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Selbst- Emanzipation.
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Organ der Iranisten.
Herausgeber und Lhcfredacteur:
Ar. WaLyan Wirnbaum. ^
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Wien, II./3, Miesbachgaffe 12.
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angenommen und Mannscriple nicht
retonnrirt.
Nr. 8
Wien. 15. Juni 1893.
VI. Jahrgang.
‘riltfWff. Jüdische Politik. — Das Land Gilead jFvrtsepung). — Disracli. — Ans Palästina: Jerusalem. — Berschiedcnes. — Aus
. anderen Ländern: Oesterreich-Ungarn, Deutsches Reich, Schweiz, England, Nord-Amerika. — Notizen. — Recension. — Ans
Israel! — Correspondenz der Redactivn. — Inserate.
Indische Politik.
„Unsere jüdischen Mitbürger müssen angesichts des
jüngsten communaleu Ereignisses sich fragen, wen sic eigent¬
lich mehr zn fürchten haben: ihre offenen oder ihre geheimen
Gegner." — „Ist es nicht erklärlich, wenn aus jüdischen
Wählerkreiscn Stimmen laut werden, die unmnthig and
verdrossen für ein Zurückziehcn der Juden von dem Schau¬
plätze des politischen Kampfes sind, den Pscudolibcralc und
echte Antisemiten auf ihre Kosten führen", — zwei Sätze,
welche im Leitartikel eines Blattes, das selbst von einem
„jüdischen Mitbürger" heransgegeben iwir'o, zu lesen sind, und
uns daher umso werthvoller crschenen; die ferner blos in
Bezug auf Wiener coinmunale Verhältnisse niedcrgeschrieben
sind, gegen deren ausdehnungsweisc Auslegung aber deren
Autor wohl nichts einzuwenden haben wird.
Die Dinge gehen genau den Gang, welchen wir
längst voraussagten. Bon dem heftigen Kampfe mit den
Antisemiten hat die jüdische Bevölkerung nichts profitirt,
desto mehr freilich einige kampflustige Persönlichkeiten. Trotz
aller Vekriegung wächst der Antisemitismus von Tag zu
Tag, und wie traurig muß cs diesbezüglich schon ausschen,
wenn die Eingangs citirtcn Worte in der „Wiener Sonn-
und Montags-Zeitung", einem-der zwei Hauptkampforgane
des jüdischen A n t i-Antisemitismus Platz finden.
Freilich, die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung"
zeichnet sich von jeher durch ein resolutes, rcsches Auftreten
aus. Sie pflegt nicht, wie die anderen Wiener politischen
Blätter, die Dinge schön zu färben; daß sie sich anderer¬
seits durch diese Thatsachentreuc erst recht die vernünftige
Grundlage für ihr Kampsprogramm' entzieht, scheint sie nicht
zu merken. Doch das gehört in ein anderes Capitel. Vor¬
läufig sind wir ihr für die drastischen Worte dankbar, die
sie gelegentlich der famosen Stadtrathwahl vom 23. v. M.
ausspricht. „Wir sind wohl," schreibt das Organ des Herrn
Alexander Schar f, „über den Verdacht erhaben, in den
Führern der Antisemitenpartei leuchtende Vorbilder der poli¬
tischen Woylanständigkcit zu bewundern, aber wir sind über¬
zeugt, daß weder Dr. Lueger, noch Dr. Kupka, noch
Ferdinand Mayer n. s. w. — wir nennen da die besseren
Elemente unter den Antisemiten — auch mir einen Moment
an die Möglichkeit gedacht haben, daß die liberale Partei
das einzige jüdische Mitglied des Stadtrathes auf dem
Altäre des Compromisses opfern könnte. So antisemitisch
haben mir jene Liberalen des Gcmeinderathes gewählt, die
eine geheime Abstimmung als die passendste Gelegenheit
benützten, ihrer innersten Sympathie und Antipathie rück¬
haltlos Ausdruck geben zu können, ohne sich durch die
Pflicht der Anständigkeit gehemmt zu fühlen. Die Thatsachc,
das; Dr. Lueger nur das Mandat des Juden Goldschmidt
erlangen konnte, ist ein brutaler Faustschlag, welcher unsere
jüdischen Mitbürger in's Antlitz traf."
Der „brutale Faustschlag in's Antlitz" sitzt.
Was nun? Die „WienerSoun-und Montag-Zeitung"
findet offenbar keine, jedenfalls aber keine befriedigende
Antwort auf diese Frage. „Wo sind unter den Gemeinde-
rärhcn jüdischer Eonfcssion jene Männer", meint sie, „die
nicht nur den Gegnern, sondern auch den angeblichen Partei¬
freunden durch ungewöhnlichen moralischen Muth, stolze,
unbeugsame Manneswürde, überragenden Geist und eine in
dem Gefühle der vollsten Unabhängigkeit wurzelnde uner¬
schütterliche Energie imponiren? Und doch sind dies Eigen¬
schaften, die in einer so leidenschaftlich erregten, von erbitterten
Parteikämpscn zerrissenen Zeit in ganz besonderem Maße
gerade von Jenen verlangt werden müssen, in denen man
nicht nur Liberale, sondern auch Vertrauensmänner,
Repräsentanten des Judenth ums erblickt. Wo sind
aber diese, so oft cs gilt, mit rücksichtslosem Muthe, mit
idealer Begeisterung für das gute Recht ihrer Glaubens¬
genossen cinzustchen und die höhnischen Worte, die schmählichen
Insulten zurückzuwciscn, die in ihrer Gegenwart von den
Antisemiten gegen die Juden ausgeftoßcn wurden? Wie sollten
sich Männer zu Thatcn aufrasien, die nur zu oft im rechten
Momente nicht einmal den Mnth zu einer unerschrockenen,
beherzten Rede finden? Wem soll die stille Entrüstung jener
jüdischen Gemcinderäthe imponiren, die auch nur einen
Augenblick einem Parteiverbande länger angchörcn, der ihnen
und ihren Glaubensgenossen muthwillig einen Affront anthut.
wie es gelegentlich der Wahl des Stadtrathes Dr. Lueger
geschah?"
Das Ganze hört sich wie eine Candidatenrede an —
bekanntlich hat Herr Scharf bereits einmal erfolglos für
den Gcmcinderath candidirt. Bessere jüdische Gemeinderüthe
her! Austritt aus dem fortschrittlichen Parteiverbande! —
ist der kurze Siun derselben. Wir haben gegen beide For¬
derungen an sich nichts einzuwcnden, denn ihre Erfüllung
kann uns nicht schaden, eher nur Nutzen bringen. Auch die