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Nr. 22
Wien» 30. November 1892. V. Jahrgang.
Inhalt: Anti-Antisemitismus. — Zum zehnjährigen Jubiläum von Rischon l'Zwn. (Schluss.) — „Paleatina“. — Original-Correspondenzen:
Wien, Wien, Wien, Wien, Neutra, Elisabethgrad, Jerusalem, New-Iork. — Chronik. — Rccension. — Eingesendet. — Correspondenz
der Redaction. — Correspondenz der Administration. — Inserate. .— Vertrauensmänner.
Fortab befindet sich die Redaktion «nd
Administration «nseres Blattes
Wien, IX/1., D'Orsaygaffr Nr. 7.
Der Nnti-Nntisemitisnms.
Der Antisemitismus verfügt übtt^eine'n reichen Vorrath
von Beschuldigungen gegen das Judentum und das jüdische
Volk. Gerade in den letzten Tagen hat der österreichische
Zweig dieser Partei vor der Oeffentlichkeit diesen Vorrath
ausgepackt. Von dem Blutrituale wollen wir ganz schweigen;
unser Volk steht so hoch über diesem ungeheuerlichen Vorwurf,
dass wir es fast für eine Selbstentehrung halten, ihn mit
mehr als mit einer einfachen Verneinung oder mehr als
einmal zurückzuweisen. Dieses abergläubische Zeug hören wir
einfach nicht. Umso empfindlicher ist unser Gehör fiir alle
anderen Beschimpstmgen unseres Volkes. Das sind nicht mehr
Märchen, welchen der Stempel der Dichtung eben schon
wegen ihres Märchencharakters anklebt; wir vernehmen da
vielmehr Vorwürfe, die uns Mögliches zur Last legen, —
eine ganze Menge schwerer Sünden im wirtschaftlichen und
politischen Leben.
„Es wäre trostlos, wenn es so wäre!" ruft es wohl
in den meisten Juden, „und es ist auch nicht so, und es
kann nicht so sein", ruft diese innere Stimnie weiter. Das
ist die Psychologie des Anti-Antisemitismus, das ist seine
Entschuldigung, aber nicht seine Rechtfertigung. Abgesehen
davon, dass er auf die Dauer langweilig wird und durch
seine den Feinden abgelauschten Discussionsformen, die hie und
da bestehende Abneigung gegen den Antisemitismus imrner
mehr abschwächt, lähmt er die Thatkraft des jüdischen Volkes.
Dieses reinigt seine besudelte Ehre mit gedruckten und ge¬
sprochenen Verwahrungen und Beweisführungen, statt an
erlösende Thaten zu denken!'Die ewige Notwendigkeit, alle
seine Mängel abzuleugnen und seine Vorzüge aufzuzählen,
macht es zuletzt eingebildet und lehrt es eine verkehrte Art
von Nationalstolz, der weder national uoch Stolz ist.
Das sollten die Führer bes jüdischen Volkes nicht
zulassen, wenn sie es mit ihrer Aufgabe ernst nehmen würden.
Aber das ist ja nicht der Fall. Sie züchten vielmehr einen
Unfehlbarkeitsdünkel im jüdischen Volke, der die bittersten
Früchte tragen kann. Mag der jüdische Spießbürger noch so
sehr im privaten Verkehr in Folge einer löblichen Gewohn¬
heit über die jüdischen Fehler losziehen und sich antisemitischer
geberden als der Antisemit, so ist das eben nur Phrase, in
Wirklichkeit ist er ein warnendes Beispiel von Selbstverliebt¬
heit. Statt zu geißeln, streicheln die modernen Propheten,
/statt zu donnern, flöten sie.
Ja, aber-der Antifemitismils. Man-kann-ja das Juden¬
tum nicht vor ihm blossstellen, man kann ja nicht zugeben,
was er keckerweise behauptet. Wir glauben; und sind glücklich
es glauben zu können, dass wir ihm nichts zuzugestehen
haben, wenigstens nichts Wesentliches; aber es ist genug an
uns, was der Verbesserung bedarf; unser moralischer Zustand
ist nicht, wie er sein sollte. Das können und sollen wir nicht
leugnen. Ein Bischen niehr Wahrheit in dieser Beziehung
könnte uns am Ende mehr helfen, als tausende Verteidigungs¬
schriften und Abwehrzeitungen, — nicht vielleicht indem sie
auf die Antisemiten selbst wirkt, denn d i e sind unversöhnlich,
sondern, indem sie unserem Volke die Augen öffnet, damit
es sehe, wo die Rettung liegt.
Wenn wir die Infamien der Antisemiten eonstaticren,
so werden wir dadurch noch immer nicht besser, ebenso wenig
wie sie selbst. Sie werden noch aufgebrachter und wir noch
eingebildeter auf unsere Tugenden. Wohin soll das führen?
Unsere „Führer" sind nur immer darauf bedacht, uns die
Wahrheit über rmseren moralischen Gesundheitszustand zu
verhüllen. Einige unter ihnen thnn es mehr in gutem
Glauben, vielleicht von einer blinden, unvernünftigen Liebe
zu ihrem Stamme oder Glauben geleitet; die anderen aber,
— es ist leider die Mehrzahl — haben auch diesen Ent¬
schuldigungsgrund nicht fiir sich. Sie zanken sich mit den
Antisemiten herum und reiten auf den Rossen des „Fortschritts"
und des „Weltbürgertums", je nach Bedarf; aber ihr ganzes
Leben und Treiben beweist, dass sie die Ansichten der
Antisemiten von der sittlichen Inferiorität der jüdischen Rasse
und von der Verwerflichkeit der „mosaischen" Religion teilen.
Freilich betrachten sich diese Herren, welche in Wahrheit den
Gipfelpunkt der Golusverderbtheit bezeichnen, Säulen des
Mammoucultus, wahre Fundgruben von Cnpiteln für den
antisemitischen Katechismus sind, als leuchtende „Ausnahmen"
von der Widerwärtigkeit ihres Stammes.