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Ur. IS
Wien» S. Octobber 18S2. V. Jahrgang.
Inhalt: Jehuda Leb Gordon. — Station Jerusalem. — Jehuda Leb Gordons hervorragendste Dichtungen. — Zur Argentinienfrage. — Der
Nationaljude. (Fortsetzung.) — Original-Correspondenzen: Wien, Krakau, Lemberg, Lemberg, Sassöw, Neutra, Heidelberg, Odessa.
Jerusalem, New-Dork. — Chronik. — Eingesendet. — Eorrespondenz der Redaction. — Correspondenz der Administration. — Inserate,
Jehuda Leb' Gordon. *)
Unser größter Dichter, Jehuda Leb Gordon,
- ist dahin! Welcher - 'krlust, welches Unglück! Solches
und ähnliche Ausrufe hört inan jetzt von allen Seiten?
''-'innerhalb der nissisch-jüdischen Intelligenz. Wir wissen,
dass diese gewaltige Klage der jüdischen Gcistesaristokratic
- Russlands unseren westeuropäischen Brüdern fremdartig
- und unverständlich erscheinen wird. Sie können zur
Noth noch begreifen, wenn die rnssischen Juden über
das Versiegen ihrer Brodquelle, über die Austreibung
ans Jnnerrussland, über die Unmöglichkeit, Carriöre'
zu machen, weinen — aber dass sie Ströme von
Thränen vergießen und wehklagen über den Tod eines
gewissen Gordon, das ist ihnen unverständlich. Wer
-war den eigentlich dieser Gordon? Wir haben den
Namen nie gehört, weder unter den russischen Generalen,
noch unter den Banquieren oder Eiscnbahnuntcrnehmcrn.
Auch unter den großen Professoren Russlands findet
er sich nicht. Warum weint also das Volk?
Ja, meine lieben westeuropäischen Brüder,
Gordon war kein General, kein gewaltiger oder
reicher Herr, kein Professor der alten Sprachen — Ihr
habt vielleicht auch heute zum ersten Male seinen Namen
gehört, — und dennoch trauern wir alle an seinem
Grabe. Denn dieser Gordon war der größte hebräische
Dichter der Gegenwart und die jetzt lebende Generation
der russisch-jüdischen Intelligenz, so weit sie Israel und
seiner Sprache treu ist, verliert in ihm ihren Meister,
der sic mit seinen Schriften erzogen hat. Wie weit ist
doch das kalte Nordland, in welchem Gordon ge-
. boren wurde und starb, in welchem er seine schönsten'
.. Lieder sang, vom sonnigen Lande Israels, wie ferne
doch die Zeit, in der unsere Propheten und Seher
lebten, von der Gegenwart! Und doch hat uns Gordon
in seinen wunderbaren Dichtungen die Stimme der
Propheten in aller ihrer Macht, Schärfe und Pracht
*) Das Manuscript dieses Artikels ist in hebräischer
hören lassen. In ihm war ein neuer Jesajas erstanden,
der die Sprache fast noch anmuthiger und lauterer zu
gestalten wusste, als der"akte Jesajas; ein zweiter...
Jeremias, der es verstand, fast noch herzbewegender,
verzweiflungsvoller zu klagen, als der erste; ein neuer
David, der fast noch sehnsüchtiger und erhabener zu
singen wusste, als der königliche Psalmist. Der Stil
der Lieder Gordons ist eine Elite der poetischen Stile
aller Propheten.
Gordons viele und verschiedene Dichtungen
zeichnen sich nicht blos durch ihre wunderbare Form,
ihre vollendete Technik, ihre Schürfe, ihre ästhetische
Feinheit, ihre Anmuth ans, sondern noch mehr durch
ihren Inhalt, ihren Gedankenreichthum und ihren kühnen
Geist. Viele dieser Schöpfungen Gordons verdienen
einen ersten Platz in der Weltliteratur.
Rüben Brainin.
(Fortsetzung im Feuilleton.)
Jehuda Leb ben Ascher Gordon hat Freitag den 24. Elul
8652 (16. September 1892) nur 6 Uhr Abends in Petersburg iin
Kreise seiner Familie und in Gegenwart seines als eifrigen Zionisten
bekannten Busenfreundes G. I. Syrkin seine Seele ausgehaucht.
Er erlag einem tückischen Krebsleiden, das ihn vor einem Jahre
befallen hatte.
Gordon wurde am 21. Kißlcw 5591 (1330) i» Wilna
geboren. Seine Eltern waren Besitzer eines Hotels, in welches der
polnische Adel einkehrte. Jehuda siel schon als Kind durch seine
Fähigkeiten auf; man bestimmte ihn zuni Rabbiner. Mit siebzehn
Jahren hatte er den ganzen Talmud durchstudirt. Damals lernte
er deutsch, französisch und polnisch und begann hebräische Gedichte
zu schreiben. Ungefähr zwei Jahre später vcrvollkommiiete sich
Gordon im Russischen und in einigen allgemeinen Kenntniffen.
Im Jahre 5613 (1852) wurde er zum Lehrer an der Kronschnle
in Poniwes, im Gouvernemente Kowno, ernannt. In diesem Orte
heirathcte er. Im Jahre 5620 (1859) wurde er Schullehrer in
Schawel im selben Gouvernement, und fünf Jahre später Oberlehrer
und Leiter der Schule in Tels.
Sprache verfasst.