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DIE WAHRHEIT
sehen Praktikers huldigte, wonach das Finanz- und
Bankkapital der gefährlichste Feind der schöpferi¬
schen Industrie sei und zugleich einzig und allein
von den Juden in der ganzen Welt repräsentiert
werde, die wiederum an der nutzbringenden Indu¬
striearbeit keinen Anteil und zu ihr keine Fähigkeit
haben, lediglich Wucherer und Ausbeuter fremder
Arbeit seien, Parasiten, Schädlinge, die sich von den
Säften des Wirtschaftsorganismus nähren, in
welchem sie sich eingenistet haben, m welchem sie
ewig ein Gast, ein Fremdkörper bleiben und dessen
Blut und Lebenskraft sie an sich saugen. Immer
mehr verbiß sich Ford in diese Doktrine, die er in
seiner Lebensbeschreibung „My life and work" mit
großer Beredsamkeit vortragen läßt. Aus dieser
doppelten Quelle floß sein heftiger Antisemitismus.
In dieser Stimmung war es unschwer, ihn zum För¬
derer der „Protokolle der Weisen von Zion" zu ge¬
winnen. Hier fand er alle seine Beobachtungen und
Vermutungen tausendfach bestätigt und sozusagen
in die welthistorische, menschheitliche Sphäre ge¬
hoben. Diese „Dokumente" appellierten förmlich an
seine unbezähmbare Tatkraft und an seine unerme߬
lichen Mittel. Was sein „Scharfblick" in dem engen
Kreise seiner Berufstätigkeit entdeckt hatte, war
nur das Glied einer furchtbaren Kette, die die ganze
Kulturmenschheit umklammert hielt und allen christ¬
lichen Völkern mit unerbittlichem Untergang drohte.
Alles, was er, der größte Industrielle seiner Zeit,
als Störung seiner segensreichen und menschheits-
beglückenden Tätigkeit aus tiefster Seele haßte,
wie Streiks, Unruhen, politische und soziale Revo¬
lutionen, Verschwörungen, politische Attentate, und
insbesondere der Bolschewismus, all das war
seit jeher ein Werk dieser Juden, in denen er selber
rechtzeitig die Verderber erkannt hatte. Mußte sich
da nicht sein ganzes Gewissen, seine Energie, und
nicht zuletzt sein Ehrgeiz mächtig angeregt fühlen,
die Welt von dieser Schlangenzucht zu erlösen und
zu befreien?
Daß diese ganzen „Protokolle" aber nichts als
grobe Fälschung waren, konnte diesem simplen
Geist, dem nichts ferner lag als literarische und
historische Kritik oder diplomatische Findigkeit,
natürlich nicht in den Sinn kommen. Wie auch? Die
Männer, die das Ressort des Auswärtigen bei den
Londoner „Times" leiten, sind gewiß mit allen Hun¬
den gehetzt und nicht leicht zu verblüffen. Und doch
schrieb dieses Blatt am 8. Mai 1920 kurz nach der
Entdeckung dieses welterschütternden Dokumentes
u. a.: „Was bedeuten diese Protokolle? Woher diese
unheimliche Gabe einer Prophezeihung, die zum Teil
bereits in Erfüllung ging, zum Teil der Erfüllung ent¬
gegenschreitet? Haben wir all diese traurigen Jahre
hindurch gekämpft, um die heimliche Organisation
der deutschen Weltherrschaft zu spren¬
gen und zu vernichten, damit wir hinter ihr eine viel
gefährlichere, weil heimlichere entdecken? Sind wir
durch die Anspannung jeder Fiber unseres Volks¬
körpers dem deutschen Joch entronnen, um uns
einem jüdischen Joch zu unterwerfen?" . . . Mau
preist mit Recht die vatikanische Diplomatie als die
schlaueste und scharfsinnigste, und nun druckte der
französische Uebersetzer der Protokolle Mgr.
