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Selbst- Emancijmtion.
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Nr. 1
Wien, 15. Jänner 1893. VI. Jahrgang.
Inhalt: Rcichs-Schutzjuden. — Manche Bedingungen znr Fortentwicklung unserer Sprache. — Das Land Gilead (Fortsetzung). — Original-
Correspondenzen: Wien, Wien, Wien, Wien, Lemberg, Brody, Berlin, Köln, Freiburg i. B., Odessa, Bukarest, Jerusalem. — Chronik.
— Rccensionen. — Eingesendet. — Correspondenz der Rcdaction. — Inserate.
An unsere geehrten Abonnenten!
Nut dieser Hummer beginnt ein neuer Jahrgang
unsere- Blattes. Wir wollen hoffen, dass endlich dieser
die so nothwendige, lange ersehnte Vergrößerung und
Erweiterung unseres Parteiorganes werde bringen können.
Damit dies aber endlich geschehe, müssen uns alle unsere
Gesinnungsgenossen zur Leite stehen, jeder in seinem Areise
und nach seinen Aräftem Es genügt nicht das Blatt
zu lesen, man-muss es abonnieren, man muss
ihm auch neue Abonnenten Zufuhren, Für die
Vermögenden ist dies alles aber keine hinreichende Pflicht¬
erfüllung. Ihre speeielleLorge muss die Verwandlung der
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Wegen Arankheit des Lhefredacteurs konnte Nr. 2\
des vorigen gar nicht und musste Nr. ( dieses Jahrganges
verspätet erscheinen. — Für erstere Nummer werden wir
trachten, in diesem Jahre Eiitschädigung zu bieten.
Die Administration.
Ueichs-Schuhjuden.
Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde trug
sich mit der Idee, eine Petitio n an den d eu tschen
Kaiser zu richten, worin dieser im Namen der deutschen Juden
um Schutz und Schirm gegen die Ausschreitungen des Anti-
s e m i t i s in u s angefleht iverden sollte.
Dieser Absicht widmete die demokratische „Volks-Zeitung"
in Berlin in ihrer Nummer vom 2'.«. v. M. einen Leit¬
artikel, welchem sie obigen Titel gab, nur dass sie noch zwei
Fragezeichen hinter die Worte „Neichs-Schutzjndcn" setzte.
Die „Volks-Zeitung" kann den geplanten Schritt nicht ver¬
stehen, kann nicht begreifen, dass die Herren etwas „als
kaiserliche Gnade erflehen, was ihnen und ihren Glaubens¬
genossen von Nechtsivegen znkommt und zugestanden ist"
und)fragt: „Wollen sie sich und ihre Glaubensgenossen
persönlich unter den Schlitz des Kaisers stellen, der
ohnedies nicht versagt lverden kann, soweit er ihnen ver¬
fassungsmäßig gewährt werden muss? Wollen Sie eine
Wiederauflebnng des kurfürstlichen und königlichen „Schntz-
judentums" anbahnen?
Wir glauben nicht, dass die Berliner Gemeindevor¬
steher derlei beabsichtigten, es müsste ihnen denn der jetzige
Zustand so unleidlich erscheinen, dass sie sogar die seligen
Zeiten des Schutzjndenthums dafür einzutauschen bereit
sind. Die Sache ist, wie uns dünkt,, viel leichter zu erklären,
die Herren haben einfach dnrch das Anwachsen der „anti¬
semitischen Stnrzlvelle", durch die auf sie eindringenden be¬
redten Thatsachen den Kopf verloren und greifen in ihrer
Verlegenheit zu den curiosesten Hilfsmitteln. Uebrigens ist
das in Rede stehende Mittel nicht neu; ähnliches, wenn auch
nicht völlig gleiches, wurde auch schon anderswo ver¬
sucht. Leute, die vor gründlichen Euren zurückschrecken,
greifen eben stets zu den unsinnigsten Palliativen. Ange¬
borenem: Muthlosigkeit hält sie von entscheidenden Schritten
ab, andererseits drängt sie der Selbsterhaltungstrieb dazu,
doch wenigsten etwas zu thun.
Im vorliegenden Falle ist dieses „Etwas" nicht jämmer¬
licher, als es überhaupt zu sein pflegt, d. h. ebenso jämmer¬
lich. Wir sind der Volks-Zeitung" für die Worte dankbar,
mit welchen sie sich über die eventuellen Erfolge des geplanten
Schrittes verbreitet und bei deren Lesen es unseren Assi¬
milationsjuden doch etwas heiß geworden sein mag. „Oder
hat den Herren die Erklärung nicht genügt, die Graf
C a p r i v i in der fraglichen Sitzung des Reichsrathes gab,
indem er sagte, „er könne es verstehen, wie man Antisemit
sein könne"?" meint die „Volks-Zeitung". ,Wünschen die
Herren," fährt sie fort, den Monarchen zu einer deutlicheren,
ja überhaupt erst zu einer deutlichen Absage gegen den
Antisemitismus zu verlassen? Dann möchten wir sie fragen,
ob sic sicher sind, eine Antwort zu erhalten, die nicht bei
Aufwendung einiger autisemitscher Verdrehungskunst zum
G e g e nteil dessen nmgestempelt werden könnte, was die
Herren aus dem Munde des Monarchen zu hören gewünscht
haben? Und wenn ihnen der Kaiser auf ihre Adresse eine
Antwort gibt, die ihren Ohren angenehm klingt, und an der
nichts zu drehen nnd zu deuteln ist, welche Wirkung glauben
sie wohl, wird diese Antwort auf die Antisemiten er¬
zielen? Schon der Vater Wilhelms II. hat den Antisemitis-
^ nfü^ in schärfster Weise vernrtheilt. Hat das aber vcr-