiser gehabt. Er hatte Schachte
verborgenen Goldes flüssig gemacht, indem er altes Edel¬
metall in moderne Formen gegossen". Der durch reiche
Gelehrsamkeit berühmte Prediger aus Budapest Doktor
Moriz Kayserling trat sodann an die Bahre und
schilderte, welch emsiger, redlicher Forscher Doktor
jellinek war. <ter in den Schacht der Forschung hinab¬
stieg, um vergilbte Fragmente der Vergessenheit zu
entreißen und zerstreute Schätze rabbinischer Weisheit
zu sammeln, das Dunkel der Geheimlehre zu enthüllen.
Als Bote der altehrwürdigen Gemeinde Prag sprach
Prediger Dr. K i s c h. Er führte aus. daß nach dem Ab¬
leben der unvergeßlichen Weisen der Prager Gemeinde,
wi« Zacharias Frankel., Juda Löb Rappoport, Leopold
Zunz und Michael Sachs, der verblichene Dr. Jellinek
der letzte der großen Weisen war, durch welche die
Prager jüdische Gemeinde einen Weltruf erlangt hat.
Der Sarg wurde nunmehr zum Grabe getragen, Rabbiner
S c h o r r sprach einige Worte, ein Schlußchor beendigte
die Trauerfeier.
Anläßlicli des hundertsten Geburtstages Doktor
Jellineks im Juni 1921 wurde dieser Tag im Bethami-
drasch festlich begangen. Rektor Hofrat Dr. Schwarz
hielt vor einem erlesenen Publikum und den Hörern der
theologischen Lehranstalt die Gedenkrede, im Stadt¬
tempel sprach Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes, der
Dr. Jellinek als musterbietenden jüdischen Gelehrten
schilderte, dessen Wirken für alle Zeiten segensreich
sein wird.
In seinem bereits erwähnten Buche berichtet Doktor
Rosenmann von der Gründung des Bet ha Midrasctr
durch Dr. Jellinek, welches er auf geistig dürrem Boden
hervorgezaubert hatte und welches ihm nicht wenig
Freude und Erfolg verschaffte. Die beiden von ihm aus¬
gewählten Lektoren Friedmann und Weisz schufen
Werke, welche die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt
auf sich und das Wiener Bet ha Midrasch lenkten. Doktor
Jellineks Haus, genannt „der Vatikan in der Seiten-
stettengasse", war der Treffpunkt der gelehrten Kreise
wie auch politischer Größen. Der große Gelehrte Doktor
G e 1 b h a u s äußert sich über die Persönlichkeit Doktor
Jellineks: „Bevor Dr. Jellinek auf die Kanzel trat,
herrschte tiefe Stille wie vor einer Offenbarung. Er
selber war auch vorher aufgeregt und verklärt, wie wenn
er eine Eingebung hätte. Schon beim Herumtragen des
Sefer schien es, als ob Funken von ihm ausgehen wür¬
den. Auf der Kanzel überblickte er den Tempel, dann las
er den Text und sagte den Satz hebräisch und deutsch.
Er sprach immer eine Einleitung und hierauf zwei oder
drei Teile. Er sprach stets in großer Extase, aber immer
mit Nuancierung: rasch, aber sehr deutlich: ein großer
Künstler auf der Kanzel, ein außerordentlicher Dekla¬
mator." Wenn auch vier Jahrzehnte seit dem Ableben
Dr. Jellineks verstrichen sind — das Andenken an ihn
wurde zum Segen, denn wo in jüdischen Gotteshäusern
der Prediger zur Gemeinde spricht, ist sein Geist —
Dr. Jellinek lebt fort in seinen die Zeit überdauernden
Werken.
„Secher zadik livrocho."
mat jüdische Kaufleute mitgebracht haben. Wir
wissen, daß zu Städtegründungen auch sonst, z. B.
