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Selbst - Emaneipation.
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Herausgeber und Chefrcdacteur:
D r. Nathan Virnöauin.
Erscheint zu Anfang und Mitte eines jeden Monats.
Redaction u. Administration:
Wien, 2 3 Malzgafse Nr. 4.
Sprechstunde:
Täglich von l -2 Uhr Nachmiltags
Unfrankirte Briefe
werden nichr angenommen und Ma-
nilscripte nicht retonrnirt.
Nr. 1.
Wien^A. JäTWpv 1892.
V - Jahrgang.
Inhalt: Dr. Leon Pinsker. — Jüdische Literatur und jüdische Zeitungen. — Angriff und Abwehr. —
Original-Corr-spondenzen: Oesterreich-Ungarn: Wien, Lemberg, Czernvwitz, Budapest.
Petersburg, Odessa. England: London. Türkei (Palästina): Jerusalem. — Festrede. —Chronik. -
Redaction. — Eorrespondenz der Administration. — Spendenverzeichnis. — Inserate.
An die Zionisten in Rußland. —
Deutsches Reich: Berlin. Rußland
- Eingesendet. — Corresponden; der
Gesimumgsgenosseu!
Verbreitet die Selbst-Emancipation!
Odessa, 10/22. Dceeinbcr. Dr. Pinsker
gestorben.
Grüuberg.
Tieferschüttert lasen ivir obiges von dem Mitglicde
des Odessaer Palästiua-Comitös, Herrn Banqnier Grim¬
berg, an uns gesendetes Telegramm. So hat denn wieder
Einer von denjenigen ausgeruugcu, die in epochaler
Weise für die Ausbreitung der zionistischen Idee einge-
trcten sind. Zuerst Pcrez S m o lc n s ky, dann David
Goidon, jetzt Dr. Leon Pinsker. Was speciell
Dr. Leon Pinsker für das Judcnthum gewesen Z't,
das braucht man den Millionen von Stammesgenoffen
im Osten Europas nicht erst zu sagen. Wer kannte unter
ihnen den Namen dieses hervorragendsten Zionistenführcrs
nicht, der mit einer 36 Seiten starken Brochure Unver¬
gängliches geleistet hat? Seine „Autoemancipation!" —
nach ihr heißt unser Blatt (auto griech. — selbst) — war
ein erlösendes Werk. Von einem russischen Juden in
einem geradezu bewtmdcrungsivürdigen Deutsch geschrieben,
lvar es schon durch sein Idiom berufen, zu jenem Theile
unseres Volkes ju sprechen, der dir Anschauungen ver¬
tritt, welche man unter dem Schlagworte „Assimilation"
l zusammensaßt. Seine Worte brachen mit gewaltiger Wucht
den Wall von Mißverständnissen ein, welcher sich um
| das Herz so manches intelligenteil Juden gethürmt hatte.
S in o l e n s k l) und G o r d o n haben, der hebräischen
Sprache sich bedienend, ein empfänglicheres Publikum
gehabt. Pinsker aber sprach zu Menschen, die eine Idio¬
synkrasie gegen sein Thema hatten, und dennoch hat
sein Buch Tausende bemeistert, welche sonst für die Sache,
des jüdischen Volkes verloren gewesen wären. In Rußlands-
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selbst, wo die jüdische Intelligenz zumeist die dcmsche
Sprache versteht, war die Wirkung eine eminente; durch
die judenfeindlichc Strömung war der Boden für die xb
Erkcnnrnis der Wahrheit gceigner gemacht worden. Die
lapidaren Worte: „Unser Vaterland — d ie
Fremde, unsere Einheit — die Zerstreuung,
unsere Solidarität — die allgemeine
Anfeindung, unsere Waffe — die Dcmuth.
unsere Wehrkraft — d i e Flucht, unsere
Originalität — d i c A n p a s s u n g, u n s e r e
Z u k u u s t — der n ä ch st e T a g", diese gro߬
artige Schilderung des Goluselends erschütterten den
Leser und öffneten ihm die Augen. Er begriff dann den
Schlußpaffus der Brochure: „Jetzt oder nie !" sei unsere
Losung. Wehe unseren Nachkommen, wehe dem Andenken
unserer jüdischen Zcitgenosscn, wenn wir diesen Moment
verpaffen!"
Noch größer aber ist die Bedeutung der Pinskcr'schen
„Autoemancipation" für die Verbreitung der zionistischen
Idee in Westeuropa, wiewohl diese hier in weiteren Kreisen
unbekannt blieb. Letzteres ist kein Wunder, wenn man
bedenkt, wie sehr daS Geschick eines jeden literarischen
Erzeugnisses von der Presse abhängt, und daß diese hier
in Händen assimilatorischer Juden sich befindet. Aber die
Macher der öffentlichen Meinung konnten cs doch nicht
verhindern, daß mancher fruchtbare Keim aus der genann¬
ten Brochure in unsere Gegenden flog, hier Wurzel faßte
und zu sprießen begann. Es wird wohl wenige unter
den ersten Zionisten des Westens geben, welche sich ihre
Begeisterung und Ueberzeugung nicht aus der „Auto-
cyianLipation" geholt hätten. Auf dieser baut sich also die
noch bescheidene, immerhin aber schon ver-
lÜf-—----