J o u i n an der Spitze der vierten Auflage seines
Buches einen Brief des Kardinal-Staatssekretärs
G a s p a r r i vom 20. Juni 1920 ab, in welchem die¬
ser dem Verfasser den Dank des Papstes für
die Zusendung eines Exemplares und den a p o s t o-
lischenSegen übermittelt!... Um dieselbe Zeit,
als die „Rote Armee" auf ihrem Feldzug gegen Po¬
len vor den Toren Warschaus stand, erließ der pol¬
nische Episkopat, zwei Kardinäle, drei Erzbischöie,
ein Fürsterzbischof und einige Bischöfe, an die
katholische Priesterschaft der ganzen Welt „einen
heißen Ruf nach Hilfe und Rettung für Polen", der
den Ideengang und sogar die Sprache der Protokolle
wiederholte. Die „Rote Armee" ist da ein Werkzeug
„jener Rasse, die die Führung des Bolschewismus
in der Hand hält bereits die ganze Welt mittels des
Goldes und der Banken sich unterworfen hat und
nun in ewiger imperialistischer Gier auf die wirk¬
liche Eroberung der Welt ausgeht, um das Reich
des Antichrist aufzurichten." . . . Hochgelahrte
deutsche Professoren, hohe Diplomaten, Führer
großer politischer Parteien, Botschafter, berühmte
Generale verkündeten in unzähligen Vorträgen und
Zeitungsartikeln, „das Studium der Protokolle,
welche die geheimsten Pläne des jüdischen Volkes
enthüllen, werde zu einer neuen Auffassung der
Weltgeschichte führen." . . . Wie sollte da ein Henry
Ford an deren Echtheit zweifeln? So wurde er denn
einer der eifrigsten Förderer und Verbreiter des
Glaubens an die Wahrheit des jüdischen Weltherr¬
schaftsplanes.
Die „Protokolle" aber wurden das Palladium und
das Panier aller jener, die aus irgendeinem Grunde mit
den Nachkriegszuständen in Europa nicht zufrieden
waren. Die russischen Reaktionäre beriefen sich auf
sie, um zu beweisen, daß der Bolschewismus und
alles, was damit in Rußland zusammenhängt, nichts
als das Werk der Juden sei, die allen anderen Staa¬
ten und Völkern das gleiche Schicksal zugedacht
haben. Die amerikanischen Polen, die wegen der da¬
maligen Pogrome in ihrem befreiten Vaterlande in
arger Verlegenheit waren, verbreiteten über beide
amerikanischen Kontinente viele Hunderttausende
von Broschüren in portugiesischer und englischer
Sprache, in denen unter Berufung auf die soeben ent¬
deckten „Protokolle" nachgewiesen wurde, daß die
polnischen Judenpogrome nur die Abwehr der jüdi¬
schen Weltverschwörung bildeten, die schon Ru߬
land durch den jüdischen Bolschewismus zerstört
habe und nun die Hände nach Polen ausstreckte.
Alle Protokollgläubigen hüben und drüben fanden
in Ford den freigebigsten Förderer. Die in seinem,
mehrere hunderttausend Leser zählenden Wochen¬
blatt erschienenen Artikel wurden nachher als zwei¬
bändiges Buch herausgegeben, enthaltend die „Pro¬
tokolle" nebst weitläufigem Kommentar, dessen
deutsche Uebersetzung während drei, vier Jahren
nach Ungarn, Rumänien und Polen in ganzen Wag¬
gonladungen versandt wurde. Ford rühmte sich,
daß dieses Buch in Amerika in einer halben Million
Exemplaren verkauft wurde. Schon im Jahre 1918
hatten die Führer der „Weißen Armee" in dem
südrussischen Städtchen Nowotscherkask
neue Auflagen der Protokolle herausgegeben und in
Zehntausenden von Exemplaren unter ihre Sol¬
daten verteilt. Die Ausgabe führte den Titel „Zio¬
nistische Protokolle, Plan der Welteroberung durch
die Juden-Freimaurer" und belehrte die Leser, daß
die Urheber der russischen Revolution nur die Ju¬
den allein seien. Die Folge waren die furchtbaren