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Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.91 8
53. Jahrgang_ Wien, 8. Jänner 1937 Nummer 1
Keine Plxrasen.
In einer Neujahrsrede hat sich Bundeskanzler
Dr. Schuschnigg gegen eine Politik bloßer
Phrasem gewendet. Was im Namen der autoritären
Regierung kundgetan wird, vor allem das, was in
der Verfassung steht, soll von der Bevölkerung für
bare Münze genommen werden und nicht für
leeres Gefasel, über das man sich ungestraft hin¬
wegsetzen darf. Im Sinne dieser Ausführungen er¬
folgten dann auch bereits einige behördliche Ma߬
nahmen: Eine Umbildung der steiermärkischen
Landesregierung mußte über Einschreiten Dok¬
tor Schuschniggs rückgängig gemacht werden,
weil sie der Bundesverfassung widersprach. Ein
Gasthaus in Höchst (Vorarlberg) wurde auf 14 Tage
gesperrt, weil die Wirtsleute aus politischer Ran¬
küne die Winterhilfsaktion der Regierung boy¬
kottiert hatten. Man weiß sofort 1 , auch ohne daß es
erst erklärt werden muß, was für eine Politik das
ist, die gegen eine Hilfsaktion für die Aermsten
in Erscheinung tritt: Ein solches Heldenstück ist
einzig und allein dem Hakenkreuzgefete zuzutrau¬
en. Das Hakenkreuz ist der böse Störenfried, auf
dessen Konto 98 von 100 Widersätzlichkeiten ge¬
gen die österreichische Verfassung und die Befrie¬
dung des Volkes zu buchen sind. Gegen das Haken¬
kreuz, es mag offen oder getarnt sein Unwesen
treiben, muß sich daher die Schärfe aller obrig¬
keitlicher Maßnahmen, die verhindern sollen, daß
die österreichische Verfassung bloß Phrase, bloß
toter Buchstabe bleibt, in erster Linie wenden.
In der österreichischen Verfassung ist auch die
konfessionelle Gleichberechtigung
aller Staatsbürger ausgesprochen. Leider gibt ge¬
rade dieser Punkt den häufigsten AnJaß zu der
Auffassung, daß es sich nur um eine leere Phrase
handle; ein Irrtum, der sich um so verhängnisvol¬
ler auswirkt, als er nicht bloß in regierten, sondern
sogar in regierenden Kreisen, d. h. bei Persön¬
lichkeiten, die irgend eine behördliche Funktion
ausüben, zu finden ist. Eine solche Persönlichkeit
ist beispielsweise Hofrat Dr. Hans Zwanzger in
semer Eigenschaft als Obmann der vom Unter¬
richtsministerium geschaffenen Vereinigung „Thea¬
ter der Jugend". Diese Institution besitzt kein eige¬
nes Theater, sondern nimmt die Gastfreundschaft
der Weltruf genießenden Wiener Bühnen in An¬
spruch und es gereicht den Leitern dieser berühm¬
ten Kunststätten zur höchsten Ehre, daß sie den
Ehrgeiz zeigten, ihren jugendlichen Gästen das
Beste vom Guten zu bieten, und sich daher bei der
Auswahl der Stücke und Darsteller einzig und
allein vom künstlerischen Maßstab leiten
ließen. Diese Ambition hat ihnen folgenden merk¬
würdigen Protest eingebracht:
„Vereinigung der Theater der Jugend. —
Wien, am 7. Dezember 1936. — Mitteilung: Der
Vorstand hat in seiner letzten Sitzung zu der
vielseitigen berechtigten Klage Stellung genom¬
men, daß wiederholt in der Besetzung einzelner
Aufführungen das natürliche Recht der boden¬
ständigen christlichen Künstlerschaft
auf eine entsprechende Mitwirkung bei den Dar¬
bietungen für die Jugend in aulfallender Weise
hintangesetzt wurde. Die Leitung des Theaters
der Jugend stellt fest, daS sie oft in letzter
Stunde von einer Besetzung überrascht wurde,
gegen die sie energischen Einspruch erheben
mußte. Nunmehr gestützt auf einen öffentlichen
Protest und auf die von ihr unternommenen
Schritte, gibt sie der Hoffnung Ausdruck, daß die
Theaterdirektionen in Hinkunft eine Heraus¬
forderung der genannten Art unbedingt ver¬
meiden werden. — Mit kollegialem Gruße für die
Vereinigung der Theater der Jugend Hofrat Dok¬
tor Hans Zwanzger."
Das „Theater der Jugend" bietet da das
groteske Schauspiel, daß die Auslese der Künstier
nach ihrer Befähigung und nicht nach ihrem Tauf¬
scheine als eine — Herausforderung gewertet wird.
