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DIE WAHRHEIX
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Die S i n d a ber leider zumeist nicht mehr am Leben.
Die Redaktion der „Laubhütte", die orthodoxen
Gruppen nahe steht, sowie einen Bekannten, der
zur Orthodoxie Ungarns und Siebenbürgens Be¬
ziehungen unterhält, bat ich, mir mit den Rabbo-
nim des Ostens Verbindungen anzubahnen. Zu¬
nächst hoffte ich aber, durch den „Israelit", in dem
wiederholt Beiträge von mir und über mich er¬
schienen waren, in dieser Richtung gefördert zu
"werden.
Die Redaktion antwortete jedoch, es wider¬
spreche ihren Gepflogenheiten, Artikel abzu¬
drucken, die bereits anderwärts erschienen sind.
Da in meinem Briefe von einem solchen Abdruck
nicht die Rede war, bedeutete diese Antwort eine
Ablehnung.
Als ich nun im „Israelit" in ungewöhnlicher
Form gerade darum angegriffen wurde, weil ich
mich nicht an die Thoragrößen des Ostens ge¬
wandt und die Ernennung des einstigen Synhe-
<Irion vorgeschlagen hätte, konnte ich unter Hin-
i weis auf den hier bekanntgegebenen Tatbestand
die gegen meine Anregung ins Treffen geführten
Argumente entkräften. Ich wandte mich an den
<3erechtigkeitssinn der Schriftleitung mit dem Er¬
suchen, meine streng sachlich gehaltene Erwide¬
rung zu veröffentlichen.
Sie antwortete aber, der Verfasser des Ar-
• -tikels habe mich mit einem anderen Rabbiner ver¬
wechselt. In der Sache müsse sie aber bei ihrem
ablehnenden Standpunkte beharren. Ein solches
„Zentralrabbinat werde natürlich zuerst die jüdi¬
sche Ehegesetzgebung revidieren, die zweiten
Feiertage abschaffen, etc. etc." Sie lehne den Ab¬
druck meines Briefes ab. Diesen Brief sah einer
meiner Badener Bekannten, der mir den Artikel
-der „Jüdischen Presse" brachte. Er hat darüber an
die „Jüdische Presse" und an das von ihr erwähnte
ungarische Organ berichtet.
Um der Sache willen muß ich dieses Vorgehen
bedauern. Ich selbst war zugegen, als 1918 auf der
Palästina-Konferenz, die Talaat Pascha nach Kon¬
stantinopel einberufen hatte, Vertreter der Agudah,
unter ihnen der Herausgeber des „Israelit" mit De¬
legierten anderer jüdischer Oruppen über den
geistigen Aufbau Palästinas auf religiöser Grund¬
lage verhandelten. Sollten seitdem die äußeren und
inneren Verhältnisse für uns Juden sich so viel gün¬
stiger gestaltet haben, daß die Agudah ein solches
"friedfertiges Verbandeln mit anderen Lagern jetzt
nicht für angezeigt hielte? Und dies in einem Falle,
in dem ihr in allen halachischen Fragen der unbe¬
dingte Primat sichergestellt wird? Erst kürzlich
habe ich wieder einen zustimmenden Brief des
Herrn Oberrabbiner Dr. Markus, Istanbul, in
diesem Sinne beantwortet.
Es ist eine historisch bedeutsame Zeit, in der
wir leben, eine Zeit, in der wir Juden jüdische Ge-
I schichte nicht nur durch Lektüre und Fest- und
I Fasttage uns verlebendigen lassen, sondern grau-
I sam hart selbst erleben müssen. Und gekommen
I. ist, wir fühlen es, ein geschichtlicher Moment zur
Einigung unserer Judenheit, wie er bisher kaum ie
gegeben war und, wird er jetzt versäumt, vielleicht
niemals wiederkehrt!
Max Liebermann ernstlich erkrankt
Professor Max Liebermann, der große
jüdische Maler, früher langjähriger Präsident der
Preußischen Akademie der Künste, dem man aber
zuletzt als Juden die Ausübung seines
Berufes untersagt hat, ist ernstlich
e r k r a n k t. Er ist 87 Jahre alt.
