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Herausgeber und Lhefredacteur:
» Ar. Wcrthan Wirnöamn. ^
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(Sprechstunde: Täglich nnrvon V bis
7 Uhr Abends.)
Unfrankirte Briese werden nicht
angenommen und Mannscripie nicht
rctonrnirt.
Nr. 9 / Wen. 1. Juli 1893. - - VI. Jahrgang.-
'riirRnTf - Zur Lage in Böhmen IV. — Oberst Goldsmid in London. — Ans Palaestina: Jcrnsalcm, Jaffa; Verschiedenes. — Aus
(VH-l/lIU. anderen Säubern: Inland, Deutsches Reich, Rumänien, England,Nord-Amerika. — Notizen. —Dr.MichelRavbinowicz —
Corrcspondenz der Administration — Inserate?
I» den unseren geehrten Abonnenten zn-
gegangenen Cirnliireu des Fin.-Comitss unseres
Blattes ist aus Berschen Name auch Adresse
des Hcstrn Löbl nicht ganz richtig angegeben.
Die richtige Adresse lautet (während der Sommer¬
monate). Leopold Paul Löbl in Wien, II.,
Obere Angartenstrahe Nr. 18—20.
Zur Kuge in Köhmen.
Johannes Scherr, der berühmte deutsche Culturhistoriker-
den man sicherlich nicht einen Philosemitcn nennen kann,
schließt eine „Zum jüdischen Krieg" betitelte, im Jahre 1881
erschienene Skizze mit folgendem Absatz, der mir unwillkürlich
in den Sinn kam, als ich von den jüngsten Ereignissen in
Böhmen Kcnntniß erhielt. „Es gibt ja keinen noch so alten
Wahn, der unter Umständen nicht wieder neu werden könnte.
Ich habe in diesen Tagen wieder einmal beim Twinger,
beim Wurstisen und in der Limburger Chronik vou dem
christlich-germanischen Judenhaß des 14. Jahrhunderts
gelesen. Freilich, Ihr meint mit überlegenem Achselzucken:
„Wer wird so etwas Heutzutage möglich halten?" Wer?
Nun, ich und mit,mir gewiß alle, welche die Ausbrüche von
Bolksleidcnschaften schon in der Nähe zu sehen Gelegenheit
hatten. „Alles schon da gewesen" ist ein Wahrspruch, aber:
Alles schon Dagewcsene kann wieder kommen, obzwar etwas
anders angestrichen ist auch ein solcher.— In jedem
Menschen schlumniert die Bestie und in jedem Volke liegt
das Ungehcuer an der Kette."
Als ich vor einem Jahre in der „S.-E." von der
Möglichkeit. der Judenhetzen in Oesterreich sprach *) als
ich die Lage der Juden in Böhmen schildert, wurde mir von
vielen Seiten der Vorwurf gemacht, daß meine Ansichten zu
subjectiv gehalten, zu sehr grau in grau gemalte seien. Die
Exccsse in Kolin haben die Wahrheit meiner Ansicht be¬
wiesen. Uns Jüdisch-Nationale überraschen derartige Vor¬
kommnisse nicht, sind wir doch nicht so kurzsichtig, und haben
wir doch auch.nicht so ein kurzes Gedächtniß wie die Ma¬
jorität unserer Connationalen oder wie cs „aufgeklärt"
heißt, unserer mosaischen Glaubensgenossen, wir sind nicht
„wieder einmal getäuscht worden", da wir ganz einfach an die
*) Siehe „Unsere Legitimation" in Nr. 5 der „S.-E." des v. I.
Gleichberechtigung und an unsere völlige Freiheit nicht geglaubt
haben, da wir unsere Lage stets nur so betrachten, wie sie
in Wirklichkeit ist, und wenn wir etwas in Rechnung ziehen,
so sind .es nicht Hoffnungen auf die „Morgcnröthe einer
besseren Zeit", einer Zeit wo die Menschen Engel geworden
sein werden, sondern nur die Lehren und Erfahrungcu, die
unsere Geschichte klar und deutlich mit tausend Zungen predigt.
Den Lesern der „S.-E," werden die Excessc von Kolin
theils durch die Tageszeitungen, theils durch die „S.-E."
^dc^annt lein^Drefekben-sind nun vorüber) wir halten cs
jedoch für unsere Pflicht, die hiebei zu Tage getretenen Er¬
scheinungen genauer zu crörter», denn dieselben haben
größere Bedeutung, als unsere liberalen und jüdischen Zei¬
tungen sie ihnen beimesseu. Sehr iu's Auge fallend ist das
Benehmen der von uns sicher oft gekennzeichneten Juug-
czechen, der alleinig' privilegierten freisinnigen Partei in
Böhmen. Wir wollen davon absehen, daß konstatirtermaßen
der jungczechischc „Podlaban" die Hetze schürte, wir wollen
davon absehen, daß im Moniteur der Jungczcchen, „Narodni
Listi", Sammlungen für die verhafteten Kolincr Execdenten
beziehungsweise für deren Familien cingelcitct wurden, wir
wollen von der bezeichnenden die Notitz in diesem Blatte, daß es
ein Glück war, daß an der Leiche keine Verletzungen aufgesunden
wurden, denn sonst wäre nicht abzusehen gewesen, wie weit
die Excessc sich erstreckt Hütten. — absehen, wir wollen auch
von der Bemerkung absehen, die der Abgeordnete Sil zu
dem Correspondenten des „Prager Tagblatt" gemacht hat,
und von dem Bericht den er an den Statthalter gesendet
hat und der ungefähr lautet: Es war eigentlich gar
nichts, ein bischen Lärm, ein ganz g cwöhnlicher
Straßencxceß, wie er in allen civilistrten Staaten des
Ocftercn vorkommt. Wir wollen nur constatieren, daß der
Fü hrer der Inn gcze ch cn H e rr Dr. I. Gregr er¬
klärt hat, daß die Jungczechen die meisten Be¬
rührungspunkte mit den Antisemiten haben,
daß jedoch die Verhältnisse derzeit in Böhmen
solche seien, die es den Jungczechen nicht oppor-
tun erscheinen lassen, offen an dem Kampf
ge gen die Juden t h eilzun eh me n. Allein man
darf überzeugt sein, daß bei dem heißblütigen
Temperament der Czechen dieser Kampf über
kurz oder lang ausbrechen muß und d ann eine
viel tiefere Jntensivität und viel größere
Dimensionen annehmen wird. Es läßt sich