Mehr als kühn ist es, diese Umwertung aller
künstlerischer Werte im Namen Wienerischer
Bodenständigkeit zu verfechten. Wer in
der Stadt, zu deren Weltruf als Theater- und
Kunststadt Schauspieler wie Sonnenthal, Weiße,
Palenberg und viele Nichtgetaufte rühmlichst bei¬
getragen haben, gegen das Auftreten jüdischer
Cafe Buchsbaum
11. Kleine Pfangasse 21 TeL A 43-5-19
Treffpunkt der guten jüdisdwn Gesellsdiaft
Vollständig neu renoviert
Bühnengrößen protestiert, der beweist damit nur
den Mangel seiner eigenen Bodenständigkeit ins der
Wiener Kunst. Es ist ja auch gar kein Geheimnis,
woher der Wind, der da als Sturm im Wasserglas
tobt, eigentlich weht. Seine Herkunft aus dem
Dritten Reiche, wo nicht die Muse, sondern die
arische Großmutter die künstlerische Weihe ver¬
leiht, ist unverkennbar.
Nun ist es bekanntlich gerade das Dritte
Reich, dem gegenüber unsere Regierung beharrlich
die kulturelle Eigenart Oesterreichs betont.
Man wird manche maßgebende Faktoren
darüber aufklären müssen, daß Eigenart
nicht durch Nachahmungssucht dokumentiert
wird und daß der bodenständigen. Kultur
Oesterreichs ein schlechter Dienst erwiesen wird,
wenn man sie ausgerechnet durch geistige Konter¬
bande aus Nazideutschland zu befruchten sucht.
Das geschieht aber ohne Zweifel, wenn man jüdi¬
sche, für die österreichische Kunstnote repräsenta¬
tive Schauspieler hungern läßt, den 70. Geburts¬
tag des jungverstorbenen Sängers der Wiener
Bodenständigkeit („Mein Liebchen wohnt am
Donaustrand" u. a.) Krakauer totschweigt,
jüdische Autoren von den Bühnen verbannt und
so in die groteske Zwangslage kommt, in der
klassischen Stadt bodenständigen „Humors", dem
Silvesterpublikum des Burgtheaters retchsdeut-
Oesterrelchlschcs
Qaalltäfs-ralNlkaf
Ueberau erhältlich
sehen Humorersatz vorsetzen zu müssen, um nur
ja dem Arierprinzip Rechnung zu tragen. Was
dabei herauskam, registrierte die „Reichspost" —
also kein „Judenblatt" — mit den dürren Worten:
„Eine größere Bereitschaft zum Lustigsein bringt
selten ein Publikum mit ins Theater als ein Silve-
sterpubfikum. Wenn ein solches Publikum ungnä¬
dig wird, dann muß es schon mit ausgesuchtem
Raffmemem gereizt werden . .." Und dieses Raffi¬
nement bleibt nicht aufs Theater beschränkt. Die
Gewerkschaft der österreichischen) Handelsange-
steUtemi, die zu einem großen Prozentsatz aus
Juden besteht und auch von einem Juden gegrün¬
det worden ist, von dem früheren Gehilfenobmann
Karl Pick, dessen jüngst anläßlich seines
70. Geburtstages im jetzigen Verbandsorgan über¬
aus ehrend gedacht worden ist, bescherte ihren
Mitgliedern als Weihnachtsgabe ein Buch — ein
an sich schöner Gedanke, die Hauptüberraschung
aber war, daß ausgerechnet ein im gleichgeschal¬
teten Berliner Ullsteinverlag erschienenes, vom
„Völkischen Beobachter" gelobtes Machwerk neu¬
deutscher Talenrlosigkeit zur Verteilung gelangte.
Unter solchen Umständen kann man es begrei¬
fen, daß gewisse österreichische Schriftsteller sich
bemühen, sich dem Wiener Publikum dadurch in
Erinnerung zu rufen, daß sie ihren größten positi¬
ven Vorzug, nämHch ihre arische Abstammung zur
Grundlage einer neuen Organisation machten,
eines „Bundes deutscher Schriftsteller Oester¬
reichs". 7war scheiterte ciie offizielle Aufnahme
des Arierparagraphen in die Statuten an dem
Widerspruch des Ministers Hammersfein-
Equord, aber die Mitglieder dürfen mit der
Wiener Intelligenz, die für solche Fälle unfreiwif-
Iigen Inkognitos das diskrete Verständnis: „Eh
schon wissen . . ." bereit hält, rechnen und hoffen,
daß man ihnen schließlich dieselbe Fähigkeit, leere
Häuser zu machen, zutrauen wird, wie den Kunst¬
exporteuren aus dem Dritten Reiche.
Dieser Export muß zwangsläufig am meisten
auf jenem Gebiet künstlerischer Produktion, das
auf den reichsdeutschen Markt angewiesen ist, in
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Inhaber: Dr. RICHA
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