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DIE WAHRHEIT
Antisemitische Gleichschaltung.
Die famosen „Protokolle der Weisen
von Zion" wurden kürzlich vor dem Berner Ge¬
richtshof durch ein überzeugend argumentiertes
Sachverständigengutachten als gewissenlose Fäl¬
schung und abscheuliche Schundliteratur gebrand-
rnarkt, aber das hat die Hitler-Regierung nicht da¬
von abgehalten, das so gekennzeichnete Pamphlet
als — Schullektüre einzuführen, es verhindert nicht,
daß in Oesterreich jetzt die von dem steirischen
Pfarrer Gaston Ritter veranstaltete Ausgabe
der „Protokolle" (in der „Wahrheit" nach dem Er¬
scheinen dieses Verleumdungswerkes eingehend
besprochen) in katholisch-pädagogischen Zeitschrif¬
ten als passendes — Weihnachtsgeschäft empfohlen
wird.
Es fehlt auch sonst nicht an Beweisen, daß es
den Antisemiten aller Couleurs nicht- darum zu
tun ist, die Wahrheit aufzuspüren, sondern daß sie
wder besseres Wissen den Judenhaß zu verbreiten
beflissen sind. Am eklatantesten erhellt dies in den
deutschen Gebieten der Schweiz. In Bern wurden
die geistigen Fundamente des Nationalsozialismus
als Lug und Trug entlarvt, in Zürich dokumentie¬
ren die Hakenkreuzler, wie wenig Bedeutung sie
der Wahrheit beimessen. Allabendlich produzieren
sich am Seeufer antisemitische Sprechchöre; in
den Straßen, durch die einst Gottfried Keller be¬
schaulich wandelte, ertönt jetzt allnächtlich das
„Juda verrecke!" Nur dem planmäßigen Vorgehen
der Polizei ist es zu verdanken, daß bisher
schwerere Ausschreitungen vermieden wurden.
Der Israelitische Gemeindebund hat folgende
charakteristische Kundgebung in allen Züricher
Tageszeitungen verlautbart:
„Da wir es ablehnen, uns mit Sprechchören
auf der Straße mit dem Volksbund, der Heimatwehr,
der front, den Nationalsozialistischen Eidgenossen
und allen übrigen sogenannten Erneuerungsbewe¬
gungen zu messen, und es ferner ablehnen, den
Kampf gegen diese Verleumder, gewissenlosen Auf¬
wiegler und Feinde der Demokratie mit dem Schlag¬
ring, der Stahlrute, der Gaspistole und Tränengas¬
bombe zu führen, wenden wir uns an die zürche¬
rische Oeffentlichkeit und legen Verwahrung ein ge-
gegen den aus dem Dritten Reich seitens der soge¬
nannten Erneuerer übernommenen Kampfruf des
„Juda verrecke!", wie er in schädlichster Weise mit¬
ten in unserer Stadt dieser Tage erneut erhoben
wurde. Wir sind uns dabei bewußt, daß wir die
Elemente, die einen sogenannten politischen Kampf
auf diese unschweizerische, undemokratische und
vor allem ungeistige Weise fuhren, nie und durch
nichts eines Besseren belehren werden. Jedoch ge¬
ben wir der festen Ueberzeugung Ausdruck, daß das
Zürcher Volk auf Grund alterprobter politischer Er¬
fahrung diese Methoden, die morgen zum Unter¬
gang der Rechte des souveränen Volkes führen
würden, verurteilt, daß es daher unentwegt fest¬
hält an der Gleichberechtigung aller Bürger, welcher
Konfession oder Rasse sie auch immer angehören
mögen, und daß es daher seine Behörden unter¬
stützt in dem Bestreben, solche Kampfmethoden ra¬
dikal auszurotten."
Die Ursache der Züricher Dauer-Skandale ist
nebst der natürlichen Radaulust, die den Haken¬
kreuzlern angeboren ist, der von der reichsdeut-
schen Parteileitung "erteilte Auftrag, den in der
Schweiz weilenden deutschen Emigranten — das
Geschäft zu stören. Im Züricher Schauspielhaus
wird das Emigrantenstück „Professor Mannheim"
aufgeführt und im Kursalon spielt ein Kabarett, dem
unter Leitung von Erika Mann etliche arische und
nichtarische Künstler aus Deutschland angehören.
Denen zu Ehren erschallen jetzt allabendlich aus
rauhen Schweizerkehlen — traute Klänge aus der
deutschen Heimat . . .
Aber auch die in die T s c h e c h o s 1 o w a k e i
geflüchteten Juden aus Deutschland durften sich in
den letzten Tagen in Prag „wie zu Hause" fühlen.
