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DIE WAHRHEIT flUJ
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lEiilii Seit* 3
die wirtschaftlichen Bestrebungen aller am Wieder¬
aufbau Oesterreichs interessierten Kreise schwer ge¬
schädigt worden. Es darf nicht Wunder nehmen,
Wenn das Ausland, das sich gerade in letzter Zeit
wieder für unser armes Land zu interessieren begann,
nun wieder von diesem abwenden wird wollen. Das
muß mit aller Macht vermieden werden, denn es be¬
deutet den Ruin unseres Landes, das angesichts seiner
Schwäche auf das Ausland angewiesen ist. Wie aber
dieses Unheil, das dem geschehenen folgen soll, ver¬
meiden? Nur durch die Zusammenarbeit aller Kräfte
kann das Ziel erreicht werden, daß unsere durch die
traurigen Vorfälle schwer erschütterte Weltgeltung
wieder hergestellt werde. Bürger, Bauer und Ar¬
beiter müssen sich friedlich die Hände reichen, um
gemeinsam das edle Werk wieder aufzurichten, das
rohe Bubenhände zertrümmern wollten: unser
schönes Oesterreich! Und niemals hat das Wahrwort
des Dichters so viel Geltung gehabt als jetzt in die¬
sen stürmischen Zeiten: „Ruhe sei des Bürgers
erste Pflicht!"
Wir österreichischen Juden, die wir mithalfen,
als es unser durch den Krieg zusammengebrochenes
Vaterland wieder aufzurichten galt, werden gerne
mitarbeiten an dem Neuaufbau, der uns nun bevor¬
steht. Wir werden wie bisher unseren Mann stellen
ungeachtet der Anfeindungen, die auch jetzt wieder
sich schamlos gegen uns erheben. Schon wütet eine
feile Presse, daß das entsetzliche Geschehen des
schwarzen Freitags „Judas Werk" gewesen. Die
gemeinen Lügner wissen wohl, daß sie ebenso
wie ihre Gegenspieler von links viel schuld sind an
dem, was vorgefallen. Deshalb suchen sie den
Prügelknaben, den ihnen wieder der Jude bieten
soll. Wir aber lassen uns durch ihr niedriges Ge¬
schimpfe nicht beirren, gehen weiter unseren Weg,
der uns gemeinsam mit unseren christlichen Mit¬
bürgern dem schönen Ziele entgegenrühren soll:
einer lichteren Zukunft unseres Vaterlandes.
Oskar Hirschfeld.
Es währte nicht lange und in das Speisezimmer, wo
Herr und Frau Mautner saßen, kam ein Bürschchen herein:
Schwarze Haare, dunkelbraune Augen. Die Gestalt schmächtig
und dünn, die Nase gebogen und das Wesen voll Angst.
„Stehen tut er da, wie wenn er nicht bis zwah zählen könnt'!"
begrüßte Herr Hermann seinen* Jüngsten, „und sonst is er der
größte Gassenjung'!" Da begann Gustav zu weinen. „Warum
weinst du?" — „Ich will nicht in die Schul'. Ich fürcht' mi!"
— „Dummer Bub!" sagte die Mutter, „vor was iürchst du
dich?" Sie zog den kleinen Studenten auf ihren Schoß und
trocknete ihm die Tränen. „Mutter," rief er fragend. — „Was
mein Kind?" — „Hau'n darf mich niemand?" — „Aber! Wer
soll dich hauen?" — „Die Buben." — „Was fallt dir ein."
Herr Hermann wurde gerührt, schämte sich der Rührung
und sprach darum rauh: „Jetzt is genug mit die Dummheiten!
Gehen so viele Kinder in die Schul'! Warum du nicht? —
Marsch!" — Da kam aus dem Nebenzimmer die Gouvernante,
das Fräulein. Im Hause Mautner waren alle Gouvernanten
namenlos und hießen: Das Fräulein. Das Fräulein nahm
Gustav bei der Hand, führte ihn aus dem Hause und nach
zehn Minuten standen beide vor dem Schulgebäude.
Oberhalb des Tores war eine Inschrift: „Lasset die
Kleinen zu mir kommen..." Das Fräulein las die Inschrift
mit Interesse, blickte Gustav an und sagte tröstend: „Furcht'
dich nicht, Gusti! Da drin wird dir nichts geschehen." —
Im Hausflur des Schulgebäudes stand der Schuldiener
und das Fräulein fragte* „Ich bitt Herr...: Wo ist die zweite
Klasse?" — „A oder B?" — „Die A-Klasse." — „Deh ist im
erschten Stock." Der Schuldiener bemerkte das Zittern des
Jungen und fragte gutmütig: „Warum fürcht' si denn der
Klahne a so?" — „Er ist heute das erstemal in der Schule."
r~- „Das erschtemohl? Und geht in die zweite Klass'!?" —
Henry Fords Bekehrung.
