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DIE WAHRHEIT
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XLIII. Jahrgang Wien, 22. Juli 1927 Nummer 30
Wien — ein Schattendorf.
Das eben ist der Fluch der bösen Tat,
Daß sie fortzeugend Böses muß gebären.
Ein furchtbares Unglück hat unsere Stadt des
Frohsinns heimgesucht. Sie, die den Stürmen des
Krieges zu trotzen verstand, die die Zeiten der
Hungersnot ruhig überdauerte, die sogar beim Um¬
sturz gefaßt blieb, als in anderen Großstädten des
Kontinents Ströme von Blut flössen, sie hat nun
Tage miterleben müssen, in denen Wien einem Kriegs¬
schauplatz glich. Ganz diesem grauenhaften Bilde
entsprechend, weiß die wieder entstandene amtliche
„Verlustliste" bei 100 Tote und 500 mehr oder
minder schwer Verletzte zu vermelden. So ist zu
dem unsäglichen Schaden, den Wiens internationale
Geltung in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht
erlitten hat, noch das große Elend zahlreicher Fami¬
lien hinzugekommen, die einen teuren Angehörigen
betrauern. Schließlich ist noch ein Prunkgebäude un¬
serer schönen Stadt dem wahnsinnigen Wüten von
Brandstiftern zum Opfer gefallen, so sieht die Bilanz
des schwarzen Freitags aus, an den noch auf Jahre
hinaus die Wiener denken werden, als an einen der
schrecklichsten Tage ihrer Geschichte ....
Es war vollkommen klar, daß der unverständ¬
liche Freispruch der Schattendorfer Mörder eine
riesige Erbitterung in der Arbeiterschaft auslösen
mußte. Sie konnte es nicht ruhig hinnehmen, daß ein
Mord an den Ihrigen, begangen von den größten
Feinden des österreichischen Proletariats, den
Frontkämpfern, ungesühnt bleiben sollte, unge-
sühnt wie nun schon so viele Arbeitermorde,
die den gleichen Helfern der Reaktion zu
Lasten fallen. Der ganze neuntägige Prozeß hatte
schon Zündstoff genug angesammelt, vor allem
durch die schamlose Haltung des Hakenkreuz¬
advokaten Dr. Walter Riehl, der sogar so
weit ging, daß er einen selbstverständlichen gesetz¬
lichen Schritt des durchaus loyalen Staatsanwaltes
zum Anlaß nahm, um diesen bei seinen vorgesetzten
Behörden in einer „Beschwerde" zu denunzieren.
Wie viel mehr müßte man sich bei einer anderen In¬
stanz, dem Forum der Vaterlandsliebe, darüber be¬
schweren, daß ein Mann, der sich auf sein Patent¬
deutschtum so viel einbildet, das überwiegend
deutsche Burgenland als ein „Bosheitsgeschenk der
Entente" bezeichnet, mit einem advokatorischen
Kniff, den Dr. Riehl sonst als „jüdisch" hinstellen
würde, darüber hinwegtäuschend, daß die große
Mehrheit dieses Landes sich in einer Volksabstim¬
mung entschieden für die Zugehörigkeit zu Deutsch¬
esterreich ausgesprochen hat, wir also in rechtlicher
W T eise das Burgenland selbst in Besitz nahmen. Aber
er schwang sich sogar zum Sachwalter ungarischer
Interessen auf, indem er von der angeblichen „An¬
hänglichkeit des Landes an Ungarn, entstanden aus
jahrhundertelanger Gewöhnung" faselte, wobei er
die geringe ungarnfreundliche Minorität mit dem
ganzen deutschen Burgenlande identifizierte. Also
sprach der wahrhaft deutschnationale Recke, doch
nicht zum Wohle deutschen Landes, sondern Ungarn
zur Freude, wo der Held ja auch, als in Wien die
Empörung losbrach, gastfreundlichen Schutz fand.
Man wird sich Riehls Rede merken müssen, wenn
er wieder einmal auf sein Treudeutschtum pocht.
Die Arbeiterschaft machte nun ihrer Empörung,
die auch von nicht marxistischen freiheitlichen Krei¬
sen geteilt wurde, in einer Weise Luft, die ganz den
ihr von den Sozialdemokraten gelehrten Methoden
entsprach: sie marschierte auf die Straße, zum Par¬
lament. Unzählige Male hatten die Sozialisten sie bei
nichtigeren Anlässen dorthin zu machtvollen Demon¬
strationen berufen, nun strebte sie wieder zum Ring,
ohne daß ihre Führer das Signal zum Aufbruch
gegeben hatten. Daß dies nicht geschehen, daß die
Sozialdemokraten weder in der Nacht vom Donners¬
tag auf Freitag, noch Freitag zeitlich früh irgend
eine Parole ausgegeben haben, die Ordnung in die
Unordnung gebracht hätte, das gehört auf das
Schuldkonto der Sozialdemokraten, die wissen hät¬
ten müssen, daß der Freispruch der Schattendorfer
einen Protest auslösen würde, dem dort lauter Aus¬
druck verliehen wurde, wo die Sozialisten die Ar¬
beiter stets zusammentrommelten: auf der Straße.
So wurden sie dorthin geführt von radikalen
Elementen, von Kommunisten, vielleicht sogar von
russischen Emissären. Und ihnen schloß sich
lichtscheues Gesindel an, das bei den verschiedenen
Stürmen auf Wachstuben und deren Brandlegung,
bei den Demonstrationen gegen die Wache, bei der
Brandstiftung am Justizpalast wahrscheinlich persön¬
liche Rache für berechtigte Strafen seitens der Be¬
hörden nehmen wollte. Es ist unleugbar: Den or¬
ganisierten Arbeitern wird es gewiß um eine wür¬
dige Kundgebung zu tun gewesen sein, wie sie schon
oft solche in ernster Ruhe und Ordnung manifestiert
hatten, und auch ihre Führer hatten Gleiches im
Auge, als sie die diesmal ohne ihre Parole erschie¬
nenen Massen auf dem Ring sahen, wobei sie sich