Dafür sorgte aber nicht etwa eine Solidaritäts¬
kundgebung von Sudetendeutschen mit Hitler-
deutschland, sondern ini Gegenteil chauvinistische
tschechische Studenten benützten die gewaltsam —
offenbar aus Mangel an anderen Sorgen — aufs
Tapet gebrachte Prestigefrage der Universitäts-
insignien, die bisher im Besitze der deutschen
Universität gewesen waren, um Deutsche und —
Juden zu verprügeln. Dafür revanchierten sich die
in Wien aus dem gleichen Anlasse demonstrieren¬
den studentischen Organisationen mit Attacken
gegen die Juden, obwohl die Empörung über die
Prager Maßnahmen eine interkonfessionelle ist.
In einem so allgemeinen Krieg gegen die Juden
darf Hitler-Deutschland natürlich nicht feh¬
len. Ueber die sadistische Grausamkeit, mit denen
die braunen Stützen des Dritten Reiches diesen
permanenten Krieg führen, erschien soeben ein
neues, erschütterndes Zeugnis: Der Prediger und
Lehrer der jüdischen Gemeinde Rathenow bei Ber¬
lin erzählt darin unter dem Titel „Juda verrecke!
Ein Rabbiner im Konzentrations¬
lager" (Druck- und Verlagsanstalt Teplitz^
Schönau) seine ^persönlichen haarsträubenden Er¬
lebnisse im Konzentrationslager Oranienburg.
Das größte Befremden auf der ganzen Welt
muß aber die paradoxe Tatsache hervorrufen, daß
auch Oesterreich, das offiziell in energischer
Opposition gegen den Hitlergeist steht, gleichfalls
in der Hitlerfront gegen das Judentum vertreten
erscheint. Hier ist es vor allem der längst be¬
kannte Dr. Jerzabek, der in seinem „Antise¬
mit e n b u n d" einen Kader für alle jene, die sich
nach dem 25. Juli in die dunkelsten Schlupfwinkel
verkrochen hatten, bereithält und jetzt eine eifrige
Versammlungstätigkeit entfaltet. Aber viel trau¬
riger als dieses geistig kleinkalibrige Infanteriefeuer
ist der seelische Bakterienkrieg seitens anti¬
semitisch verseuchter Verlage. Besonders der
Gräzer „Styria"-Verlag spielt in diesem
Krieg die große Kanone. Er brachte im Vorjahr die
vom Pfarrer Gaston Ritter unter dem Titel „Das
Judentum und die Schatten des Antichrist" redi¬
gierten „Protokolle der Weisen von Zion" heraus
und druckte jetzt ein Buch, in dem der Verfasser
Christian Loge die im Titel gestellte Frage
„Gibt es jüdische Ritualmorde?" be¬
jahend beantwortet. Da der genannte Verlag, wie
schon erwähnt, für die Rittersche „Protokoll"-
Bearbeitung trotz der vernichtenden Ergebnisse
der Berner Gerichtsverhandlung gegen die „Pro¬
tokolle" weiter Reklame macht, darf man sich nicht
darüber wundern, daß er sich auch um den schon
etliche Jahrzehnte zurückliegenden siegreichen
Prozeß Dr. Blochs gegen den Talmudfälscher und
Ritualmordbejaher Rohling nicht kümmert. Schon
durch diese Tatsache ist das sittliche Niveau der
ebenfalls mit großer Reklame aufgezogenen
Neuerscheinung gekennzeichnet, die aus der ein¬
mütigen Abwehr der Juden gegen diese ihren
Glauben diffamierende unsinnige Beschuldigung
nur einen neuerlichen — Schuldbeweis der Juden
ableitet.
Es wäre bloß Raum- und Energieverschwen¬
dung, sich mit den Anschuldigungen und „Bewei¬
sen" des Herrn Loge auseinanderzusetzen. Was
gegen die Ritualmord-Verleumdung zu sagen ist,
das steht in unzähligen Rabbiner-Gutachten, in
päpstlichen Bullen und den Edikten ein¬
facher christlicher Geschworener aus den Prozes¬
sen von Tisza-Eszler und gegen Mendel Beilis. Für
Herrn Loge sind allerdings die in diesen Prozessen
freigesprochenen Angeklagten trotz des
Geschworenen-Edikts nur überführte Ritualmörder.
Wozu einem solchen Argumentator die Ehre an¬
tun, gegen ihn zu polemisieren? Nur eine Behaup¬
tung Loges sei hier herausgegriffen, weil sie die
tiefere Absicht seines Buches verrät. Der Mann
erdreistet sich nämlich, gegen den jüngst von der
österreichischen Regierung in den Kulturrat beru¬
fenen Hofrat Dr. Frankfurter den Verdacht
auszusprechen, er habe sein Amt als Beamter der
Wiener Universitäts-Bibliothek dazu mißbraucht,
alle auf den Mißbrauch fremden Blutes bezugneh-
Glauben und Wissen.