Von Binjamin Segel.
Es sei gleich am Eingange bemerkt, daß Henry
Fords Bekehrung ausschließlich das Verdienst von
Artur Brisbane ist. Dieser mit dem Automobii-
könig intim befreundete Redakteur des „New York
American" hat es vermocht, seinen Freund zu über¬
zeugen, daß die „Protokolle der Weisen von Zion"
eine Fälschung sind. Artur Brisbane aber gewann
diese Ueberzeugung — das sei hier ohne Um¬
schweife konstatiert — aus dem Buche des Schrei¬
bers dieser Zeilen: „Die Protokolle der Weisen von
Zion, kritisch untersucht, eine Erledigung", heraus¬
gegeben im Herbst 1924 vorn „Central-
Verein" in Berlin, welches nebst der ausführ¬
lichen Selbstbesprechung in der „Frankfurter
Zeitung" auf Veranlassung einer New-Yorker
Dame an den berühmten amerikanischen Publizisten
übersandt wurde, mit dem ausdrücklichen Hinweis
auf die gefährliche Propaganda des offenbar irrege¬
führten Henry Ford und der Bitte, ihn aufzuklären.
Das riesige Aufsehen, welches Fords Bekeh¬
rung in der ganzen Welt gemacht hat, und der un¬
geheure, übrigens stark übertriebene Jubel, den die
Juden in Amerika darob angestimmt haben, gelten
dem Siege über die „Protokolle der Weisen von
Zion". Die „Protokolle der Weisen von Zion" waren
nämlich nicht nur die Waffe, mit der Henry Ford die
Juden und das Judentum seit acht Jahren bitter be¬
kämpfte, sondern sie waren die Quelle, aus der sein
Haß gegen die Juden floß, richtiger: aus der er die
„Ueberzeugung" von der Weltgefährlichkeit, Ver¬
werflichkeit und Unverbesserlichkeit der Judenheit
schöpfte. Denn sein Judenhaß ist eine Folge
höchst persönlicher Privaterlebnisse wie weiland
beim seligen Haman. Dazu kam die höchst sonder¬
bare und simplistische Wirtschaftstheorie, der er mit
der ganzen Einseitigkeit des naiven, draufgängeri-
„Er hat nämlich die erste Klasse zu Hause gemacht." —
„Ahnhah!" Gustav hatte indes den uniformierten Schuldiener
respektvoll betrachtet; er hielt ihn mindestens für einen
General. „Also Gusti," sprach das Fräulein, das ehrfürchtige
Staunen ihres Zöglings unterbrechend, „jetzt geh' schön hinauf
und um zehn Uhr hol' ich dich wieder ab." Zögernd ließ
Gustav die Hand des Fräuleins los und folgte dem General,
der freundlich herablassend winkte: „Ih geh eh auifr, Klahner!
Kumm mit." — Vor der Türe eines Saales blieb der Schul¬
diener stehen: „So! Da geh eini.'" Gustav öffnete die Türe
und blickte von der Schwelle neugierig in den Saal. Es
waren etwa vierzig Buben in dem Saale und kaum hatten sie
Gustav erblickt, als sie, wie auf Verabredung, zu johlen be¬
gannen:
„Jüdelach, Jüdelach hepp, hepp, hepp,
Jüdelach macht das Schweinefleisch fett!"
Wie gelähmt blieb das Judenkind bei der Türe stehen
und starrte mit weit aufgerissenen Augen. Die Buben wieder¬
holten den Vers und so lange, bis der „Aufpasser" meldete:
„Jung is! Der Alte kummt!" — Es wurde still. Der Lehrer
kam, sah erstaunt auf das bei der Türe stehende blasse Kind
und sagte: „Setz' dich! Warum setz't du dich nicht?" Er
schob ihn in die erste Bank. Dort saß nun das Judenkind und
kämpfte gegen die Tränen.--
„Lasset die Kleinen zu mir kommen..." Du lieber Herr
Jesus! Warst du ein Gott? Warst du ein Mensch? Ich weiß
es nicht. Ich glaub' nicht an dich, denn ich bin ein Jude. Aber
ein wenig kenne ich deine Lehre und die war gut und milde,
denn sie kam aus einem warmen Herzen. Schau, was aus
deiner Lehre geworden ist!