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Selbst-Emancipation
Nr. 15.
hat sich nichts ereignet, was im Stande wäre, uns mit dem
neunten Abh zu versöhnen. Eine ununterbrochene Kette von:
Leiden ziehen wir nach uns; jedes Jahr stückelt einen neuen:
Ring daran, manchen schwächer und weiter, manchen stark'
und enge, tief einschneidend in unser Fleisch. Zur zweiten
Gattung gehört das dritte Ereignis, von dem wir sprachen
und das uns' zeitlich am nächsten liegt.
Doch auch vierhundert Jahre sind ein gewaltiger Zeit¬
raum, Horen wir uns zurufen. Was uns die Köpfe zer¬
brechen über das, was einnial geschehen ist? Fort mit der
Vergangenheit! Nicht trauern auf Gräbern! Frisch leben
in der Gegenwart! Manche werden hinzufügen: mit dem
Blicke in die Zukunft,— die Meisten in unserer heutigen so
edlen und klugen Gesellschaft werden auf diesen Zusatz ver¬
zichten. Mit den letzteren rechnen wir nicht. Die Zeit wird
kommen, welche der Herrlichkeit dieser Todtcngräber des
Idealismus, dieser Sendboten der Genusssucht ein Ende
machen wird. Die Guten und Vernünftigen brauchen nur
zu wollen, und die moralischen Seuchenherde des Materialismus
sind zerstört — auch innerhalb des Judentumcs kann und
wird cs so sein. Nur für die Guten und Vernünftigen,
deren Sinnen und Trachten über das eigene Ich, über die
eigene Zeit hinausgeht, schreiben wir diese Zeilen; nur mit
ihnen kann cs eine Verständigung geben, weil wir nur bei
ihnen Verständnis finden können.
Es ist gefehlt, uns Zionisten eine unftuchtbare An¬
betung der Vergangenheit vorznwcrfen. Nichts liegt uns
ferner. Darin besteht ja gerade das-Wesen unserer Partei,
dass sic sich nicht in unthätigcr Bewunderung des Altertums
verliert, dass sic sich aber auch nicht von einer kleinlichen
Gegenwartspolitik leiten läßt, dass sic vielmehr die Zukunft
im Auge hat, für die Zukunft arbeitet, die Zukunft schön
und gut gestalten will. Dass wir in diesem Streben es
nicht vermeiden, Blicke in unsere Vorzeit zu werfen, ist durch
zwei Gründe gerechtfertigt: Erstens, durch den unserem Stamm
angeborenen Pietätssinn, den wir offen'bekennen, auch auf
die Gefahr hin, schon deswegen von confusen Weltverbesserern,
welchen das Gemüth abgeht, als rückschrittlich verschrien zu
werden; zweitens durch die Notwendigkeit aus der Ver¬
gangenheit zu lernen, wie die Gegenwart geworden und wie
die Zukunft zu gestalten ist.
Das Altertum soll uns die Richtung unseres Strebens
lehren, das Mittelalter im Vereine mit der Neuzeit
die Notwendigkeit desselben. Wir müssen auf die spanische
Judenvertreibung verweisen, damit sich der Vergleich mit der
heutigen Zeit aufdränge. Wir müssen zurückgreifen auf den
neunten Abh vor 1823 Jahren, damit sich das jüdische Volk
bewußt werde, wann sein scheinbar unvergängliches Leid be¬
gonnen habe — das nur vergehen könnte, wenn eine Zeit
kommen würde, welche sich die nationale Selbständigkeit, die
wirthschaftliche Festigkeit und die sittliche Reinheit des jüdischen
Altertums zum Muster nimmt, ohne etwa dieses mechanisch
copiren zu wollen. Der Hinweis auf unser Altertum und
unser Mittelalter ist die Waffe, mit der wir die Dunstwolken
der jüdischen Assimilation zcrtheilen und die Seifenblasen des
. jüdischen Socialismus zerfließen machen können. Wir ge¬
brauchen diese Waffe im Dienste des Fortschrittes, der
Aufklärung und der socialen Gerechtigkeit, und wir werden
sie daher nicht aus den Händen geben.
