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Selbst-Emancipation
Nr. 23.
in der Erreichung unseres Endzieles fördern. Für alles dies
ist aber eine Ausgangsbasis erforderlich, die wir uns zuerst
erobern müssen, und das ist die Dessen tlich keit. Wie
sollen wir die Europäer gewinnen, wenn wir ihre Autoritäten
in Judensachen, die westeuropäischen Juden nicht wenigstens
zu einem beträchtlichen Theile für uns haben, und wie sollen
wir diese bekommen, wenn sie gar nichts von uns wissen?
Eine nichts weniger als achtenswerthe Tagespresse, die leider
in jüdischen Händen liegt, schweigt uns todt, weil wir ihr
nicht in den Kram passen; selbst die jüdischen „Fachblätter",
welche ja ohnehin trotz ihres assimilatorischen Gepräges keine
Leser haben — denn wozu braucht der assimilirte Jude über¬
haupt noch Jüdisches Zu lesen — vcrrathcn nicht das fürchter¬
liche Gehcimniß, dass es — Nationaljuden gibt. Und wie
verhalten wir uns?
Wir schweigen ebenfalls. Für die breite große Oeffent-
lichkeit verfügen wir eigentlich nur über ein Blatt, das unsrigc.
Die hebräischen Blätter kommen in dieser Beziehung selbst¬
verständlich gar nicht in Betracht, und das polnische ist durch
sein Idiom auf ein kleines Gebiet beschränkt, von welchem
aus eine Frage sich schwer zur Tagesftage machen läßt, mag
auch sein Nutzen im Lande selbst, was nicht nur nicht be¬
stritten, sondern im Gegenthcil mit Freuden zugegeben wird,
ein ganz gewaltiger sein. Aber auch das eine Bl'att, das
wir haben, kann es in seinem jetzigen Umfange, bei seinen
jetzigen Erscheinungsintcrvallen seine Aufgabe erfüllen? Ein
Gesinnungsgenosse aus dem deutschen Reiche hat neulich ganz
richtig hervorgchobcn, dass wir eigentlich ein Tageblatt haben
müßten. Ach, wir wären ja schon froh, wenn wir vorläufig
nur ein Wochenblatt hätten, stärk an Umfang und Inhalt,
an Auflage und Verbreitung. Aber was haben, wir in Wirk¬
lichkeit? Acht kleine Seiten in vierzehn Tagen. Und damit
sollen wir den österreichischen und deutichländischen Juden, welche
gewohnt sind, sich ihre Ansichten aus dickleibigen, renommirten
und renommirenden Tagesblättcrn zu beziehen, imponiren?!
Nimmermehr!
Es ist tiefbeschämend für unsere Bewegung, die der
sehr Reichen nicht gar sowenig in ihrer Mitte zählt, dass sich
noch keine Männer gefunden haben, von welchen jeder ein
Stück von seinem Geldc hergibt, um die „S.-E." zu einem
imponirenden, großen, politischen Partei-Organ zu machen.
Was in anderen, oft nicht größeren Parteien als die einstige
zustande kommt, scheint bei uns unmöglich. Wo ist die ver-
sittlichende, den Kopf vom Gcldduiist befreiende Wirkung des
Zionismus geblieben? Sollen wir denn wirklich auch nicht
einmal eine Angabe von Hcrzensläuterung bekommen und
mit Allem auf „Zion" selbst warten müssen? Wir müssen
ja aber diese Abschlagszahlung haben, sollen wir das Endziel
„Zion" erreichen können. Doch, was nützt alle Klage? Die
Dinge stehen einmal so. Hoffen wir, daß der fortgesetzte
Kampf die Herzen veredeln wird. Für jetzt müssen wir uns
nach anderen Mitteln Umsehen, um die allgemeine Aufmerk¬
samkeit zu erregen. Warum organisiren wir uns nicht poli¬
tisch, namentlich in Oesterreich, wo wir schnellere Erfolge
erzielen können als anderswo, namentlich in Wien, einem
unübertrefflichen Auslaufshafen für Fahrten über das Meer
der Oeffentlichkeit?
Gründen wirpolitische Vereine, betheiligen
wir uns am politischen Leben als selbständiger
Factor, lassen wir keine, auch die kleinste Ge¬
legenheit nicht vorübergehen, um die Augen Eu¬
ropas und seiner Judenschaft auf uns zu lenken.*)
Wir können dies Alles thun, ohne unserem Ideale etwas zu ver¬
geben, ohne in die seichte Wichtigthucrci der jüdischen Assimilan-
ten, Anti-Antisemiten und Socialisten zu verfallen. Wir wollen
politisiren, um aus die Oberfläche zu kommen. Dann kriegen
wir Athem und steuern munter dem ersehnten Ziele zu. B.
