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retournirt.
Ur. 11
Wien. 18. Juli 1892.
V. Jahrgang.
Inhalt: Der Xantener Mordprocess. — Die hebräische Sprache. — Zur Lage in Böhmen ■
Men, Krakau, Berlin, London, London, Constantinopel Jerusalem. — Chronik.
Belletristisches: Es werde Licht! — Eorrespondcnz der Rcdaction. — Inserate.
, oiationaljudc. — Original-Correspondenzen
Pensionen. — Miscelle». — Eingescndet. —
GkkmmPgrnMn! Verbreitet die SM-EmMcipstion!
Der Fantener Mordproeess.
Der-jüdische: Schächter Buschhoff -ist freigesprochen
worden. Es war nicht anders zu erwarten. Man niuss an¬
nehmen, dass in Deutschland auf die Geschwornenbank nur
Männer berufen werden, welche an Vernunft und Rechtlich¬
keitsgefühl über dem, wie cs sich eben zeigte, leider sehr tiefen
Durchschnittsniveau stehen, und solche konnten, ob sie nun den
Juden freundliche oder unfreundliche Gesinnungen entgegen¬
bringen, im vorliegenden Falle kein anderes als ein frei-
sprcchendesVerdietabgeben.DerclftägigeProcesshatdie Unschuld
des Angeklagten so deutlich vor aller Oeffentlichkeit erwiesen,"dass
auch der Staatsanwalt den Geschworenen die Nichtschuldig¬
sprechung empfahl. Freilich hatte er schon vor der Verhandlung
den Zusammenhang gekannt, hatte schon bei Erhebung der
Anklage gewusst, dass ein hässliches Gewebe von Aberglaube,
Klatschlust und Verleumdung um den Beschuldigten gesponnen
war; wenn er es nichtsdestoweniger zum Proeesse kommen
liess, so that er es aus lobenswerten staatsmännischen
Motiven, um vor aller Welt die Haltlosigkeit der Anschuldigung
beweisen zu lassen.
Die Vorgänge der Verhandlung sind aus den Tages¬
blättern zur Genüge bekannt; cs wäre nutzlos, sie hier noch¬
mals zu erzählen. Jeder, der sie verfolgte, wird der „Neuen
Freien Presse" zustimmen, wenn sie sagt: „Allerdings bot
dieser Process mit seinen Zeugenaussagen ein . trauriges und
beschämendes Beispiel, wie es mit dem Rechtssinnc, mit der
Humanität, mit der Aufklärung in gewissen Kreisen des
deutschen Volkes gegenwärtig bestellt ist". Diesem Ausspruch
möchten-wir nur das entgegensetzen, dass wir nichts finden
können, was den Worten „in gewissen Kreisen" und „gegen¬
wärtig" auch nur einen Schimmer von Berechtigung ertheilcn
würde. Diese Xantener Männlein und Weiblein, wie sie so
mit einen gewissen Grusel selbsterftmdene oder eingebildete
Geschichten über den „Juden" erzählen, mit dem sie sonst
in gemächlicher deutscher Nachbarlichkeit leben, sind vielmehr
ein Typus des deutschen Bürgertums, wie es war, wie es
ist, und wie cs, so fürchten wir. auch sein wird. Es
ist eine Selbsttäuschung, wenn man glaubt, dass diese
Stimmung- erst - neuerew-Datum^ -: dass^fie-wieder-aufgclebt
sei. Nein, sic hat keinen Augenblick ausgehört. Der „deutsche
Michel" ist eben der „deutsche Michel" geblieben, es hat für
ihn gar keine „liberale Aera" gegeben. Einzelne mochten sich
zu freieren Anschauungen erheben, eine große Menge mag
ihnen, ohne sie recht zu verstehen, Gefolgschaft geleistet
haben, die Masse blieb wie sie war, — gcmüthlich im
Lieben und im Hassen. Die Xantener Mordgeschichte ist so
eine Art deutscher Kleinstadtidylle. Doch, um die Deutschen
nicht besonders auszuzeichnen — die Anderen trcffens auch,
wenn auch etwas anders. In Frankreich schreibt der Juden¬
hass Romane, in Ungarn wilde Pußteulieder, in Russland
Dramen. Der Effect, ist derselbe.
Unlängst haben wir den französisch-jüdischen Hauptmaun
Mayer als einen Blutzeugen unseres Golusschicksales ge¬
führt; heute haben wir Gelegenheit noch einen sprechenderen
Zeugen zu führen. Was ist Mayer gegen B uff ch h v ff?
Ein Stümper im Märtyrertum. Gestorben-im Kampfe für
die Ehre seines Volkes — ein Stich und das Mürtyrium
war zu Ende. — Dagegen Buschhoff.' FührMhr dieser
einfache Mann, dem arische „Ritterlichkeit' keine Waffe in die
Hand drückt, um den ihm und seinen Stamme wiederfahreuen
Schimpf zu rächen, hat von dem Elende Israels eine ge¬
hörige Menge gekostet. Ein Jahr lang von Nichtswürdigen
gehetzt, von Narren gequält, Mörder gescholten werden —
kann das sreisprechende Urtheil den Manu und seine Familie
für dieses Unheil entschädigen? Und jetzt, wohin soll er sich
wenden? Nach Xanten vielleicht, wo der Gerichtshof zum Lokal¬
augenschein unter Anwendung von Sicherheitsmaßregelu gehen
muss, um den Angeklagten vor der Wuth des Volkes zu
schützen? So muss er sich eine neue Heimat suchen? Wird er sie
finden? Dass ist echt jüdisches Schicksal.
Der Process B u s ch h o f f ist eine neue Mahnung
an das jüdische Volk, dass es auf einem feuerspeienden Berge
steht, dessen Gluthen lange nicht erloschen sind, noch erlöschen