in Speier. Juden mit herangezogen wurden. Uebri-
gens weist die erste jüdische Ansiedlung in Wien
große Aehnlichkeit mit der in Regensburg und
Zuzug von dort sowie, nach einer Nachricht. Ver¬
bindung mit Landshut in Bayern auf. Wie einst im
römischen Reiche waren die Juden in deutschen
Städten, z. B. Nürnberg, Vollbürger. So finden wir
sie auch in Wien in angesehener amtlicher, poli¬
tischer und gesellschaftlicher Stellung. Der eine
bekleidet das hohe Amt eines herzoglichen Münz¬
meisters, ein anderer vertauscht das eines ungari¬
schen Finanzministers mit dem eines österreichi¬
schen Staatsbankiers. Auch andere helfen mit Rat
und Tat den Babenbergern, hier eine Territorial-
macht zu gründen. Wie vielleicht nirgends sonst in
solchem Maße gestaltet sich unter dem starken
Schutze der Herzöge das Verhältnis der Wiener
Juden zu der übrigen Bevölkerung friedlich i.nd
freundlich. In der grausigen Katastrophe von 1421
sieht Vancsa in der „Geschichte der Stadt Wien"
einen Finanzcoup des Herzogs. Tietze weist noch
andere Beweggründe auf, die aber keineswegs die
jüdischen Opfer belasten.
Anstatt diese Blutschuld zu sühnen, belud sich
Oesterreich nach dem einmütigen Urteile der höch¬
sten zeitgenössischen geistlichen und weltlichen
Mächte mit neuem schweren Makel 1670 durch die
Vertreibung einer Judengemeinde, der selbst er¬
klärte Judenfeinde, wie Wagenseil, einen glänzen¬
den Leumund ausstellten. Tietze bekundet aber
seine Objektivität darin, daß er Mißwirtschaft des
jüdischen Gemeindevorstandes als eine der Ursa¬
chen vermutet. Doch ebenso, wenn er in seiner
Beurteilung Samuel Oppenheimers. des Neubegrün-
ders der Wiener Judengemeinde, ganz gegen die
frühere nichjüdische Geschichtsschreibung der
Würdigung dieses Mannes als eines seiner Zeit weit
vorauseilenden Wirtschaftspioniers und unentbehr¬
lichen Mitarbeiters an dem Aufbau Oesterreichs zur
Großmacht und zum Zentralstaat beipflichtet. Eben¬
so richtig ist seine mit der ihm eigenen erstaun¬
lichen Sachkenntnis wohlbegründer Auffassung
des Toleranzpatentes von 1782 als eines Humani¬
tätsaktes von unermeßlicher Bedeutung.
Wie schon aus dem Stoff an sich erklärlich,
wird die Lektüre des meisterhaften Werkes immer
fesselnder, je mehr es sich der Gegenwart nähert.
Völlig unparteiisch deckt Tietze die Wurzeln des
Wiener Antisemitismus auf, Licht und Schatten ge¬
recht verteilend. Seine mutige Kritik erfahren auch
itoch lebende Persönlichkeiten und ander© Erschei¬
nungen des Wien von heute. Im Lichte seiner Dar¬
stellung sehen wir Juden in Wien, die als
Juden Wiens bezeichnet werden dürfen in dem
zweifachen Sinne, daß ohne sie das Wien, wie es im
Laufe der Jahrhunderte sich gestaltet hat. nicht gut
denkbar wäre, sie selbst aber ebenso auf anderem
als auf Wiener Boden mit ihren Vorzügen wie mit
ihren Fehlern unverständlich blieben. Tietze zeigt
uns, was Wiener Juden zur Verbindung mit dem
deutschen Nationalismus und links gerichteten po¬
litischen und sozialen Strömungen geführt und wie
sie sich dann auf ihre religiöse und stammesmäßige
Eigenart besonnen haben. Und dies zuerst und vor
allem unter dem Einfluß der machtvollen Persön¬
lichkeit, der gerade jetzt, ein Jahrzehnt nach ihrem
Hinscheiden, kein ehrenderes Denkmal gesetzt wer¬
den konnte als das Schlußkapitel dieses Buches:
Dr. Josef Bloch. Was Tietze über ihn, wie Herzl,
ihre Anhänger und Gegner, und was er über die
restlose Verschmelzung von Judentum und Wie-
nertum sagt, gehört mit zum besten und stilistisch
glänzendsten des Buches.
Die Urteile fernerstehender Kritiker des Juden¬
tums erscheinen uns wie die eines Theaterpublikums.
Das Gejohle aus den höchsten Rängen kann über
den Wert oder Unwert der Aufführung nicht als ent¬
scheidend gelten. Nur was der unbefangene Urteils¬
fähige, der offenen Auges und guten Willens zu¬
schaut, unbekümmert um das, was um ihn und etwa
hinter den Kulissen vorgeht, über die, die auf der
Bühne stehen, sagt, ist wert, gehört zu werden.
Wie sich das Wiener Judentum dem Urteil des
unbeteiligten Fremden darstellt, das sagt uns
Tietzes Buch. — d—