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„Journal expedle par l'&Hteor"
Jüdische ü)ockenschrifr
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„Union österreichischer Juden"
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53. Jahrgang
Wien, 2. Juli 1937
Nummer 26
VOR EINEM JAHR STARB
STEFAN LUX.
Rasiere Didignl und billig
Nach dem fürchterlichen Erdbeben, dem ent¬
setzlichen, vernichtenden Erdrutsch, der 1933 über
Deutschland hereinbrach, entschloß sich Stefan
Lux, der, 1888 in Wien geboren, im Weltkrieg
trotz zweier schwerer Verletzungen als Offizier
in der vordersten Front gestanden war und später
als Schriftsteller in Berlin wirkte, zur Emigration
in die Tschechoslowakei, er nahm seinen Wohn¬
sitz in Prag, seine Möbel und Habseligkeiten blie¬
ben in Berlin, gepfändet vom Hauswirt. Er hatte
wahrlich keine herrlichen Zeiten in der deutschen
Republik verbracht, auch da hatte er schon Not
zu leiden und in Prag ging die Not weiter. Wie
sollte es einem Manne ohne eigene Mittel gut gehen,
der stolz ist und es nicht versteht, unterwürfige
Dankbarkeit zu heucheln und sein Fähnlein nach
jedem Winde zu drehen?
Unnötig zu schildern, mit welchen Schwierig¬
keiten der Emigrant Lux zu kämpfen hatte, man
sieht ja alle Tage das mühselige und, ach, gar zu
oft vergebliche Bemühen dieser Menschen, die
unschuldig ins Unglück geraten sind, wieder im
Hermatboden Wurzel zu schlagen. Lux dachte
immer in einem größeren Ausmaße, er war immer
mit Plänen beschäftigt, die nicht so sehr seiner
eigenen Not, wie der Not der menschlichen Ge¬
sellschaft und vor allem der der Juden galten. So
entstand in ihm der Gedanke, in Prag ein jüdisches
Theater zu gründen, das durch Stücke, die sich
mit den brennenden Problemen des Judentums,
mit seinem Kampfe, seinen Leiden, seinen Be¬
drückungen befassen sollten, das Gewissen der
Gesellschaft und das Selbstbewußtsein der Juden
wecken würde. Zur Gründung eines Theaters
* gehört aber Geld. Lux gab dazu sein Letztes. Er
wanderte und lief von einer jüdischen Persönlich¬
keit zur anderen, bedrängte die reichen jüdischen
Vereine. Er erreichte zwar damit, daß zwei oder
drei wertvolle Aufführungen der „Jüdischen Kam¬
merspiele in Prag" zustande kamen, aber damit
war auch das Theater und vor allem das Geld zu
Ende und Lux, der ehrliche Lux, gab seinen letzten
Heller hin, um die Schauspieler nur halbwegs zu
befriedigen.
So war wieder eine Hoffnung zunichte ge¬
worden, durch ein größeres Unternehmen der
Sache der allgemeinen Gerechtigkeit, der Sache
der Juden zu dienen. Inzwischen brach in Deutsch¬
land prasselnd und alles niederreißend ein uner¬
hörtes Unrecht immer weiter über die Juden
herein. Gleichzeitig rückte die Aufrüstung in einem
erschreckenden Tempo vorwärts, dazu kam der
abessinische Krieg, der zwangsläufig Italien in die
Arme Deutschlands trieb und die Stresafront
sprengte, es kam dte Rheinlandbesetzung durch
Hitler und das Fürchterlichste von allem: Es kam
das Versagen, des Völkerbundes, das unbegreifliche
Lavieren Englands. Hitler, der Erzfeind der Juden,
der böse Haaman, der dieses alte und große Volk
ausrotten wollte, schien seinen Wünschen infolge
. einer unbegreiflichen Verblendung der Staats¬
männer immer näher zu kommen. Ein ungeheures
Gefühl der Verzweiflung, der Angst um alles Gute
der Welt erfaßte Lux. Es durfte nicht möglich sein,
daß diese Gewalten die Oberhand bekommen, man
mußte die Welt aus ihrer Blindheit und Verblen¬
dung aufrüttein! Es war sicherlich nur eine mo¬
mentane Verwirrung der Staatsmänner, sie waren
sich des Ernstes der Lage nicht bewußt, sie ließen
sich durch die Doppelzüngigkeit der deutschen
Diplomaten täuschen. Wie sollte man diese Staats¬
männer davon überzeugen, was wirklich war? Wie
könnte man sie zwingen, einmal aus ihren falschen
Gedankengängen herauszutreten und jemand an¬
zuhören, der doch so genau sieht, worum es geht
und was gespielt wird? Und noch eins! Wie könnte
man nicht bloß die Staatsmänner, sondern die
Meinung der ganzen Welt aufrütteln? Wie könnte
man die ganze Welt zwingen, aus ihrer Trägheit
des Herzens hervorzubrechen und zu sehen, was
mit den Menschen dort in Deutschland geschieht,
mit diesen Juden, die wahrlich nie etwas gegen
Deutschland, sondern unendlich viel für Deutsch¬
land getan hatten: Im Felde für Deutschland ge¬
blutet, die ungeheuren deutschen Fabriken gegrün¬
det, errichtet und ausgebaut, die deutsche Schiff¬
fahrt, die deutsche Wissenschaft, die deutsche
Kunst, die deutsche Musik unendlich bereichert.