Professor Scheftelowitz gestorben.
Am 19. Dezember fand in London die Beerdigung
des im 60. Lebensjahr verstorbenen Honorarprofessors
für indo-iranische Philologie an der Universität Oxford,
Dr. Isidor Scheftelowitz. statt Der Verstorbene
hatte sich frühzeitig als Gelehrter in jüdischen und nicht¬
jüdischen Kreisen einen großen Ruf erworben. Im Jahre
1908 ging er als Religionslehrer an die Synagogen-
x gemeinde in Köln, nachdem er eine Berufung an die
IUniversität Königsberg abgelehnt hatte, weil sie an die
Bedingung seines Austritts aus dem Judentum geknüpft
war. Bald darauf wurde er zum Rabbiner der konser¬
vativen Synagoge in Köln—Ehrenfeld gewählt An der
Universität Bonn hielt er wiederholt Gastvorlesungen. Im
Frühjahr 1919 wurde er als Honorarpro.fessor auf den Lehr¬
stuhl für indo-iranische Philologie und Sanskrit an die
Universität Köln berufen. Seine Hochschullehrer¬
tätigkeit nahm ihn schließlich zu stark in Anspruch, daß
er sich seit 1926 ausschließlich seinen wissenschaftlichen
Studien widmete. Im Sommer 1933 erhielt er einen Rur
an die Universität Oxford.
Außer durch seine fachwissenschaftlichen Ver¬
öffentlichungen ist Prof. Scheftelowitz besonders durch
eine Untersuchung „Arisches im Alten Testament" und
Jine Streitschrift über den Begriff des Glaubensdogmas
in der jüdischen Religion sowie durch seine Mitarbeit
an der „Jüdischen Enzyklopädie" in weiten Kreisen
bekannt geworden. Im Jahre 1920 erschien sein Buch
„Die altpersische Religion und das Judentum", 1925
sein Werk „Der altpalästinensische Bauernglaube".
Eine ökonomische Zentralkommission.
Vom Comite' des Delegation Juives und des Jü¬
dischen Weltkongreß wird der JTA mitgeteilt:
Die Wirtschaftstendenzen des modernen Staates,
das Ueberhandnehmen der vom Staate dirigierten Wirt¬
schaft und die Bildung von Ständen haben bewirkt daß
in Ost- und Zentraleuropa auch die sichersten po¬
litischen Rechte der Juden oft zu einer in¬
haltlosen Formel degradiert werden, wenn sie
nicht eine Politik der sorgfältigenWahrung
der Wirtschaftsinteressen begleitet
Anderseits hat die schwere Not der Juden in
Mittel- und Osteuropa bei gleichzeitigem Mangel einer
einheitlichen zielbewußten Wirtschaftsaktion in der
letzten Zeit vielfach zur Entstehung von neuen Gesell¬
schaften geführt die von den besten Wünschen beseelt
oft undurchführbare Rettungspläne in Um¬
lauf setzen, wodurch die ohnehin bedauerliche Zersplitte¬
rung der jüdischen Gesellschaftstätigkeit noch gesteigert
und der Weg zur Bildung der von allen Einsichtigen er¬
strebten Einheitsorganisation versperrt
wird.
Mit Rücksicht darauf und in Uebereinstimmung mit
den in den jüngsten Beratungen in Osteuropa vielfach
geäußerten Wünschen hat das „Comite des Delegations
Juives et Comite Executiv pour le Congres Juif Mon-
dial" beschlossen, unverzüglich eine aus sachverstän¬
digen Wissenschaftlern und Praktikern bestehende Oeko-
nomische Zentralkommission einzusetzen.
Die Kommission wird die folgenden Aufgaben
haben:
1. die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse
der Juden in Zusammenhang mit den Wirtschaftsstruk¬
turwandlungen der betreffenden Länder zu verfolgen,
das gesammelte Material in objektiver Form der Welt¬
öffentlichkeit zu unterbreiten und auf diese Weise die,
absichtlich verschleierte, Entziehung der Existenzmög¬
lichkeit der jüdischen Bevölkerung sichtbar werden zu
lassen;
2. den Entwurf eines Wirtschaftsprogramms vorzu¬
bereiten, der dem einzuberufenden Jüdischen Weltkon¬
greß zur Annahme empfohlen werden könnte.
