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Im Jahre 5632 (1861) wurde Gordon von dem Vorstande der
jüdischen Gemeinde in Petersburg zum Gemeindc-Sccrctär gewählt. Gleich¬
zeitig erhielt er das Sccrctariat des „Vereines zur Vcrbreitiiiig von Auf¬
klärung unter den Juden in Russland". In diesen Stellungen verblieb
der Dichter sieben Jahre, worauf er sechs Jahre in der Rcdaction des
hebräischen Blattes „Hamelitz" und zwar die ersten drei Jahre als
ständiger Mitarbeiter, die letzten orci Jahre als Mitredacleur des Chef-
rcdacteurs A. Zederbaum, wirkte. Zuletzt arbeitete er an der russischen
Ucbcrsctzung des Brockhaus'schen Conversationslcxon mit, wie er denn auch
zahlreiche gediegene Artikel in russischen Zeitschriften und Sammelbüchcrn
veröffentlichte.
Außer den Gcvichten, welche in der von dem Petersburger „Vereine
der Freunde der hebräischen Sprache" zur Feier des 25jährigen Jubiläums
der hebräisch-dichterischen Thätigkeit Gordons herausgcgcbenen Samm¬
lung enthalten sind, erschienen noch viele andere Gedichte in verschiedenen
Zeitschriften und Sammclbüchern. Auch seine großen und kleinen Er¬
zählungen erschienen in eigenen Ausgaben und in älteren und neueren
Zeitschriften. Mehrere Jahre redigirtc G o r d o n den wissen¬
schaftlichen und kritischen Theil der russisch-jüdischen Zeitschrift „Woshod".
Auch für jüdisch: Zeitschriften in deutscher Sprache schrieb er. Ec über¬
setzte endlich die fünf Bücher Moses in's Russische und unter seinen
Mauuscriptcn sinden sich auch russische Uebersetzungen einiger anderer
Thcile der heiligen Schrift.
Go rdon hat Aufklärung und Liebe zur heiligen Sprache überall,
wohin er kam, verbreitet.
Station Jerusalem.
Das Dampfross schnaubt auf dem geheiligten Boden
unserer Ahnen. Von der Küstcnstadt Jaffa, dein Centrum des
ucnhcbräischcn Palästina, nimmt cs seinen Ausgang, an den
Colonicn, den Stationen des Sicgcszugcs der Zionsidee,
eilt cs vorbei, und im Ccntrum des althebräischen Palästina,
in Jerusalem, macht es Halt. Wie ein Weckruf tönt der
schrille Pfiff der Locomotive zur Tempclruinc hinüber und
setzt sich fort dllrch das ganze jüdische Laild: Es ist Zeit
zur Auferstehung. • '*
Freilich, ein beträchtlicher Theil unseres Volkes hat auf
diesen Weckruf nicht gewartet, in den Herzen dieser Tausende
jüdischer Männer und Jünglince ertönte schon längst die
Stimme ihrer nationalen Pflicht, und dem Wirken dieser
Wackcrn ist cs zuzuschrciben, wenn heute die neue Eisenbahn
Iehuda Leb Gordons
hervorragendste Dichtungen.
(Fortsetzung des Leitartikels).
Die großartigsten Leistungen des unsterblichen Dichters,
namentlich auf epischem Gebiete sind:
„Ahabhatli David u-Michal". in 12 Gesängen.
Sein Stoff ist der Bibel entnommen. Dieses Lied wird so
lange in unserem Volke leben, als die hebräische Sprache.
In ihm sind alle Bilder plastisch und rein, die Farben
richtig und zart, die Phantasie, die darin waltet, ist glühend,
die Sprache ist laut.'r und anmutig. Ueber das Ganze ist
der Geist des Morgenlandes ausgebreitet, jede Strophe
erfreut Ms Herz. Wie ein Edelstein wird dieses Lied stets
inmitten der ewigen Poesie erstrahlen; der Duft dieser
Blüthc wird noch dauern, wenn die Dichterblumen anderer
Völker schon längst.verwelkt sein werden.
„Bath Potiphera.“ An richtiger Zeichnung der Natur,
der Gefühle, der heftigen Leidenschaften der Töchter des
Orients, an morgcnländischcm Colorit, an wilder Schönheit
kann dieses Gedicht mit den bekanntesten Poömen dieser
Gattung in der Weltliteratur concurriren.
„Bim’zuloth jam“ nimmt seinen Stoff aus der Zeit
der spanischen Judenvertrcibung. Das Erdicht schildert den
Sieg eines heldenhaften jüdischen Mädchens über, eine Rotte
von Eroberern und Unterdrückern. Die Verse, welche von den
Jaffa-Jerusalem mit großer Aussicht auf Erfolg eröffnet wird.