Aus. einem Vortrag über Maimonides.
Von Dr. Max Grunwald.
(Fortsetzung.)
Maimonides wurde am 14. Nissan (gleich
30. März) 1135. nach 1 Uhr mittags, zu Cor-
dova geboren. Sein Vater war, ebenso wie seine
Ahnen in acht Geschlechtern aufwärts, talmudisch
gelehrtes Mitglied des Rabbinates von Cordova.
Bei seinem Vater lernte der iunge Mose die jü¬
dischen Wissenfächer sowie Mathematik und Astro¬
nomie. Mohammedanische Lehrer führten ihn in die
Naturwissenschaften, die Arzneikunde und die Phi-
Josophie ein.
Im Jahre 1148 wurde Cordova von den fanatischen
Almohaden erobert und. wie so viele andere, mußte
auch Maimonides' Familie auswandern. 1159 oder
-1160 finden wir den Vater, die beiden Söhne Mose
flind David sowie eine Tochter in Nordafrika, in Fez.
Mose hatte mit 23 Jahren für einen guten Freund
eine kleine Schrift über den jüdischen Kalender in
hebräischer Sprache verfaßt („Cheschbon ha- Ibbur")
und arbeitete seitdem an einem Kommentar zur
Mischnah. Mitten unter den persönlichen Gefahren, die
über ihm und den Häuptern seiner Lieben schwebten,
bedrückte sein Herz vor allem eine große Gefahr, der
das Judentum ausgesetzt war. Vielfache Erfahrun¬
gen prägten ihm die Ueberzeugung ein, daß alle Ver¬
folgungen nicht soviel Unheil anrichten können, als der
allgemeine Mangel an Kenntnis des Lehrinhaltes des
Judentums. Diesem Uebelstande abzuhelfen, betrachtete
er schon während dieser Lehr- und Wanderiahre als
seines Lebens Ziel und Zweck. Trotz all des bitteren
Ungemachs, das er um seines Glaubens willen auf sich
genommen, schwebte dem Jüngling die edle Aufgabe
vor, die Wahrheit dieses geschmähten Glaubens so
leuchtend und über jeden Zweifel erhaben festzustellen,
daß er die Hochachtung auch der Anhänger anderer
Religionen und der Philosophen gewinnen müßte.
Auch in Fez in der Ausübung ihres Glaubens be¬
hindert suchte die Familie in Palästina Zuflucht. Im
April 1165 bestiegen sie das Schiff. Nach sechstägiger
Fahrt erhob sich ein furchtbarer Sturm: erst nach
einem Monat lief das Schiff in den Hafen von Akko ein.
Nach einem halben Jahre etwa reiste Maimonides
mit den Seinen nach Jerusalem, um an den heiligen
Stätten zu beten. Nach dreitägigem Aufenthalt in
der heiligen Stadt wandten sich die 'Reisenden nach
Hebron. Dort betete Mose einen ganzen Tag an
der Höhle Machpela, dem Erbbegräbnis der Patriarchen.
Von Hebron ging es nach Aegypten; einige Tage nach
der Ankunft starb der Vater.
Mose und sein Bruder' David betrieben gemeinsam
einen Juwelenhandel, doch so, daß David der eigentliche
Geschäftsführer war, während Mose sich dem Studium
widmete. Auf einer Geschäftsreise ging David im Indi¬
schen Ozean unter und mit ihm das Vermögen beider
Brüder. Mose begann nunmehr die Heilkunde auszuüben.
Im Jahre 1168 vollendete er sein erstes Meister¬
werk, den Mischnahkommentar. Dieser Kom¬
mentar hatte die Bestimmung, den gesamten Stoff der
Ueberlieferung unabhängig vom Talmud zu populari¬
sieren und das Verständnis für die Tradition in den
weitesten Volkskreisen zu verbreiten. Jeder Mann im
Volke, und ging ihm auch die Kenntnis des Talmud
völlig ab, sollte imstande sein, einen Abschnitt der
Misohnah mit voller Klarheit zu erfassen. Darum
schrieb auch Maimonides seinen Kommentar in der zu
jener Zeit in den weitesten Ländergebieten herrschen¬
den arabischen Sprache. Er behandelt den reichen
Lehrstoff der Mischnah dem Wesen nach in der Be¬
leuchtung, die er im Talmud findet, der Form nach
dem in der Schule des Aristoteles erworbenen
wissenschaftlichen Verfahren. Diese Methode, überall
die Grundsätze und Prinzipien anzugeben, das Allge¬
meine aus dem Besonderen herauszuheben, führte Mai¬
monides darum auch zur Aufstellung von allgemeinen
Prinzipien des Judentums, zur Abfassung von Glau¬
bensartikeln, den bekannten dreizehn „I k k a r i m". die
dem jüdischen Gebetbuch einverleibt wurden.