Lächelt nur über die Nationaltraucr am 9. Abh, Ihr
würget ja selbst noch die vergifteten Bissen herab, die Titus
Euren Ahnen vor 1800 Jahren zu kosten gab. Sehet nur
verächtlich auf die Narren hinab, . welche nach 400 Jahren
die Juden bedauern, welche damals aus Spanien vertrieben
wurden —Ihr seid ja doch nichts anderes als die Prügeljungen,
die Aschenbrödel, die Hanswurste Europas, seines Adels, seines
Bügertums und seiner Massen. Und ist. Euch nach Xanten
der germanische Geist Bürge, dass er nicht auch, noch einst
den spanischen nachahmt, wie dies der russische so erfolgreich
seit einem Jahrzehnt thut? Ihr werdet nicht lange mehr
Das Land Gilead
mit Ausflügen in den Libanon,
von £<trcii? (Olipljitnt.*)
(1. Fortsetzung,)
Ich zweifle nicht, dass die Juden der Einladung des
Sultans, zurückzukehren und den Boden ihres ehemaligen
Erbes in Besitz zu nehmen, Nachkommen würden, trotz der
kühlen Zurückhaltung, die einige ihrer Glaubensgenossen in
den großen Städten der europäischen Civilisation ihrer Pietät
gegen das Land ihrer Väter entgegenbringen.
Ich füge zwei Artikel aus dem „Jcwish Chronicle"
vom 9. und 11. Juni 1880 bei, welche, da dieses Blatt das
bedeutendste jüdische Organ Englands ist, als Ausdruck, der
Gefühle der Nation über diesen Gegenstand betrachtet werden
können/*) und in diesen Ansichten wurde ich noch von Juden,
mit denen ich seitdem im Osten gesprochen, bestärkt. Die
Gcsammtzahl des jüdischen Volkes beträgt heute zwischen sechs
und sieben Millionen. In Europa giebt es an 5,000.000,
in Asien über 200.000, in Afrika beinahe 100.000, in
Amerika zwischen 1,000.000 und 1,500.000. Mehr als die
Hälfte der europäischen Juden wohnt in Russland;
1,375.000 bewohnen Oesterreich, von denen 575.000 in
Galizien leben; 512.000 bewohnen Deutschland-; in Rumänien
werden sie mit 274,000 angenommen, die Türkei selbst mit
über 100.000. In Holland gibt es 70.000, in England
*) Edinburgh und London 1868.
Aus dem Englischen übersetzt von Siegfried Glaser, und mit
Anmerkungen versehen von Dr. Moritz Grünwald, Rabbiner, beide
in Jnngbiinzlau.
**) Siche Anhang I.
5 .000, in Frankreich 49.000, in Italien 35.000, die übrigen
europäischen Länder enthalten eine sehr geringe Zahl. Von
asiatischen Juden entfallen 20.000 auf Indien, 25.000 aus
Palästina. Da, das Landausmaß, das ich für den Anfang
zur Colonisation Vorschlägen würde, eine Million, oder höchstens
anderthalb Millionen Acker Landes nicht übersteigen würde,
wäre es traurig, wenn unter den beinahe 7,000.000 Menschen
die infolge der Ueberlieferung, dass sie dasselbe ftüher besessen,
deni Lande anhängen, nicht, genug gefunden lverden könnten,
um 1,000.000 Pfund und noch mehr zu dessen Ankauf und
Einrichtung zu zeichnen, und wenn, abgesehen von jener Zahl
eine Auswahl von Emigranten nicht getroffen werden könnte,
die genügendes eigenes Capital besäßen, um sie zu muster¬
haften Colonisten zu machen. Ich erwarte nicht, dass sie aus
England oder Frankreich kämen, sondern aus der europäischen
und asiatischen Türkei selbst, als auch aus Russland, Galizien,
Rumänien, Serbien und den slavischen Ländern, wo sie
besonders unterdrückt werden, und wo manche den reicheren
Classen Angehörende gern die Verfolgungen, denen sie aus¬
gesetzt sind, gegen die freie Luft, die sie unter türkischer
Regierung im Lande ihrer Väter athmen würden, Umtauschen
möchten. Es ist wahr, dass etwa 25.000 ihrer schon dort
sind, doch sie gehören zum größten Theile dem Bettelstande
an und sind des Schutzes beraubt, den sie unter der Aufsicht
einer Gesellschaft und im Besitze einer Urkunde, die ihnen einen
gewissen Grad der Selbstverwaltung sichern möchte, genießen
würden.*"*) So unterscheidet sich auch die Lage der sephardischen
Juden in Palästina vortheilhast von der der Juden in Russ-
__ ***) Ein Erfordernis, an das unsere heutigen Zionisten nicht
vergegen dürfen. Tie Redaction.