Der andere Theil unseres Volkes aber ist vorläufig noch taub
gegen den Weckruf; ihm ist der neue Eisenbahnverkehr in
Palästina höchstens eine interessante Episode der Tagcsgeschichte,
welcher wegen man einige Jubelhymncn au die europäische
Civilisation singt und etwas frivol witzelt.
, Die „Neue Freie Presse" wird es uns verzeihen müssen,
dass wir sie ein von Juden geleitetes Blatt nennen. Auch
der Feuilleton „Station Jerusalem", den sie dem Ereignisse
der Eröffnung der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem widmet, ist aller
Wahrscheinlichkeit nach von einem Juden geschrieben. So
gewisse kleine Anzeichen verrathen uns das. Umso bezeichnender
ist der Tenor dieses Aufsatzes. Wir wollen es dem im christ¬
lichen Wien, an einem Brennpunkte christlicher Civilisation
erscheinenden Weltblattc noch hingehen lassen, wenn es „die
Heiligkeit des Ortes" so geschickt zwischen Judenthum und
Christenthum zu vertheilen weiß — so ein armer jüdischer
Schriftsteller muss ja vor dem Lesepublicum recht christlich
erscheinen — aber den auch sonst gegen das Judenthum un¬
gerechten, im Ganzen geradezu perfiden Ton des Artikels
können wir uns nicht gefallen lassen. Wenn das assimilatorische
Judenthum in seinem seichten Liberalismus zu befangen ist,,
um die liberalen Beleidigungen gegen den jüdischen Geist zu'
fühlen, so müssen wir Nationaljuden die Wächter unserer
Volkschre sein.
„Wie, und die Schatten der Profeten haben sich nicht
erhoben, um die heilige Stadt gegen die cinbrecherische That
der Neuzeit zu schützen'?" Wa§ sich so ein Zeitungsschwätzer
unserer plauderhaftcn Neuzeit gegen die edelsten und genialsten
Männer des jüdischen Altertums, was sich so ein Zwerg
der Zwerge gegen Riesen, so ein Maulwurfshügel von Ver¬
bohrtheit gegen die höchsten Wahrheitsgipfcl der Menschheit
hewnsnchmen darf ! Darf, eine Unwissenheit sich nackt zur.
Schau stellen, die so groß ist, dass sic die größten Fortschritts-
apostcl aller Zeiten und Völker zu den- vornehmsten Schutzheiligen
des. Rückschrittes und des geistigen Dunkels stempelt? Ist es
wieder nicht Unwissenheit, welche solche Lästerung verschuldet,
so ist cs die denkbar stärkste geschichtliche Fälschung, die
Verbannten und der Verbannung sprechen,, sind furchtbar
erschütternd, fast wie die Verbannung selbst..
„Bon schinnej ara.svt.li" behandelt eine talmudische Sage
aus der Zeit der zweiten Tempelzcrstörung. In Versen, scharf
und schneidig, malt der Dichter die Grausamkeit des Feindes
und die Nachlässigkeit der Großen, welche in den Tagen der
äußersten Noth Nabulistik treiben, aber auch den Heldenmut
und das traurige Ende eines Jünglings, der den Feinden
in die Hände füllt, und die Liebe eines hebräisch en Mädchens.
In „Kozo schcl jud“, einem epischen Gedichte, das
seinen Inhalt aus der Gegenwart schöpft, gibt uns Go rdon
das getreue Bild eines jüdischen Weibes im „Ansiedlungs--
rayon"; die Last des Erwerbes ruht auf ihr, die Pflege und
Erziehung der Kinder obliegen ihr. Sic weint über ihr
trauriges Loos, in den Händen, eines Mannes zu sein, der
ihr Denken und Fühlen nicht versteht und ihr die ganze
Sorgcnbürdc aushalst, während er selbst in der Welt umher¬
irrt und nach Glück sucht. In diesem Gedichte geißelt
Gordon mit einer eisernen Zuchtruthe die Eiferer. Es ist
ein scharfer satyrischer Zug, der durch die Dichtung geht und
sich mit Zorn und Spott gegen überlebte Bräuche richtet.
Dagegen weht der Hauch liebenden Erbarmens mit der armen
Jüdin, „einer Pflanze des Herrn, die auf dürrem Boden zu
Grunde geht," durch das Gedicht.
In „Schnej Jossefben Schimeon“ einem epischen Ge¬
dichte, dessen Stoff unserer Zeit entnommen ist, erklimmt
Gordons Muse die höchste Stufe der Vollendung. Er