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Selbst - Emancipation.
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Ihr. 23 Wien, 19. Dezember 1892. V. Jahrgang.
Inhalt: Der politische Zionismus. — Die zehnte Makkabäerfeier des akad. Vereines „Kadimah" in Wien. — Unsere Legitimation II. — Argentinien
— Original-Correspondenzen: Wien, Wien, Wien, Wien, Lemberg, Czernowitz, Frankfurt a. M., Charkow. — Eingejendet. — Correspon-
denz der Redaction. — Correspondenz der Administration.
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Die erg. gefertigte Administration erlaubt sich, darauf
aufmerksam zu machen, dass mit Schluss des Wahres
(893 viele Abonnements ablaufeu und bittet um
rechtzeitige Erneuerung derselben, sowie überhaupt, um
Begleichung aller Rückstände.
Bei diese,n Anlasse wiederholt sie das dringende Er¬
suchen an alle Gesinnungsgenossen, für die Gewinnung
neuer Abonnenten und Gönner unermüdlich thÄkrg'zu
sein. Im Interesse des Blattes und der von ihm ver-
treteuen Sache müssen.demselben unbedingt stets neue Areise
erschlossen werden.
Die Administration.
Politischer Zionismus.
Unpolitische Politik! Man kennt dieses geflügelte Wor^
aus det österreichischen Geschichte der allerjüngsten Zeit. Was
es sagen soll, ist klar. Ebenso klar ist, daß es sich ausge¬
zeichnet auf die Tactik des größten Theiles der Zionisten
anwenden läßt. Seit Jahresfrist ftihren wir den Kampf gegen
die „upolitische Politik" in uuserem Lager, empfehlen wir
den „neuen Cours".
Es geht langsam, sehr langsam mit der Aufklärung in
den eigenen Reihen vorwärts, aber das thut im Grunde
genommen nichts zur Sache, denn jedenfalls haben die ein¬
jährigen Bemühungen Erfahrungen gezeitigt, welche nützlich
und verwerthbar sind. In besonderem Grade sind dies
namentlich zwei: erstens die Erfahrung, daß die Zionisten
anderer Länder als Deutschlands und Oesterreichs ein gereistes
parteipolitisches Bewußtsein noch lange nicht besitzen werden;
zweitens die Erfahrung, daß' bei den. österreichischen und
deutschländischen Zionisten mehr Verständniß für eine politische
Behandlung der Sache vorhanden ist. Der erste Punkt läßt
sich durch die Klage nicht bessern. Die Zionisten Rußlands
sind eben nicht anders; sie fürchten die Politik, auch die
ungefährlichste, wie die Sünde; sie haben sich in ihren
„praktischen" Zionismus so verrannt, daß sie nichtsehen,
wie die russischjüdische Jugend von Jahr zu Jahr weniger
Recnrteu in die nationaljüdische Armee stellt, wie mit mathe¬
matischer Genauigkeit auszurechnen ist, wann der letzte Zionist
in Rußland existiren wird — aber nicht etwa deshalb, weil
sie sämmtlich in Palästina fein werden. Ja, das ist die Ver¬
kennung der Wichtigkeit der Agitation, die gerade in Rußland
so gute Objecte unter Jung und Alt, Arm und Reich, Groß
und Klein finden könnte. Den Zionisten Rußlands schließen
sich in der Verachtung einer zionistischen Politik die Zionisten
anderer Länder an, wohl nicht aus Ungewohntheit, politisch
zu denken, sondern aus einem unverarbeiteten Rest von Anti¬
semitenfurcht. Nur in Deutschland und Oesterreich — und
es wird eine Zeit , kommen, wo man das rühmend hervorhcben
wird — regt sich das Streben, den Zionismus als eine
politische Idee auch auf politischem Wege lösen zu wollen.
Wir deutschländischen und österreichischen Zionisten ver¬
kennen wohl nicht, daß es sich bei unserer Sache nicht um
ein Politisches im engsten Sinne, nicht um das Staatlich e,
wie es zu dem Nationalen, dem Wirthschaftlichen, dem
Socialen, dem Volkssittlichen im Gegensätze steht, handelt.
Nein, wir haben es mit einem Politischen im weitesten Sinne
des Wortes zu thun, das ja dann volkliche, ökonomische, ge¬
sellschaftliche und volksethische Fragen mit einbegreift. Die
Menschheit ist nun längst darüber hinaus, alle diese Probleme
auf privatem Wege lösen zu wollen, man spricht daher auch
von einer nationalen, einer Wirthschafts-, einer Social- und
einer Religionspolitik. Die nakionalen, wirthschaftlichen, so¬
cialen und Religionsparteien sind daher auch jetzt zu poli¬
tischen Parteien geworden, und eine solche müssen auch wir
Zionisten werden, wenn wir auf einen grünen Zweig kommen
wollen. Die Epoche der stillen Gährung, welche freilich jede
Partei mitmachen muß, glauben wir, ist vorüber. Hinaus
auf die Weltbühne! Sagen wir, was wir wollen, und sagen
wir es so, daß man uns hört, uns begreift, uns unterstützt.
Und namentlich wir Zionisten Deutschlands und Oesterreichs,
gehen wir den anderen niit dem Beispiele voran, thun wir
die Schritte, vor welchen die Anderen, die Furchtsamen und
Zaudernden, zurückschrecken. Stellenwirsie vor eintaitneevmpli,
sie werden uns einmal dafür dankbar sein, mögen sie auch jetzt,
vergraben in ihrem bloßen Wohlthätigkeits- __ und Handels¬
zionismus noch so sehr darüber grollen und schmollen!
Die zionistische Politik muß nach zwei Richtungen hin
betrieben werden. Es gilt, unser eigenes Volk zu gewinnen,
das der Sache noch zum großen Theile ferne steht, und es
gilt, die anderen Völker dafür zu interessiren, zunächst damit
sie auf unser Volk zurückwirken, und dann, damit sie uns