Wie könnte man diese Trägheit des Herzens mit
einem Schlage in Anteilnahme, in Empörung ver¬
wandeln? Das himmelschreiende Unrecht sichtbar
machen, das man einer Menschengruppe antut,
die man entehrt und fast zu Sklaven macht.
Und nicht zuletzt, wie könnte man den Juden
selbst Mut und Selbstvertrauen einflößen? Sinn
für ihren eigenen Wert und vor allem Sinn für die
Größe eines Ideals?
Langsam reifte in Lux ein bestimmter Plan.
Man mußte zur ganzen Welt sprechen und so
sprechen, daß man es in der ganzen Welt hörte.
Die einzige Tribüne für diesen Aufschrei, für die¬
sen Appell an die Gefühle der Gerechtigkeit, der
Menschlichkeit, konnte nur der Völkerbund sein.
So beschloß Lux, nach Genf zu reisen und sich
Eintritt in den Beratungssaal des Völkerbundes zu
verschaffen, um dann in einer der großen Sitzun¬
gen vorzutreten und vor den verblüfften Staats¬
männern eine flammende Rede der Warnung und
der Gewissensweckung zu halten. Es gelang ihm
tatsächlich, das nötige Reisegeld zusammenzu¬
kratzen, er verschaffte sich ein Empfehlungs¬
schreiben einer Prager Zeitung, das ihm den Ein¬
tritt in den Völkerbundpalast ermöglichen sollte.
So ausgerüstet, fuhr er vorerst nach Paris und
von dort nach Genf, gab sein Empfehlungsschrei¬
ben ab und betrat zum ersten Male den Völker¬
bundpalast. Eine entsetzliche, verzweiflungsvolle
Enttäuschung bemächtigte sich Lux'. Hier, vor
diesen kalten Rechnern (die überdies noch falsch
rechneten), vor dieser Versammlung.' in der man
„in Erwägung zieht", konnte eine Rede, wie er
sie im Sinne hatte, keine Wirkung ausüben. Er
hätte genau so gut in einer Versammlung von
Steinbildern sprechen können. Diese Männer, wenn
sie auch in ihrem Innersten sicherlich mitfühlen
und genau Recht .und Unrecht unterscheiden konn¬
ten, wurden zu Steinbildern, wenn sie in den Be-
ratungssaal traten.
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Nachdem Lux die Nutzlosigkeit eines münd¬
lichen Appells an den Völkerbund und über diesen
hinaus an die Welt eingesehen hatte, erkannte er,
daß es in dieser harthörigen Welt nur noch eine
einzige Möglichkeit gibt, die Menschen vielleicht
— vielleicht! — aufzurütteln. Man mußte alles in
die Waagschale werfen, was man hat. Und was
hatte Lux? Er hatte nur sein Leben. Vielleicht
gelingt es, wenn man das letzte hingibt, wenn man
den Menschen zeigt, wie unendlich ernst es einem
um die Aufklärung ist, vielleicht gelingt es dann,
sie zum Aufhorchen zu bringen. Und noch eines.
Er wollte sein Leben hingeben für das gute Prin¬
zip in der Welt, und gleichzeitig für seine Brüder,
für Juden. Es sollte wieder ein Opfer gebracht
werden für dieses Volk, sie sollten wieder sehen,
daß es noch Menschen ihres Stammes gibt, die
mutig wie die Propheten und imstande sind, sich
selbst zum Opfer zu bringen. Sie sollten erkennen,
daß in ihren Reihen der Mut zum Märtyrertum,
der Mut zur Hingabe, der Mut zu einem frommen
Heldentum noch vorhanden ist, wie einst in bibli¬
schen Zeiten. Und daß sie keinen Grund haben,
kleinmütig zu sein und sich selbst keine Größe
zuzutrauen, weil sie ihnen ihre Feinde absprechen.
Es war ein heroischer Entschluß, den Lux
faßte. Er hätte, wenn er den brutalen Gedanken¬
gängen der Zeit gefolgt wäre, ein Attentat auf
irgendeine hohe gegnerische Persönlichkeit aus¬
führen können. Aber er wußte, daß eine solche
Tat nie an das reine Opfer und die sittliche Größe
heranreichen könnte, an das große Beispiel, das
man dadurch gibt, wenn man sich selbst, ganz
allein opfert.
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