Die Zusammensetzung der Oekonomischen Zentral¬
kommission in Paris, ebenso wie die des in Aussicht ge¬
nommenen Wirtschaftsrates in Warschau wird dem¬
nächst bekanntgegeben werden.
Palästina-Nachrichten,
Wie aus Aden telegraphiert wird, ist ein Jude
bei dem Versuch, die GrenrS-von Jemen zwecks
Auswanderung nach Palästina zu über¬
schreiten, von der Grenzwache er-
schössen worden.
»
Ins Gefängnis von Akko wurden 120 ille¬
gal nach Palästina eingewanderte Juden
eingeliefert, von denen 90 zu Gefängnis¬
strafen in verschiedener Höhe, 12 von ihnen
zu einem Jahr Gefängnis, alle mit nachfolgender
Landesverweisung, verurteilt wurden. 30 Ge¬
fangene sollen noch abgeurteilt werden.
*
Die Palästinaregierung hat 150 E i n-
wanderungs-Zertifikate für Araber aus
Aegypten und Syrien zur Verfügung gestellt, die
im Hafen von Haifa als Träger und Packer verwendet
werden sollen. Es ist dies der erste Fall in der Ge¬
schichte der Mandatsverwaltung Palästinas, daß aus¬
ländischen arabischen Arbeitern Ein¬
wanderungs-Zertifikate gegeben werden.
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Jüdische Arbeiter, die an einem von nicht¬
jüdischen Unternehmern aufgeführten Neubau beschäftigt
waren, sind durch arabische Posten gezwun¬
gen worden, ihre Arbeitsstätte zu verlasseji,
Die arabischen Arbeiter standen unter der Fahruns
Farchi Nashashibis, eines Vetters des letzten Jerusa¬
lemer Bürgermeisters, der vor kurzem einen national'»
arabischen Arbeiterverband begründet hat. Der Fall hat
da er der erste seiner Art in Palästina ist all¬
gemein großes Aufsehen erregt
*
In einer Pressekonferenz in Jerusalem machten die
Mitglieder der Palästina-Executive der Jewish Agency
Dr. Arthur Ruppin und Dr. Werner Senator Mitteilungen
Uber die Palästina-Einwanderung deut¬
scher Juden in den beiden letzten Jahren. Es sind in
dieser Zeit 15.042 Juden aus Deutschland nach Palästina
gekommen, was 24 Prozent der gesamten jüdischen Pa¬
lästina-Einwanderung dieser Periode ausmacht. Durch
die Kinder- und Jugend-Aliah wurden 600 Jugendliche
nach Palästina gebracht weitere 152 Kinder sollen binnen
kurzem folgen. Für das nächste Jahr hat die Palästina¬
regierung 350 Zertifikate für Kinder bewilligt Kolonisiert
wurden 300 jüdische Familien aus Deutschland, davon
60 bis 70 Familien ehemaliger Anwälte und Aerzte. Die
deutsche Immigration hat zehn Millionen Pfund Sterling
nach Palästina gebracht Z. T. A.
Sememdedktonifa
Tempeljubiläum.
Ein schlichte, aber eindrucksvolle Feier war es. die
am Freitag, den 7. Dezember, ein stattliche Zahl von
Bewohnern der Bezirke Mariahilf und Neubau, sowie
zahlreiche Gäste und Ehrengäste anläßlich der Voll¬
endung des 50. Bestandjahres des Schmalzhoftempels in
diesem Gotteshause versammelte.
Nach dem vom Kantor Glück in feierlicher
Weise verrichteten Minchagebet entzündete Oberkantor
L e w i n die Chanukalichter und hielt sodann den Abend¬
gottesdienst in besonders vorzüglicher Weise mit dem
sein Bestes bietenden Tempelchor ab. Durch die feier¬
lichen Klänge eines „Hallelujah" von Löwenstamm
wurde die eigentliche Feier eingeleitet. Präsident Dr.