Dieser Versuch) wurde in weiten Kreisen mit
großem Mißvergnügen aufgenommen. Es schien vielen,
als wollte Maimonides damit das verpflichtende
Wesen* des Judentums auf diese 13 Artikel reduzieren,
alles übrige aber^für unwesentlich erklären. In einer
solchen Unterscheidung erblickte man aber eine ernste
Gefahr für das Judentum. Im Judentum sei alles gleich
wesentlich, die scheinbar geringfügigste Satzung ebenso
bedeutsam -wie die- erhabenste Glaubens- und Sitten¬
lehre. Jedes einzelne Gebot und jedes Verbot habe für
den offenbarungsgläubigen Juden dasselbe Gewicht wie
der Glaube an Gott Auch von einem anderen, mehr
rationellen Standpunkt aUs wurden die 13 Glaubensar¬
tikel bekämpft Indes macht es den Eindruck, als hätte
Maimonides selbst dieser seiner Dogmenfixierung
keinen entscheidenden Wer,t beigelegt. In seinem reli-
gidnsphUosophischeh Werke „More nebuchim" wird
dieses Thema gar nicht berührt, und selbst in seinem
„Mischne Thora" geschieht es in so wenig systemati¬
scher Weise, daß J e d a j a h P e n i n i im letzten Ab¬
schnitt seines Werkes „Beschinath Olam" 35 dogma¬
tische Lehrsätze aneinanderreiht, deren maimonidischer
Ursprung nachgewiesen ist. Maimonides verfolgte eben
nur einen bestimmten Zweck mit Rücksicht auf die Er¬
fordernisse seiner Zeit. Die überlieferten Anschauungen
vom Judentum hatten in seiner Zeit und in seiner näch¬
sten Umgebung von innen und außen her mancherlei
Anfechtungen erfahren. Bei seinem Drange, in das trei¬
bende Rad der Entwicklung richtunggebend einzugrei¬
fen, bemühte sich nun Maimonides. den Glaubensstand
zu fixieren, um den erhobenen Widersprüchen gegenüber
festzustellen, was für die- Zugehörigkeit zur jüdischen
Glaubensgemeinschaft wesentlich sei oder nicht. So
unterliegt es keinem Zweifel, daß in jenen 13 Glau¬
bensartikeln der Satz, daß Moses der größte der Pro¬
pheten sei, sich gegen den Islam wendet, der Moham¬
med den größten aller Propheten nennt, und daß der
Artikel, das Gesetz der Thora sei unwiderruflich, sich
gegen das Christentum kehrt das bekanntlich den neuen
Bund dem alten gegenüberstellt. Die Frage der Dog¬
menfixierung hat im Laufe der Jahrhunderte eine an¬
sehnliche Literatur gezeitigt. Die Tatsache, daß darüber
ernstlich gestritten werden konnte, zeigt zur Genüge,
daß dem Judentum Dogmen im kirchlichen Sinne fremd
sein müssen. .
Es hat auch nie eine besondere Vorliebe für ein
scharfumrissenes Glaubensbekenntnis gezeigt. Die Glau¬
benssätze des Maimonides haben wohl im Laufe der
Zeit in Prosa und poetischer Form ihren Platz in , der
Liturgie; aber nirgends und niemals bildeten sie:'die
Grundlage des Religionsunterrichtes, nirgends und nie¬
mals haben sie sich zu dem ausgestaltet, was man in
anderen Kreisen Katechismus nennt
Ein Bekenntnis wurde dem noch lallenden Kinde
eingeprägt; kurz, anschaulich in die Sinne dringend:
„Höre Israel, der ewige, unser Gott ist ein einziger
Gott" Darüber hinaus drang nicht begrifflich, sondern
anschaulich der Inhalt des Judentums in die kindliche
Seele. Seit 1175 galt Maimonides als entscheidende rab-
binische Autorität, von allen Seiten werden an ihn ri¬
tuelle Anfragen gerichtet und bis in die entlegensten
Länder sendet er seinen Glaubensbrüdern Belehrung
und Trost in Not und Verfolgung. Im Jahre 177? wurde
Maimonides Mitglied des Rabbinates von Kahira und
bald darauf das geistliche Oberhaupt (Her Juden Aegyp-