*) Wir bitten, RatMläge und Vorschläge on die Redaction ge¬
langen zu lassen. Sind sie discutirbar, dann werden wir sie veröffentlichen.
Die Redaction.
Die zehnte Makkabäer-Feier
des akademischen Vereines „Kadimah" in Wien.
Samstag Abends, den 11. Dezember 1892, beging der
akademische Verein „Kadimah" seine zehnte
Makkabäer-Feier. Dieselbe nahm einen überaus
glänzenden Verlauf. Mehr als dreihundert Personen —
durchgängig Männer, es war ja „Herrenabend" — füllten
den. Khuner'schen Saal. Außer den früheren . und gegen¬
wärtigen Mitgliedern der „Kadimah" und zahlreichen anderen
jüdischen Studenten hatten sich viele Gäste aus Wiener
jüdischen Bürger- und Gelehrtenkreisen eingefunden, so
Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch, Universitätsprofessor
Dr. Adam Pollitzer und Universitätsdocent Dr. Grün¬
feld, letzterer Präsident der „Oesterreichisch-Jsraelitischeu
Union". Das Hauptinteresse des Abends, der freilich auch
durch gute Gesangsvorträge und musikalische Productionen
verschönert wurde, concentrirte sich in den Reden. Die
programmmäßigen Ansprachen wurden vom Vereinspräsidenten
Herrn Heck. nieck. Karl P o l l a k und von Herne cand. jur.
A. Horowitz gehalten. Der Erstere bot in anschaulicher
und fesselnder Weise ein Bild der geschichtlichen Ereignisse
der Makkabäer-Zeit; aber er versäumte es auch nicht, die
naheliegende Parallele zur Gegenwart zu ziehen, ander
i fand dafür kräftige, wirksame Worte. „Wir verhimmeln die
griechische Weisheit, die römische Kriegskunst, die deutsche
Treue . . . doch nicht lange dauerts und wir werden aus
der Begeisterung geweckt und. unsanft an die rauhe Wirk¬
lichkeit gemahnt. „Was gehen dich jene an?" tönt cs uns
zu. „Das waren Arier! Du aber bist nur Einer von dem
inferioren Volke/ von dem Volke der Geldprotzen und
Hausircr!" ..... Nur warten, warten, mehr, viel mehr
sich assimilircn. Wie lange? -— Bis zum nächsten Fußtritt."
Als der Redner seinen Vortrag mit den schönen Worten
schloß: „Uns sei der Kampf der Makkabäer eine strahlende
Leuchte auf dem Pfade, den wir gehen wollen, zur Ehre,
zur Freiheit, zu?' nationalen Wiedergeburt
unseres Volkes", ertönte rauschender Beifall. Der zweite
Redner, Herr Horowitz, blieb, wie dies bei diesem
unseren Lesern schon bekannten Meister der Rede nicht
anders vorauszusetzen war, aus der Höhe seiner Ausgabe
und seines Könnens. Man kennt seinen eleganten Stil und
seine feinen Redewendungen. „Die Beschäftigung mit der
jüdischen Geschichte Und Literatur zwingt", sagte der Redner,
„indem sie das Auge schärft für die. Beurtheilung unserer
historischen Situation, das Gegenwärtige an das Vergangene
anzuknüpfen, in die Begebenheiten eine Folge, einen logischen
Zusammenhang zu bringen, und daraus blüht, wie eine
farbenprächtige Blume der schone Gedanke hervor, dass die
jüdische Geschichte ein Werk ist, welches in Lieferungen
erscheint, wovon jedoch die letzte Lieferung — noch nicht
erschienen ist, so dass es eben heißt: Fortsetzung folgt." „Wir
wollen", sagte Herr. Horowitz an anderer Stelle seiner
Rede, „dass die Juden aufhören, bei fremden Völkern zu
antechambriren; denn unseres Erachtens gibt es keinen
evidenteren Beweis des eigenen Unwertes als den, seine
Existenzberechtigung sich aus fremder Hand zu holen. — Es
ist tief traurig und wol geeignet, jedem die Schamröthc ins
Gesicht zu. treiben, wenn man sieht,, wie die Juden in ihrem
öffentlichen Verhalten so wenig Rückgrat erkennen lassen,
wie ihre öffentliche Stellung gleichsam eine gebückte ist, ver¬
gleichbar derjenigen, die man annnnmt, wenn man um Ent¬
schuldigung bittet, oder vor seinem gestrengen Herrn steht.
Und das hat die Assimilation gethan.Sie (die Juden)
haben sich gleichsam jüdenrein gemacht, damit eine bildsame
Masse übrig bleibe, in welche der stemde Nationalitäts¬
stempel tadellos geprägt werden könne."
Den programmmäßigen Rednern folgten noch weitere
Ansprachen. Zunächst richtete das Vereinsmitglied Herr
vrä. meä. Sommer Dankesworte an die erschienenen