Jakob Engel dankte zunächst dem Allmächtigen, daß
der Tempelverein diesen Freudentag erleben konnte. In
ergreifdenen Worten schilderte er die im Gotteshause
sich vollziehenden Begebenheiten. Sodann hieß er die
erschienenen Vertreter der Tempelvereine und alle
Festgäste herzlichst willkommen und flehte Gottes
Segen für ein weiteres Gedeihen des frommen Werkes
und dessen dauernden Bestand herab.
Hernach hielt Rabbiner Prof. Dr. I. Dro-
binsky eine inhaltlich wie formell meisterhafte Fest¬
predigt. Er begann mit einem Hinweis auf die ersten
Anfänge eines Gemeindegottesdienstes, der sich durch
den Zusammenschluß namentlich aus Böhmen und Mäh¬
ren eingewanderter Juden von Mariahilf und Neubau in
den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorigen Jahr¬
hunderts ergab. Die gemieteten Betlokale erwiesen sieb
aber immer wieder als zu klein, so daß man Ende der
Siebzigerjahre an den Bau eines eigenen Tempel*
gebäudes dachte, der dann durch den Präsidenten des
Tempelvereines. Baurat Arch. Max Fleischer in
meisterhafter Weise ausgeführt wurde. Der Grundstein
wurde anläßlich der Vermählung des Kronprinzen Rudolf
im Jahre 1881 gelegt, die Einweihung erfolgte 1884.
Die durch die Vollendung des Tempelbaues geför¬
derte Entfaltung des Gemeindelebens fand auch in der
Unterstützung der Bestrebungen jüdischer Wohltätig¬
keit ihren Ausdruck, hidem der Tempelverein humani¬
täre Institutionen in seinen steten Schutz nahm, wie
insbesondere den Israelitischen Frauen-Wohltätigkeits-
verein für Mariahilf und Neubau, der seit Jahrzehnten,
besonders aber unter der Leitung der derzeitigen Präsi¬
dentin Ida Wolf Hervorragendes auf charitativem Ge¬
biete leistet
Schon vor der Erbauung des Tempels war der
Gottesdienst in Mariahilf vorbildlich, er war der dritte
in Wien, der mit modernem Chor abgehalten wurde
Diese Einrichtung gestaltete der Tempelvorstand dann
im eigenen Gotteshause hochmusikalisch aus. indem er
als Oberkantor den unübertrefflichen Tenor Simon
Dünnmann berief, welcher durch seine künstle¬
rischen Leistungen viel zur Berühmtheit des Tempels
beitrug. Wertvollste Mitarbeit fand er an dem noch heute
ausgezeichnet wirkenden, auf eine mehr als 40iährige
Tätigkeit zurückblickenden Chordirigente.i Gustav
E r b e r und Organisten Schulrat Josef Herz. Auch
durch die erstmalig in Wien erfolgte Einführung der
Freitag-Abendpredigten erwarb sich der Tempelvorstand
bleibendes Verdienst um die Entwicklung des Gottes¬
dienstes.
Rabbiner Dr. Drobinsky würdigte ferner die
mehr als 20jährige Tätigkeit seines Amtsvorgängers
Dr. I. T a g 1 i c h t, des gegenwärtigen Oberrabbiners
am Leopoldstädter Tempel, sowie die des verstorbenen
Veremssekretärs Heinrich Bondy. des Verfassers der
„Geschichte des Maria hilfer Tempelvereines".
Dank der Opferwilligkeit der Vereinsmitglieder und
der umsichtigen Führung durch den Vorstand hat sieb
der Verein in der schweren Nachkriegszeit erhalten.
Besonderer Dank und Bewunderung gebührt dem Prä¬
sidenten Dr. Jakob Engel, der dem Vorstande seit
fast 50 .Jahren, hievon 28 Jahre als Präsident angehört
dessen Klugheit, Tatkraft Liebe und Begeisterung es
i.